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nichts, die stahlen dem lieben Gott die Tage, von denen dv4 jeder jetzt so kostbar tixir. Das meinten die Dauern. Lind so ging auch heute wieder die Rede im groben Wirtshaus. Am Tisch des Dorfrichters redete man von dem gewitterreichen Sommer und den Gefahren, denen alles, was draußen stand, noch ausgesetzt wäre, von der Eile, die es mit dem Einbringen der Ernte habe, von dem Mangel an Arbeitskräften und all den Plagen und Sorgen, die es jetzt setze. And da warf ein Gemeindevertreter, ein Geschworener, das Wort hin: „Wenn unsere herrische Leut' „mitschafse" täten, könnten jeden Tag zwei Joch mehr geschnitten werden." Aber die seien doch jetzt zu gar nichts. „Können auch nit," sagte'der Richter. „Wo hätten sie denn 's Schaffe gelernt? Rur der Dauer weih, was arbeite heißt."
„Ra, na!" brummte der Herr Pfarrer vom Rachbartisch her, wo er mit dem Oberlehrer, dem Dorfnotär, dem Doktor und dem Vetter Michel, dem Schwarzwaldbauern sein Spielchen machte. Der Dauer lachte: „Heut' habe sie wieder die Herrische in der Arbeit, Hochwürden." And während der Oberlehrer frisch herausgab, fuhr der Vetter Michel fort: „Es is halt so seltsam. Die Schicke sinn zu, in die Kerch geht kein Mensch, zum Kranksein hat niemand Zeit, die herrische Leut' habe jetzt all' nix zu tun. Mir schwitze uns zu Tod und sie habe Kirchweih. Manche Leut' im Dorf meine, das wäre a schlechte Einteilung, die Herrische sollte in der Ernt' auch mitschafse. Sie könnte sich viel verdiene. And brauche könnte sie's auch. Aber ich sag' immer: „Plauscht's nit so dumm, die Leut', die mit'm Kopp so schwer arbeite, die kenne nix anderscht." And diese Rede klang spöttisch.
Der Pfarrer, ein Mann von gutem Humor, der seinen Bauern nicht leicht etwas übelnahm, hatte ein gutes Blatt in der Hand und schmunzelte.
Der Richter, der zugehört hatte, rief herüber: „Das sag' ich ja auch immer! M'r kann's nit verlange."
„Bildet Euch doch nicht ein," sagte der dicke Oberlehrer gereizt, „das es so etwas Besonderes ist mit der Feld» und Ernte- arbeit. Wenn wir wollten, könnten wir das alles auch. Aber es ist nicht unser Beruf. Kann der Vetter Michel das Schulhalten? Kann der Richter eine Messe lesen? Kann der Herr- Geschworene Heckmann, der den alten Streit wieder angefangen, eine Katz kurieren, wenn sie krank ist? Gar nichts könnt Ihr als Eure landwirtschaftliche Arbeit. Also gebt Ruh'!"
„And die Arbeit ist das Schwerste auf der Welt!" rief der Geschworene Heckmann.
„Meint Ihr?" fragte der Pfarrer Stefan Meinhardt und lächelte ganz eigen.
„Ich mein's schon auch," sagte der Richter, „wenn uns auch die neumodischen Maschinen jetzt zu Hilf' kommen. Das Dreschen is jetzt a Spielerei gegen früher."
„Herr Richter," sagte der Pfarrer, indem er ausfpielte, Trumpf auf Trumpf legte und die Partie überraschend beendigte, „ich wette mit Ihnen um was Sie wollen, daß wir Herrischen im Dorfe jede Erntearbeit, die Sie uns übertragen, genau so schnell und genau so gut ausführen wie Sie selber oder irgendwer in der Gemeinde."
„Hochwürden, die Wett' möcht' ich nit gern halten." erwiderte Matthes Weber, der Dorfrichter, „sie wär' gar zu leicht zu gewinnen."
„Er verzieht sich schon!" spottete der Herr Oberlehrer. „Ich tue mit bei der Wette. Ich mähe Korn oder Weizen, was Ihr wollt."
Das setzte ein großes Gelächter bei den Bauern. Sie konnten sich den dicken alten Herrn nicht als Mähder im Kornfeld denken. „Der Schlag möcht' Euch treffe!" sagte der Schwarzwaldbauer.
„Das macht nichts," erwiderte der Oberlehrer, „aber mähen kann ich so viel wie einer von Euch, so lang er mich nicht getroffen hat."
Der behäbige Pfarrer, der Typus des leutseligen, volkstümlichen, ungarischen Landgeistlichen, lieb den Richter nicht los. And gerade weil ihr Gespräch solches Interesse geweckt, so viele Zuhörer herbeigelvckt hatte, wollte er feinen Späh haben. „Also, mein lieber Herr Richter, was zahlt Ihr uns Herrischen, wenn wir uns zusammentun und ein Joch Korn oder Weizen in einein Tag schneiden und dreschen und die Frucht so sauber und rein heimbringen, wie sie eine Dreschmaschine gar nicht liefern kann?" „Drei Faß Bier!" rief Matthes Weber.
„Bier, Bier! Mehr als siebzehn Krügel kann auch der beste Schnitter an einem Sonntag nicht trinken. And das Essen dazu?"
„Das stell' ich!" sagte, in das Lachen aller einstimmend, der Schwarzwaldbauer. „Alles, was an dem Tag gegessen wird, stellt der Eigentümer vom Feld, alles, was nachher im Wirtshaus gegessen wird, zahl' ich."
„Das ist eine Rede," erwiderte der Pfarrer. „Run, Herr Oberlehrer, mähen Sie?" „Ja!" rief dieser. „And Sie, Herr Doktor?" „Ich binde Garben." „And der Herr Rotär?" „Mähen kann ich nicht, aber ich will's mit der Sichel probieren."
Während der Pfarrer auf solche Art schon die Rollen verteilte, wurde am Tische des Dorfrichters eifrig geredet und gelacht. „Das werd a luschtiger G'schpah," sagte der Geschworene. „Die Wett' zahlscht du nit. Herr Richter!"
„Wer weih!" erwiderte dieser. „Wenn's aber schon ein Svah sein soll, Hochwürden, dann stell' ich eine Bedingung: Die Herri»
bden Schnitter müssen genau fv leben wie die unfern, müssen dasselbe essen und trinken, bei der Dreschmaschine gibt es kein Bier, mchts als Wasser, und niemand darf ihnen helfen, niemand gefragt werden, wie man das oder jenes macht. Es soll eine Sach' sein, die auf Entweder-Oder steht. Man kann's oder kann's nit."
„Oho, Herr Richter. Sie haben mich nicht ganz verstanden, öle wollen etwas anderes von uns, als ich versprochen habe. Richts von der Dreschmaschine! Ich will in alter Weise arbeiten. Sie werden uns einen Tretplatz Herrichten, uns zwei Wagen und vier Pferde geben und wir werden das Getreide so behandeln, wie Eure Väter es noch behandelt haben. Mit Maschinen will ich nichts zu tun haben, ich halte mich an die Ratur und an die Arwirtschaft. Die muh jeder Mensch, der offene Augen hat, treffen, behaupte ich. Mein Korn wird nicht gedroschen, das wird von den Pferden ausgetreten und der Wind muh es von der Spreu sondern." „Wenn aber keiner geht?" sagte der Geschworene Heckmann. „Er wird gehen!" sagte der Pfarrer. „Also — gilt die Wette?"
„'s gilt, Herr Pfarrer!" sprach der Richter gut gelaunt und spöttisch, „’s gilt!" rief auch der Schwarzwaldbauer. And der Richter lieh zwei Mah Menescher Roten bringen. Man trank schon heute eins auf das gute Gelingen des Werke?. Sollte das Dorf doch auch einmal einen Späh haben in so ernster Zeit.
Der Pfarrer entfernte sich bald. Alle erhoben sich zum Zeichen des Respektes, der in nichts gelitten haben sollte durch diesen ungewöhnlichen Dauernspaß, auf den Seine Hochwürden eingegangen war. Etwas anderes wäre es freilich, wenn er ihm mißlingen, sollte. Das sagte sich auch der Pfarrherr auf dem Heimweg. Aber es war ihm nicht bange. War er nicht ein Bauernsohn? Er wird den Leuten hier im Dorfe einmal zeigen, 'was er bei seinem Vater in der Bacska gelernt hatte. 2tSte Ferien verbrachte er daheim, und so lange er kein Kleriker war, griff er immer fest zu im Schnitt. Gr wird auch dem jüngeren Geschlecht von Gymnasiasten ein Beispiel geben, das sich für zu gut hält für die Feldarbeit, das in ihr etwas Angehöriges erblickt, etwas, das ihr Herrengefühl beleidigt. Auch beim Pfarrer wurden jetzt Sicheln und Sensen gedengelt. ' Gr erinnerte sich, dah er das daheim immer für das ganze Haus besorgt habe. Ob er es noch konnte? Es ging. Er half seinem Rachbar, kem Oberlehrer, aus einer großen Verlegenheit, denn der traf es nicht. Schon fein mächtiger Bauch hinderte ihn daran, sich so tief über die Sense zu bücken und ihre Schneide in geduldiger Arbeit zu schärfen. Der Pfarrer dengelte dem Lehrer zwei Sensen, die der Richter diesem geschickt hatte. And der Rotär kam mit seinen Sicheln. Gr durfte ja sonst niemand fragen, wie man es mache. And dem Doktor hatte man ein paar Bund langes, schönes Kornstroh vom vorigen Jahr ins Haus geschickt, mit dem er nichts anzufangen wußte. Er fragte sich bei Hochwürden an und erhielt zur Antwort: „Ein paar Stunden gut befeuchten, ich komm Rachmittag zu Ihnen!" And er kam und zeigte ihm, wie man aus diesem alten Kornstroh die Binden machte für die neuen Garben, wie man sie drehte und wickelte und beständig feucht hielt. 'Dazu hatte er zwei Gymnasiasten aus Temeschvar eingeladen, die daheim waren. Sie begriffen die Hantierung leicht und in ein paar Stunden hatte man den nötigen Vorrat. So wurde eins um das andere besorgt, ohne daß man wen fragte. -Das war strenge verboten worden. Ganz aus sich selbst sollte die Intelligenz des Dorfes gestellt sein, die der Pfarrer mobilisierte. And niemand schloß sich aus, auch die Mädchenlehreria tat mit. Sie wollte für alle kochen. „Koche..?" rief der Pfarrer entsetzt. „Richts da! Wir werden Zwiebel, Schmierkäi» mit Paprika und Gselchies vom vorigen Jahr essen. And das Wasser von daheim mitnehmen. Sie werden mit der Sichel umgehen lernen müssen und mit der Heugabel, mein Fräulein, sonst müssen wir auf Sie verzichten." Das Fräulein Rosina erklärie sich bereit, alles mitzumachen, was ihr aufgetragen werde.
Matthes Weber, der Richter, und der Schwarzwaldbaue: hatten auf dem Postgrund Getreidefelder, die aneinandergrenzten. Der Schwarzwaldbauer ließ ein Joch Roggen neben dem Weizen des Richters schneiden und wegführen, damit Platz werde für die herrischen Leut' und ihren Spaß. Auf dein Stoppelfeld des Rachbars aber legte der Richter ihnen einen Tretplatz an, wie man sie vor Zeiten hatte, als die Dreschmaschine noch fremd war im Lande. Das war eine große kreisrunde Fläche, die gereinigt und hartgeflampft wurde, bis sie spiegelblank aussah und wie Marnror glänzte. Es Lauerte ein paar Tage, bis der Tretplatz, der jeden Abend mit Wasser begossen und wieder gestampft werden mußte, die nötige Widerstandskraft befaß. Der Pfarrer, der scharf hinter allen Vorbereitungen her war und seine Wette nicht verlieren wollte, kam auch auf den Postgrund hinaus, um sich zu überzeugen, ob alles in Ordnung sei. Der Ackerboden unter dem Tretplatz durste nicht nachgeben, es durfte auch kein Ankraut darauf wachsen, falls ein Regen einfiel. And er studierte auch die abendliche Windrichtung in dieser Gegend. Es rührte sich nichts, obwohl er eine Stunde darauf wartete. Endlich, als die Sonne sich tieser neigte, erhob sich ein leiser Ost von der Marosch her und blies über die Hochfläche. Spät, aber doch! sagte er sich. And als er an einem zweiten Tag denselben Wind zur selben Stunde seststellen konnte, da war er sicher- daß es


