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slawischen Grenzland. Hier haben von jeher die Datschen den festen Willen und auch die Kraft bewährt, Sprache und Volkstum gegen eine niedriger stehende Kultur zu wahren und die Grenzen des Deutschtums mit denen höherer Gesittung toeiter hinaus zu tragen. Sie sind heute in ihrem Denken und <yut>len lo seit wie je, ihre Aufrufe versichern immer wieder: Deutsch wollen / wir bleiben bis zum letzten Atemzug. Dieses Dewutztsein hat auch Las Deutschtum im ehemaligen Kongretzpolen bei Veoen und Kraft erhalten durch all die langen Jahrzehnte der russi- fchen Herrschaft und Bedrückung. Es einigt die Deutschen dort mit- <>p'nen bcr ncuVoInifcfrcn (Gebiete, eö toir^ fie ücrbino-cn <iuq> mit denen des unglücklichen oberschlesischen Abtretungsgebiets.
' Trauer und Zorn um Oberschlesien snid noch zu frstch. elS dass man deutschen Herren schon heute leidenschaftslose De harrlichkeit in der Dersolgung der damit aufgeri jenen anraten könnte. Dennoch wäre es auch hier em gehler, Unerreiw- iM*aufaaert. Die Polen haben eine, wenn auch kleine Mehrheit, sie werden künftig die Staatsgewalt haben und den Willen sie rücksichtslos gegen das Deutschtum zu brauchen. Ziel der Deutschen mutz demgegenüber die Wiedervereinigung mit dem Mutterland sein aus Grund des Selbstbeflimmu^srechts Las der Genfer Machtspruch mit Fühew getreten hat. Denn die Zerreißung der Heimat hat von allen Abstimmenden keiner gewollt. Wenn wir, auch sprachlich, retten wollen, was noch zu retten ist, so müssen wir vor allem das Bewiitztsein "^Halten, datz die.Zerreißung ein Anrecht war und töricht dazu Auch sprachpolitisch kommt alles darauf an, den abgetwdnten Ober tcklesiern zu zeigen, datz im deutschgebliebenen Gebiet bessere WensbedingungLi walten. Dann wird die Sehnsucht nach Wiedervereinigung immer stärker weiven. Der Weg zur seAer-e^ Menschen geht durch das Lor der Muttersprache, ohne sie ist auch keine staatliche oder sittliche Gesinnung im Menschen zu erzeugen. Gerade in den sprachlich gemischten Bezirken des neuen Grenzsaums wird darum die deutsche Sprache mit aller Behutsamkeit gepflegt werden muffen, jeder Oberschlesier deutscher Zunge bedeutet heute eine Hoffnung des DeutMurns. Es darf nicht wieder kommen, wie es allzulange in Westpreutzen oder Polen war, vielmehr muh aus den bitteren Erfahrungen ver gangener Jahre, wenn auch mit Schmerzen, getarnt werden Die Sprachenpolitik im deutsch gebliebenen Oberfchlesten mutz damit rechnen datz jeder Schritt auch aus den polnisch gewordenen Ge- bietsteil zurückwirken und datz insbesondere jeder Mißgriff im Restgebiet auch drüben schaden wird. Die Oberschlesier im abgetrennten Gebiet müssen unbedingt darauf vertrauen, konnem datz ganz Deutschland mit ihnen fühlt und kämpft, dann wird auch Las Gefühl dauernder Zusammengehörigkeit in den willkürlich zerschnittenen Kreisen lebendig bleiben, auf das sich alle Zu- ^"^§ie unrettbar alles geistige Leben sinkt unö^txrfällt in den an Polen verlorenen Gebieten, das offenbart fich bisher am deutlichsten in Westpreutzen, wo die meisten inneren Werte, man möchte fast sagen: der Zerstörung harren. Ebenso ist am Beispiel dieses unglücklich zerschnittenen Landes am besten deutlich zu macken wie hart und unmittelbar die Gebietsverluste gerade auch die deutsche Sprachwissenschaft treffen, wie sie ihr die Lösung von früher felbstversläMichen Aufgaben erschwer«!, ja unmöglich machen. Seit langem ist von der Berliner Akademie der Wissenschaften ein Preutzisches Wörterbuch geplant und in den Borarbeiten durch fßrof. Ziesemer in Königsberg weit gefordert. Diese Arbeit bat durch den Verlust Wesipreuhens einen geradezu unersetzlichen Schaden erlitten. Grvhe Gebiete der jetzt an Polen gefallenen Provinz sind sprachlich überwiegend deutsch und bilden in sich geschlossene Mundartgruppen. Sv ist sprachlich Westpreutzen die wichtige Drücke zwischen Ostpreußen auf der einen, Pommern und Brandenburg auf der andern Seite: schon darum ist seine Durchforschung unmittelbar notwendig, viele Erscheinungen der Rachbarmundarten hängen völlig in der Luft, wenn man sie nicht mit den westpreutzischen vergleichen und ans ihnen deuten kann. Run ist zwar noch bei guter Zeit der west preußische Sprachschatz fürsorglich auf Tausenden von Belegzetteln aufge- nommen, aber es klaffen noch viele schmerzliche Lücken, und sie zu schlichen ist fast unmöglich, weil die Polen auch in Westpreutzen alles deutsche Wesen grundsätzlich unterdrücken. Die meisten westpreutzischen Mitarbeiter des Wörterbuchs haben die alte Heimat unter den traurigsten Amständen verlassen müssen, und schon 1920 haben nur ganz wenige poch Auskünfte Micken können, umdrängt von Gefahr, keinen Tag ihres Bleibens sicher und schon durch die unerschwinglichen Postgebühren recht geflissentlich vom deutschen Mutterland abgeschnitten. Das Preu- hische Wörterbuch muh die daraus erwachsenden Lücken hinnehmen und notgedrungen das Hauptgewicht der Arbeit auf Ostpreußen legen, wo der glänzende Ausfall der Abstimmungen auch für die sprachliche Heimatpflege schöne Frucht verheißt und inzwischen auch schon gebracht hat. Riemals aber kann das Preuhische Wörterbuch das werden, was man bei Gründung des Unternehmens von ihm erhofft hatte.
Wenn wir von Ostpreutzen auf die ehemals russischen O st - feeprovinzen hinüberblicken, so finden wir die baltischen Deutschen auch unter lettischer und estnischer Fremdherrschaft wacker am Werk, ihren Autzenposten in immer neuen Anstürmen tapfer zu halten, 3m Krieg haben diese prächtigen Menschen
mit unverzagtem Herzen schier Aebermenschliches geleistet für die Deutschen in Duhland, und auch jetzt stehen sie aufrecht m Kampf und Hoffnung. 3m Oktober 1921 haben sie im Haus der groben Gilde zu Riga eine deutsche Hochschule eröffnet, die rein aus Mitteln der Herdergesellschast unterhalten wird und damit von neuem chie unbesiegbare Kraft des deutsche-baltischen Kultur- gedankens dartut. Auch die alte Universität, Dorpat blüht von neuem auf, wiederum ein starker Zeuge für die Opferfreudigkeit, den Mut und die Ausdauer des baltischen Deutschtums. Reichsdeutsche Gelehrte stellen die lebendige Brücke zum Mutterland her und bejahen durch ihr Vertrauen die Zukunft dieses Deutschtums. Eine gewisse Gefahr bedeuten für Unterrichtssprache und staatliche Einstellung dieser hohen Schulen die finnischen Gelehrten, die, sprachlich vielgewandt und dem Estnischen nahestehend, ge- wissermahen das deutsche Monopol durchbrechen, während sonst gerade Finnland noch der einzige Staat der Welt ist, in dem vom Kriege her reine Begeisterung für Deutschland lebt und in dem sich, aller Staatskunst zum Trotz, auch nach dem Krieg der deutsche Einfluß kräftig behauptet hat. Sn Helsingfors kann es geschehen, wenn, deutsche Gäste einziehen — Feri en kinder oder Studenten oder eine Fußballmannschaft —, daß die finnischeir Spielleute die Macht am Rhein zu spielen beginnen, imtz sich dann die ganze Zuschauermasse erhebt und, indem sie mit einstimmt, die Häupter entblößt. Das ist weit mehr, als heute in deutschen Großstädten „gestattet" wird. Die deutsche Schule in Helsingfors blüht und vermittelt jedes Jahr mehr Kindern des Landes deutsche Sprache und damit deutsches Wesen. Sn ihren Räumen ist im September 1921 ein „Germanisches Institut" eröffnet worden, von Deutschland her mit reichem Bildungsstoff und tüchtigen Lehrkräften ausgestattet, die manchen finnischen Lehrer und Hoch- schüler zur Bildungsfahrt nach Deutschlaiid voreubereiten gedenken.
So ist zu hoffen, daß die sachliche, ja freundschaftliche Gegnerschaft der Finnen auch in Dorpat und Riga dem Deutschtum keinen Abbruch tun werde. Drohender steht hinter diesen beiden Hochschulen der von kundiger Seite erwartete Zusammenbruch, der schwachen Staaten, auf deren Boden sie stehen, und dahinter wieder die ungeheure Gefahr eines neu erstarkenden Rußlands, Las eines Tages »diese Randstaaten in die alte Botmäßigkeit wird zurück-wingeii wollen. Aber eine tapfere Gegenwart wird sich auch durch den Blick auf eine umwölkte Zukunft nicht schrecken lassen, zumal wenn der Kämpfer sich durch das Gedächtnis einer heldenhaften Vergangenheit kräftigen kann, die ven Bolschewismus überdauert hat, so gut wie vorher den Panslawismus.
(Schluß folgt.)
Die herrischen Leul'.
Von Adam Müller-Guttenbrunn*),
Es war zu Peter und Paul, knapp vor der beginnendeni Ernte Schon wurden überall die Sicheln und die Sensen gedengelt im Banat, es pochte und hämmerte im ganzen Dorfe und alle andere Arbeit ruhte. Der Weizen war herrlich gediehen. ein Meer von Aehren wogte weit hinaus m b-ie Ebene, nur wenige Tage noch und sie hatten den Goldglanz voller Reife. Der Roggen, das Korn, Ivar schon reif, mit ihm konnte bereits begonnen werden. And einzelne Dauern, die trockenen Boden hatten, wollten auch nicht länger zögern mit dem Korn- schniit. Zum letztenmal saß man im großen Wirtshaus beisammen, jetzt kam ja eine große Pause, denn wahrend der Erntezeit konnte der Wirt ebensogut schließen, es kam niemand zu ihm. And er tat es wohl auch und ging selber in den Schnitt, wie alle Handwerker des Dorfes den Hobel hinlegten und mit Kind und Kegel, mit Lehrlingen und Gesellen ins Feld zogen. Jeder Meister hatte sein Stück Grund, aber Weizen bauten nur wenige, den verdienten sie sich leichter durch die Mitarbeit zur Grntejeit. Jeder Handwerker Übernahm ein paar Jahre für den Schnitt in Akkord gegen Entlohnung in natura, denn das Brot des ganzen Jahres wurde in diesen vier Wochen verdient. Die Kartoffeln und das Kraut dazu hatte man sich selber gebaut und der Speck wuchs langsam in den eigenen Ställen. Abseits stand nur die kleine Gruppe der herrischen Leute, die tat nichts, die faulenzte auch zur Erntezeit. Der Herr Pfarrer und sein Kaplan, die beiden Lehrer, der Doktor, der Apotheker, der Kaufmann, der Rotär, der Siationsvorstand der Eisenbahn und ein paar Ghmna- siaflen, die in die Vakanzen gekommen waren, die taten alle gar
*) Müller-Guttenbrunn, der Dichter des Banats, der vor einigen Tagen feinen 70. Geburtstag beging und von der Wiener Aniversität aus diesem Anlatz zum Ehrendoktor gemacht wurde, hat einen kleinen Rovellenband „Aus herbstlichem Garten" im Verlag von L. Staackmann, Leipzig, erscheinen lassen, der dem Leser die ganze warmherzige Art seiner Kunst offenbart. Entzückende Frauenaestalten stehen im Mittelpunkte der Novellen, von denen „Die Madjarin" und die „Aehrenleserin kleine Meisterwerke genannt werden können. Aber auch die kurze Erzählung am Schluß des Buches, „Die herrischen Leut'" atmet in solcher Weise Raturfrische und gemütvolle Innigkeit, datz wir sie gerne unseren Lesern als Probe vorfetzen, damit sie dem verdienstvollen deutschen Schriftsteller auch weiterhin ihre Beachtung schenken mögen.


