Das Schicksal der deutschen Sprache in der Gegenwart.
Von Prof. Dr. Alfred Götze.
(Fortsetzung.)
Mit besserer Zuversicht rind freierer Hand stehen wir den Bedrängnissen des Saargebiets gegenüber, in dem nun auch schon drei schmerzlich» Jachre lang ein scharfer restlicher Wind wcht. „Französische Durchdringung", so nennt die vom Völkerbund, L. h. zunächst vom Feind bestellte Regierung den Kampf, den sie gegen den Wortlaut des Friedensvertrags und mit Verhöhnung des einmütig erklärten Volkswillens gegen deutsche Sprache und deutsche Schule führt. Der gefährlichste Angriff ist Hier vorläufig abgeschlagen. Der saarländische „.Unterrichtsminister" Graf Mottle, dänischen Stammes, aber französischer Gesinnung, hatte alle Vorbereitungen getroffen, um zu Ostern 1922 Französisch mit vier Stunden wöchentlich in allen Schulen des Saargebiets als Pflichtfach einzuführen. Die Lehrerschaft war amtlich verständigt und die entsprechende Verordnung im Entwurf schon fertig. Rur dem einmütigen Widerspruch der Saarbrücker Presse ist es zu danken, Last der Graf abgeblafen und sich auf Einführung des Französischen als Wahlfach zurückgezogen hat. Dieser Unterricht besteht schon seit der Besetzung des Landes 1918, er ist auch wesentlich einfacher zu geben, insofern er ohne deutsche Schüler «bgehaltan wird.
Freilich wird man sich hüten müssen, zu früh zu jubeln. Die Saarrcgierung hat den Willen und viele Wege, ihren Vorstost gegen die deutsch? Art des Landes zu wiederholen, aber sie wird auch künftig das Volk und feine Führer auf der Hut finden. Rur welsche Unkenntnis der deutschen Seele kann sich in der Hoffnung wiegen, ein kerndeutsches Land wie das Saargebiet und nun gar mit solchen Mitteln entdeulschen und „aufsaugen" zu können. Wollten die Verantwortlichen nur für drei Wochen mit offenen Augen an die Saar gehen und mit den eingeborLnen Bewohnern des Landes verkehren, ihr Wahn würde verfliegen, Last sich dieses Land 1935 durch Volksentscheid für Frankreich erklären könne, das ihm bisher, nichts entgegenbringt als Mih- »erständnis und Ausbeutungsgelüst. Riemals wird es gelingen, durch kleine Vergünstigungen und graste Versprechen, durch Drohung oder Gewalt das Volksempfinden in der Grundfrage zu verändern. Und wir im Mutterland haben hier die Möglichkeit, durch jeden Saarländer, der unsere Hochschulen besucht, durch jeden jungen Priester, der von unseren Seminaren dahin geht, durch all die vielen wirtschaftlichen Kanäle, die uns mit jenem gesegneten Land verbinden, mit jedem Zeitungsblatt, das hinüber- slattert, die -Ueberzeugung zu stützen, datz das ganze Deutschland in Liefer Leidenszeit zu seinen treuen Söhnen steht. Die deutsche Einheit von der Saar bis zur Oder ist uns Gemeingut und Glaubensbekenntnis: man braucht sie nur anzutasten oder zu bedrohen, um das ganze deutsch? Volk, so zerrissen es in dielen Fragen oft fein mag, geeint gegen sich zu haben.
Das Saargebiet liegt als Ganzes innerhalb der deutschen SpvachgMnze: schon der Blick auf diese sprachliche Tatsache sollte alle Loslösungsgelüste entwaffnen, denn die Sprachgrenze ist hier klar und scharf gezogen. Anders liegen die Berhältnisse im putschen O st e n. Wohl kann man auch dort auf der Karte eine Linie ziehen, die die Ortschaften verbindet, in denen die ersten Vertreter deutscher Mundarten wohnen. Aber diese Linie ist unsicher und vielgezackt, und hinter ihr bleibt das Land
1922 — Nr» 4S
Samstag. 18, Nsvember
weithin zweisprachig und voll schtvankender Äebergänge. Das ist das Üngluck des Landes von Posen geworden, Last Willkür und Feindschaft diese Zweisprachigkeit zum Vorwand nehmen unb das weite Land zu Polen schlagen konnten, das doch erst durch deutschen Willen unter den Pflug genommen, entsumpft und durch Städte rein deutschen Geistes erschlossen worden war. WaS aber in diesem dem Reich in der Stunde der Schwäche entrissenen Tvchterland heute geschieht, ist die geradlinige Fortsetzung jener Willkür und Gewalt. Unter Richtachtung des Friedensvertrages und des verbrieften Rechts der deutschen Minderheiten enterben die Polen einen deutschen Siedler nach dem andern und zwingen ihn, den Boden zu verlassen, der ihm vertraglich gesichert war. Die polnische Staatsgewalt duldet und begünstigt die schlimmsten Ausschreitungen gegen die deutschen Minderheiten. Wiederum richtet sich der Vorstost vor allem gegen die deutsche Schule: das weist auch der polnische Gegner, Last mit der Schule eines Volkes seine Sprache zusammenbricht und damit seine Widerstandskraft als Volk. Rach dem Friedens- vertrag ist der polnische Staat zur Unterhaltung der deutschen Volksschulen und der höheren deutschen Lehranstaltetr verpflichtet, er hat sich aber bisher weder zu dem einen noch dem anderen verstanden. In Bromberg hat am 1. Oktober 1921 jeder deutsche Lehrer die folgende Zuschrift bekommen: „Mit dem 1. Oktober hört die städtische.....Schule auf, als städtische Unterrichts
anstalt zu bestehen. Wit diesem Ausweis entlassen wir Sie mit dem heutigen Dag aus dem Schuldienst." Das ist geschehen, bevor auch nur die Stadtverordneten in der Frage gehört worden waren. In anderen Städten wird das gleiche Verfahren verfolgt: die polnische Behörde beschlagnahmt die bestehenden Schulen mit ihren mustergültigen Einrichtungen, angeblich weil für polnische Schulkinder Raum gebraucht werde, und überlästt es der deutschen Minderheit, die sie dadurch mit Tausenden von Kindern tatsächlich obdachlos macht, auf eigene Kosten neue Schulen zu bauen — unter heutigen Äerhältnifsen eine Unmöglichkeit, die der polnisch» Machthaber grinsend mit ansieht. Trotz allen Schwierigkeiten haben aber die Deutschen Polens aus eigenen Mitteln und mit Geldhilfe aus dem Reich schon eine ganze Reihe von Privatschuien ins Leben gerufen, die trotz den von ben Polen gehäuften Hemmnissen den deutschen Unterricht fortführen. Rvthilfe wird freilich solch« Selbsthilfe immer bleiben, aber von diesem Privatschulwesen hängt die Zukunft bet. deutschen. Sprache im jetzt polnischen Gebiet wesentlich ab: hier hat auch die Hilfe der Heimat vor allem einzusetzen und alles nur Menschenmögliche zu tun, datz die Flamme dieses Herdes nicht erlischt.
Auch abgesehen von diesem Kampf um die Schule suchen die polnischen Machthaber die an sie gefallenen Länder Posen und Westpreuhen mit allen Mitteln zu entrechten. Durch wirtschaftliche und geistige Bedrückung will man das Deutschtum planmähig ausrotten/ Mahnahmen gegen Bauernschaft, Grostgrundbesih, städtische deutsche Bevölkerung und Presse -sind an der Tagesordnung. Deutsche Bühnen und Büchereien find geschlossen worden, soweit der polnische Machtwille heute reicht. Die deutsch«! Kirchen beider Bekenntnisse werden auf jede Weise bedrückt und entrechtet,
Das alles geschieht auf einem Boden, auf dem alle Kultur von den Deutschen stammt. Dieses Bewutztsein verschärft das Gefühl für das Unrecht, das die Polen heute begehen, es stärkt aber auch die Zuversicht in dem uns damit aufgedrängten Kampf. Seit dem Mittelalter klingt nirgends aus deutschen Urfunbett geistige und sittliche Überlegenheit so stark wie au8 denen int


