Ausgabe 
18.3.1922
 
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So leise der Ruf war, wurde er doch gehört. Sein Geist rief fiel Sein Geist rief sie. um sie mit sich zu nehmen in das ungeheure Wellengrab, sie und ihren Sohn.

Er hatte sie so gewaltig geliebt, daß sein Geist keine Ruhe fand, daß ec aus dein Abgrund des Meeres aussteigen mußte um sie wieder zu sehen, um seinen Sohn zu sehen, zum erstenmal! Wenn seine toten Augen auf das Kind schauten, so würde es sterben müssen.

Sie durfte ihm den Knaben nicht lassen.

Zum zw iten Male, leise, leise:Assunta!"

Da jener Einzige nicht zurücÜam, würde fein Geist ihr sagen, wie alles geschehen und daß er den Tod eines Helden gestorben.

Lind zum dritten Male der Auf der erstickten Stimme: Assunta!" '

Sie stand auf. Ihr Herz schlug ruhig, und sie suhlte nicht das mindeste Grauen. Eine gewaltige Freude überkam sie, ein kaum zu ertragendes Glück, ihn wiederzusehen. Sie würde mit beiden Armen ihn umfassen; sie wollte an seinem toten Herzen ruhen, in seine erloschenen Augen schauen. Aber der Knabe ~

Sie bedeckte das Gesicht des Schlummernden, schritt zur Tur

Weshalb trat er nicht ein? Das Haus war unverschlossen. Auf der Insel gab es kein Haus, keine Karnmer, die sich schließen liest. Lind wenn auch. Geister schritten durch Felsenwände! Wes­halb kam er nicht? Weshalb blieb er vor dem Hause?

Es war sein Haus!

So trat sie denn zu ihm hinaus ...

Eine matte Mondsichel schien, und am Himmel braute Gewölk. Cs umzog die Klipve, wurde vom Sturm vorübergepeitscht. In dem fahlen Rebeldunst, stand der Wiedergekehrte. Ms die Frau heraustrat, tat er einen Laut wie ein verwundetes Tier, stürzte zu ihr, fiel vor ihr nieder.

Sje beugte sich zu ihm herab und

Lind er lebte!

Sie begriff sein Leben nicht, begriff nicht, daß es nicht sein Geist war, der zu ihr zurückkehrte. Wie konnte er leben? Alle ton "en untergegangen mit dem Schiff dessen Kapitän er gewesen, alle'bis aus einen einzigen. Lind dieser eine und einzige sollte Les untcrgegangenen Schiffes Erbauer und Führer, sollte Mattia Morgan» sein?

Welche Vernunft sollte dieses Llnmögliche, Wahnsinnige fassen können? Doch nicht seines Weibes Vernunft? Diese muhte darüber in Stücke gehen...

Er umschlang ihre Füste, drückte sein Gesicht darauf, lag wie tot, wie das, was er hätte sein müssen.

Dann schüttelte seinen Körper ein Krampf. Er weinte, schluchzte. Mattia Mvrgano schluchzte und weinte Mattia Morgan v!

Plötzlich sprang er auf. Hetzt sah sie sein fahles, entstelltes Gesicht.

Sie fühlte jedoch kein Mitleid. Richts fühlte sie. Ihre Fühl­losigkeit war etwas LlnmenschliHes, Gespenstisches. Wäre statt ihres wiedergekehrten lebenden Mannes sie selbst tot gewesen, so hatte sie sein müssen wie sie jetzt war: stumm, starr, leblos.

Da hörte sie ihn sprechen. Auch an seiner Sprache hätte sie ihn nicht wiedererkannt. Er stammelte, lallte, stieß wie ein Trunkener einige Worte hervor. Sie verstand, daß er sie nach dem Kinde fragte, ob sie ihm ein Kind geboren? Ob das Kind lebte? Ob es ein Knabe wäre? 1

Sie antwortete nicht. Aber sie mußte eine unwillkürliche Bewegung gemacht haben; denn plötzlich schrie er auf:

Mein Sohn!"

Dies eine kleine Wort gab dem Manne' die Sprache zurück.

Mattia Morgan» wollte seinen Sohn sehen. Da stellte sich die Mutter zwischen Vater und Sohn. Sie richtete an den Wiedergekehrten die Frage, wie es hatte geschehen können, daß er jener eine, einzige sei? Wie es hatte geschehen können, daß er nicht mit den andern untergegangen war auf dem sinkenden Schiff, dessen Kapitän er gewesen, der letzte von allen? Wie es hatte geschehen können, daß er ein Geretteter, ein Wieder- gekehrter toar?

Sie stellte an den Mann diese Fragen, als wäre sie sein Richter und müßte ihm das Llcteil sprechen. Wie aber, wenn er von ihr schuldig befunden ward? Schuldig befunden von seinem Weibe, der Mutter seines Sohnes!

8.

Da sprach er zu ihr. Er verteidigte sich nicht; er sprach nur: Wir hatten gute Fahrt und machten guten Fang. 2111 e waren wohlgemut' und dieAssunta" erwies sich als ein prächtiges Schiff. Sie rühmten mich alle, rühmten alle das Schiff, welches Assunta" hieß.

Vielleicht machte es der Rame, daß ich beständig an dich denken mußte, mehr als an alles andre, mehr als an die Fahrt und den Fang.

Ich wußte nicht, was es mit mir war, weiß es heute nicht, werde es niemals wissen. Es kam über mich. Ich wehrte mich

dagegen, doch es half mir nicht. Ich war wie ein Besessener, ein Verlorener. . Schiff und Fahrt und Fang kümmerten mich nicht; mich kümmerte nur, wann ich wieder bei dir sein würde.

Es war erbärmlich und schändlich; aber es war so."

Er schwieg. Da gebot sie ihm, weiter zu sprechen.

Er bat:Laß mich zuerst meinen Sohn sehen!"

Zuerst sprich weiter!"

Der Angeklagte gehorchte seiner Richterin. Er bekannte: »Ich war ein schlechter Kapitän; aber sie merkten es nicht. Sie ver­trauten mir und hielten mich hoch. Döse Stürme kamen. Das Schiff lag in einem Hafen, sicher vor Sturm. Es hätte im Hasen bleiben müssen bis das böse Wetter vorbei war. Aber ich wollte fort. Es war die Zeit wo unsre Barken stets toieder- kehrten. Seit vielen hundert Jahren. Lind es waren nur elende Rachen gewesen. Jetzt hatten wir dieAssunta", und jetzt wollten wir trotz der Stürme zurück.

Ich wollte zurück!

Rach Hause wollte ich! Zurück zu Weib und Kind. Denn mein Weib hatte mir inzwischen ein Kind geboren, einen Sohn.

Ich wollte meinen Sohn sehen!"

Die Leute dort drüben warnten mich: seit vielen Jahren wären die Stürme nicht so wild gewesen, und ich sollte bleiben, obgleich mein Schiff ein gutes Schiss sei.

Ich aber wollte nach Hause, um meinen Sohn zu sehen!

Sie sagten mir, auf dem Meere gäbe einen LlnglückSfall nach dem andern, einen Schiffsuntergang nach dem andern. Ich sollte im Hafen bleiben, sollte warten.

2lber ich wollte meinen Sohn sehen!

Auch meine eigenen Leute warnten, auch sie wollten bleiben und abwarten. Ich war ihr Kapitän. Sie muhten dem Kapitän gehorchen. Da gebot ich ihnen:Wir fahren!"

Denn ich wollte meinen Sohn sehen!"

Sie ließ ihn seinen Sohn nicht sehen; er mußte zu Ende berichten. Sie sah, daß er zum Umfinfen ermattet toar; aber sie lieh ihn in seinem Hause nicht sich setzen. Sie wußte, daß er dem Verschmachten nahe war; aber sie reichte ihm an seinem Herde keinen Trunk. Lind der Mann, der für seine Frau ein lebendig Gestorbener war, fuhr fort in seinem Geständnis:Trotz der Warnung meiner Leute und der Schisser des fremden Volks, die ihre Dlteere besser kannten als wir, lieh ich dieAssunta" in See gehen. Was konnte dem Schiff geschehen? Es lüftete ja doch deinen Ramen die allerheiligste Gottesmutter möge ihn segnen.

Drei Tage und drei Rächte kämpften wir mit dem Sturm. Die Leute wollten einen Hafen auf suchen; aber ich gebot, weiter zu fahren. Ich toar der Kapitän und sie gehorchten mir, ver­trauten mir.

(Schluß folgt.)

Aphorismen.

Bon Hugo von tzofmannsthal.

Aus dem in Vorbereitung befindlichenBuch der Freunde" des Wiener Dichters bringt die neueste Rümmer desJnselichiffs" eine Anzahl sein geschliffener Aphoris­men, von denen wir einige Mitteilen. Die Schcistltg.

Man muh im ganzen an jemanden glauben, um ihm im einzelnen wahrhaft Zutrauen zu schenken.

Gelten lassen ist schwerer als sich begeistern.

Die Eingebungen der Selbstsucht sind nach Innen zu und nach außen nicht zu verdolmetschen. Es sind Chiffren, für die es keinen gemeinsamen Schlüssel gibt.

Wer die höchste Llnwirklichkeit erfaßt, wird die höchste Wirk­lichkeit gestalten.

Richt: vieles zu kennen, aber: vieles miteinander In Be­rührung zu bringen, ist eine Vorstufe des Schöpferischen.

Die besten Augenblicke sind die. in denen sich das IndividiuM über seine Situation im Dasein klar wird; das Gefühl kann sich steigern bis zum Magischen, und es ist ohne alles Selbstsüchtige, ohne ein Trachten.

Die Verzweiflung einer Epoche würde sich darin auSsprechen, wenn es ihr nicht mehr der Muhe wert erschiene, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen..

Für den Produzierenden gibt es feine ernstere Prüfung, alS zu erkennen, ob das, was ihn von Schritt zu Schritt nötigt und warnt, sein wahres Genius oder die feige Stimme feiner Lln« zulänglichkeiten ist: ob er, indem er die Form gewinnt, feinem Höchsten oder dem Niedrigsten gehorcht.

Die Menschen verlangen, daß ein Dichtwerk Re anspreche, zu ihnen rede, sich mit ihnen gemein mache. Das tun die höheren Merke bei- Kunst nicht, ebensowenig als die Ratur sich mit den Menschen gemein macht; sie ist da und führt den Menschen über sich hinaus wenn er gesammelt und bereit dazu ist.

Goethes Werke verbinden die Geselligkeit mit der Einsamkeit.

Schristleitung: August Goetz. - Druck und Verlag der Brühl'schen Llniv.-Vuch- und Steindruckerei, R. Sange, Gießen.