Ausgabe 
18.2.1922
 
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Marl Jollen.

Von Geh. Hofrat Prof. Dr. Herman Haupt*).

In den Julitag«» des Jahves 1796 hatten die Scharen der französischen Maas-- und Sambrearmee den Rhein überschritten und durch Plünderungen und Brandschatzungen weithin Schrecken verbreitet. Der Gießener Advokat Christoph Fvllenius slüchtete damals mit seiner Gattin, die ihrer schweren Stunde entgegensah, nach dem Amtssitze seines Vaters, dem abgelegenen Flecken Rom­rod im Vogelsberg. Dort kam Karl Jollen am 4. September 1796 zur Welt. ' ,

Der in sich gekehrte Knabe, der in frühester Kindheit die Mutter verloren, erschloß sich seiner Umgebung nur schwer und litt aufs tiefste unter den Neckereien seiner Gefährten. Dieser Schwäche ebenso wie der ihm als Kind eigenen Furchtsamkeit wurde er aber bald dank einer heroischen Selbstüberwindung Herr, die fortan den hervorstechendsten Zug seines Wesens bildete. Sv hat er sich noch als Schüler zu einer Massenhinrichtung ge­drängt, um das Grauen vor solchen Mutszenen Niederkämpfen zu lernen. Aus dem Gießener Thnrnasium trat Karl seinem Lehrer Friedrich Gottlieb Weicker, dem später weithin bekannt gewor­denen Archäologen, besonders nahe. In der Zeit, als Napoleon unumschränkt über die Rheinbundstaaten gebot, hatte dieser tapfere Patriot die Pflege deutschen Wesens und vaterländischer Gesin­nung in den Mittelpunkt seines Unterrichts gestellt. Wie empfäng­lich gerade unser Karl Follen für diesen vaterländischen Lehrgang war, beweisen uns zwei seiner Aufsätze, die aus dem Jahre 1810 ober 1811 stammen. Sie zeigen uns den Knaben von grimmigem Hasse gegen die französischen .Unterdrücker erfüllt und auch ent­schlossen, sich bis zum Aeußersten im Kampfe für das Vaterland einzusehen. In jener Zeit schmählichster Fremdherrschast wurzelt Fallens dämonischer Freiheitsdrang, aber auch der ihn für sein ganzes Leben beherrschende Gedanke, daß der Einzelne in jedern Augenblicke zum Opfertode für das Vaterland bereit fein müsse.

Zu Ostern 1813 Be$og Follen als Student der Rechtswissen­schaft die Gießener Universität. Neben Jahns Volkstum haben in dieser Zeit besonders die Gedanken von Fries und Fichte starken Einfluß auf ihn gewonnen. Nach der Leipziger Schlacht schloß sich der Siebzehnjährige mit feinem älteren Bruder Adolf dem Korps der hessischen freiwilligen Jäger an, unter deren Fahnen sich die meisten Schüler Gottlieb Weickers sammelten. Schon auf dem Marsche durch die Schweiz mußten aber die Jäger die Kunde von dem Abschlüsse des Waffenstillstandes ver­nehmen. Tiefe Enttäuschung hrachte dann der außerordentlich

) Aus dem in Carl Winters Universitätsbuchhanölung Heidelberg erschienesten höchst lesenswerten Werke: Haupt- Wentzck«, Hundert Jahre deutscher Burschen- s ch a f t. In dieser Sammlung von Lebensläufen hervorragender Burschenschafter in den hundert Jahren, die von den Tagen der Befreiungskriege bis zum letzten großen Wettkampf hinführen, sind alle Berufe und alle Hochschulen vertreten. Den Dichtern Wilh. Hauff, Fritz Reuter, Scheffel und Walter Flex treten Männer der Wissenschaft, wie Heinr. v. Tveitschke, Max Duncker und Karl Hase zur Seite. Uwe Jens Lvrnfen verkörpert den Freiheitskampf Schleswig-Holsteins, Armand von Dumreicher und B. v. Kraus die Anfänge der nationalen Bewegung in Oesterreich, während uns das Leben Ernst Mackensens zu den Anfängen der Bagdad-Bahn ctaf den Höhepunkt deutscher Weltwirtschaft führt.

scharfe Gegensatz, der zwischen den jungen Patrioten und einem Teil ihrer in Napoleons Heer geschulten Offiziere sich herauS- bildete. Ließ sich doch der Höchstkvmmandierende, Prinz Emil von Hessen, zum Erlasse eines Tagesbefehls hinreiben der die Freiwilligen geradezu derEntehrung des hessischen Namens" beschuldigte! Sang- und klanglos wurde das Korps, denr man geflissentlich den festlichen Einzug in die Hauptstadt versagt hatte, am 1. November 1814 aufgelöst.

Auf diesen schrillen Mißklang folgte für Karl Follen, der damals sein von Sehnsucht nach ruhmvollem Kriegertod erfülltes LiedKörners Totenfeier" dichtete, rasch genug eine neue grau­same Enttäuschung in seinen vaterländischen Hoffnungen. Die an die Gießener Hochschule zurückgekehrten Freiwilligen hatten sich dort im November 1814 zu einerTeutschen Lesegesellschast" zusammengetan, die vaterländischer Begeisterung voll im Sinne Jahns und Arndts die Einigung der Studentenschaft und die Pslsge deutscher Art und Sitte sich zum Ziele setzte, und an deren Spitze Adolf Fvllenius trat. Nach wenigen Monaten schon, im Februar 1815, brach dieser erste Gießener burfchenfchaftliche Bund in sich zusammen. Neben der Auflehnung gegen den un- verträglichen, der Feigheit geziehenen Führer Hat auch die grund­sätzliche Gegnerschaft der alten Landsmannschafter gegen den studentischen Einigungsgedanken und gegen die von den Brüdern Follen ins Werk gesetzte Reform des Komments die Auflösung der GießenerTeutonia" herbeigeführt. Zur gleichen Zeit, als in Jena die dortigen Landsmannschafter ihre Verbindungen in der Burschenschaft aufgehen ließen, werden in Gießen in bewußt partikularistischem Geiste wieder landsmannschaftliche Verbindun­gen von neuem aufgerichtet, die nun die Anhänger des burschen- schaftlichen Gedankens aufs schärfste bekämpfen und sie bei den Universitätsbehörden hochverräterischer Unternehmungen bezich­tigen. Als die Schwarzen dieser Name war den burschenschaft-- lich' Gesinnten wegen der von ihnen beibehaltenen altdeutschen dunklen Tracht beigelegt worden im Jahre 1816 die große Mehrheit der Gießener Studentenschaft für die Einsetzung eines Ehrengerichtes gewonnen hatten, wußte der reaktionäre Uni­versitätskanzler Arens im Bunde mit den Landsmannschaften die Ausführung dieses Plans noch in letzter Stunde zunichte zu machen. Wohl bildete sich auf Grundlage der von den Schwarzen ausgearbeiteten Ehrengerichtsordnung, desEhrenspiegels", tut Dezember 1816 eine gegen 70 Mann starkechristlich-deutsche Burschenschaft". Aber auch dieserFreistaat zur Bildung von Demagogen und Freiheitsstürmer", wie ihn Arens nannte, ver­fiel alsbald der obrigkeitlichen Auflösung.

Kein Wunder, daß unter solchen Umständen die Gießener Reformer in eine immer unversöhnlichere Gegnerschaft gegen das herrschende politische System hineingetrieben wurden. Hatte Follen, der gleich andern seiner Genossen im Sommer 1815 in das Geheimnis des bekannten Hvsfmannschen Bundes ge° gegen worden, damals noch ditf die Einigung Deutschlands durch ein freiheitlich regiertes Preußen gebaut, so wurden solche Hoff­nungen durch die unheilvolle Wendung der preußischen Politik nach der Schlacht bei Waterloo rasch genug erstickt. Nicht mehr von den deutschen Fürsten und ihren Staatsmännern erwarteten denn die Gießener Freunde Deutschlands Heil, sondern vom Volke selbst. Die breiten Schichten zur Erkenntnis ihrer Rechte und Pflichten zu bringen, die Durchsetzung demokratischer Verfas­sungen in den deutschen Ginzelstaaten als Vorstufe zu einem deutschen Parlamente, dies schien fortan Follen der einzig mögliche Weg, um den deutschen Einheitsgedanken zu verwirklichen. Die