braucht er sie wieder im Kampf gegen di« Natur. So entsteht «in Menschenschlag, der dann das markig« Holz liefert, aus dem die größten Männer der Weltgeschichte geschnitzt werden. Ser kaukasische Bauer läßt sich niemals zu etwas bereden, wenn er eine 'oorgefaßte Meinung hat und vom Gegenteil „überzeugt" isi, lieber rennt er mit dem Kopf durch Wände, und mit dieser Hartnäckigkeit und Dickköpfigkeit kommt er tatsächlich auch ziel- bewußt und am besten durchs Leben. Sv geht es ja unserem hessischen Bauer auch, wenn er auch lange kein so freier Mann mshr ist wie der Kaukasier, und wenn er auch nur ein armseliges grobes Sackmesser in der Tasche trägt anstatt des scharfen Kindschal an der Seite. Aber schließlich tut ihm auch dieses Sackmesser manchmal noch die nötigen Dienste!
Wir dürfen diese beiden Arten von Baueim sicher mit bestem Recht miteinander vergleichen. Denn wahrscheinlich sind die Kaukasier auch nur ein -Zweig des Germanentums, das im Norden (an der Ostsee) entstanden ist und sich nach Süden, Südwesten und Südosten ausstrahlte. Dur daß der Kaukasier noch die Urform mehr repräsentiert als unser Dauer. Jener ist mehr der Typus der Ürzüchtung geblieben, "weil der freiere. Immerhin ist auch unser Chattenbauer ein urwüchsiger Typus und noch heute hat der Vogelsberger dieselben mundartlichen Ausdrucks wie wir sie im Simpliztus Simplizissimus, dem besten Buch des 30jährigen Krieges, lesen.
FriedrLchGotthardHerrchenzuHohensolms vormaliger Feldscherer.
(Lebenslauf und zeitgeschichtliche Bilder 1714—1786 nach seinen Aufzeichnungen.)
Von Dr. H. Dergsr-Gießen.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Dun machte er sich auf die Reise nach Hamburg, wo er am Altonaer Dor in der Herberge .Zum grünen Hager abflieg Hier fand er eine Menge junger Burschen: es war, wie er später erfahren sollte, eine „Werberherberge . Gr bekam Streit mit einem schwedischen Werber, zog sein Setten« oenxfrr, verwundete den Gegner und wurde zur Hauptwache gebracht und dann vor den ganzen Magiflratrat Hier sagte er auf Defragen, daß er auS der Reichsgrafschaft Hohensolms burtig fct und ein Äarbiergeselle wäre, der auf seine Profession reife Sr erhielt 600 Mark 300 fl. im deutschen Geld Strafe und tonte diese Summe, da er nicht bezahlen konnte mit Schanzen abverdienen. Sie Zunft der 32 Barbier st ü ben in Hamburg brachte das Geld auf und bezahlten es bei dem Bürgermeister Herrchen erhielt nun seine Bagage und Freiheit. Die Zunstgenossen traktierten ihn im Ratskeller mtt^in und eüumt witen Frühstück und entließen ihn mit 12 Mark Reisegeld. 1737 kam er nach Bremen zum Chirurgen Gantz berg tes spitalchirurg war. Gr erhielt hier die Stelle als Ober- geselle und blieb 1 Jähr in diesem Dienst.
17 38, am 28. März, wurde Herrchen mit 24 Jahren für bas Schiss „Die Jungfrau Sara" als Schiffschirurg engagiert, um mit diesem Segelschiff nach Grönland zum Malfifchfang zu fahren. Gr erhielt monatlich neben freier Kost 20 holländische Gulden = 12 Reichstaler. Gin kleines Kämmerlein wurde ihm angewiesen und seine Medizinalkifle und Bagage dahin gebracht Heden Morgen mußte ein Schiffslunge in plattdeutscher Sprach« rufen: „Hört Hu Lahmen und Hu Blinden, kommt her und lat Hu verbinden hinter dem gro- ten Mat, werdet Hu den Helmefler (Heilmeist«) finden" Auf dieses Rufen kamen die, die noch gehen konnten Die bettlägerig waren, zu denen mußte der Chirurg gehen und Se mit der nötigen Medizin versehen. Dann ging er zu dem wrnrnandeur deS Schiffes und erstattete feinen Rapport. Damit war die Arbeit des Chirurgen erledigt. Zu Pfingsten am 25. Mal war die „Jungfrau Sara" bei Grönland auf einem Eisberg festgefroren. Hier sahen sie das gescheiterte holländische Schiff „Der rüstige Jakob" und nähmen die Mannschaft auf. Die Blessierten mußte Herrchen verbinden. Am 2. Huni schosien die Insassen der „Sara" von zwei Schaluppen aus einen Walfisch und brachten SO Ohm Speck und Fischbein als Deute. Reichlich war oft auch r Fang von Kabliau und Schellfisch, woran sie sich „delec- tterten Am 26. Huli wurde wieder ein Walfisch mit der Harpune gefangen, der aber nur 93 Ohm Speck nebst dem Fischbein lieferte Der 28. August brachte gewaltigen Sturm; das Schiff wurde wieder auf dem Gis festgesetzt. Als bei günstigem Winde und wärmerer Temperatur das Schiss wieder in See gehen konnte, konnte die Weiterfährt nur dadurch ermöglicht werden, daß man alles über Bord warf Am 4. Oktober 1738 wurden nach der Rückkehr bei Vegesack an der Weser die Anker geworfen. Alle von der Mannschaft waren glücklich wieder zurückgekommen, aber ohne Wasiisch und mit zerbrochenem Schiff. In Bremen wurde Herrchen von seinem früheren Brotherren, dem Chirurgen Gantz- herg aufs herzlichste begrüßt und blieb II Monate als „Patientengeselle" bei ihm, nahm dann feinen Abschied 'und war am 19. September 1739 toicöer zu -hause in HohensvlmS.
Mn 16. Dezember 1789 trat Herrchen bei dem Grafen Karl Christian zu Hohensolms als Lakai ein und mußte mit ihm nach Geneve in der französischen Schweiz gehen, „allwo fein Herr seine Studien prosequiren sollte". Bei ihnen waren noch zwei junge Grafen von Degenfeld und der Hofmeister von Rotberg. Die Reise wurde Ostern 1740 angetreten, ging über Frankfurt, durch die Pfalz nach Straßburg. Pfingsten kam man in Genf an.
1742 reiste Herrchen mit dem Grafen Karl, den jungen Grafen von Degenfeld und dem Hofmeister von Rvtberg nach Straßburg. Die Reise ging durch Savoyen, Dauphine und Burgund. Als der Hofmeister merkte, daß in Straßburg nicht so teuer zu leben sei als in Frankreich, wollte er des Lakaien Kostgeld beschneiden, was Herrchen nicht leiden wollte. Den erbetenen Abschied erhielt er nicht; es wurde ihm aber zum Verdruß des Hofmeisters, um etwas in Straßburg zu profitieren, erlaubt, die collegia anatomica zu hören. Der Hofmeister berichtete über den Lakaien Herrchen von Straßburg nach Hohensolms, „daß er in großer Unhöflichkeit seinen Abschied gefordert und allen Respekt gegen seinen Herrn zur Seite gesetzt". Dem Bericht des Hofmeisters wurde in Hohensolms Glauben geschenkt. Die Familien Herrchen wurden von der gräflichen Herrschaft sehr ungnädig kehandelt, dem Debeltäter in Straßburg wurde mit Ketten und Banden gedroht. Anders der junge Graf, in dessen Dienst Gotthard Herrchen stand. Er mochte sich wohl mit der Zeit von der Unschuld seines Bedienten überzeugt haben; denn er bewilligte ihm mit seinem gnädigen Schreiben, „welches ich zum immerwährenden Gedächtnis verwahren will", den Abschied schenkte ihm eine neue Livrä, 30 fl. Reisegeld mit einem Schreiben an die Frau Gräfin. Dachöem er dieses bei seiner Ankunft in Hohensolms überreicht hatte, legte sich die „gefaßte Ungnade ich aber muß, Gott erbarm, an jetzo ohne Dienst und Brod leben. Ich ließ mir dies zur Warnung Menen, daß auf Herren Gunst nicht zu bauen, deswegen es auch heißt: 'Verlaßt euch nicht auf Fürsten, sie sind Menschen".
Mit 30 Hahren trat 1744 Gotthard Herrchen in den Ehestand; er wurde mit Gertraude Schäferin in seiner Eltern Haus vom Hvfprediger Tittmann getraut. Haustrauungen sanden damals häufig statt; nur gefallene Personen waren verpflichtet, erst vor versammelter Gemeinde gleichsam als Buße vvrzustehen, ehe sie getraut wurden. Herrchens Schwiegervater, Jakob Schäfer, war Bäcker Handelsmann, Wirt und Zöller (Zollbeamter) zu Hohensolms Es wird ihm das Zeugnis ausgestellt, „daß er den Armen viel Guts getan, selbigen Geld und Brot vorgHireckt, welches ihm zwar manchmal schlecht gedantt worden". Gr stiftete der Kirche zu Hohensolms ein schwarzes Leichentuch und in die Altstädter Kirche, „weil er lutherischer Religion war, einen Klingel- oder Opferbeutel" 1747 zog Herrchen nach dem Tode seines Schwiegervaters in dessen Haus das er für 800 fl von den Geschwistern erworben. Gr scheint sich nach seinem Wanderleben ganz der Landwirtschaft gewidmet zu haben. Jedenfalls Übte er dabei noch seine ursprüngliche Desckwftigung als Barbier und Chirurg weiter aus. 17 51 wurde Hohensolms von einem großen Brandunglück heimgesucht. 15 Schauern und 3 Ställe wurden ein Opfer der Flammen, 55 Schafe verbrannten mit. Für Herrchen, der erst vor 3 Jcchren eine neue Scheuer erbaut hatte, war der Verlust besonders empfindlich
17 5 9 regte sich bei Herrchen wieder die alte Wanderlust. ®8 war die Zeit des 7jährigen Krieges. Am 1. März trat er als Feldscherer bei der Hohenfvlmsschen Kompagnie ein die für das Kreisregiment Darmstadt der Reichsarmee während' des Krieges zwischen dem römischen Kaiser Franz I. und dem Preußenkönig Friedrich II. zu stellen war Die Reichsarmee etwa 33 000 Mann, war mit 24 000 Franzosen unter dem Prinzen Svubise vereinigt und hatte sich durch ihr wenig rühmliches Verhalten in der Schlacht bei Roßbach den Spottnamen Reißausarmee" zugezvgen. Die Reichsarmee war auf Beschluß 5es Reichstags gegen den Preußenkönig ausgebvten worden. Der oberrheinische Kreis, zu dem Hessen-Darmstadt gehörte, mußte drei Regimenter stellen. Das Hessen-Darmfladtische Kreisvegi- ment war das tüchtigste; es war ungemischt wahrend die Kom- Sguten in den anderen Regimentern aus sechs und mehr ver- iedenen -Kontingenten besianden. Das Kreisregiment Darmstadt auch „weißes Regiment" genannt, wird mehrmals in dem Bericht des Kommandeurs der oberrheinischen Kreisreg.meuter des Prinzen Stolberg, an den Landgrafen Ludwig VIII rühmend erwähnt, so in dem Treffen bei Torgau am 8. September 1759 und später in dem Gefecht bei Kunersdorf in Sachsen am 29 September 1762. Dach dem Frieden von Hubertusburg am 21' Februar 1763 kehrte des Kreisregiment Darmstadt das weiße Regiment, am 24. März desselben _ Jahres mit seiner Artillerie in seine frühere Garnisonstadt Gießen zurück.
Arn 25 Mai 1759 rückte Gotthard Herrchen mit andern solmsischen Musketieren aus und kam am 10. Juni in Wiesen - tau in Oberfranken bei dem Kreisregiment Darmstadt und der Svlmfchen Kompagnie an, die hier kantonierten, wahrend die Übrigen Regimenter bei der Festung Forchheim im Felde standen. In dem Lazarett in Gemeinfeld in Unterkonten, wohin Herrchen abkommandiert wurde, fand er Tag und Dacht reichliche Arbeit. Am 5. Juli kam er wieder bei Bamberg zum


