Nr, 24
1922
Samstag, 17. Juni
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Aus Alsfelds Vergangenheit.
Zur Siebenhundertjahrfeier der Stadt am 25. Juni ds. IS. Von Studienrat Prof, Ed. Decker in Alsfeld.
Wenn die Stadt Alsfeld in diesem Jahr ihr siebenhundert- jähriges Bestehen festlich, begeht, so würde das eigentlich voraus« setzens daß sie im Jähre 1222 gegründet worden sei. Davon ist aber keine Rede. Die Stadt ist älter, vielleicht sehr viel älter, aber der Zufall will es, daß die älteste, bis jetzt bekannt«. Arlunde, die die Existenz der Stabt sicher verbürgt, erst aus dem Jahr 1222 stammt. Es ist eine Schenkung des Wezelo von Rrdda an das Kloster Arnsburg vom 13. März 1222, bei der als Zeuge u, a. ein Schöffe Siegfried von Alsfeld (Sifridus cabiirus de Adelsfeld) genannt wird. Es ist durchaus nicht unmöglich, daß noch einmal eine älrkunde zum Vorschein kommt, die ein weit' höheres Alter der Stadt bezeugt: aber darauf haben die Alsfelder nicht warten wollen und begnügen sich mit den 700 Jahren ihrer Existeiaz, die ihnen durch die obengenannte Urkunde gewährleistet werden. Der S t a d t ü r t e f, die landesherrliche Verleihung des Stadtrschts an die Gemeinde Alsfeld, ist leider verloren gegangen. Andere hessische Städte, wie Bensheim, Vuh» bach, Friedberg u. a., die schon ihre Stadtjubiläen gefeiert haben, sind' in dieser Beziehung besser dran. Ihre Stadtbriefe sind erhalten.
Von der ältesten Geschichte der Stadt ist bei der geringeren Anzahl der au6 dem 13. und 14. Jahrhundert erhaltenen städtischen Urkunden naturgemäß wenig bekannt. Die älrkundenbestände 'des Alsfelder Stadtarchivs, so wertvoll und bedeutend sie ja noch sind (u. a. 512 Pergamenturkunden aus der Zeit vor 1600, 2300 Bände und etwa 80 000 Aktenstücke) sind doch nur die Reste einstiger Herrlichkeit. Das Archiv der Stadt befand sich sehr lange Zeit in einem über der Sakristei der Wa lpu rg iskirche gelegenen Raum. AlS im Jahre 1833 die Walpurgiskirche umgebaut wurde, entfernte man die dort aufbetvährten Archivalien. Sie wurden zum Teil aufs Rathaus gebracht, zum Teil aber später — als Makulatur verkauft. Welche Kostbarkeiten dabei verloren gegangen sind, läßt sich ermessen, wenn man bedenkt, daß sich unter der verkauften Makulatur auch die Handschrift des berühmten Alsfelder Passionsspiels befand, die nur ein glücklicher Zufall davor bewahrte, zu Tüten berarbeUet zu werden. Sie ist heute eine Zierde der Landesbibliothek in Kassel. Die Dirigierrolle des Passionsspiels und das Rollenblatt des Lu eifer bilden den einzigen kostbaren Rest der Handschrift, der noch im Alsfelder Stadtarchiv aufbewahrt wird.
Aus kleinen und bescheidenen Anfängen blühte die Stadt im 14. Jahrhundert rasch auf. Der Mauerring, den sie trug, ist Heute noch deutlich zu verfolgen, ja an einigen Stellen ist die Stadtmauer noch erhalten. Vier Tore führten aus der Stadt: das Mainzer-, das Fulder-, das Hersfelder- und das Obertor. Sie sind freilich im Lauf des 19. Jahrhunderts mitsamt ihren Türrnen und Verkehrshindernisse niedergelegt worden. Rur der das Fuldertvr schirmende, 1336 erbaute Levnhardsturm steht noch heute unversehrt und trußig wie vor 500 Jahren, ein Wahrzeichen der Stadt.
äleberhaupt entfaltete die Stadt schon im 14. Jahrhundert eine bemerkenslverte Bautätigkeit. Alls der Aordwestfeite der Stadt erhebt sich der Frauenberg. Er hieß damals der Silberbühl und trug einen Wartturm, dessen Fundamente im SaHre 1910 wieder blvßgelegi worden sind. 3m Jahr 1365 schenkte nun der damalige Landgraf Heinrich II., auch der Eiserne
genannt, seinen getreuen Bürgern von Alsfeld auf diesem Vers Grund und Do den zum Bau einer Kapelle mit Friedhof, und so entstand neben dem Friedhof, der in der Stadt um die Walpurgiskirche lag, ein zweiter Friedhof außerhalb der Stadt mU der heute noch stehenden Kapelle, unsrer lieben Frau geweiht. Diese Kapelle ist ja leider durch einen Umbau im 18. Jahrhundert ihres ursprünglichen, gotischen Charakters stark entkleidet worden, aber sie bildet doch heute noch den Mittelpunkt deK stimmungsvollen Alsfelder Friedhofs auf dem Frauenberg, von wo man einen herrlichen Blick auf die Stadt und ihre Umgebung hat.
Reben dem Bau dieser Kapelle und des obengenannten Leon- hardsturmes wurde am Ende des 14. Jahrhunderts auch noch der älmbau der Walpurgiskirche in großem Stil begonnen. 1393 'wurde der 'Hohe, das Langhaus weit überragende Chor gebaut, der die charakteristische Silhouette der Kirche schafft. 3m 14. Jahrhundert wurde aber auch die Liederbuch durch di« Stadt geleitet und damit, für den Alsfelder wenigstens, ein neues Wahrzeichen der Stadt geschaffen. Der Dach, der bis dahin an der Stadt vorbei in die Schwalm floß, wurde 1350 abgeleitet und durch die Stadt geführt, als wichtige Hilfe bei FeuerSgefaHr. Die drohte freilich den damaligen Holzhäusern der Stadt nur allzuoft. Do ist nun die Liederbach — nicht etwa der Liederbach — im Lauf der Jahrhunderte den Bewohnern der Stadt besonders ans Herz gewachsen, und ein richtiger Alsfelder weiß (heute noch keine bessere Beurkundung seiner Herkunft anzugeben, als daß er mit „Lerrebach" getauft sei. Darauf ist er stolz:
Landgraf Hermann der Gelehrte, der Rachfolger des oben- . genannten Landgrafen Heinrich, machte am Ende des 14. Jahrhunderts die Stadt Alsfeld vorübergeheird sogar zu seiner R esi- denz, indem er daselbst ein Schloß erbaute. Es ist leider vor etwa 100 Jahren abgebrochen worden, als man an seiner Stelle ein Landgerichtsgebäude errichtete, das heutige Amtsgericht, das nichts weniger als eine Zierde des Stadtbildes barst eilt.
Die hessischen Landgrafen haben überhaupt oft in den Mauern ihrer.getreuen Stadt Alsfeld geweilt. Die enge Zugehörigkeit der Stadt gum Haus Hessen ergibt sich schon aus ihrem W äp p e n. Alsfeld fuhrt nicht nur den hessischen Löwen im Wappen, allerdings einen roten Löwen in blauem Feld, zum Unterschied von dem landesherrlichen rot-silbernen, sondern das Wappenschild tragt auch als einziges Hessisches Stadtwappen den Ritter- helm, und zwar ist dies der Wappenhelm der Landgrafen von Hessen mit den silbernen, mit sog. Kleestrengeln besteckten Düffel- hörnern.
Die Blütezeit der Stadt fällt ins 16. Jahrhundert, in das Zeitalter der Renaissance und der Reformation. Hier gestatten uns die erhaltenen Urkunden einen deutlichen Einblick in das Leben und Treiben der Alsfelder Bevölkerung, und das Bild, das sich uns darbietet, ist das einer betriebsamen, reichen und lebenslustigen Bürgerschaft. Die Menschen des 16. Jahrhunderts waren ein genußfrohes Geschlecht. Essen und Trinken spielte eine gewaltige Rolle nicht nur bei allen Vergnügungen, sondern auch bei allen Amtsgeschäften. Von dem Reichtum der Stadt im 16. Jahrhundert zeugt wiederum die große Bautätigkeit. Das herrliche gotische Rathaus, der Stolz der Stadt, rourbe 1512—1516 erbaut, und die beiden Renaissancebauten, das Weinhaus, 1538, und das Hochzeitshaus, im Volks- mund „öer Bau" genannt, 1565—1571,


