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Deutschbewußtsein ist bei gebildeten Männern.nur natürlich. Das durch die wirtschaftlich äußerst schwierigen Verhältnisse bedingte wiederholte Zusammenarbeiten mit Fabrikarbeitern, Grubenarbeitern und landwirtschaftlichen Arbeitern hat allgemein die trübe unwirkliche Betrachtung der Arbeiter auf eine klare Erkenntnis zurückgeführt. Dor 25 Jahren war die Studentenschaft überwiegend liberal, ja, selbst Jünglinge, von denen man es kaum erwartet hätte, neigten zur Sozialdemokratie. Das hat sich geändert, seit der Student die Arbeiterschaft genauer kennt, und diese in manchen Hochschulen einen erbitterten Kampf gegen die — an Einkomnien tief unter ihnen stehenden! — Gevilderen ausgenommen hat.
Das hat natürlich auch Einfluß auf die Stellung des Studenten »um heutigen Staate, dessen Ketten manchem Studenten so schmerzhaft um die Gelenke scheuern, daß er ihn kaum sonderlich lieben kann. Ich bedauere tief, daß die gebildete Jugend augenblicklich so erbittert über ihr Los klagt. Ob diese Klagen berechtigt sind, entzieht sich meiner Beurteilung, — ich bin ja nicht Politiker, son- derii Berichterstatter über Gedichte.
Strömungen im Schrifttume der Studenten feflzuftellen ist nicht leicht, und ich muh da auch die persönlichen Erlebnisse und die vielen Gespräche pon meinen Vortragreisen _ auf ein Dutzend deutschen Hochschulen zu Hilfe ziehen. Viele Götter und Halbgötter der Moderne (1885—1905 etwa) sind für die Mehrheit der gebildeten Jugend von ihren Altären heruntergefallen — Namen, die für uns damals Brennpunkte der Dichtung waren, stehen nicht mehr iin Mittelpunkte der Anteilnahme, sondern sind geschichtlich geworden.
Don den älteren wirken wieder sehr stark Hölderlin und M ö r i k e, überraschenderweise auch G e i b e l. Ganz wunderlich schien mir die völlige Llnbekanntheit mit den allerjüngsten Stürmern und Drängerii, die anscheinend nur in engen, dafür aber um so lauteren Kreisen gelesen werden. Wesentlich ist das Aufleben der Freude an strengen Formen. An manchen Tagen glaubte ich Einsendungen zu einem Preisausschreiben für Sonette auf dem Schreibtische zu haben! Reimlosigkeit war fast nur in einigen durch Hölderlin beinfluhten Gesängen zu finden, eine Helle Reimfreude klang überall durch. Die häufigen Oden-Versmahe sind heute wie früher wohl als Nachklang der erst eben überwundenen Schule zu werten. Die Ballade scheint ihre Blütezeit hinter sich zu haben. Nach einem unerhörten Siegeszuge, nach einer Beliebtheit ohnegleichen, nach einem Sommer, als dessen Blüten ich nur die Namen des Almanachs von 1901 zu nennen brauche, ergab der diesjährige Aufruf so gut wie gar keine Ballade von Wert.
Die Stimmung der Einsendungen war, trotz aller Trauer über die staatliche Verhältnisse der Gegenwart, durchaus hoffnungsfreudig. Man sage nicht' Das ist eben die Jugend, — vor zwei Jahrzehnten war die dichtende Jugend in ihrer Mehrheit Welt- schmerzlerisch und düster gestimmt. Heute schallt ein Heller und starker Ton von den Hochschulen her. Mir fiel auf, wie häufig diese lebenbejahende Stimmung selbst in den vielen Liebes-Gedichten durchklang, in denen ein Verzicht auf die Vereinigung ausgesprochen wurde. Die Liebenden wollen bisweilen gar keine Verbindung und finden in der Herbheit dieses Verzichtes eine Art feinsten Reizes.
Alles in allem ist die gebildete Jugend in ihrer Mehrheit leidenschaftlich deutsch, zum Gottesglauben geneigt, ausgesprochen romantisch und von einer gelegentlich bis zur Verständnislosigkeit gehenden Ablehnung neuzeitlicher Experimentierkunst.
In dem Almanach sind genau einDutzend Dichter vertreten, die manches poetisch und menschlich Wertvolles bringen. Am wirkungsvollsten scheinen uns die folgenden Beiträge zu sein:
Der Spiegel.
Von Fritz Hasselwander.
Du gingst von mir in jenen frühen Jahrein Da ich noch schnell vom Leben Abschied nahm, Da ich noch hoffte, daß die andere kam, Die überbot, was vor ihr alle waren.
So trieb mein Leben fern in fremden Scharen — Die schnelle Freude wurde schneller Gram. Denn alles, was von dir mich überkam, Sin Spiegelbild nur war's, das ich erfahren! Denn ach ich stand Idem Dunkel zugewendet, AuS welchem mich ein Spiegel schnöd' belog, Lind als die Narretei zu spät geendet, Da fand ich alles meiner Hand entwendet; Was vor mir schien, ward hinter mir vollendet — ©in Spiegel war's, der dich und mich betrog,
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Dieheiligendrei Könige.
Von Moritz Jahn.
Lieber den Heidhang nieder eisig stürmte der Ost, Irrten drei greise Wandrer droben in Nacht und Frost Lieber den Heidhang droben führte der Pfad ins Land ' Weib und verschneit, dab der sinkende Fuß seine Spur nicht fand
Müde hinter der weihen Düne hielten sie Rast, Rückten im Schnee zusammen, Hand in Hand gefaßt, Fragten, wie fremde WandrSr fragen: Wohin? Woher? Ach, wie rang aus bereiften Bärten Las Wort sich schwer: „Könige beugten den Nacken, bebend vor meinem Gebot, Jeder Wink meiner Hand Tausenden Lod oder Brot.
Doch vom juwelenen Tisch, von den goldenen Dechern der WächL Riß mich ein Starker gewaltig in Dunkel und Nacht." — -■ „Torheit türmte mir Tempel Weihrauch wölkte empor. Da ich forschenden Blicks die heimlichen Kräfte beschwor: Ä-bern entgötterte» Ml, dem ich Rätsel um Rätsel entrafft Fühlt ich mich selber geführt von unfaßbarer Kraft." — ". -^ser dem Dettlergewand war ich euch Königen gleich, Kuhn hinter Schläfen und Stirn baut' ich mein funkelndes Reicht Lausende fanden der Seele seligste Labe bei mir Mir blieb die bittere Myrrhe allein. Ich suche, wie ihr., Aber die schweigende Heide spähten sie unverwandt Flogs wie ein Flimmern und Schimmern über den HügelrE Blinkte die Straße wie Silber, winkte ein Hüttlein fern: Strahlend darüber stand Bethlehems Stern.
Roland.
Von Hanns Jvhfl.
In der Stunde der Scham Der Schande — mein Volk Will ich deiner Monstranz Dienender Diener sein.... Ich bekenne frohlockend: Deiner Jahrhunderte Blut, Deiner Wandlungen Wesen Hat mich zum Jünger bestimmt!
1 <- In dem höllischen Feuer
Marternder Läuterung, Mit den Skorpionen von Stunden Tiefster Erniedrigung Geißle die schwärenden Wunden!
Lind leide pinge heuer!
Du mein gekreuzigtes Volk, Schweige zum Spotte der Schächer! Siehe, die Berge stehn schwarz. Lieber den Bergen der Sprecher Sammelt die brüllenden Wolken, l
Speichert den zornigen Donner, Bündelt den silbernen Blitz.
Fühle, mein Volk, des Sturmes Dunkle Verkündigung: Wahrlich, — du wirst mit geballten Fäusten Himmelfahrt halten!
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L_ Vergessen.
Von Martin v. Katte.
Ich lehne an der Schulterwehr Lind weiß das kleine Lied nicht mehr. Em kleines Lied wie Glockenspiel — Ich fang es doch als Junge viel.
Wie kam es mir nur aus dem Sinn, Ging kaum ein Jahr darüber hin? — Ich lehne an der Lehmwand schwer Lind weiß mein kleines Lied nicht mehr.
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Mutter.
Von Alfred Kunze. Solang schon ließ sie uns allein, Mußten wir Kinder einsam sein, Mußten, vom leersten Weh zerrissen Mütterchen unter den Narren wissen. Suchte mein Herz sie fern und nah — Aber Mutter war nicht mehr da. Keine Antwort, wie wir auch lauschten, Lind die Jahre rannen und rauschten ... Langsam ist sie wiedergekommen, Hat mein Herz in die Hände genommen. Alles gelöst, was mich beschwert Hat mich wieder das Kindsein gelehrt. Ad am Abend, wenn zwischen den Dinge» Einende Drücken der Dämmerung schwingen, Wunsch und Sehnsucht müde sich neigen ,.. Dann hör ich meine Mutter schweige».
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Gebet.
Von Dogislav v. Selchow. Lieber allem irdischen Geschehe» Ewig, ohne Sei» und ohne Art,


