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Samstag, 16. Dezemver
1922 — Nr- SO
Bismarck in den Erinnerungen seines Oberförsters.
Bei einem großen Manne ist auch das Unbedeutendste wichtig, denn diese kleinen Züge des alltäglichen Lebens eröffnen nicht selten Ausblicke in die Liefen seines Charakters. Gewinnen so bei Goethe Erinnerungen feiner Diener und Abschreiber besondere Bedeutung, so ist dies nicht minder bei Bismarck der Fall. Deshalb ist es eine wahre Bereicherung unserer Kenntnis vom Wesen des ersten deutschen Reichskanzlers, das sein Oberförster und langjähriger Verwalter in Darzin, E r n st Westphal, noch als Sechsundachtzigjähriger seine Erinnerungen an den Fürsten ausgezeichnet hat, dije soeben unter dem Titel „B i s m a r ck als Gutsherr" bei K. F. Köhler in Leipzig erscheinen. Bismarck befaß die altgermanischr Liebe zum Wald. Die weiten Forsten und der prächtige Park haben ihn hauptsächlich dazu veranlaßt, gerade V a r z i n zu kaufen, und wenn er sich geärgert hatte, hob er wohl die Faust gegen die alten starken Eichen, Buchen und Kiefern und sagte drohend: „Ihr seid schuld daran, daß ich Darzin gekauft habe." 3m Walde fühlte er sich wohl und frei. „Hier erreicht mich kein Depeschenbote!" sagte er dann wohl ausatmend. „Wenn ich gefrühstückt und gezeitungt habe " so hat er sein Leben in Darzin beschrieben, „wandere ich mit Jagdstiefeln in die Wälder, bergsteigend und sumpfwatend, lerne Geographie und entwerfe Schonungen." Das Pflanzen von Bäumen war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, und der Oberförster erzählt uns davon, wie der Anblick einer gutstehenden Schonung den in ärgster Verstimmung aus Berlin kommenden Fürsten plötzlich aufheiterte, so daß er in bester Laune nach der Fahrt vom Bahnhof auf seinem Gute ankam. Aach der Rückkehr aus dem Feldzuge von 1870 erzählte er Westphal: „Wie die Franzosen herausgekriegt haben, wo Var» 8In liegt, ist mir wunderbar. Denn sie haben in die Ostsee eine Flotte geschickt mit dem besonderen Auftrage, Darzin zu zerstören. !M>er was hätte ich mir daraus gemacht, wenn sie den alten Kasten abgebrannt hätten?! Darm hätte mir der Kaiser sicherlich ein schönes neues Haus aufbauen lassen." Als aber darauf der Förster leise erinnerte: „Durchlaucht, der Park!", da fuhr Bismarck ganz erregt auf: „Was? Meinen Park hätten die verfluchten Kerls abgesengt? Das wäre freilich ein harter Schlag für mich gewesen. Auch als Jäger stand Bismarck in jüngeren Jahren feinen Mann, und besonders gern ging er auf die Saujagd. „Zu seinem Leidwesen traf er in späteren Jahren immer schlechter," erzählt Westphal. „Es ging ihm wie seinem Oberförster: in der freien Luft wurden ihm die Augen feucht. Und das '-Anstehen auf Sauen wurde ihm zu sauer. Aergerlich gab er das Jagen auf."
Als Landwirt kümmerte sich Bismarck um alles. Er hatte das Gut in ziemlich schlechtem Zustande übernommen, und je genauer er die Forsten und Ländereien kennen lernte, desto reichlicher flössen seine mündlichen Befehle; fast täglich gab er neue Anweisungen. Daß dabei auch Irrtümer vorkamen, war natürlich, aber er ließ sich auch belehren. Zunächst stöhnte er so über die großen Ausgaben für künstlichen Dünger; als er aber dann den Unterschied gesehen hatte, der zwischen der Wirkung des künstlichen und des Stalldüngers auf Roggen bestand, sagte er: „Westphal, säen Sie keine Wetze Roggen mehr ohne künstlichen Dünger." W i e hoch er die Landwirts cha f t stellte, geht aus einer Aeußerung hervor, die er wiederholt zu feinem Oberförster tat: „Wenn ein Landmann zwei Söhne hat, von denen der eine dumm, der andere klug ist, dann läßt er den Dummen Landwirt und den Klugen Geheimrat werd«;. Aber was tue ich Mit einem dummen
Landwirt, der doch der Mann der Situation sein muß?! DiÄ weiter komme ich mit einem dummen Geheimrat, der einfach nach feiner Instruktion arbeitet." Auf feine landwirtschaftlichen Kenntnisse war er stolz. „Westphal, ich bin doch der einzige Minister, der weiß, wie es auf dem Lande eigentlich zugeht," äußerte er öfters. Als er dem Reichstag das Spiritusmonopolgefeh vorlegte, sammelte er im Varziner Krug seine Erfahrungen, und als die Dampfkesselrevisionen in Darzin Mißstände zeigten, sorgte er dafür, haß ein Gesetz zur Gründung eines Dampfkesselrevisionsvereins erlassen wurde. Ebenso wurde das Freizügigkeitsgesetz durch dis Erkundigungen beeinflußt, die er bei den Varziner Arbeitern und Handwerkern einholte. Äeberhaupt stand er mit seinen Leuten auf gutem Fuß, sorgte für ihr Wohlergehen und war auch im Kleinen em „praktischer Sozialreformer". Als ein rechter Gutsherr dachte Bismarck an sein Darzin nicht bloß, wenn er da war, sondern auch mitten in den Aegierungsgeschäften. Da Darzin Erträge abwarf und Friedrichsruh nur kostete, klagte er oft über den „verdammten Fürstentitel" und meinte im Juni 1871 zu Westphal: „Als Graf wäre ich jetzt wohlhabend, aber als Fürst bin ich arm. Ich brauche ja nicht zu repräsentieren, aber mein Sohn muß das doch einmal können." Ein Zeugnis dafür, wie eng ihm Darzin ans Herz gewachsen war, ist eine Aeußerung des Grasen Lehndorff, die dieser nach der Beisetzung der Fürstin 1899 zu Westphal tat: „Sie wissen sehr viel von der Familie Bismarck, aber eins wissen Sie nicht, was Ihre Person betrifft. Ich bin sehr oft beim Fürsten in Berlin gewesen, wenn gerade ein Bericht von Ihnen ankam. Sofort legte er alle anderen Sachen zur Seite, .und wenn es die wichtigsten Staatsgeschäfte waren, und las Ihren Bericht. Oesters sagte er dazu: „Ich werde mich den Teufel hier länger mit den Sozialdemokraten und greif innigen herumärgern, ich werde nach Darzin gehe« und Westphals Stelle einnehmen."
Aus dem Göttinger Musenalmanach auf 1323.
Dem diesjährigen Göttinger Musenalmanach (Hochschul- Verlag G.m.b. H. Göttingen), den BörrieS Frhr. v. Münchhausen vor 25 Jahren zum ersten Male herausgab, gibt der Herausgeber ein interessantes Borwort mit, in dem er über die Seele des deutschen Studenten von heute einige, sozusagen urkundlich beglaubigte Angaben machen zu können glaubt. Wir geben das Wesentliche hier wieder:
Es waren zur Mitarbeit die Jahrgänge von 1914 bis 1922 aufgefordert, d. h. also zum großen Teil Herren, die in Friedenszeiten kaum noch, oder überhaupt n i ch t Studenten gewesen wären. Dadurch war der Altersdurchschnitt ein höherer als bei unseren früheren Almanachen, und die Kriegs-- und .Umsturz-Ichre müssen auch hier doppelt zählen. Gedichte von Männern, die so viel durchgemacht haben, sind dunkler durchschattet, als die von Unerfahrenen.
Sehr bemerkenswert war mir zunächst die gewaltige Glaubensbewegung der Jugend. Heinesche Spöttelei, die früher gang und gäbe war, ist völlig erloschen. Bedeutsam scheint mir auch eine gewisse Abkehr von Wittenberg und Hinneigung nach Rom, — bei einigen der Herren, die ich aus ihren Liedern unbedingt für katholisch hielt, belehrte mich erst der Briefwechsel über ihr Luthertum. Die politische Einstellung der Studentenschaft ist nicht schwer zu errate«. Eih.


