Ausgabe 
16.9.1922
 
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Der Textilarbeiter Hubert Bätzli arbeitet seit 6 Jahren in der Spinnerei und BZeberei Ettikon (Danton Basel).Arbeiter mit mehr als öjähriger Beschäftigung an einer Dienststelle erhalten 14 Tage Urlaub" (§ 26 des Tarifvertrages). Däßll bestellt also im Hotel Imperial zu Braunlage für sich sein Gemahl und 4 Kinder von 512 Jahren eine Zimmerflucht von 6 Baumen. Bolle Pension für Tag und Zimmer 500 Mark." Macht 3000 Mark, dazu Trinkgeld und Wein, na, sagen wir, alles in allein 4000 Mark. Bleibt vom Lagelohn noch so viel übrig, um alle sechs neu auszustaffieren und die Reise (2. Klasse) zu bezahlen.

Wir Chatten von Onkel Hermann eigentlich nur eine Base zur Hochzeit erwartet. Die schenkte er immer. Sie war aus Kristall, mast 32 Zentimeter ht der Höhe und kostete Bei Hubekind u. Cie. 23,50 Mark. Aber ich war ja doch der Lieblingsneffe von Onkel Hermann. Und das sollte sich herrlich erweisen.

Nicht Land will ich Euch schenken, so sagte der Onkel mit seiner pastoralen Stimme, sondern etwas von bleibendem Wertei

Und er überreichte uns ein Sparkassenbuchs über 200 Mark.

Wir wollen es als äußersten Notgroschen hinlegen, sagte meine Frau.

Albrecht Wassermann, Besitzer des Bades und Hotels Gelbenbrunn, hatte sich aufgehängt. Es kam zuviel zusammen: Der preustische Landtag hätte abermals die normalspurige Neben» bahn (15 Km. Länge) nach Gelbenbrunn abgelehnt. Und der Badearzt hatte endgültig festgestellt, dah der ,,radiumhaltige Eisensäuerling" von Gelbenbrunn im Laufe der Jahre sich in ein mästiges Leitungswasser gewandelt hatte.

Aber Wassermann wurde abgeschnitten und ins Leben zurück- gerusen (Was nach Mayer u. Honigmann, Statist. Tabellen, Band III,' ©. 428, nur auf 23 428,6 Fälle einmal vorkvmmt. Aber Wassermann war eben dieser 23 428,6. Fall.)

Der Badebesitzer kehrte Gelbenbrunn den Rücken und nahm (in seinen Jahren!) wieder eine Anstellung: Oberkellner im Grand Etablissement Moulin rouge", das aber (4. August 1914) sich ausverdienstlichen" GründenVergnügungsstätte Dater- land" benannt hatte. Und so wurde natürlich Wassermann in einigen Jahren ein schwerreicher Mann.

Gestern verlangte feine Frau, daß Finchen und Lieschen rm Oktober auf ein Jahr nach Montreux in Pension geschickt würden.

Aber, das geht doch nicht so, murrte Wassermann. Das kostet eine runde Million. Die hat man doch nicht so liegen.

Und die Flaschen?

Richtig, das könnte man machen.

Und er verkaufte das in einem alten zusammengebrochenen Sckuppen des immer noch leerstehenden ehemaligen Bades be­findliche Flaschenlager. In den Flaschen wurde das Gelbenbrunner Tafelwasser damals auf die Dörfer und Städte versandt. 1914 wollte keiner die Flaschen. Nicht geschenkt! Der Transport! Die Verpackung! Heute erlöste Wassermann für das Stück 10 Mark. Die Million war da.

Lieschen und Finchen kommen nach Montreux.

Als Detter Leopold neun Jahre alt war, frag ihn mein Vater einmal, was er denn werden wolle.Krupp sagte Leo­pold undMillionär". Denn von Krupp stand eine Geschichte im Lesebuch für die unteren Klassen. Leopold ist denn aiich wirklich nach! Essen gekommen. Allerdings zunächst nur als Dipl.-3ng. und Oberle'Hrer an die Maschinenbauschule. Jungst war der Feuerversicherungsagent bei ihüi.

Sie müssen nachversichern,' Herr Dipl.-3ng.

Schön, wenn das sein mutz. r , rm-,,

Leopold 'Bat eine hübsche Ausstattung an Möbeln unb Wasche. Und einen Flügel. Auch eine Bibliothek. Alles in allem yatte er das, als er 1912 den letzten 10jährigen Abschluß machte, mit 18 000 Mark versichert.

Wie hoch! meinen Sie, dast ich jetzt versichern soll>

Man nimmt heute allermindestens das sechsfache

Gut Also sechzig mal 18 000 Hm. Mein -'etter Leopold wurde bleich Er war Millionär geworden.

Recht fo, Kinder, predigte der Onkel. Das war vor 15 Jahren

---Ich Habe mir gestern 1 Pfund Leberwurst sür den No tg röschen gekauft. *

Als ich ihn zuletzt traf,machte" er in expressionistischen Gedichten. Dabei kann kein Mensch fett werden. Jetzt traf ich ihn in Salzburg auf der Terrasse des Kaffees Tomaselli. Er hatte fick- ein Bäuchlein zugelegt unb sah auch sonst durchaus wohlgefällig aus.

Also ausgezeichnet geht es mir. Wie? AH, so: Ich be> fördere Briefe.

Briefträger?

Aber nicht doch!! Seh' ich etwa aus, als

Als ob du arbeitest? Das hast du nie getan!

Aber erlaube mal! Ich habe tägliche mindestens 2000 Brief­marken aufzukleben und die Briefe zur Post zu tragen. Sieh mal: Hier in Oesterreich kostet doch der Brief 25 Kronen. Macht bei uns in Berlin 40 Pfennig. Die Deutsche Reichspost tut es zu eben dieser Zeit aber nicht unter 3 Mark. Nun gibt es doch viele Briefe, die einen Tag oder zwei warten können, nicht wahr? Z. D. wenn d u mir schreiben würdest da käme es dir gewist- lich nicht auf 48 Stunden Unterschied an?

Kann schon sein!

Also: Meine Frau Hat in Berlin C» 2 eine Wohnung. Da nimmt sie die Briefe an. Unfrankiert. Und berechnet für das Stück nur 2 Mark. Innerhalb Deutschlands und Oesterreichs. Abends mit dem Münckener Schnellzug sendet sie mir das Paket mit denEinkäufen". Am andern Nachmittag schon ist es Hier. Ich frankiere die Briefe mit je 25 Kronen. Und mir bleiben, die Spesen für Anzeigen, Porto usw. abgezogen, an jedem Bries 1,20 Mark. Das täglich mal 2000 siehst du!

Ich spracht meinen Glückwunsch aus.

wurde, übertrug er die Firma Franz Walther 'Kummer an feine Söhne Kurt und Hermann. Und gab ihnen von den acht Millionen seines Vermögens fünf. Den Rest aber von 3 000 000 Mark (und die schöne Villa, die Messel gebaut Hat) behielt er und legte fein Geld in 4proz. Reichsanleihe fest und sicher an.--Ms

er am 15. August 1922 in die Zeitung schaute, konnte er fest­stellen. dah sein Einkommen etwas geringer geworden war, fo ungefähr das eines Wegearbeiters betrug es noch. Er h<tt ferne Söhne um Unterstützung bitten müssen. Denn diese sind noch immer die reichsten Leute in Obermittelsburg.

Und noch einmal von der Zukunst.

Don Wilhelm Schüssen*).

Neulich besuchte mich mein Vetter Christian. Er sah gerade noch so aus wie vor drei Jahren oder vor dreißig; er schien überhaupt nicht zu altern; sein Haar war braun; sein bartloses Wettergesicht war eigentlich unverändert; feine weihen, breiten Zähne hatte ich schon in meiner Jugend bewundert; er besah sie Heute noch. Er brachte einen jähen Wirbel von Freiluft und Sonnenbeize in die Stube herein. Gr war immer noch mit seinem alten chronischen Husten behaftet, den ich ebenfalls noch aus meiner Jugendzeit in den Ohren hatte; wenn er nun weitere zehn Jahre so forthustete, war er fünfundsiebzig.

Ich habe nachher eine Ausschuhsitzung. Ich bin beim Bauern- rat, sagte er indem er Stock und Hut auf den Ehzimmerttsch legte.

Beim Dauernrat!" Ich hielt mich an der Tischkante fest, um nicht umzufallen.

Sie Haben mich gewählt", sagte der Vetter mit seinem be­kannten, faunischen Lächeln, ans dem ich mein Lebtag nie klug werde. Dann zog er ein Päckchen aus der äußeren UeberzieiHer-

) In einem Bei Eugen Salzer in Heilbronn verlegten Bänd­chen Hat der Derfasfer kleine lustig-ländliche Geschichten vereinigt, wovon hier eine mitgeteilt fei.

Als ich den Kantor Schumacher in Cbiswalde auf einer Wanderung kennen lernte, war er in schwerer Bedrückung. Er hätte gern das kleine Häuschen am Rande des Städtchens ge­kauft (4 Zimmer, Stallung und 3 Morgen Acker). Aber: 15 000. Mark? Ob man 6a auch immer die Zinsen der Hypothek von 8000 Mark aufbtingen könne? Mit sieben Kindern? Ich riet dringend dazu. Bei seiner Emsigkeit und Tüchtigkeit! Das war 1912 gewesen. Der Kantor und seine Frau hatten aus ihrem Besitz ein Keines Paradies gemacht. Blumen und Fruchtpyra­miden, Dienen und Hühner und Kaninchen, ein Schwein, eine Ziege---Idylle! Aber nun war die Hypothek fällig. In

Geldsachen blieb der alte Herr ein Kind. Ich mutz raten. Eine neue nehmen? Nein, das wollte er nicht. Geld von der Sparkasse? Nein, so viel hätten sie nicht. Wir waren dabei gemeinsam durchs Haus gewandert. Da standen noch die beiden schönen Kinder­wagen,Prima Drandenburger Fabrikat", die er zuletzt vor 8 Jahren nötig gehabt hatte! Alles sorgsam geputzt, verpackt und eingefettet peinlich, wie alles bei Kantors. Schu­macher 'Ijat sie auf meinen Rat für 8000 Mark verkauft und die Hypothekabgestotzen".

Der Hausbesitzer Anton Maier zu Treuenlietzen hat das immer so gehalten: In jedem Stockwerk ein Handwerker. Das ist gut für billige Instandhaltung des Besitzes.

Also: 3m ersten Stock w-o'hnt der Maurer. Der hat neulich die Wände außen und innen etwasaufgefrischt". (Es war se'Hr nötig!) Dafür rechnete er aus alter Anhänglichkeit nur 2400 Mk. (Der Gesellenlohn Beträgt ja schon 51 Mark die Stunde.) Anton Maier hat ihm dafür auf 3 Jahre die Miete erlassen.

3m zweiten Stock wohnt der Anstreichermeister. Der hat für zwei Wochen Pinselei 4200 Mark erhalten. (Das ist billig!) Anton Maier hat ihm auf 6 Jahre die Miete erlassen.

3m obersten Stock wohnt (wie nur natürlich) der Dach­decker. Das Dach! zu reparieren kostete 2450 Mark. (Es waren eben nur kleinere Arbeiten.) Anton Maier 'Hat ihm auf 5 Jahre die Miete erlassen----

Die Hypothekengläubiger Maiers beantragten gestern die Zwangsversteigerung seines Grundstückes Krumme Linie Nr. 2P/8.