Ausgabe 
15.4.1922
 
Einzelbild herunterladen

- BO -

Dies die Geschichte von Pitter Poerten. Der Sprecher lehnte sich zurück. Er hoffte mit seiner Erzählung den Dann des Schwei- gens zu brechen, hatte sich aber getäuscht, denn nun lag doppelte Beklommenheit über der kleinen Schar. Der Aelteste der Runde meinte nämlich, dah der jetzige Deichvvgt so aussehe, tote ihm seine Eltern jenen älnglücksbringer geschildert Hütten: Lang und hager, im Gesicht herbe Züge und scharf« Augen.

Leise hatte der Fremde aufgelacht und toar hinausgegangen.

Seine Hand lag geballt am Herzen, als wollte sie etwas, was Schmerzen bereite, erdrücken. Seine Blicke glitten über den Strom, in dessen Macht es stand ob wieder Glend kommen sollte.

In dessen Macht? Mit allem Trotz wollte er gegen die Raturgewalt angehen, er muhte es muhte gutmachen, was ein anderer verdorben, muhte erlösen, was jenen Schuldig ge­macht hatte. Der Alte hatte schon recht er gleiche Pitter Poerten kein Wunder, sollen doch Menschen ihren Groß» eitern 'am ähnlichsten sein und jener Deichvogt toar sein Ahne.

Dem hatte später die Rachetat Reue bereitet. Mitleid mit den älnschuldigen, denen er Drangsal und Verderben schuf, ging über das Gefühl des Hasses zu jenen, die ihm Glück und Leben vernichtet hatten. Da nahm er in früher Sterbestunde von Dem Sohne das Versprechen: Versuchen wettzumachen was er sündig begangen. Jener aber fand im Leben nicht hierher, und so hätte der Enkel die Sühneaufgabe des Geschlechtes übernommen.

Sollte ihm eine Tat die der andern im umgekehrten Sinne gleichkomme, gerecht werden?

Die Entscheidung muhte bald kommen. Leises Zittern, tote wenn Wind über ruhigen Wassern spielt, stand im Spiegelbild des Mondes. Ruhe und Frieden nur aus der Tiefe des Rheines begannen Aechzen und Stöhnen heraufzutönen, denn der Titane verstärkte den Druck, den er gegen die Panzerung der Eisfläche stemmte.

Mit Stunden rechnete noch der Vogt und wollte die Männer bei ihren Teuren lassen. Früh genug würden sie in brandendem Sturme stehen, früh genug vielleicht würden sie mit ihm weg- gerissen werden.

Mit Stunden da kam Donnern, ein einziger, unheimlich brüllender Schlag vom Rheine her. Keine ersten Zeichen brauchten gegeben zu werden dieses Krachen hatte alle Männer an die Hebel, die riesige Steinmassen dem Eise entgegenschleudern sollten, gezogen.

Krampfst arre Hände lagen an den Hölzern, bleiche Ge­sichter kündeten den Gipfelpunkt der Gefahr.

Aus einer Erhöhung stand der Deichvvgt, brennende Fackeln in den Händen. Wenn die in die Höhe geworfen würden, sollten die Männer alle Kraft ihrer Muskeln und ihres Willens einsetzen.

Dem Donnergetöse folgte nichts. Duhig lag der Strom ruhig die Flur. Minutenlang dann begann die Erde, aus der man stand, zu ächzen, zu beben, unheimlich war dieses Zittern stärker und stärker hämmerte es an, fast rhythmisch gingen die Schwingungen mit angstgejagten Herzschlägen. Hier fühlte jeder schaudernd: eine Raturkraft, die Berge niederreihen konnte, war am Wirken, älnd dann das kleine Menschenhäuslein auf den Wällen, und dann die armseligen Ketten die Menschen in wer weih wie vielen Jahren dem Riesen Rhein mit Dämmen und Wehren gegeben hatten.

Wie Arbeiter, wenn sie schwere Last zu bezwingen haben, in ihrer Anstrengung Pause machen um Atem zu schöpfen, so setzte auch der Dhrin mit seinem Änpressen gegen die Dämme aus. Aber immer kürzer wurden die Unterbrechungen, stärker und stärker schwankte der Boden wühlender wurde die Wasser­fläche, Knirschen und Rollen flieh heftiger herauf und einmal wieder ein entsetzlicher Schlag, ein Tosen, wie zehn Gewitter es nicht donnern können in der Mitte des Stromes warf es sich meterhoch empor, Eisklötze und Wasser stürzten zurück und wälzten eine mächtige Woge gegen die Ufer. Wie eine Schlange kroch sie heran. Das Mondlicht hauchte sie an zu lebendigem Gift, irrsinnig ängstliche Augen erkannten stammdicke und felsgroße Eisblöcke nur mehr hundert Meter entfernt, fünfzig, dreißig das Zeichen noch immer kam es nicht jeder Atemzug bangte Darum noch zwanzig mächtig reckte sich die Woge auf, gespenstig stand sie über und vor den weiter nichts als Furcht gewordenen Menschen das war der Tod, der seine Sense hob das war Rot, die ins Land wollte da, dort wo ungefähr der Deichvvgt stand, glühend« Funken in der Luft ein x -packen und Stemmen, Reihen und Drängen dem an- tvsenden Unglück wälzten sich Steinmassen entgegen in Donner- getöfe und Krachen, in Spritzfluten und Eisschlägen, in Erde- bebenschwanken des Bodens vergingen die nächsten Augenblicke.

Keiner stand, wo sein Platz gewesen war. Sie waren toeg- geschleudert worden wie Flugsamen, mit dem der Sturm spielt. Keiner- hatte Dewuhtsein, keiner konnte sagen, ob der Damm gehalten hatte, oder ob sie jetzt daheim auf den Speichern sahen und zusehen muhten, wie das Vieh in cmbrausenden Fluten ersoff.

Als dann einer soweit war, bah et aufstehen und umher» schauen konnte, fand er um sich hochgeworfene Eisschollen, wirr aufeinandergehäuft, Steine und Balken dazwischen, sah große, grünweiße Schollen auf dem Strome ziehen, eng aneinander­

gedrängt, aber fte trieben da wußte er, Satz das GiS ge­brochen, daß der Damm der Wut des Stromes getrotzt hatte, erkannte, dah die Heimaü daß sein Haus, sein Weib und sein« Kinder gerettet waren. Das Wort, das vor Freude über sei«« Lippen kommen wollte, wurde zu gellendem Schrei.

Gerettet I Dankgebete gingen durchs Land, nun jauchzte alles doppelt freudig dem Feste zu ergötzt« sich selig am Frühlings» leben, das nach der Kälte schnell neu und üppig erstand. Di« Befreiung aus bangem Schrecken zog schöne Saat auch vor das Haus dessen, dem man sie schuldete.

Erst hatte man dem Beginnen des Deichvogts feindlich gegen­über geflanden, wußte nicht, was Steine und Stangen sollten aber jener war zuviel Herr, als daß man gewagt hätte, ihm zu trotzen. Jetzt erkannte man die Gröhe seiner Tat und bot die Gemeinden auf, daß sie Große und Kleine sandten, um Dank »u sagen.

Am Ostersonntag zog e» vor dem Beginn der Kirche die Straß« einher. Erwachsene in Festkleidern, Bürger in Samt­baretten, Dauern in feinbunten äleberwürfen, Kinder mit Blumen und Kränzen in den Händen. Dor dem Hause des Fremden machte man halt und eine Abordnung von Männern ging in das HauS, um dem Deichvogt Gaben zu bringen und ihm dankende Worte zu sagen.

Aber wie sie suchten, sie fanden den, dem die Ehre zuteil werden sollte, nicht. Memand wußte überhaupt zu sagen, o» der Fremde zurückgekehrt sei oder nicht, niemand hatte ihn seit jener Rächt wieder gesehen.

Da kam eine Lücke in viele Freude, denn einige wollten glauben, daß der Deichvvgt ein Raub der Wellen geworden sei, ander« aber meinten, daß höhere Mächte ihn gerufen hätten. Es sei nämlich sonderbar, dah auf das Grab der Hexe Veilchen und Schneeglöckchen gepflanzt worden seien. Das könne niemand anders getan haben als der Fremd«.

Die Hautwirkung.

Flieht ein elektrischer Gleichstrom durch irgend eine metallisch« Oeitung z. D. durch einen Kupferdraht, so wird der ganze Quer­schnitt des Drahtes vom Strom durchflossen, so ähnlich wie daS Wasser in der Wasserleitung den ganzen Rvhrquerschnitt durch­flieht. I« gröber der Querschnitt, desto stärker ist der Sttom. Ganz anders verhält sich ein Draht einem Wechselstrom gegen­über, besonders bei Wechselströmen, deren Richtung in der Sekunde nicht 50 bis 100 Male (wie bei gewöhnlichem^ zu Licht- und Kraftzwecken benutztem Wechselstrom), sondern viele Tausend Male wechselt. Dei Wechselströmen hoher Wechselzahl flieht der Strom nicht mehr durch das Drahtinnere, sondern er zieht sich auf die Oberflächenschicht des Drahtes zurück: Bei Hochfrequenz, wie beispielsweise den bekannten Teslaströmen, flieht der Strom in einer äußerst dünnen Haut der Drahtoberfläche (Hautwirkung, Fremdwort: Skinesfett). Der Grund für dieses merkwürdige Verhalten liegt in der gegenseitigen Induktion; die inneren Strvmfäden unterliegen der Induktion durch die Rachbarfäden stärker als die äußeren. Mit der Hautwirkung hängt zusammen, dah Strome tote die Teslaströme trotz ihrer hohen Spannung beim Durchgang durch den menschlichen Körper vollständig un­gefährlich sind: allerdings spielen hierbei auch noch andere Gründ« mit. Die Hauttoirkung ist eines von vielen Beispielen, welche zeigen, daß man vorsichtig sein muß, die Gesetze des Gleichstroms ohne weiteres auf die des Wechselstromes zu übertragen. Eh.

Ofterrus.

Von Otto Promber.

Osterläuten

Soll bedeuten:

Klirrend sank di« eis'g« Schranke Winterlicher Kerkerhaft;

Schöpferischer Ärgedanke Ring dich auf zu neuer Kraft! Junge Bronnen schäumen nieder, Von der Scholle Duft urnwsht, Primelsterne leuchten wieder.

Jeder Klang der Lerchenlieder Ist inbrünstiges Gebet!

Osterläuten

Soll bedeuten: Aus vergrämten Menschenseelen Dringt ein neuer Lebensschrei. Laß dein Trauern hinter Mauern. Leuchte! Glühe! Werde frei! Aus den Tiefen mußt du ringen! Rach den Höhen mußt du seh'n! Hohickieder sollst du singen, Reu« Sehenswerte bringen, Auswärts zur Vollendung geh'n!

SchriMitung: Augu« Goetz. Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.^Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießern