Ausgabe 
15.4.1922
 
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gültig. Das Bißchen, was er für seine Lebsucht brauchte, würde er schon noch verdienen. Ernstlich: er gedachte seine sieben Sachen zu packen und weit fort seßhaft zu werden, wo ihn kein Mensch kannte. Etwas freilich würde er überallhin mitnehmen: das Be­wußtsein seiner Schuld. Sern Leichtsinn hatte sein Kind zum Krüppel gemacht, hatte sein Weib in den Tod getrieben, hatte Heinis tödliche Krankheit verschuldet. Es gab ja Menschen, die sich über alles, auch über das Schwerste, hinwegsehten: er konnte es nicht, er würde die Last mit sich Herumschleppen, bis ihn der Gensemann davon befreite.

Nebenan in der Stube knarrte die Diele. Gr horchte auf. Ging fein totes Bübchen um? Ach Gott, das sprach man so hin und glaubte nicht daran. Seinen Heini hatten sie in den Grund versenkt, auf dem lasteten die schweren Schollen, der stand nicht mehr auf.

Da knarrte es wieder. Gr muhte doch einmal nachfchauen, was das war. Seltsam! Es lag ihm wie Blei in den Gliedern.

Debus, Debus, gelt, du hast Angst?"

Kohdonner! Er und Angst. Zum Lachen! Seine Riefen- fdufte schlugen den leibhaften Teufel zu Breit

Ann erhob er sich und öffnete die Zwischentür. Aus dem Halbdunkel, das in der Stube herrschte, traten die Umrisse einer Gestalt hervor.

Er tat ein paar Schritte vorwärts.

Wer ist da?"

Guten Abend, Debus!" klang's ihm entgegen.

Wie vom Dlih getroffen zuckte er zusammen. Jesus, di« Stimme! Sein Haar sträubte sich, und er zitterte wie Espenlaub. So war's doch kein Ammenmärchen. Wahr und wahrhaftig! Die Toten gingen um.

Guten Abend, Debus!" klang's von neuem.

Es wehte ihn eisig an, daß er dachte, es wiirfe ihn nieder. Doch hielt er sich aufrecht, schwankte zum Tisch und tastete über die Platte hin. Wo mochte das Feuerzeug sein? Gott sei Dank! Da war's. Licht, nur rasch Licht.

Das Hölzchen flamKe auf. Da stand die Lampe. Die brachte er mit zitternden Händen in Brand.

Gelt, Debus," rief die Stimme wieder,du kennst tnich nimmer?"

@t- gab sich einen Ruck und drehte sich um.

Tod und Teufel! Das war kein Geist. Das war die Traud, tote sie leibte und lebte.

Traud!" schrie er auf, daß das Fenster klirrte.

Ja, die Traud," sagte sie leise.

Sie war in einem großen Kattunmantel gehüllt, auf dem Rücken trug sie eine Kiepe. Die stellte sie jetzt auf den Boden.

Im selben Augenblick schoß ihm durch den Kopf, was die Mimel in ihrem Argwohn geäußert hatte:

Ich will dir sagen, wo die Kiepe hingekvmmen ist. Deine Frau hat sie mitgenommen. Glaubst du dann wirklich, daß sie sich den Tod angetan hat? Ich glaub's nicht. Was ein. echtes Hausiererblut ist, das kann das Walzen nicht lassen."

(Schluß folgt.)

Der Fremde.

Eine Oflererzählung

von Johannes Heinrich Braach- Duisburg.

Früher Frühling des Jahres 1571 hatte schon Mitte März am Riederrhein Seidelbast blühen und Kinder auf Wiesen und Hängen erste schüchterne Maßliebchen und blahgelbe Schlüssel- blumen pflücken lassen. Dauern gingen hinter Pflügen und Eggen oder streuten Saat, Friede lag im Land, Zufriedenheit und Glück sprossen aus svnnenbeschienener Scholle und zogen in Häuser hinter Gärten, Bäumen und Büschen. Ratur und Menschheit bereiteten sich festlich aufs Osterfest.

Aber frohe Lieder, die junge Lippen sangen, waren zu früh cmgeflimmt.

Erst formte der Rhein nur uferentlang kleine Eisstreifen, dann aber sammelte er in sich an Kraft, was er aufbieten konnte, zog aus immer kälter werdenden Lüften Milliarden von Silber- perlen, baute sie aneinander, trieb rundweiße Schollen dem Meere zu wenige hier und dort eine aber es wurden mehr unzählige da ging Rauschen stromab, wenn die Tische der Möven sich aneinander rieben, sich zerkeilten und zerschlugen. Aber einmal endigte jenes raunende Geräusch, irgendwo hatte sich das Heer der Eisschollen gestaut, jetzt baute sich eine weite Drücke herüber und hinüber. Die Fläche wurde so stark, daß eine Hochzeit von zwanzig vollbesetzten Wagen hinüberfahren konnte.

Freude der Jugend. Tags und abends wollte es nicht stille werden vor 'Lachen und Jubeln auf der weißen Ebene. Rur ältere Leute gingen umher und trugen Gesichter, als hockten ihnen Griesgramteufel im Racken.

Angst fließ von Dorf zu Dorf, machte Rücken gebeugt vor Furcht, und Arbeitshände schlaff vor banger Erwartung. Wenn rascher Tau eintrat, wenn der Druck gegen Ufer und Dämme verzehnfacht wurde, dann mußte Anglück über das Land stampfen, Wehre mußten brechen, Fluten würden Werte von fünfzig Jahren Wohlstand und Glück von taufenden von Menschen vernichten.

Der Deichvogt rief Männer und Frauen an die schwächsten Stellen der Dämme. Gisenhebel ließ er aus Baumstämmen und Balken errichten und darauf Massen von Steinen und abge­tragenen Mauern legen, und zwar so, daß sie leicht gegen an- donnernde Eisklötze geworfen werden konnten.

Wenn Seen ihre Decke brechen, hört man Krachen und Dröhnen des berstenden Eises meilenweit, das mußte auch hier kommen. Aber noch lag Stille rheinab und -auf. Rur Rufe bei den Wällen, auf denen man Wachthütten erbaut hatte wurden laut.

In einem dieser Häuschen sahen nachts Männer um ein Feuer. Selten fielen Worte, die Verbindung von H<rz zu Herz fehlte, denn der Deichvvgt saß dabei.

Der Bogt! Groß war feine Gestalt und hager. Als Fremder war er gekommen und fremd geblieben. Gr suchte niemanden, so wandte sich ihm keiner zu. Mädchen und Frauen gaben ihm heiße Blicke, er aber wollte nichts wissen und ging einsamen Weg Mond für Mond, Jahr für Jahr. Da suchte man ein Wort für ihn und fand kein anderes als dieses: Der Fremde.

Schon w'lbte sich- Mitternachthimmel über jener Wacht- runde, da begann Elaas Hierten zu erzählen von Pitter Poerten. Alle kannten die Geschichte, aber sie hörten zu, denn Wassergefahr und der Dammvogt der Großväter gehörten zusammen wie Haus und Dach.

Pitter Poerten faß auf dem größten Hof am Riederrhein und war ein geachteter Mann, bis ein Spielmann in den Wirt­schaften herumtrug, daß der Teufel auf dem Giebel seines Hauses bei Vollmond Hochzeit halte. Mit wem? Mit Poertens Weib, die Haare auf den Zähnen habe und für Fahrende böse Worte feil halte, statt hungrige Mäuler mit einem Happen Brot oder einem Lössel Suppe zu stopfen.

Da man zu jener Zeit in der Riederlanden Menschenfleisch Briet, so fiel auch verruchter Hexenwahn in ängstliche Dauern- gemüter deutscher benachbarter Gegenden. Jetzt wollte jemand gesehen haben, wie auf der Sauwiese Poertens gerupfte Hühner mit gelben Ebern Karten spielten. Wie er mit einem Knüppel dazwischen geschlagen habe, seien Schwefelgestank und Feuer aus der Erde gebraust. Das war nichts, alte Basen erzählten mehr. Die Hexe stehle der Kirche geweihten Wein, Magdhände könnten auf dem Poertenhofe keine Besen halten, so zuckten Stiele und Reiser verzaubert vom Ritt auf den Blocksberg. Wo Vieh sterbe, trage die Frau die Schuld, wo Krankheit ausromme, habe sie falsche Worte gesprochen. Jedes Anheil käme von ihrem sata­nischen Tun.

Drei Kreuze schlug man, wenn man an Poertens Hause vorüberkam, und lief, wenn sich die vermeintliche Hexe sehen ließ.

Der Deichvogt merkte den Wechsel im Benehmen der Dauern wohl, aber ehe er erfuhr, welches der Grund war, rollte schon Anheil über fein reiches Besitztum.

War Kirchweih im benachbarten Dorf. Getanzt wurde, ge­spielt und getrunken, was durch durstige Dauernkehlen laufen wollte. Lange nach Mitternacht farmen einige Burschen auf Streiche, Und wußten nichts besseres zu beginnen, als nach Poertens Hofe zu ziehen, und ihn, um die Hexe auszutreiben, anzustecken. Als erste Flammen zum Himmel lohten, jauchzte man auf und sprang vor Freude. Dann half man den Bauern, Knechten und Mädchen, den kleinen Sohn, etwas Hab und Gut, auch wenig Vieh zu retten di« Frau aber wars man ins Feuer zurück.

Als Poerten dies sah, ging ihm Erkenntnis auf und auch das Bewußtsein, daß er machtlos der Grausamkeit von Menschen, mit denen selber oder mit deren Vätern er sonst auf dem besten Fuße stand, preisgegeben war. Versteinert stand er, bis das Feuer di« letzte Diele seines Hofes verzehrt hatte und glühende Mauern einstürzten. Dann suchte er Schutz auf einem seiner beiden Vorhöfe. Gr blieb in seiner Heimat und im Amte des Deichvogts, nichts lieh erkennen, daß ihn eine Welt von denen trennte, die ihm überherben Schmerz zugefügt hatten. Rur das schied ihn von früher, daß er stumm wurde zu allen. Rur mit seinem Jungen sprach er.

Man zählte sich später, daß seine Augen verrieten, waS sein Mund nicht gestand: Haß und Rache.

Pitter- Poertens Tag, jener an dem er SühNe fordern wollte für erlittene Qual und nie heilende Wunde, lieh nicht lange auf sich warten. Hochwasser des Rheins sprang gegen die Alfer, doch fürchtete man nichts landein, denn günstige Nachrichten kamen vom Oberlauf. Man lachte über Sorgen, die man in sich getragen hatte lachte zu früh, denn die Wut Pitter Poertens öffnete Schleusen und vernichtete Wehre. Da brauste Flut über Wiese und Feld, drang in Ställe und Zimmer von Armen und Reichen, fraßen an dem Gut derer, die Schuld an dem Tode seiner Frau hatten, und brachte auch Schaden denen, die nie ungünstige Worte über sein Weib und ihn verloren hatten.

Wochenlang stand Wasser weit im Land, wochenlang mutzten Zehntausende zusehen, wie Wellen erst Rot, dann Armut und Verzweiflung brachten.

Als Leute auf Rachen zu dem Zufluchtsorte Pitter Poertens kamen, um dem Rächer den Strick zu drehen, fand man weder ihn noch feinen Sohn.

Rie hörte man etwas von ihnen, nie mehr sah man Blumen an der Stelle vor der Kirchhofsmauer, an der der Deichvogt Me verkohlten Aeberreste seiner Frau begraben hatte.