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tpteöet, mit einem langen weihen Hemde — dem SinnbW des Totenhemdes — angetan, eine Weibe Mütze ans dem Haupte und eine brennende Kerze in der Hand. Inzwischen sind auf den Altären die Lichter angezündet, der Priester tritt vor die Menge und segnet sie und den Fluh, der zur Taufe dienen sott. Msdann schreitet er in großem Ornat den Gläubigen voran; diese treten in das Wasser und tauchen dreimal bis zum Haupte unter um der heiligen Waschung und ihrer Gnade teilhaftig zu werden. Nachdem die religiöse Zeremonie Been&et ist, f^rden Zelte und Altäre wieder abgebrochen und man begibt sich aus den Rückweg, um noch rechtzeitig zum Osterfeste in Jerusalem
SorMfi inzwischen der „Gründonnerstag" feierlich begangen worden. Man begibt sich an diesem Tage zum Hügel von Sion (der vor der Stadt gelegen ist), um ein uraltes Gebäude zu besuchen, wo Christus nach der Legende das Abendmahl abgehalten hat. Jenes Gebäude wurde vor langen Zmten in eine Moschee umgewandelt, und der Zutritt zu ihr lst den Christen untersagt. Deshalb wird der Gottesdienst setzt außerhalb des Gebäudes abgehalten. Man errichtet die Altäre rings um die Mauern der Moschee, und die Gläubigen, die den Zeremonien beiwohnen, knien auf den dort befindlichen Gräbern der Mohammedaner nieder.
Am folgenden Tage, dem „Karfreitig", werden alle Laden in der Stadt geschlossen, in den Straßen wird es still, und sämtliche Pilger sind in der Kirche des Heiligen Grabes und um das Gebäude herum versammelt; denn trotz seiner gewaltigen Dimensionen kann das Gotteshaus die Menge der Gläubigen nicht fassen. Unter Führung eines Franziskanermönchs besuchen die Pilger die „Kapellen" in der Kirche, welche die „Stationen von Christi Leidensweg darstellen. Schließlich endet diese Feier vor dem „Heiligen Grabe" selbst. Bei jeder „Station" tritt ein Mönch, auf einen erhöhten Standort und hält an die Gläu- ■ bigen eine Anrede in sieben Sprachen: französisch, italienisch, deutsch, spanisch, englisch, arabisch und griechisch Die Teilnehmer an diesem Gottesdienste tragen jeder eine brennende Kerze in der Hand. Am Nachmittage macht man sodann eine Wallfahrt nach dem nahegelegenen Gethsemani und begeht unter stillen Gebeten den ehemaligen „Leidensweg" des Heilandes.
Der Karfreitag bringt für die Pilger russisch-orthodoxen Glaubens das eindrucksvolle „Fest des Heiligen Feuers". In der Grabkirche sind alsdann gegen sechstausend Aussen, Griechen, Armenier, Serben, Bulgaren, Albanesen, Aumänen und Syrer versammelt. Nach, der Legende kommt an diesem Tage das „heilige Feuer" vom Himmel herunter und entzündet zwei geweihte Kerzen, die vor dem Grabmal aufgestellt sind. Jeder Pilger, der an dieser Zeremonie teilnimmt, hält in der Hand eine Kerze mit dreiunddreißig Armen (zum Andenken an die 33 Lebensjahre Christi). Gegen Mittag erscheint die Geistlichkeit unter großem Pomp in der Kirche. Nachdem die Litanei des „Heiligen Feuers" gebetet worden ist, zeigt der Bischof der harreiäen Menge die zwei brennenden Lichter und unter betäubenden Jubelrufen der fanatisierten Gläubigen werden sämtliche von den Pilgern getragene Kerzen angezündet. Wenige Augenblicke später gleicht die Grabkirche einem ungeheuren, auf und nieder wogenden Lichtmeer.
Der Ostertag selbst ist angebrochen. Bon allen Türmen läuten die Glocken, von allen Häusern wehen die Fahnen. Wolken von Weihrauch erfüllen die Stadt, und von allen Altären erschallt der Choral: „Christ ist erstanden!" Jerusalem ist in einem wahren Taumel der Festesfreude und beschließt die strenge und ernste „Heilige Woche" mit lauter, echt orientalischer Fröhlichkeit.
Das Schmerzenskind.
• Bon Alfred Dock.
(Fortsetzung.)
Am Nachmittag bei herrlichstem Wetter war das ganze Städtchen auf den Deinen, der „Osterschlacht" am Söderberg zuzu- fchauen. Das war ein uralter Brauch der sich durch die Jahrhunderte hindurch, wenn auch in veränderter Form, erhalten hatte und — so behaupteten gelehrte Männer — den Streit des Frühlings mit dem Winter versinnbildlichen sollte. Sobald der Gottesdienst beendet war, rückten die Schulbuben mit Trommeln und Pfeifen aus und teilten sich am Fuße der Söderberges in zwei gleiche Aotten. Die eine, durch das Los hierzu bestimmt, besetzte den Gipfel, die andere schickte sich an, die ziemlich steile Höhe im Sturm zu nehmen. Der Kampf, der nun entbrannte, wogte lange unentschieden hin und her und gab gar manchem Gelegenheit, seine Kraft und Gewandtheit zu zeigen. Den Siegern wurden allerlei Preise überreicht, die die Väter der Stadt gestiftet hatten.
.Unter der Menge, die heute mit lebhafter Teilnahme der Osterschlacht folgte, befanden sich auch der Packer und sein Kind.
„Ich versteh' den Debus nicht," äußerte der Schreiner Werner aus der Gungelsgasfe, „daß er den Jung' hier herausfährt. Der ist neungescheit und muß ihm doch wehtun, wann er di» Buben sich balgen sieht und so erbärmlich in seinem Wägelchen sitzt."
Der Packer hatte es gut gemeint, fein lahmes Bübchen sollte
auch seine Festtagsfreude haben. Gr schob das Wägelchen hin und her, daß Heini alles überschauen konnte.
Seiner Gewohnheit entgegen war der Kleine auffallend still. Aus seinem schmalen, blassen Gesichtchen leuchteten die großen blauen Augen mit einem eigenen Glanz. Zuweilen zog er die Decke, die über seine lahmen Beinchen gebreitet lag, bis zur Brust in die Höhe, als fröstele ihn.
Anweit des Söderberges hatte ein spekulativer Kopf eine fliegende Wirtschaft errichtet, die sich regen Zuspruchs erfreute. Man faß auf roh gezimmerten Bänken und war kreuzfidel. Der Buchhalter Heidenreich von der Firma Hammer trank dem Packer zu. Dieser tat ihm Bescheid. Sie kamen in ein Gespräch, das sich in der Hauptsache um den neuen Kaffeeröstapparat drehte, den der Prinzipal angeschafft hatte, und der sich vorzüglich bewährte. Dem ersten Schoppen, den sich Debus bringen ließ, folgte ein zweiter, dem zweiten ein dritter.
Hinter den Bergen ging die Sonne zur Rüste, von Osten her führ ein kalter Wind über das Land.
Der Junge war in seinem Wägelchen eingeschlafen, auf seinen Backen brannten rote Flämmchen.
„Mach', daß du heimkommst," fließ der Briefträger Köhler, der ein Glas über den Durst getrunken hatte, den Packer an. „Siehst du dann das nicht? Dem Kind ist nicht gut. 's geht eine scharfe Luft. Wir schreiben den letzten März. Was der März nicht will, frißt der April." '
Erschrocken wandte sich Debus um. 2m Eifer des Gesprächs und wohl auch unter dem Einfluß des reichlich genossenen Bieres hatte er sich nicht um fein Bübchen gekümmert. Sogleich stand er auf, zahlte seine Zeche und trat den Rückweg an.
Abends klagte Heini über Schmerzen im Rücken und hustete.
Die Mimel sah den Packer vorwurfsvoll an und sagte:
„Er hat sich draußen verdorben. Wann's morgen früh nicht besser ist, mutz der Doktor herbei."
Nichts Gutes ahnend, beschloß sie, bei ihrem Schützling zu wachen.
2n der Nacht stöhnte Heini und fieberte. Einmal fuhr er auf und fragte:
„Ist's wahr, Mimel, daß die Sonn' heut morgen getanzt hat?'
„Ich hab's nicht gesehen," antwortete die Alte. „Wie kommst du dadrauf?"
„Der Schneiders-Karl hat gesagt wann die Sonn' am ersten Osterfeiertag aufgeht, tut sie tanzen/'
„Der Schneiders-Karl hat Spaß gemacht. Mutzt nicht an so was denken. Schlaf, mein Schnuckefi!"
Bald darauf begann er zu phantasieren. Seinen wirren Deden nach war er mitten im Getümmel der Osterschlacht und rief nach 6em Baier, daß er ihm beistehen solle, denn die wilden Buben drücken ihm die Gurgel zu.
Am nächsten Morgen stellte der Arzt Lungenentzündung fest.
„Hst's dann schlimm?" fragte der Packer bestürzt.
„Biel Hat der Jung' nicht zuzufetzen," erwiderte der Doktor, „wir wollen aber hoffen, datz er sich durchschafft."
Drei Tage lang rang Heini mit der tückischen Krankheit, am vierten stand sein kleines Herz plötzlich still. Es war am Donnerstag nach Ostern. Das Schulglöckchen läutete dreiviertel auf acht. Die Mimel sah eine Lichtwelle durch das Zimmer fluten, obwohl die Sonne nicht schien und der Himmel mit Wolken bedeckt war. And sie meinte, es müsse der Engel des Todes gewesen sein.
Friedfam, ein Lächeln auf den Lippen, lag Heini da, als träumte, er einen schönen Traum. —
And die Hausleute kamen und die Nachbarn, der Prinzipal kam und seine Frau und der Buchhalter Heidenreich mit einem Kränzkein Immortellen. And der Packer sagte zu allen „Großen Dank!' und wollte vor Schmerz vergehen.
Die Mimel litt nicht, daß die Totenfrau ihren Liebling berührte. Sie selbst wusch ihn und kleidete ihn an.
Als Nun der Sarg fortgetragen wurde, schluchzte Debus laut auf. Die Mimel aber ergriff seine Hand und sprach:
„Sei flat! Anser Herrgott hat den Heini lieb gehabt. Dessentwegen hat er ihn zu sich genommen. Glaub mir, 's ist am besten so."
Nun war der Packer allein. Abends, wenn er heimkam, Bot ihm sein Bübchen nicht mehr die Zeit, hörte er nicht mehr sein lustiges Geplauder. And die Stube schien ihm öde und leer. Traurig verzehrte er sein Abendbrot und ging dann in di« Kammer, sich in feine trüben Gedanken einzuspinnen.
-x Nach Heinis Beerdigung war der Herr Pfarrer erschienen und hatte wohl eine halbe Stunde lang mit ihm gesprochen. Das meiste hatte er vergessen, nur ein paar Worte waren in seinem Gedächtnis haften geblieben.
„Trübsal bringt Geduld, Geduld Bringt Erfahrung, Erfahrung Bringt Hoffnung, und Hoffnung läßt nicht zuschanden werden."
Der Herr Pfarrer war ein guter Mann, deshalb mochte er ihm nicht widersprechen. Doch lag'8 ihm auf der Zunge, daß er sagen wollte: „Herr Pfarrer, Hoffnung ist ein Seil, an dem sich schon mancher zu Tod' gezogen hat. Worauf sollt ich noch hoffen?"
Den verkrüppelten Jungen um sich zu sehen, war ein ständiger Kummer für ihn gewesen. Gewiß. And doch hatte es ihn beruhigt, hatte es ihm wvhlgetan, daß er für sein Kind arbeiten formte. Das war nun vorbei. Ob er sich jetzt plagte oder drei Tage blau machte in der Woche, war im Grunde ganz gleich-


