Samstag, 15. April

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1922 Nr. 15

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Die heilige Woche in Jerusalem.

Skizze von A. Hartwig.

(Rachdruck verboten.)

Mit dem Herannahen des Osterfestes ändert Jerusalem sein Aussehen und man möchte fast sagen: seinen Tharakter. Die stille Stadt, die jahrüber so ruhig daliegt wie versteinert im leblosen Traum ihrer tausendjährigen Geschichte, beginnt sich zu regen. Von den vier Enden der Welt langen die Pilgerzüge und Karawanen der Gläubigen an Orthodoxe und Schis­matiker, Kopten und Katholcken, Protestanten und Abesshnier, kurz: alle Sekten und Konfessionen, die in Hunderten von Stämmen und Völkern irgendwie die Heilige Stadt als Symbol und Sehnsucht empfinden. Die kleine Palästinabahn, die ihren schwarz-gelben Rauch keuchend in das svnnenflimmernde Tere- binthental hineinspeit, führt der Ebene von Bethlehem alltäglich neue Schaven von Pilgern zu. Andere Reifende, welche diese zu moderne und profam erscheinende Alt der Beförderung verschmähen, reiten von Beirut ^aus durch das grüne Galiläa und das einförmige, melancholische Samaria und die kleinen Pferde und zäh ausdauernden Maulesel suchen dieselben Wegfalten, Quellen und Ruheplätze, die -einst den Kreuzfahrern dienten und diele graue Jahrhunderte vorher den Helden und Zeugen derersten Zeiten" selbst. Wieder andere Pilger, die ganz arm sind und ganz bescheiden, wandern zu Fuß von Jaffa aus den langen, beschwerlichen Weg durch Wüste und Einöden, bis sie, -entkräftet von Hunger und Gxtase, eines Tages von fern die geweihten Stätten erblicken und dankbar und ehrfurchtsvoll in die Knie sinken. Manchmal auch naht von irgendwoher eine seltsame Karawane. Gegen den silbrigen Horizont zeichnen sich die charakteristischen Silhouetten weitausschreitender Kamele: sie sind mit schweren Sänften beladen, tragen kostbare Stoffe, Spe­zereien und Schätze des Morgenlandes eine äthiopische Prin­zessin wallfahret nach dem Heiligen Lande. Sie führt Weihrauch und Myrrhen und andere Kostbarkeiten ihrer Heimat mit sich und will für diese Opfergaben sich und den Ihrigen Heil erflehen.

Es mögen gegen zehntausend fromme Pilger sein, die sich alljährlich zur Heiligen Woche in Jerusalem einfinden. Alle Her­bergen und Karawansereien sind dann überfüllt. Die Stadt selbst kann oft die Menge der Gäste nicht fassen, und viele Hunderte müssen draußen vor den Toren in Baracken und Zelten kam­pieren. Einen malerischen..Anblick gewähren diese Feldlager, die manchmal in Ruinen aufgeschlagen werden manchmal zu Füßen hundertjähriger Oelbäume, an deren niedrigen .Zweigen Man Sattelzeug und Kürbisflafchen aufhängt und die Stricke für die primitiven Zeltlaken befestigt.

Palmsonntag! Die meisten Karawanen sind jetzt artgelangt Am Tage vorher sah man vor allem eine, die von den Gläubigen mit ehrfürchtiger Spannung erwartet worden war: dieKara­wane der Palmen". Sie kommt von den fruchtbaren Oasen von Jericho und den grünen Ufern des Jordan; eine lange Reihe von schwerbeladenen Kamelen trägt die Last ganzer Gärten auf ihren Rücken ein fesselndes Bild, wenn der Zug sich langsam durch die engen, gekrümmten Straßen bewegt und die Helle Farbe des Frühlings hineinbringt zwischen die gelbbraunen Steinmauern der Stadt. Am Palmsonntag selbst begibt man sich, .Palmen- und Oelzweige tragend, zu den verschiedenen, durch die Legende geheiligten Orten. Die einen wandern nach Dethphage hinaus, einem kleinen Dorfe, wo, nach der Schrift, der Heiland die Eselin mit ihrem Füllen fand, die anderen be­

geben sich nach der Paternoster-Kapelle, di« auf dem Gipfel deS Oelberges gelegen ist. Dort werden Messen und Andachten in allen Sprachen der Welt abgehalten: da es in der Kapelle an Platz mangelt, errichtet man die Altäre ringsum im Freirn, und die Gläubigen knien auf dem weiten grünen Plan nieder zwischen Krokusblumen und Asphodelen. Rach beendigtem Gottesdienste kehrt man nach Jerusalem zurück, palmenschwingend und Hosianna rufend: alsdanx werden in der Kirche des Eili­gen Grabes di« Palmen unter feierlichen Zeremonien geweiht. Während der folgenden Tage erkennt man die sonst so stillen Ströhen von Jerusalem nicht wieder. Sie sind jetzt vom frühen Morgen an bis zur sinkenden Rächt von wandernden Scharen erfüllt. Prozessionen folgen auf Prozessionen. Man hört Ge­sänge und Gebete in allen Sprachen der Welt, sieht die er­greifendsten und seltsamsten Formen der Andachtsbezeugung, wie sie unter den verschiedenen Völkern üblich sind Um die zahl­reichen Kirchen und allerorts aufgeschlagenen Altäre drängt sich eine buntgewürfelte Menge. Hier erscheint der moderne Euro­päer (der oft nur neugieriger Globetrotter ist und anstatt eines Gebetbuchs den roten Dädeker trägt) neben dem hochgewachsenen Cyprivten, der .geschmeidige Syrier neben dem stolzen Tscher- kessen, der sich nicht einmal an der geweihten Stätte von den reichverzierten Dolchen seines Gürtel trennt. Hier betet die arme russische Bäuerin, das staubige Kopftuch um die schwarz« welligen Haare geschlungen, hier sieht man die Korkhütte der Asiaten neben der neuesten Pariser Eleganz, Pflanzerhüte vom Mississippi neben rumänischen Sonnenschirmen, kostbare Schleier der palästinensischen jungen Frauen neben drolligen Zipfelmützen der Braunen Mujiks.

Eine eigenartige Feier begehen die Russen, welche sich all­jährlich zahlreich zur Heiligen Woche in Jerusalem einstellen. Die meisten von ihnen, die zu Fuh in der Heiligen Stadt ein­getroffen sind, machen sich gleichfallsper pedes apostolorum" auf, um vor dem Ost-ertage eine Wallfahrt zum Jordan zu unternehmen. Ihre Popen, meist alte, ergraute Männer, besteigen ' die ausdauernden Esel oder Maulesel, die zudem noch allerhand Gepäck, sodann Weihrauchfässer, Meßgeräte und Kerzen tragen müssen, und die ganze Karawane setzt sich in Marsch So geht es auf steinigen und steilen Wegen durch das bergige Judäa unter Gebeten und Gesängen und auch oft stundenlang unter bedrückendem traurigen Schweigen, wenn die staubige Straße unter den sengenden Sonnenstrahlen allzu beschwerlich ist. Der Weg wird immer steiler, und selbst die Maultiere beginnen hier und da zu straucheln. Aber schon ist der Abend nahe und man ist nur wenige Meilen von Jericho entfernt, wo Halt gemacht wird. Hier wohnen im Gebirge ringsum, noch heute wie vor tausend Jahren, die frommen Anachoreten: ihr Obdach bilden die Köhlen der ungastlichen Berge, und ihre Rahrung besteht aus Heuschrecken und wildem Honig, von welcher Fastenspeise einst Johannes der- Täufer lebte. In der Rächt setzt die Kara­wane ihren Marsch fort. Bald ist der Kamm des GebirgeÄ erreicht, und plötzlich sieht man im Schimmer der sternenhell« Rächt von fern gleich einem blinkenden Schilde das Tote Meer aufglänzen: rechts zur Seite aber windet sich in trägem Lauf der Jordan, das Ziel der Wallfahrt. Allsobald fallen die Pil­ger auf die Knie und küssen den Boden des geheiligten Landes. Unter feierlichen Hymnen geht es nun schnell zum Flusse ab­wärts. Am User angekommen, schlägt man Zelte aus und dl« Altäve, die zur Feier dienen sollen. Dann treten alle in dir Zelte, entkleiden sich und erscheinen nach wenigen Augenblick«