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Festung, Mwaks unter strömendem Regen, Krankheiten, Entbehrungen und Hungersnot. Das reibt noch mehr auf als eine Reihe von Gchlachtiagen. Und als wir nichts mehr zu beißen hatten, mußten wir die stärkste Festung Frankreichs mit allem Kriegsmaterial Übergeben und in die Gefangenschaft gehen."
Der Kapitän hatte sich in eine starke Erregung geredet; nun erhob er sich und ging mit dröhnenden Schritten im Zimmer auf Und ab. Ich sah atemlos mit heißem Kopf und klopfendem Serzen da. Seine lebendige Erzählung hatte mir von der grau» men Schwere des Kriegs doch eine andere Vorstellung gegeben, als es die gedruckten Siegesberichte unserer Zeitungen vermocht hatten. Ich hatte nun auch in die Seele des Feindes einen Blick getan und sah ein, wie töricht unser jugendlicher UeBermut war, der nur unsere deutschen Soldaten als Helden, die Franzmänner dagegen als minderwertig oder gar als Memmen angesehen hatte. Besonders tief bewegte mich die hohe Anerkennung, die der Kapitän seinen Gegnern zollte; sie beschämte mich auch, da ich bisher nicht das Gleiche getan hatte. Sv sah ich stumm da und wagte mich kaum zu rühren, als er wie im Selbstgespräch wieder anhub:
„Warum hat es so kommen müssen? Haben .vir das mit unserer Aufopferung verdient? Diele sagen, wir seien verraten worden, verraten von unseren höchsten Führern. Wenn Bazaine eine Schuld hat, so wird sie untersucht werden, und er wird der Strafe nicht entgehen. Aber die eigentlich Schuldigen haben sich der Verantwortung entzogen, der Kaiser und die Kaiserin, die diesen törichten Krieg gewollt haben; sie haben bas Vaterland Im Stich gelassen und sich in Sicherheit gebracht, als sie ihr leichtfertiges Spiel verloren sahen. Und Frankreich muß für ihre Sünden büßen. Ja, wir sind verloren, rettungslos verloren, alle Anstrengungen, Frankreich wieder aufzurichten, sind nutzlos. Wir sollten Frieden schließen sobald wie möglich, und wir könnten es ohne Gefahr, denn wir haben einen ritterlichen Gegner, der auch als Sieger großmütig sein wird. Aber die Ehre! Es gehl nur noch um die Ehre. Frankreichs Waffenruhm soll ohne Makel bleiben, nur dafür werden nod). alle die unendlichen Opfer gebracht. Doch den einen Flecken können keine Heldentaten mehr abwaschen, daß wir jetzt als arme Gefangene in dem Lande von der Gnade leben müssen in das tote uns rühmten als Sieger einzuziehen. A Berlin, a Berlin, hat ganz Paris im Juli ge- schrien, und in wenigen Wochen werden die Preußen in Paris einziehen!" Ein bitteres Lochen folgte den letzten Worten.
Mir war ganz seltsam zu Mut. Es drängte mich dem Kapitän in seinem hoffnungslosen Ingrimm etwas Tröstliches, Freundliches zu sagen, und auf einmal fuhr es mir heraus:
„Aber Herr Kapitän, so wie es gekommen ist, können wir doch Freunde sein, sonst nicht."
Kaum hatte ich es gesagt, so reute es mich fast, denn ich fürchtete, er könnte es Übelnehmen.
Der Kapitän hielt in seinem heftigen Auf- und Abgehen inne, Baute mich betroffen eine gute Weile an, dann erhellten sich ne Züge, er faßte meine Rechte, strich mir mit der andern Hand hie über den Kops und sagte:
„Ja, mein guter Junge, wir wollen Freunde sein!" (Schluß folgt.)
Der Talisman.
Don Helene Raff.
(Fortsetzung.)
Boni Gin paar Wochen später Begegne ich den beiden am Sonntag, wie sie selbander aus der Kirche gehen: der Bast mit gerunzelten Brauen an seiner hübschen Frau vvrbeiblickend, die sichtlich verweint neben ihm her trippelt. Der erste Ghezwist vermutlich — na, einmal muh es ja sein! Dabei bruhigte sich meine hartgesottene Junggesellenseele; aber tags darauf, als ich die Tür meines Sprechzimmers öffne, sehe ich unter den Wartenden die junge Frau Sanni sitzen. Das wunderte mich, denn eine Krankheit war dem blühenden Geschöpf nicht zuzutrauen; und mein Staunen wuchs noch, als die Reihe an sie kam, mir ihr Anliegen vorzutragen.
Sie begann mit umständlichen Entschuldigungen, daß sie wage, mich zu belästigen; dann druckste sie so nach und nach heraus: sie möchte gern wissen, ob ein Gegenstand, auf dem Leibe getragen, zum leiblichen ober seelischen Wohlbefinden eines Menschen irgendwie Beitragen könne?
Ich verstand sie nicht gleich „Was Kuckucks für ein Gegenstand ?" fragte ich „Meinen Sie einen Senf teig? Einen Prießnitz- Umschlag?" Rein, das meine sie nicht. Es handle sich um ein Säckchen mit einem — nun ja, einem Sympathiemittel darin; ob es etwas nütze, das um den Hals gebunden zu tragen?
Run mußte ich hellauf lachen: „Liebes Frauerl, ein solches Säckchen darf enthalten, was es mag, davon wird der Mensch weder klüger noch schöner, weder stärker noch schwächer! Wer hat Ihnen nur solchen Unsinn weisgemacht?"
Sie war zuvor schon sehr rot gewesen; jetzt schien ihr Gesicht wie mit Glut übergossen. „Also das ist doch Unsinn," sagte sie gleichsam erleichtert durch meinen Ausspruch „Sv ein Zeugs da kann nichts Helsen, und ein vernünftiger Christenmensch soll sich nicht damit behängen. Richt wahr, da hab' ich recht?"
„Selbstverständlich, Frau Höß. Aber erklären Sie mir nur —“ „Erklären geht nicht, Herr Doktor. Und es braucht auch nichts werter; ich weih jetzt schon, was sich gehört und was meine Schuldigkeit ist. Besten Dank sag' ich!"
Damit bekam ich einen Knicks und einen Händedruck; alsdann verlieh mich das junge Frauchen mit Bern Ausdruck eines der seinen Weg Har vor sich steht.
Das Erlebnis hatte mich stutzig und zugleich neugierig gemacht. Ich sann und sann, was wohl im Hause des Fischerbast vorgefallen sein -möchte; schließlich richtete ich es mit Absicht so ein, dah einer meiner Praxisgänge mich an eben diesem Hause vorbeiführte, und zwar zu einer Zett, wo der Eigentümer daheim zu fein pflegte. Meine Berechnung traf zu; durch das ebenerdige Fenster der Wohnstube sah ich ihn am Tische sitzen, anscheinend in tiefen Gedanken.
„Hallo, Bast!" Ich klopfte ans Fenster; da fuhr er empor, eilte zu meiner Begrüßung herbei und nötigte mich, einzutreten. Er raste grab’ ein wenig aus, sagte er, die Frau sei drüben im Gaben, gleich wolle er sie rufen. Das alles sprudelte er auf eine hastige, unfreie Art heraus, die mich in meinen Vermutungen bestärkte.
„Bleiben Sie nur hübsch da," sagte ich, „und erzählen Sie mir lieber was es gegeben hat, dah Sie ein so kurioses Gesicht machen! Irgendwas liegt Ihnen auf dem Herzen, das sieht ein Blinder. Wir sind doch alte Freunde, dächt' ich — also lassen Sie getrost die Katze aus dem Sack!"
Das wollte er erst durchaus nicht, verschanzte sich hinter allerhand Ausflüchte. Aber ich hielt fest — da gab er zuletzt nach.
„Ich hab' so schon vorgehabt, dah ich mit Ihnen reden will, Herr Doktor. Denn Sie sind ein gescheiter Herr und meinen mirs gut. Bloh — gelt: auslachen dürfen Sie mich nicht?"
Das versprach ich, und der Bast, hier und da stockend, Hub seine Deichte an.
„Ehvvr ich dahergekommen Bin, Herr Doktor, hab' ich. meine Zeit beim Militär abgebient. Und es ist mir gut gangen bei die Soldaten, so dah mich's nicht einmal extra gefreut hat, rote die Zeit herum war. Am Tag vvrm Heimsahren haben wir Kameraden uns nochmal vergnügt gemacht mitsammen; im Wirtshaus sind wir gesessen, und ein Gartenkvnzert haben tote gehört. Nachher sagt einer von uns, recht ein durchtriebenes Dürschel, er weih uns noch was, ganz besonderes. Das ist uns recht gewesen, und so geht er her und führt uns durch lauter enge Gassen vor ein nichtig kleines Häusl. — „Da wohnt eine, die mehr kann als Brot essen", hat er gesagt, „und die soll uns jetzt wahrsagen". Ich meinestells hab' partuh nicht wollen, weil nämlich mein Vater die Art Geschichten für’n Tod nicht hat ausstehen können. Von Geistern oder Hexen hat kein Mensch uns Kindern erzählen dürfen, und wenn eins sich im Dunkeln gefurchten hat, so hat es so viel Schläg bekommen, dah es ein andermal das Kuraschierteste gewesen ist. Also ich hab' nicht wollen, aber ich hab' mich zuletzt beschwatzen lassen. Ich bin mit hinaus zu der Alten, die noch gar nicht so alt, aber von Ansehen recht zuwider war; und einen um den andern hat sie beifeit genommen. Etliche waren ganz geschreckt, wie sie wieder herauskommen sind. Zuletzt hab' ich and;, branmüssen unb hab' ihr die Hand hergezeigt; sie schaut sie von allen Seiten an unb sagt bann: „Ihrer wartet ein gefährlicher Beruf". Da ist mir's Lachen auskommen, denn mein Denken war, bah ich daheim dem Vater helfen will, der eine Seilerei gehabt hat. Wenn einmal eine Seilerei für ein gefährliches Gewerbe gilt — bann gute Rächt, Welt! Aber die Alte hat sich nicht auS’m Text bringen lassen, sondern ist drauf verblieben: mir steht ein gefährliches Leben bevor, und gleich in den nächsten Tagen wird mir eine Gefahr drohen. „Aber ich will Ihnen was geben." sagt sie, „was unfehlbar hilft". Sie geht unb bringt ein Dackl daher, so eine Art Heiner Geldbeutel, zugemacht unb an eine Schnur gebunden. „Das tragen Sie von jetzt ab um den Hals — so kann Ihnen nichts geschehen, was Immer Ihnen auch zustößt". Sv bestimmt hat sle's gesagt, daß mir's bvch ein bißl kalt übern Rücken gelaufen ist, und ich >hab' den Beutel in Gottes Damen genommen unb ihr was dafür geschenkt, denn darauf war's zuletzt nur abgesehen. Des andern Dags fahr' ich in meine Heimat denk an keinen Beutel mehr unb an feine Wahrsagerin. Der Zug ist fleckvvll; ich drück' mich grab’ noch in einen Dritte- klaßwagen; da seh' ich, dah ich mit der Zigarr in einen Richt- raudjabteil geraten bin. Mein’ Glimmstengel hab’ ich nicht hint- lassen mögen; also steig' ich aus und such' mir mit Rot einen andern Platz. Keine vier Stund' sind wir gefahren — da tut’s einen Rumpler, einen furchtbaren Krach, und der Zug steht. Wir sind auf einen andern hinaufgefahren. Ein paar Wagen waren ganz zertrümmert; da, wo ich. zuerst gesessen bin, hat’s nur mehr Tote und Verwundete gegeben."
Gr holte tief Atem; man sah, wie mächtig noch jetzt nach Jahren die Erinnerung khn angriff.
„Schon dazumal ist mir einen Augenblick der Gedanke gekommen: ob das Ding, das ich aus purem Unsinn hab' unterm. Brustsleck getragen, irgendwie dafür Bann, daß mir bei all dem Unglück nix passiert ist? Sie wollen was sagen. Herr Dottor. Mit’ /chon, märten Sie ab! Ich bin also heimgekommen zu meinen Eltern, unb mitten in der ersten Freud' trifft mich ein Dries vom Vetter dahier, der schreibt: jetzt, wo ich vom Militär


