Ausgabe 
13.5.1922
 
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und eine Reihe anderer technischer Verfahren der Kriminalpolizei erörtern, bieten eine Fülle neuer Forschungsergebnisse und zeigen, Laß Heindl erste Autorität auf diesem Gebiete ist. Selbst der beste Kenner der kriminalistischen Literatur, selbst der Fachmann, der sich seit Jahren mit den in Betracht kommenden Magen be­saht, ersährt fast auf jeder Seite Einzelheiten, die ihm bisher unbekannt waren, und erhält Anregungen, die ihm sür die Praxis außerordentlich Wertvoll sein werden.

Aber auch der Richtfachmann wird das Buch fesselnd sinden und trotz seines .Umfangs von mehr als 650 Seiten ohne Er­müdung bis ans Ende lesen. Dafür sorgen die anregende Dar- flellungsweise des Verfassers, Re zahlreichen Illustrationen und die vielen spannenden Darstellungen einzelner praktischer Krimi» nalfälle. (Auch die eingangs ertvähnten Knminalprozesse sind in dem Vuch> ausführlich beschrieben.)

Heindl, der als erster in Deutschland die Verwendung der Fingerabdrücke zur Aamensfeststellung rückfälliger Verbrecher amtlich angeregt hat, bietet hier ebenfalls als erster eine lückenlose Gesamtdarstellung des ganzen daktyloskopischen Fragen- kompleres, die selbst den zweifelsüchtigsten Richter und Geschwo­renen von der Beweiskraft der Daktyloskopie überzeugen wird.

Kapitän Giovannoni.

Eine Erinnerung aus dem großen Krieg 1870/71. Don Fried. Roack.

(Fortsetzung.)

Don da an wurde unser Verhältnis rasch, lebendiger und wärmer. Ich versäumte nicht, dem Kapitän Grüße an die Seinen aufzutragen, die nach einiger Zett erwidert wurden, und er erzählte mir öfter von seinem Haus in Toulouse von den Kinderstreichen seines Hauten Eharlvt, von den landschaftlichen Schönheiten Süd­frankreichs und lieh sich manchmal von mir aus der Jndäpen- bance belge vorlesen, die er täglich, aus der Stadt mitb rächte. Dor allem waren es natürlich, die Kriegsereignisse, die seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Daß unsere Heere Orleans und Rouen besetzten und bis an die atlantische Küste vordrangen, wollte ihm gar nicht in den Kopf; er saß dann lange mit düsterer Miene über eine große Karte von Frankreich gebeugt, und ich wagte nicht, das Schweigen zu unterbrechen. Eitdlich seufzte er tief, klopfte mir auf die Schulter und sagte:Lchr habt tapfere Sol­daten und ausgezeichnete Führer. Aber wir? Aber wir?, Und mit Kopfschütteln brach er ab. Tagelang hielten den Kapitän die hin- und herschwankenden Kämpfe um Dijon und Desoul in Spannung und Erregung. Er zeigte mir Sie Punkte auf der Karte, hielt den Finger nachdenHich auf Toulouse und murmelte: So weit werden sie nicht kommen, sie werden nicht ganz Frank­reich überschwemmen."

Da er meine Teilnahme für die Vorgänge auf dem Kriegs­schauplatz bemerkte und sah, daß ich auf der Karte von Frankreich gut Bescheid wußte, so breitete er sie eines Abends auf dem Tisch aus mit den Worten:Komm, mein junger Freund, ich werde dir zeigen, was ich erlebt habe." Run beschrieb er mir mit steigen­der Lebendigkeit an der Hand der Karte den Anteil seiner Brigade an den Kämpfen. Den Finger hielt er zuerst hart an der Grenze unweit von Trier.

Hier standen wir schon Mitte Juli, die ganze Division Eisseh, bei Sierck an der Mosel und oxtrteten auf den Befehl zum Vor­gehen, in wenigen Stunden konnten wir Trier erreichen. Aber der Befehl kam nicht, auch nicht, als Anfang August General Frosfard siegreich in Saarbrücken eindrang. Drei Wochen lang lag unser ganzes 4. Korps untätig zwischen Mosel und Saar und schaute auf hie Grenze. Als der unselige Marschall Bazatne kurz nach der Einnahme von Saarbrücken den Oberbefehl über drei Korps übernahm, hofften wir einen Augenblick, daß es nun losgehen würbe. Es ging auch los, aber rückwärts. Unmutig traten wir am 7. August über Boulay den Rückzug auf Metz an. Warum?, fragten wir, wenn wir doch bisher immer gesiegt haben? Oder haben wir vielleicht nicht gesiegt, haben die Bulle­tins gelogen? Offiziere und Mannschaften begannen schon zu murren. Hatte man uns doch bei der Kriegserklärung versprochen, in vier Wochen würden wir Berlin erreichen I Statt dessen stanöett wir nach vier Wochen unter den Forts von Metz und erhielten Befehl, über die Mosel zurückzugehen und weiter aus Verdun zu marschieren. Wenn der Soldat retirieren soll, ohne einen Feind gesehen zu haben, so verliert er das Vertrauen auf die Führung und den Elan. Am Mittag des 14. August waren toir im Begriff, hier über die Moselinsel Chambiere unterhalb Metz abzuziehen, da kam die Rachricht, daß die Preußen unserem weichenden Heer auf den Fersen waren und eS bei Rouilly und May angegriffen hatten. Wir retirierten, fuhr der Kapitän mit einem Bitteren Lachen fort, und Re Preußen griffen an dafür hatte Rapolevn den Krieg erfiärt! Sofort ließ General Lad- mi-ault den Moseluberaang einflellen und schickte unsere Division Cifsey gegen die Preußen. Wir Offiziere atmeten auf; endlich an den Feind! Aber die Mannschaften waren durch die Märsche der letzten Tage ermüdet und unlustig. Gleichwohl schlugen ntb öie Seute meuter Komvagnte wie die Löwen In den Weinbergen gtotWten Rouilly und May. Es war umsonst, am Abend nahmen die Preußen beide Dörfer em und wir mußten uns zum Fort

St. Julien zurückziehen. Auf dem Marsch wurden rott noch tn der linken Flanke beschossen, als die Macht bereits eingebrochen war, und hatten starke Verluste. Am Tag darauf wurde der Rückzug fortgesetzt, wir Überschritten die Mosel, kamen aber nicht weit, da alle Straßen nordwestlich von Metz vollgestopft waren. Die Bewegung solcher Heermassen kostet Zeit. Bei Woippy blieben wir im Biwack liegen, bis wir am Vormittag des 16. Ang. Befehl zu eiligem Weitennarsch erhielten, um ins Gefecht ein­zugreifen. Denn die Preußen, so hieß es, stünden schon südwestlich von Metz. Parbleu, dachten wir, fliegen diese Preußen oder regnen sie vom Himmel herunter? Immer sind sie schneller als wir. Lieber Doncourt itnd St. Marcel marschierten wir so rasch, wie Sie Leute nur konnten, das ganze vierte Korps, auf den Kanonendonner zu, den wir schon stundenweit hörten. Zuletzt ging unsere ganze Division im Laufschritt vor und kam um 5 Ähr nachmittags an den Feind. Don den Höhen herab stießen wir gegen die Preußen vor und warfen sie in erbittertem heißen Kampf tn die Schlucht eines Baches hinab, der nordwärts von Mars la Tour fließt. Einige Hundert nahmen wir gefangen und brachten denen in der Schlucht durch Schnellfeuer von der Höhe schwere Verluste Bet. Wir glaubten endlich einen bedeutenden Er­folg errungen zu haben, aber gewaltige Kavallerieangriffe und feindliches Kartätschenfeuer hinderten uns am weiteren Dorgehen. Statt die gewonnenen Stellungen zu behaupten, wurde Räumung befohlen, obwohl wir an der großen Straße nach Derdun standen und sie beherrschten. Derdun war uns noch vor zwei Tagen als Ziel der Bewegung bezeichnet worden. Wir Offiziere schüttelten den Kopf über die widerspruchsvollen' Anordnungen, aber wir mußten gehorchen. Den ganzen 17. August währte die Rückwärts­bewegung und wir kamen wieder bis auf 6 Kilometer an Woippy heran, von wo wir am 16. ausgerückt waren, blieben aber außer­halb des Dings der Metzer Forts auf den Hügeln westlich der neuen Eisenbahn nach Verdun und einer nördlich ziehenden Landstraße. Wir legten in der Eile noch Feldbefestigungen an und Bitoa (fierten int Umkreis von Amanvillers. Als der Morgen des 18. Augusts anbrach, des schwersten und verhängnisvollsten Tages der Metzer Kämpfe, da standen wir hier nordwestlich vom Dors Amanvillers zu beiden Seiten des Eisenbahneinschnitts aus den Höhen in der denkbar günstigsten Stellung. Jenseits der Täler, über die wir hinweg schauten, der Kapitän zog dabei mit dem Finger Linien auf der Karte kamen dis Preußen heran, unserer Division gegenüber hinter dem Bois de la Cusse und dem Dorf Habonville. Wir hatten die Weisung, ihren Angrif! abzuwarten, weil wir von unserer trefflichen Stel­lung aus erwarten dursten, ihrer leicht Herr zu werden. Sie würden sich mit dem Anstürmen gegen unsere Höhen aufreiben, dachten wir. Mer wir hatten die Rechnung ohne den Heldenmut und die Hartnäckigkeit eurer Truppen gemacht. Sie sind bewun­dernswert und haben an dem heißen Tag Llebermenschliches ge­leistet. Wir hatten in der Tat mit einem der großen Ration ^ebenbürtigen Gegner zu tun. Der Kampf wogte unentschieden hin und her; am Rachmittag glaubten wir schon des Sieges sicher zu sein, denn die feindlichen Linien zwischen Derneville und Amanvillers waren hart mitgenommen und hielten sich offenbar nur mühsam, unsere Schützenschrvärme, die unter dem Schutz vor­trefflicher Deckungen wiedeichvlt wirksam Vorstöße machen konnten, fügten ihnen schwere Verluste zu. Aber die Preußen hielten Stand, man muß sie bewundern. Als wir es am wenigsten erwarteten, fließen mehrere Regimenter gegen unsere Brigade vor, stürmten unaufhaltsam die Anhöhe herauf und trotz unserem mörderischen Feuer kamen sie bis auf einen halben Kilometer an unsere Stellung heran. Dies unerbittliche Vordringen er» schütterte die Moral unserer durch die Kämpfe, Märsche und Biwak von fünf Tagen ermüdeten Truppen. Es gehören starke Rerven dazu, um den Mut und das Selbstvertrauen nicht zu verlieren, wenn man den Feind einem Hagel von Geschossen zum Trotz unaufhaltsam näher kommen sieht. Unsere Leute wankten und nur mit höchster Anstrengung hielten wir Offiziere sie noch zusammen. Der Teufel mags mit den Preußen auf­nehmen, schrien unsere Mannschaften. Inzwischen brach der Mend ein, aber der Feind lieh nicht ab. Meine Hoffnung, daß der Einbruch' der Dunkelheit Ruhe bringen würde, erfüllte sich nicht. Die Preußen hatten sich nun einmal in den Kopf gesetzt, uns heute zu werfen, und setzten es durch. Als unser rechter Flügel, wo das Korps Eanrobert stand, aus Roncvurt und dem uns benachbarten Dorf St. Privat Mtückgeschlagen war und der Feind mit dröhnendem Hurra auf den nahen Höhen rechts von uns erschien, da war kein Halten mehr, unsere Leute wichen und suchten Deckung in dem hinter uns liegenden Dorf Amanvillers, das um 7 Ähr in Brand geschossen wurde. Uns auf den Fersen folgten mit gefälltem Bajonett Sie Preußen. Hier und da wurde in dem brennenden Dorf noch Widerstand versucht, aber umsonst. In der Rächt wähzte sich der Rückzug weiter, alle Ordnung toar aufgelöst. Mühsam brachten wir hinter den bewaldeten Höhen von Saulny, 6 Kilometer von Amanvillers entfernt am andern Morgen unsere Truppenteile wieder zusammen; wir stan­den nun von neuem unter dem Schuh der Forts von Metz, nahe frei Woippy, wie vor vier Tagen. Die unsäglichen Anstrengungen und blutigen Verluste dreier Schlachten waren umsonst gewesen; wir steckten mit einer Armee von nahezu 200 000 Mann in einer Halle. Run folgten zehn schwere Wochen in der belagerten