Ausgabe 
12.8.1922
 
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böhälter auf dem Lutherberg geführt wurde, der gleichzeitig eine Erweiterung auf 520 Kubikmeter Fassungsraum erfuhr. Während dieser Arbeiten wurde das Rohrnetz ergänzt und die Hauszulet» tungen ausgeführt, und am 25. Aovember 1886 wurde erstmals Queliwasser in die Häuser geleitet. Durch den Bau einer -wetten 150 Meter langen Sammelgalerie wurde die Wassergewtmrungs» anlage im Grvßen-Busecker Gebiet im Jahre 1889 erweitert, wo­durch sich der gesamte Quellenerguß auf 600 bis ZOO Tages- Kubikmeter erhöhte. Der vergrößerte Zufluß bedingte eine noch­malige Erweiterung des Wasserbehälters auf 1000 Kubikmeter Rutzinhalt, wodurch ermöglicht wurde, das sich an einzelnen Tagen ergebende äleberschutzwasser zu sammeln und gelegentlich der Bevölkerung zuzuführen. z _ -

Die Quelle des Anneberges, die nur einen täglichen Erguß von 24 Kubikmeter erbrachte, ist 1911 ausgeschaltet worden: da­gegen sind die übrigen Stollen und Brunnen noch heute in Be­trieb und haben bei reichlichen Aiederschlägen bis 1100 Tages- Kubikmeter Wasser erbracht. Durch den augenblicklichen niedrigen Gra^dwasserstand, verursacht durch die Dürre in den letzten Jah­ren, ist die Schüttung auf etwa 500 Kubikmeter zurückgegangen.

Mit dem Aufblühen unserer Stadt wurde die nur sür ein beschränktes Bedürfnis angelegte Quellenwasserleitung immer un­zureichender, einmal weil zu wenig Wasser zur Verfügung stand und das andere Mal, weil durch die Höhenlage des Wasser­behälters auf dem Lutherberg die hochgelegenen Stadtteile un­genügend mit Wasser versorgt werden konnten. Eine in allen Teilen ausreichende Wasserversorgung konnte nur Abhilfe schaffen und die Stadtverwaltung entschloß sich daher, eine zweite von der vorhandenen Anlage vollkommen unabhängige Wasserge» winnungsanlage zu erbauen. Zunächst hatte man durch einen auf einem Quellengebiet in der Gemarkung Alten-Buseck ausgeführten Stollen beabsichtigt, dem Wasserbedürfnis für einige Jahre zu genügen. Da die Wasserergiebigkeit, die zuerst 500 Tages-Kubik­meter betrug, in dem dürren Jahre 1892 auf etwa ein Viertel der ursprünglich erschlossenen Menge zurückgegangen war wurde von der Autzbarmachung dieses Quellengebietes endgültig ab­gesehen. Der Stollen wurde vor etwa 15 Jahren an die Gemeind« Wieseck verkauft und dient noch heute zur teilweisen Versorgung dieser Gemeinde.

Der nun von Der Stadt gewählte Sachverständige, Herb Baurat Schnuck, der schon bei der alten Quellwasserleitung tätig gewesen war, wurde damit betraut, ein Projekt über eine groh- zügige Wassergewinnungsanlage auszuarbeiten. Aachdem eine Wasserversorgung aus dem Gebiet des Klingelbaches und der Quellen in der Gemarkung Beuern als ungenügend fallen ge­lassen worden war, wurde das Queckborner Projekt unter Mh» rung des damaligen Oberbürgermeisters Gnauth energisch be­trieben.

Ganz in der'he des Dorfes Queckborn trat seit undenk­lichen Zeiten eine große Wassermenge zutage, die ungenutzt abfloß und die Gewähr gab, auch bei wachsender Einwohnerzahl die Stadt auf lange Zeit mit Wasser gu versorgen. Der im August 1893 mit der Gemeinde Queckborn als Besitzerin des Quellengrundstückes abgeschlossene Vertrag enthielt unter anderem auch die Bedingung, daß die Stadt Gießen solange sie das Wasserwerk Queckborn betreibt, verpflichtet ist, die Gemeinde Queckborn unentgeltlich mit Wasser zu versorgen und das Orts­röhrnetz nach dem borgelegten Plane zu erbauen, ilnterm 5. Ok­tober 1893 wurde von der Stadtverordnetenversammlung das vorgelegte Projekt genehmigt und schon am 11. Dezember des­selben Jahres begannen die Quellfassungsarbeiten. 1 Jahr später, am 7. Dezember 1894, fand bereits die feierliche Detrtebsübergabe und Jnbetriebnahtne der Anlage statt. Zum Dau dieses sehr umfangreichen Werkes wurde nur 1 Jahr benötigt während der Bau der alten Wasserwerksanlage, wie schon erwähnt, nahezu 8 Jahre gedauert hat.

Gleichzeitig mit dem Bau des Schachtbrunnens von 3,5 Meter Durchmesser wurde mit dem Dan der Dampfkessel und Maschinen­anlage in Queckborn, mit der Verlegung der etwa 22 Kilometer lan­gen Zubringerleitung und mit dem Dau eines Wasserbehälters von 3000 Kubikmeter Inhalt an der Grünberger Straße, in der Rahe des Dorfes Annerod, begonnen. Die aufgestellten Dampf- pumpen, die je 2160 Tages-Kubikmeter leisten und die den Dampf von 2 Einflammrohrkesseln von je 45 Quadratmeter Heizfläche und 6 Atmosphären Lieberdruck erhalten, saugen das Wasser aus dem Schachtbrunnen und drücken es durch eine 275 Millimeter weite Leitung die steile Kreisstraße 74 Meter hinauf In die oben im Ltueckbvrner Wald erbaute Lieberlaufkammer, von wo aus das Wasser in natürlichem Gefälle dem Wasserbehälter bei Annerod, der 60 Meter höher als der Marktplatz liegt, Angeführt wird. Auf die bauliche und maschinelle Ausführung des Pump­werkes soll Hier nicht näher eingegangen werden. Durch die An­legung des Wasserbehälters bei Annerod, der etwa 35 Meter Höher als der Behälter auf dem Lutherberg liegt, bedingt, wurde das Stadtröhrnetz weiter ausgebaut und in 2 Druckzonen geteilt. Der Stadtteil rechts der Wieseck erhielt von jetzt ab das Wasser aus dem Behälter auf dem Lutherberg (von nun ab Riederdruckbehälter genannt), der übrige Stadtteil aus dem Hochdruckbehälter bet Annerod. Durch eine sinnreiche Vorrich-

atarnt Wasser auS dem Hochdruckbehälter selbsttätig in den rdruckbehälter geleitet werden, sobald die Wassermenge der alten Quellfassungen (Stadtwald und Grohen-Duseck) nicht aus- retcht, um den RiederdruckbAirk zu speisen. Die Grenze zwischen Hoch» und Atederdruck-vne hat sich in den letzten Jahren etwas perfthoben. Bei Feuersgefahr kann das Mederdmtcknetz durch Drehung eines Schiebers unter Hochdruck gesetzt werden. Dieser sogenannte Feuerschieber ist an der Ecke des alten Stadthauses in der Gartenstraße, also nächst dem Verwaltungsgebäude des Das- und Wasserwerk, eingebaut. (Schluß folgt.)

Vogelstrmmenkunde als Wissenschaft.

Don Dr. Hans Stadler (Löhr a. M.)

Seitdem es möglich ist, Vvgelstimmen im Avtenbild fest- zu'halten, und musikalisch genau zu beschreiben, hat sich die Stimmenkunde aus einer Liebhaberei zu einer Wissenschaft ent­wickelt. Ganz von selbst begann nun, wie in anderen natur­wissenschaftlichen Gebieten, Sie Vergleichung der Vogel­stimmen und es ergaben sich die merkwürdigsten Parallelen oder Konvergenzerscheinungen in Vvgelrufen wie -Liedern.

Aun sollte man annehmen, daß die Liebe reinstimmungen im Liedbau am ersten zu suchen seien bei zusammengehörenden Arten, d. h. innerhalb einer systematischen Gruppe oder mtndesten- tmrerhalb einer Gattung. In der Tat ist das auch vielfach der Fall, aber im ganzen selten. Dagegen ist verblüffend die lieber» etnftimntung in Gesängen und Rufen von Arten, die systematisch einander oft sehr fern stehen. Die Wellenlmie des Winter­goldhähnchens treffen wir in völlig gleicher Ausführung auch bet der Heckenbraunelle und beim Girlitz wieder, finden sie in einzelnen Takten des Zaunkönigsliekws, des Grlenzeisigs. des Stieglitzes.

Der Triller, auffallend selten in der Dtimmwelt der Vögel, findet sich ausgerechnet in folgender Zusammenstellung: Aachtt- gall, Singdrossel. Buchfink, Rachtschwalbe und Waldkauz. Der Wachtelkönig singt in strengem % »Statt; ebenso singt der Dtockvogel Kn räb, die Rabenkrähe, die Saatkrähe, das Perlhuhn und r Kuckuck.

Aber das Paradebeispiel ist die Melodielinie vom Sommer» gcldhähnchen. Wendehals und Dchwarzspecht. Dieselbe Melodie paben nämlich nicht nur auch Mittelspecht, Grünspecht und der junge Grauspecht, sondern auch Kirschkernbeißer, Goldammer, Bcmmfalk, Sumpfröhreule, in der gleichen Art schwätzen jung« Masserstare. junge Amseln, junge Köhlmeisen und Stockenten, ja, sogar der Kuckuck fingt so. Die gleiche Melodielinie und Rhythmus findet sich ferner, wenn auch nicht so regelmäßig, tat Kickern der Turmfalken und Keckern der Röhrweihe, im dunkeln Kollern des WaldkauzeS, im Klippen des Fluhregenpfeifers, im Mäckern der Bekassine.

Die Liebereinstimmung der einzelnen Vvgelstimmen geht so weit, daß eS gelungen ist, sämtliche Ruse aller Vögel zurück» zuführen auf 12 Ruftypen, die der gesamten Vogekwelt der Erde gemeinsam sind mit einer Bestimmtheit daß man von einem neuentdeckten Vogel ohne weiteres sagen rann, welche Rufe er haben wird. Diese Parallelen gehen aber noch weiter: sie er­strecken sich nicht nur auf Liedbau, Rhythmus und Melodielinie fvndern sogar auf die Llebereinstimmung in der Klangfarbe, und zwar greift diese auch hier weit hinaus über die Zusammen­gehörigkeit der Sänger im System.

Das silberhelle Glöckchenspiel des Sommergoldhähnchens und deS jungen Wendehalses, die Gesänge von Feldlerche und Alpen­flurvogel sind einfach ununterscheidbar. In der Mosigkauer» Heide hörte ich einen Wendehals, d. h. ein ausgesprochenes Rin­dertier, 'hoch in der Luft fingen; im Ahmphenburger Park einen Wendehals draußen auf dein Wasser, mitten in einem großen Teiche. Was war es? Hoch in der Luft fang ein Da um fall fein Wendehalslied, und auf dem Wasser fangen junge Stock­enten. Die Lieder vom Waldkauz, Hornrabe, Haushahn stimmen nicht nur melodisch, sondern auch klanglich sehr überein und in einer Jagdzeitfchrift las ich einmal eine Beobachtung verzapft, baß ein Waldkauz das Lied eines Gockels imitiert habe. So groß ist die Llebereinstimmung beider auch für ein gänzlich harm­loses Gemüt. Es herrschen also sehr innige Liebereinstimmungen zwischen Stimmen von Vögeln aus den verschiedensten Gruppen dabei 'hat aber die gleiche Dogelart die verschiedensten Lieder Lieder, die sich nicht gleichen, weder in Aufbau noch rhyth­misch noch melodisch, noch in der Klangfarbe. So singt bet Waldlaubvogel ein Schwirrlied und einen Klagegesang, so hat die Sumpfmeife i'hr Klappern, ihr Zibblzibbl-, ihr Z'wilied; so schnurrt, klappt, klappert und singt wie eine Zaungrasmücke dir Borgweise. Das merkwürdigste von allen ist wohl das Beispiel von Kanarienfink und Girlitz: beide sind nur geographische For­men einer Art und wie grundverschieden sind ihre Gesängel

Diese sonderbare Laune der Statur kompliziert die Sache noch einmal und hat zugleich eine Lleberrafchung: diese Gruno- verschiedertheit der Lieder deS gleichen Vogels ist wieder nichts anderes als eine neue Parallele: das selbstver stündliche Seiten» stück zur Verschiedenheit seiner Rufe.

Schriftleitung: August Goetz. Druck und Verlag der DrÜhl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.