Felder! Ununterbrochen Hundert und mehr Morgen nichts als Kartoffeln oder Zuckerrüben — die andern waren bereits ab- geerntet —, dann wieder riesige Aecker voll Klee Und grünem „®«menge“; Verhältnisse von überwältigender Gröhe; nur da und dort die verschwindenden Häuser eines Vorwerks und sin ganz weiter Fern« der kleine Kirchturm eines Dörfchens. Darüber gespannt der graublau« Himmel mit den großen Wolken» gebilden der Ebene, ein Bild des unendlichen flachen «europäischen Ostens. Ist Las Nicht bereits Rußland, daS dem Land sein Gepräge gibt?
Das Gut unserer Freunde ist für unsere mittel- und west- deutschen Begriffe von riesiger Ausdehnung, 4000 Morgen groß. An das schmucke Herrenhaus schließt sich der schöne Garten und an diesen der 'herrliche wohlgepflegte Park, der sich allmählich in den Wald verlort. Da konnte man bei schön«« Wett«« stundenlang spazieren gehen oder auf dem grünen Boden liegend lesen und träumen; regnete es, so gab es in Sem gastlichen Hause genug, sich die Zeit zu vertreiben. Man «konnte di« Kunstgegenstünde betrachten, die reiche Bibliothek durchstöbern oder 'Billard spielen. Bei den <m Las Schlaraffenland -er- innernden Mahlzeiten, von denen ich lieber nichts erzähle, weil man sich ein bißchen schämt, es so kgut gchabt zu haben, traf man sich, und nachmittags fuhr rnan aus die Felder, <i.m Ser Arbeit zuzusehen, die dort keine Stunde ruht. Was gibt es da für den Stadter nicht alles zu bewundern und zu lernen! Die Liebhaberei des jungen Herrn ist die Viehzucht, Ueberall auf den großen Wiesen grasen Hier große Kuhherden, dort Ochsenherden, auf andern wieder Jungvieh und Schafe; in den Koppeln stehen die neugeborenen Kälber und ihre Mittler, sorgsam behütet und beobachtet and i>r den geräumigen, luftigen Ställen die gewaltigen Zuchtbullen, die täglich eine Stunde spazieren geführt 'werden. Die großen Aecker werden gerade umgepflügt. Es durchwühlt sie her Motorpflug mit spielender Leichtigkeit; in den nächsten Tagen durchfurchen zehn Gespanne hintereinander di« vorgearbeitete Erde, gefolgt von zahlreichen Frauen, die sorgfältig das .Unkraut bis auf die «letzt« Spur ausjäten. Aach sorgfältigem Vacheggen ist dann in ungefähr 8 bis 10 Tagen der Acker zur Saat fertig, eine fast gleichmäßig glatte Fläche, in die bann di« Drillmaschine regelmäßig ihre Körner streut. An anderer Stelle knattert die Dreschmaschine, unter ihrer rastlosen Arbeit wird der haushohe Getreideschober niedergelegt, um sofort als Strohschober auf- zuerslehen. Den schönsten Anblick gewährt aber das Kar- toff e laus machen. Hunderte von Mädeln (nur vereinzelte Frauen) lockern mit ihrem dreizackähnlichen Karst die Erde, reißen im Fluge die Kartoffelstöcke hevaus, werfen das Laub Hinter sich und im Vu fallen die Kartoffeln in die Körbe. Diese gefüllten Körbe werden sofort in die großen Feldbahnwagen entleert, in denen sich bald riesige Massen der lweißgelbell Knollen anhäufen. Gradezu ausfallend ist die Grazie dieser polnischen Mädchen, die feingeschnittenen Gesichter, die zarte wcWgebaute Gestalt und die fast durchweg schönen Füße. Alle barfuß, in derselben graublauen Arbeitskleidung, das ebenso gefärbte Tuch um den Kopf, schaffen sie wie im Takt, trotz des Durcheinanders der Gestalten, welch ein Rhythmus! Die jungen Arbeiter sind schlank und gleichfalls gut gebaut and, hvas besonders auffällt, sauber und sogar in der Arbeit ordentlich und adrett gekleidet. Für uns, die wir die pberhessischen ihn« gangsformen auf dem Lande gewöhnt sind, ist die höflich und gewandte, vielleicht etwas devote Form des Arbeiters gegenüber dem Brotherrn auffallend. Freilich ist das nur die Außenseite. So beantworteten die Leute das Arft, das ihnen der junge Herr anläßlich seiner Vermählung gab, auf dem sie in hochtrabenden Glückwunschadressen und Kundgebungen ihre ewige Treue und Anhänglichkeit beteuerten, ein paar Wochen später mit einem Streik mitten in drängender Erntezeit.
Tüchtig sind die Leute alle, besonders die Vögte, die schon Jähre und Jcchrzehnte lang auf dem Gut schaffen. Wie unser« Freunde uns erzählten, arbeiten die Polen allerdings nur unter deutscher Führung gut und mich dann nur ungefähr drei Viertel so viel wie der Deutsche. Soweit wir die Wohnungen der Vögte zu Gesicht bekamen, waren sie trotz der vielen Kinder (einer hatte es in zwei Ehen auf M gebracht!) sauber und ordentlich an den Fenstern standen Blumen. Das ganze Dorf sicht noch so aus, als ob es deutsch geblieben wäre, von „polnischer Wirtschaft“ keine Spur. Darum halten sich auch diese Reupolen für etwas besseres als die „Kongreßler", für die sie weder Sympathie noch Achtung haben. Zur Kemizeich- nung dieser ihrer neuen Landsleute erzählen sie dort, daß die von Korfanth zum oberschlesischen Ausstand gemieteten Räuberbanden, als sie von ihrem Häuptlinge nicht genügend 'bezahlt worden waren, um ihn zu kränken und zu verhöhnen, so lange „Deutschland, Deutschland über alles“ und „Die Wacht am Rhein" gesungen hätten, bis ihre Forderung bewilligt worden war. Dieselbe Empfindung bringen sie größtenteils 'ihrer Regierung entgegen, mit der feiner etwas zu tun haben will; auch die gebildeten Polen zucken über sie größtenteils die Achseln. Wenn man das Land sieht und die Bevölkerung kennen lernt, die doch durchweg rwch gut deutsch spricht, während sie nicht
imstande ist, polnisch zu schreiben, so fühlt man Nicht nur den Verlust dieses wertvollen Landes, sondern wird auch die brennende Empfindung nicht los, daß eine weise und versöhnliche Politik in den letzten Jahrzehnten hier ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Wohlbefindens hätte erzeugen können, das uns später zugute gekommen wäre.
ile&er di« polnische Valuta zu spotten haben wir wohl das letzte Recht, seitdem sich die unsere ihr in so verhängnisvoll«! Weise genähert hat. Aber es berührte uns doch damals etwas grotesk, wenn die Preise alle erst über 1000 Mark anfingen. Fast immer war gleich von Millionen oder Milliarden die Rede, wenn wirkliche Objekte in Frage kamen. Ob deutsche oder polnische Mark? man konnte sich wirllich nie recht ausrennen! Als unser junger Freund uns den Stolz seines Zuchtstalles. „AHamses", einen wahrhaft farnefischen Stier, vorführte und wir von dem Anblick überwältigt schüchtern fragten, was solch ein Vieh wohl ungefähr wert wäre, bekamen wir prompt zur Antwort: „Eine Million Mark!“ Als wir aber dann weiter fragten, ob deutsche oder polnische, blieb er ein Weilchen still, dann zuckte er die Achseln and sagte mit listigem Lächeln: „Das ist wirklich sehr schwer, genau zu sagen, das weiß ich nicht."
Wespen, die Blei auffressen.
Im vorigen Jahre errichtete der Verein chemischer Fabriken „Silesia' in Ida- und Marienhütte bei Saaran eine neue Schwefelsäuresabrik, die im Sommer in Betrieb gesetzt werden sollte. Als die Bleikammern vor Einleitung des Kammer-Prozesses geprüft wurden, ergab sich, daß ihre Bodenplatten Wasser durchliehen, und als Ursache der Undichtigkeit wurden Seine, kreisrunde Löcher erkannt, die sich von Tag zu Tag vermehrten. Im ganzen wurden schließlich mckhr als 60 Löcher in den Bodenplatten der Bleikammern festgestellt. Die Fabrik konnte daher vorläufig nicht in Betrieb gesetzt werden. Pros. Dr. Ferdinand P a x, der um die Erforschung der Tierwelt Schlesiens verdiente Breslauer Zoologe, konnte, als er zur Besichtigung der Fabrik aufgesordert worden war, einen starken Holzwespenbefall feststellen. Die zum Dau der Saarauer Schwefelsäurefabrik verwendeten Bohlen, Balken und Rundhölzer weisen in überaus großer Zahl charakteristische kreisrunde Fluglöcher von Holzwespen (Siri- ciden) auf, die teils von der Riesenhvlzwespe, teils von der KiefernHolzWespe herrührten. Von dem Holz aus hatte sich die Wespe durch die Bleiplatte der Bleikammer durchgearbeitet und hier der Fabrik einen in die Hunderttausende gehenden Schaden.zugefügt. Um die Fabrik in Betrieb setzen zu können, so erzählt Prof. Dr. Pax in einem vor kurzem zur Ausgabe gelangten „Iahresheft des Vereins für schlesische Insektenkunde zu Breslau", muhten zunächst die Löcher in den Bodenplatten der Bleikannnern beseitigt werden. Ihre Auffindung suchte man sich dadurch zu erleichtern, daß man den Boden der Kammer mit 'Wasser bedeckte. Dann machte sich sehr bald jedes Loch, in den Dleiplatien durch eine feuchte Stelle auf der hölzernen Unterlage bemerkbar und konnte nach Ablassen des Wassers von innen zugelötet werden. Die Bleikammern werden dann dadurch vor weiterem Befall durch Holzwespen geschützt, daß. zwischen die Holzkonstruktion imb die Bleiplatten eine Schutzschicht aus Eisenblech angebracht wurde, die sich bisher bewährt hat. Der Schaden ist darauf zurückzuführen, daß für die Holzbauten minderwertiges Holz, das nach dem Fällen noch lange im Wald gelagert war, Verwendung gesunden hat.
Eine merkwürdige Speisekammer.
Die Klasse der Würger unter den Vögeln ist durch den seltsamen Trieb ausgezeichnet, ihre Beute aufzuspießen. Doch wußte man bisher mir von den Raubwürgern, daß sie warmblütige Tiere erlegen; von dem viel schwächeren rotrÄckigen Würger war das bisher wenig bekannt. Bon der seltsamen Speisekammer, die sich solch ein rvtrückiger Würger angelegt hat, erzählt Walter Danzhaf in den „Mitteilungen über die Bogelwelt“. Er beobachtete in seinem Garten das Rest eines Würgerpärchens auf einem Mirabellenbaum und stellte fest, daß. diese Vögel eine große Menge Mäuse erlegen und sie in merkwürdiger Weise aufspeichern. Das Männchen benutzte nämlich als Speisekammer einen modernen Drahtzaun, der etwa 100 Weier vom Reste entfernt war. Dort waren eines Tages auf einer Strecke von rund 20 Meter neun junge Feldmäuse auf- gespießt, und zwar meist durch den Kopf. Fast allen Tieren war der wchädel zertrümmert. Die aufgespeicherte Beute wurde nur selten ganz verzehrt; vielmehr schrumpfen die Mumien allmählich zusammen. Seine Mahlzeit begann der Würger am Kopf und verspeiste zunächst das Gehirn, augenscheinlich, sein Lieb- lingsessen. Der Zaun war die eigentliche Speisekammer des Würgers; an anderen Stellen der .Umgebung fand man nur gang selten 1—2 Mäuse an einem dürren Aestchen aufgespießt. Riemais wurden aufgespießte Käfer festgestellt, obwohl der Vogel diesen eifrig nachstellte, teils trug er sie ins Rest teils verzehrte er sie gleich selbst. Diese Mäusespeisekammer hielt der Würger nur so lange, als Junge im Rest waren.
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Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Briihl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


