Neues von Schinkel.
(©eine Briefe und Lagebücher.)
Karl Friedrich Schinkel, der große Baumeister, lebt unter uns in der strengen Würde seiner Bauten und des Von ihm gegründeten Stils unsterblich fort. Aber der Mensch ist bisher viel zu sehr hinter seinen Werken zurückgetreten. Schinkel war nicht nur ein großer Architekt, sondern auch ein philosophischer Kopf, der tiefe Gedanken über die Schönheit ausgesprochen hat, und ein warmherziger vornehmer Mensch. Diese edle Menschlichkeit Schinkels erweckt zu neuem Leben die soeben im Prvphläen-Berlag zu Berlin erscheinende Ausgabe seiner „Briese, Tagebücher, Gedanken", die Hans vonMackowskhbesorgt hat. Eine Fülleungedruckter Briese wird hier aus seiner schriftlichen Hinterlassenschaft ans Licht gezogen. Vorauf geht eine bisher unveröffentlichte Selbsrbivgrnplne in der er seine künstlerische Entwicklung klar auseinanderseht, und es schließen sich ebenfalls unbekannte „Gedanken zur Baukunst' an. Den Geist der Befreiungskriege atmet ein Schreiben Schinkels an seinen Schwiegervater, in dem er diesem mitteitt, daß sein Sohn, Schinkels Schwager Wilhelm, mit der Post nach Breslau abgegangen sei, um sich den Lühower Jägern anzuschließen. „So sehr diese Ereignisse einen jeden, der näher dabei interesüert ist, im ersten Augenblick erschüttern," berichtet Schinkel hier ain 18. Januar 1813, „so müssen wir doch, wenn wir 'nur einen kleinen Rückblick machen auf unsere verlebten Tage, mit wahrer Herzenserhebung dieselben in unsere Empfindung aufnehmen. Die Aussichten für jeden Menschen in Deutschland waren nur düster und trübe und nirgend war Hoffnung. Aber das Leben unserer jungen Männer vor allem erregte immer in mir eine Rtedergeschlagenhech die um so größer war. je mehr man sich durch den redlichen Fleiß des einen oder anderen für ihn interessieren mußte. Denn wo war die Aussicht, daß auch nur der geringste Teil billiger Wünsche für ihr künftiges Glück realisiert werden konnte! und dies bange Gefühl hatten die jungen Leute selbst, und es tat ihren Studien großen Eintrag. Ein Entscheidendes mußte unternommen werden, und der Himmel scheint für die gute Sache Mitwirken zu wollen. Es ist seit langem beinahe das erste Mal, wo sich -je Stimme des Fürsten mit der des Volkes ganz begegnet, und die Wirkung aus die Stimmung Des Volkes läßt uns das Beste.MM- Wohl tan, der unmittelbar tätig mitwirken kann; ihm rst das Ganze die höchste Freude, uns, die wir jetzt zurückbleibend nur wartend dastehen, wird manches bange Gefühl umhüll«n, von dem jene nichts wissen können."
3n anderen Briefen, besonders an den Bildhauer Ehrrstran Rauch, erzählt Schinkel von seinen Reisen, unter Lenen seine Aufenthalte in Italien obenan stehen, und osfenbart seine tun tte- ' rischen Ideen. Aus Reapel berichtet der Erbauer' des Berliner
Bresse de» Landes findet kräftige Worte gegen eine Politik, bie Wind sät und Sturm ernten wird, die SHeidemariern errichtet inmitten deS Volkes und nicht nur die Zungen scheidet, sondern auch die Herzen, gegen Beamte, die von den Geldern deS Landes besoldet werden und sich nicht dte Muhe geben, dessen Sprache und Art kennen zu lernen. Die Blätter weisen darauf hin, daß Frankreich auf dem besten Wege dazu sei, sich «ans um Vertrauen und Achtung der Elsaß-Lothringer zu bringen und verlangen mit Rachdvuck, daß die Elsaß-Lothringer selbst in den entscheidenden Fragen gehört werden, die bisher so gut wie nichts zu sagen hatten. . r
Aste diese Erfahrungen sind schon einmal gemacht worden. Gerade am Elsaß hat man lernen können, daß staatliche Fremd- 'Herrschaft wohl die leitenden Kreise hart trifft, aber das Volk in seiner Masse und Tiefe nicht umgestaltet, ja kaum berührt. Gegen Ende der 200jährigen Franzosenherrschaft, im Jahre 1860, zählte Straßburg 21 Proz. französischer neben 76,5 Proz. deutscher Familiennamen: da hier alle Beamten und Offiziere mitzählen, die doch nicht bodenständig waren, war also kaum i/6 der hauptstädtischen Bevölkerung fremd geworden. Auf dem Lande hält sich aber die Ülebersremdung notwendig _ noch in viel engeren Grenzen. Ludwig Xl V. 'hatte schon 1684 im Elsaß den Gebrauch einer anderen Gerichts- und Verwaltungssprache als des Französischen verboten, der französische Freistaat hat hundert Jahre später das 'Verbot neu eingeschärft. 3n den elsässischen Schuten ist gegen die deutsche Sprache namentlich seit 1833 ein zäher Kamps geführt worden, danach hat Rapv- leon III. die zwangsmäßige Durchführung des Französischen in allen Vvlkskreisen mit scharfen Mitteln gefördert. Aber schon ihm bat der Bischof von Metz erklärt, daß 260 seiner Pfarreien nur Deutsch verstünden, wie schon 1838 der Straßburger THev- lvgieprosessor Reuß aller Derwelschang sein domierndes „Wir sprechen Deutsch!" entgegenries. Spärlich sind die Stimmen, die heute über den Rhein dringen, und so entschiedene wte die des alten tapferen Reuß sind bisher nicht darunter. Das unglückliche Volk ist müde vom überlangen Kampf und zermürbt durch welsche 'Brunnenvergiftung und Gewaltmaßnahmen. Auch fehlt es nicht an schwankenden Gestalten, und nach vielen bitteren Erfahrungen wird man sich in Deutschland vor jeder vorschnellen Zuversicht Hüten, in dem schmerzlichen 'Bewußtsein, daß jedes Eingreifen in den Sprachenkampf unseres alemannischen Aachbarstamms l uns und ihm zur Zeit nur schaden würde.
lFortsetzung folgt.)
test, soweit die sprachgeschichtliche Kenntnis zurückreicht, und I sie umfaßt, wenn wir die Urkunden und Flurnamen zu Mfe I nehmen, einen Zeitraum von über tausend Iahten. Rach amte I licher Feststellung sprach im Jahve, 1905 Vv" tar 1 ^0 000 Einwohnern des Reichslands genau ein Zehntel Fvaip>ösiich, das | waren zum größeren Teil Lothringer alte dem Gebiet von Metz und südöstlich davon, im Elsaß nur die Bewohner eines royalen Grenzstreifens, der etliche Dörfer, aber keitw einzige Stadt I umfaßte. Als 1887 die Mundarten des Deichslands für tat deutschen Sprachatlas ausgenommen wurden, da liesen nur aues 300 Orten Antworten in franzoslschem Patvte E, 1025 Srage» I bogen mm in deutscher Mundart austaüllt. Dre Swach arenze ist (ganz anders als im deutschen Osten) Haarscharf zu W; sie läuft seit den Tagen Karls des ^°ßen um dieselben Fluren' die 200 Jahre früherer Franzosenherrschaft haben sie I um keine Ackerbreite verschieben können.
In einem Land von solcher Art suchen -am di« Franzosen I seit ihrem Einzug im November 1918 die deutsche Sprache mit I alle,, 'Mitteln auszurotten. In den zwei Jahrhunderten ihrer I frühri LN Herrschaft haben sie keine Volksschule zustande gebracht, I die haben erst die deutschen Barbaren ^71 einrichten mu sM. Aber nun benutzen die Franzosen die deutsch. Volksschule fzu I t&rein Kampf gegen die deutsche Volkssprache. Allen vorher | gegebenen Versprechungen zum Trotz wurde die deutsche -Unter- | ES; gleich aus der Unterstufe verdrängt. Die sechs- jätzcigen Dorskinder auch des rein deutschen Hauptgebrets müssen I Reliaivn und Rechnen. Anschauungsunterricht und alte Facher j in einer Fremdsprache über sich ergehen lassen, von der sie rm I Elternhaus kaum ein Wort gehört haben und die tm gE» Ort I vieileich' keine zwei Bewohner auch nur zu lesen verstehen. Die I Lchrträfte Erden aus dem Innern Frankreichs bezogen und I durch hebe Zusatzgehalter zum 'Aite'halten bei der in jedem I Sinn unerjrculichen Aufgabe bestimmt. Man muß sich etwa nur I eine Reck'-nsiuäde bei Siebenjährigen vorstelten, um dre geistige I >,nd reeljlch- Rot dieser elsaß-lothringischen Kinder ganz zu I ermessen. ’ Bezeichnenderweise sind die Geistlichen die e^ten ge° we-cn die gegen dieses System der Verdummung und Gntchrrst- I lichuna, wie sie es nennen, Einspruch erhoben haben, aber alte I Ein- -den l; >bcst bisher nicht viel genützt: die sprachliche Eigenart I d-s Lands wirb in den Schulen nach tote vor mit. Mite» getreten. I llnb wie gegen die Kinder, so richtet sich, über Kamsst I auch aeaen dte' Erwachse««». Sn allen Gemeinden sind fron- I zöstsch: Volksbüchereien errichtet worden, die die Ginwohüer I mit Letesiofs aus dem Innern Frankreichs überschwemmen, un I Posten von 40 000 Bänden erweitert ein eigens dazu errichteter I Bund Den Bestand dieser Büchereien. Wiederum wird nicht danach gefragt.' ob in einer dergestalt beglückten Gemeinde «uch nur ein Bewohner ein französisches Buch, zu lesen imstande ist. I Dis wehrpflichtigen jungen Leute werden in entlegene französische! Standorte gezwungen «nd in den Kasernen mit plumper Gewalt verwelscht." Bei allen Truppenteilen ist ein Borberei- tungsdienst für elsab-lvHringischs Soldaten eingerichtet. Wer Französisch lernt, wird rascher befördert uiti> erhält inehr Urlaub: um die Tressen oder um ein paar Wochen Urlaub sott den jungen Leuten Muttersprache und Volkstum abgepreßt werden' In dec Verwaltung des Landes Hat die tartsche Sprache keine Stelle mehr; z.B. tollen die Postbeamten in Metz und dre Zollbeamten in'Colmar nur Französisch sprechen und wenn sie das nicht können, Deutsch nur flüstern, der deutschsprechenden Bevölkerung gegenüber aber sich des Dolmetschers bedienen. Zum Amte des Schössen und Geschworenen toerben die Einwohner nur zugelassen, wenn sie Frairzösisch formen; damit ist aber der größte Teil der Staatsbürger von jedem Laienrrchter- tum ausgeschlossen. namentlich wird die Arbeiterklasse fast ferne Vertreter stellen können - und das im Zeichen der Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit! Im lothringischen Moselland hat der Präfekt jede Aufführung deutscher Theaterstücke, jeden Vortrag in deutscher Sprache, jedes deutsche Lied verboten, wert all das dte öffentliche Ruhe gefährde. Als in Straßburg am 18. Dezember 1920 zum 1200jährigen Gedenktag der heiligen Odilie ein Festspiel aufgeführt werden sollte, tourbe es verboten, weil es in hochdeutscher Sprache abgefaßt war. Ein paar Monate später ist es dem Schauspiel „Dämmerung" der beiden Alt- elsässer Bopp und Bösch ebenso gegangen, das in der jüngsten Gegenwart spielt und besonders die politischen Wetterfahnen brandmarkt.
Die einzige Wirkung dieses letzten Verbots ist freilich gewesen, daß das verbotene Stück gedruckt, massenhaft verbreitet und lebhaft besprochen wurde. Das führt uns auf die sonstigen „Erfolge" der französischen Gewaltmaßregeln. Der Elsässer, ist schwer zu leiten und leicht zum Widerspruche gereizt. Die sogenannte Bourgeoisie der größeren Städte, die in deutscher Zeit vorgab, nur Französisch zu verstehen, spricht heute mit Vorliebe Deutsch Männer treten heute als Verfechter der deutschen Landessprache auf, die vordem nicht müde wurden, ihre französische Gesinnung zu bekunden. Dte katholische Geistlichkeit sieht, tote erzählt, in der Bedrängung der Volkssprache zugleich eine Gefährdung der Dolksreligion und geht dagegen an. Die elsässi- schon Abgeordneten 'haben mit Ablehnung des Unterrichts- Haushalts gedroht, toenn in der sprachlichen Behandlung der Schule nicht andere Wege eingeschlagen werden. Dte deutsche


