Samstag, 11. November
1922 — Nr. 45
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Das SchiÄsal der deutschen Sprache in der Gegenwart.*)
Don Prof. Dr. Alfred TS he.
QEeun sonst von den Sorgen der deutschen Sprache die Rede war, galt es in aller Regel den faireren Bedingungen ihres Mesens, ihrer Geschichte, ihrer Bewahrung vor .Un- geschmack und sprachlicher Zuchtlosigkeit. Diese Fragen sind wichtig genug und durchaus wert, den Gegenstand vaterländischer Sorgen zu bilden, wie sie es auch künftig stvieder sein werden. Aber sie müssen vorübergehend zurücktreten in der ernsten Zeit, La Bestand und Grenzen der deutschen Sprache selbst bedroht sind, da von West, Ost und Süd die Gegner sheranrücken sund „Deutsch oder Welsch", „Deutsch oder Slawisch" zum Kampfruf geworden ist. Da richtet sich der Blick von selbst auf die be- drehten Grenzen unseres Deutschtums, wir überschlagen die Grütze der- Meßuhren, die unsere Sprache von a-utzenher bedrohen, messen an den Erfahrungen unserer Sprachgeschichte ab, wie weit Gewalttat auf diesem Gebiet Erfolg erwarten kann, und prüfen die Mittel, die uns zur Abwehr noch schlimmerer Verluste geblieben sind.
Don der Höhe stolzer Erfolge und der daran geknüpften Hvfsnungen ist die deutsche Sprache hinabgesunken in tiefes Leid und ernsteste Gefahr. Im Weltkrieg haben nicht nur Deutsche gegen Franzosen, Engländer, Italiener, Aussen und Serben gekämpft, auch Deutsch stand damals im Kamps gegen Französisch und Englisch, Italienisch und Slawisch. Ja. es schien siegreich zu sein. Bon Dünkirchen bis Warschau, von Aiga bis Bukarest wurde vier Jahre lang Deutsch gesprochen. Die Grenzbestimmungen unserer Baterlandsiieder waren zu eng geworden: nicht von der Maas bis an die Memel reichte das kriegführende Deutschland, sondern von der Warne bis an das Schwarze Meer. Fest und treu wie je stand die deutsche Wacht, aber nicht am Rhein, wie unsere Tapferen mit stolzer Bescheidung sangen, sondern am englischen Kanal und aus dem Libanon. Eine Ausdehnung des Deutschtums hatte stattgefunden, wie sie Europa seit den Tagen der Völkerwanderung nicht gesehen hatte, und sie schloß sprachliche Tatsachen ein von weltwendender Bedeutung: die Einigung von ganz Mitteleuropa unter den Klängen der deutschen Zunge. Das Land von Flandern und Brabant Hatte Anlast, sich auf sein altes Germanentum zu besinnen. Die guten deutschen Ramen belgischer Städte, dorther fast schon verklungen unter welscher Anmaßung, waren neu zu Ehren gekommen: wir sprachen wieder, wie die Jahrhunderte vor uns, von Lüttich und Löwen, Wecheln und Antwerpen. Staunend hatten unsere Feldgrauen wahrgenvmmen, wie leicht sie sich auf Grund ihrer Mundart mit den niederfränkifchwn Stammesbrüdern verständigen konnten. Das Schielen nach französischer und eirglischer Bildung als etwas üleberlegenem hatte einem besonnenen, seiner Würde bewussten Deutschtum Plah gemacht. Die Deutschen erführen, Last sie auch darin viel stärker waren, als sie gewußt hatten: auch sprachlich war es ein Geschenk des Krieges, daß er uns die eigne Stärke herrlich offenbarte. Das deutsche Wort war durch ihn viel kraftvoller und bewußter, wuchtiger und freier geworden.
) „Reuen Jahrbüchern für des klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur" (Verlag von B. G. Teubner, Leipzig) entnommen.
Bon lichten Gipfelhöhen haben Waffenstillstand und Friedens« schluh auch unsere Sprache in eine tiefernste, forgenumwölkto Gegenwart gestürzt. Jeder Tag, der seit dem Aovember 1918 ins Land gegangen ist, hat der deutschen Sprach» iund ihrem Gebiet schweren Schaden getan, tief« Sorge um ihr weiteres Geschick zur vaterländischen Pflicht gemocht. Zu keiner Zeit, auch in den vergangenen Tagen der Kraft nicht, hat das Deutsche Reich alle Menschen deutscher Zunge umfaßt. Seit dem Westfälischen Frieden waren dir deutsche Schweiz und die Ateder- lande vom Reichskörper losgeschnitten und in ihrem sprachlichen Bestand bedroht. Ludwig XIV. hatte Elsaß und Lothringen lvsgerissen und mit allen Mitteln zu verwelschen gesucht. Luxemburg. der einzige Staat der Welt, der ganz auf dem Boden einer deutschen Mundart errichtet ist, wurde von französischem Sprachleben umworben und umspült: so ist es gekommen, daß feine Bewohner in ihrer Gesinnung jetzt verwelscht sind. Seit 1806 und endgültig 1866 war die Trennung von Oesterreich- Ungarn vollzogen, seither taten die Tschechen in .Böhmen, die Madjaren in Ungarn, die Südslawen in Kärnten und Steiermark und die Italiener in Südtirol dem dortigen Deutschtum jeden möglichen Abbruch, redlichen und unredlichen. In den Ostseeprovinzen bestritten die Aussen den deutschen Herren des Landes sprachliches Leben, ja das Leben überhaupt. Draußen in der Welt gingen Jahr für Jahr Tausende von Deutschen im englischen, spanischen und portugiesischen Sprachleben für das Deutschtum verloren. Riemals aber hat das Reich verstanden, die Seinen in der Fremde auch sprachlich wirksam zu schützen, wie Italien seine Jrredenta, Polen seine auf drei Staaten verteilten Sprachgenossen, während Frankreich für die paar tausend Franzosen, di« unter fremder Herrschaft standen, fieberhaft arbeitete. Aber die Deutschen im Reichsverband waren doch sprach- lich sicher behütet, die Auswanderung ging zurück, die Fremdsprachigen innerhalb der Grenzen des Reichs nahmen nicht überhand. Dieser zuversichtliche Stand der Dinge hat 1918 ein Ende gefunden. Jetzt läuft die deutsche Sprachgrenze weit cwr der staatlichen durch fvenches Staatsgebiet, ja man muß heut« noch sagen: durch feindliches Land, und zwischen beiden Linie» liegt breit und ungeschützt schwerbedrohter, alter deutscher Sprachboden, bei dessen Ramen heute das Herz jedes guten Deutschen schmerzlich getroffen wird: Elsaß, Lothringen, das Saargebiet, Westpreußen, Danzig, Blemel, Posen, Oberschlesien, Siebenbürgen, Kärnten, Steiermark, Südtirol. Was geht sprachlich in diesen Gebieten heute vor. was ist von ihrer sprachlichen Zukunft zu erwarten, wie können wir helfen?
Zunächst, auch unseren Herzen am nächsten, das Elsaß, das sich von unseren deutschen Bergen ganz überschauen läßt und breit vor unseren Toren liegt, das einst Mit der deutschen Schweiz und Oberbaden zusammen das alemannische Herzogtum bildete und nun mit einer Willkür, die jeder natürlichen, geschichtlichen und geographischen Einheit spottet, einem Fremd- staat zugeteilt ist, von dem es Art, Sprache Noch Sitte der Bewohner, Wirtschaft und Recht gründlicher noch scheiden als der doch wahrlich deutliche Grenzwali der Vogesen. Geschichtlich 'handelt es sich um rein deutsches Land: die Schädel- und Körpermaße, die Ramen der Orte und Fluren, die ausgegra- benen Zeugnisse ältester Ortsgeschichte, die Beobachtung von Sitte, Sage und Märchen, Volkstracht und Hausbau weisen alle in dieselbe Richtung: bas alemannische Gebiet rechts und links vom Oberrhein ist eine Einheit. Die Grenze der Dörfer mit deutscher gegen solche mit französischer Mundart ist völlig


