Ausgabe 
11.3.1922
 
Einzelbild herunterladen

88

Raben, andere mit ihren Ideen anzustecken, ihnen ihre lieber» frcuqung einzusuggerieren. Um eine derartige Gemütsepidemie die gerade in letzter Zeit in allen Volksschichten erschreckend Mel Opfer findet, handelt es sich bei dem modernen O k k u l t i s m u s. Lind wenn auch namhafte Gelehrte sich als überzeugte Okrultlsten ausgeben wer wird denn behaupten wollen, bau mj , Gelehrte gegen Gemütsepidemien gefeit sind? Auch Gehrte haben gewöhnlich ein Gemüt, und wenn sie auch durch rhr aomen eine allzu rasche Infizierung durch den okkultistischen Dazcklus erschweren, um so stärker und heftiger äußert sich bei ihnen die Krankheit, wenn sie einmal von ihr befallen werden. Daimt soll keineswegs gesagt sein, daß alle Probleme, bte heute mit Ramen tote Parapsychologie und Tenolvgte gedeckt, werden, H-uubug wären daß die okkultistischen Bestrebungen reder Berechtigung entbehren. Aber es ist nach den bisherigen Grgsbnts^n etn üin- ding, Okkultismus als ernste, nüchterne Wissenschaft zu et klären weil gewisse logische Boraussetzungen fehlen. Okkultismus ist zum Teil geschickte Taschen- und Gedan?ensptelerel, zum Teil Glcuibenssache über die bekanntlich nicht gestritten tmrden kann, und zum Teil eine Herabsetzung des normalen, gefun. > «bens- Sefühls. Menschen mit nicht irritierten Aerven von u .wrtzchgern Empfinden, unverbrauchte, nach Tätigkeit und Lebenskampf dur­stende Energie sind keine Okkultisten!

Um was geht es eigentlich? Um seltsame, unerklärliche Vor­gänge jenseits des bis^r allgemein anerkannten leiblichen und bewußt geistigen Ichs! Wir fühlen Kräfte walten, die wir mcht kennen, wir haben in den letzten Jahren so lange in unseren Seelen herumgeschürft, Psychologie betrieben, Ursachen und Wir­kungen zu ergründen versucht, daß es kein Wunder ist, wenn wir nun einer gewissen Monomanie zum Opfer fallen. Der Krieg mit seinen fürchterlichen, seelischen Eindrücken, die erst jetzt ihre Folgen zeitigen, hat viel dazu beigetragen. Ich denke Da nur an die Gründe, die mich dem Okkultismus in die Arme trieben, verschiedene Vorfälle an der Front, merkwürdige Vorahnungen von Kameraden, die sich mehr oder weniger genau erfüllten, eigene Erlebnisse, die mich einerseits erschreckten, andererseits in einen gewissen Rausch verstrickten, aus dem heraus ich alle Dinge eben vom Standpunkt des Okkultisten sah. Sobald aber wieder nüchterne Augenblicke kamen, logische Erwägungen dte Oberhand gewannen, merkte ich, in welcher Autvhhpnose ich mich befand. Vor allem kommt hier ein Dorsal! in Betracht, der mir Anlaß gab mich mit dem Problem der Telepathie näher zu be­schäftigen. Während einer nächtlichen Eisenbahnfahrt in der pol­nischen Etappe ich sah allein mit einer mir unbekannten »rau im Abteil, ohne daß es zu einem Gespräch gekommen wäre wurde ich plötzlich von einer unsagbaren Angst gepackt, die mir die Kehle zuschnürte. Ich versuchte, die unbegreifliche Erregung zu bannen, aber es gelang nicht, meine Unruhe wurde immer heftiger, qualvoller, ich sprang von der Dank auf und rannte auf den Waggvnkorridvr heraus, in dem zwei Offiziere standen, mit­einander sprachen und Zigaretten rauchten. Ich erinnere mich noch, daß der eine mich halb belustigt fragte, was ich denn hätte, da ich im Laufschritt den Gang auf und ab eilte, bald ein Fenster aufrih, bald wieder ganz verstört auf die Rotbremse starrte. Denn ich hatte das eigentümliche, aber bestimmte Gefühl: .Es geschieht etwas Fürchterliches, etwas Schreckliches!" Der eine Offizier bot mir eine Zigarette an, ich zündete sie an, wech­selte ein paar Worte und wurde dabei ruhiger. Aach etwa fünf Minuten bremste plötzlich der Zug mit Gewalt zum Ruck, rollte langsam ein Stück weiter und hielt. Wäre er weiter ge­fahren, so hätte sich ein maßloses Unglück ereignet. Denn ver­mutlich durch die starken Aegengiisse der letzten Tage war der Eisenbahndamm unterwaschen worden und eingestürzt. Durch die Rotsignale eines Streckenwächters, Der zufällig um Biese Zeit seinen Kontrollgang hatte, wurde der Zug zum Stehen gebracht, und so fuhren wir zur letzten Station wieder zurück. Aatürlich brachte ich dieses, wenn auch verhütete Unglück mit meiner selt­samen Vorahnung in Verbindung. Möglicherweise bestand auch ein Zusammenhang. Aber ich entsinne mich auch, in jener Aacht besonders ermüdet, abgespannt, nervös gereizt gewesen zu fein, und ich weiß heute nicht, wieviel von jenem unbändigen Angst­gefühl, das mich damals plötzlich befallen hatte, auf das Konto dieses Erregungszustandes zu sehen ist.

Aehnliche Fälle von Vorahnungen trugen sich während meiner Frontdienst leistung zu. Ich habe sie, soweit sie von allgemeinem Interesse sein.könnten, in einem demnächst erscheinenden Roman- buche ausgenommen, indem ich das Problem des sog. zweiten (seelischen) Jchs von einer neuen Grundlage aus betrachte und eine gewisse, einleuchtende Lösung auf eine zur Zeit wohl noch sehr grotesk erscheinende Art zu geben versuche. Jedenfalls kämpfe ich darin gegen die Ausbreitung, diePopularisierung" der okkultistischen Anschauungen an, denn sie entnerven die Menschen, sie bestärken noch den Hang eines Teiles unserer Generation zum Traumhaft-Pathologischen, zu einer krankhaften Beschäftigung mit übersinnlichen Dingen, die eine noch ungeahnte Demoralisation und Schwächung des robust-gesunden Lebensemp­findens nach sich ziehen muß. Ehe man nach seinemzweiten Ich" fahndet, muß man fein erstes völlig in der Gewalt, (haben, es beherrschen können, sonst kann man die Drücke zum anderen Ich nicht passieren, ohne in blinden Wahn zu verfallen oder in die Hörigkeit eines anderen, willenskräftigeren, selbstbewußteren Men­

schen zu kommen und damit in dessen Gewalt. Darin liegt auch die große Gefahr, welche gewisse okkultistische Propheten, Hypno­tiseure und Magnetiseure bedeuten, wenn sie auf einen Kreis willenloser schwacher Personen Einfluß gewinnen. Die gegen­wärtigen unklaren auf tragen Vermutungen gestützten Verhält­nisse lassen die scharfen Gsgenfätze in den Gemütern zwar er» klärlich erscheinen, auf der einen Seite blindwütiger Naturalismus und Oebensgier in jeder sich gerade bietenden Form, auf der anderen Seite verschiedene Geheimkulte und krankhafte Detrach- tung von ^augenblicklich nicht ganz faßbaren Erscheinungen des Unterbewutztseins und der unbefriedigten, religiösen Sehnsucht. Aber der gesunde Lebensinstinkt schlägt auch hier den goldenen Weg der Mitte ein. Wenn bisher der weitaus größte Teil der Menschheit mit feinen fünf Sinnen ausgenommen, damit gelebt hat und gestorben ist, wozu bedarf es der gewaltsamen Züchtung eines dunklen sechsten Sinnes, der seinen Besitzer nicht glücklich macht und den anderen zu allerlei phantastischen, ja grauenvollen Vorstellungen Anlaß gibt? _

Die Drücke zum anderen Ich fuhrt also nicht über die frucht­lose, okkultistische Geheimniskrämerei zum Ziele, nur scharfe Selbst­beobachtung, Selbstdisziplin und der feste und klare Wille, sich und das Leben zu meistern, kann uns mit der Zeit die Möglichkeit geben, die Abgründe und Schluchten, die sich hinter unserer Seele geheimnisvoll auftun, zu entschleiern.

Der Sinzigs.

Von Richard Voß.

(Fortsetzung.)

4.

Eines strahlenden Aovembermorgens flach dieAssunta" nach wvhlgelungener Probefahrt in See. Die Zurückbleibenden standen am Äser, hoben die Hände, riefen den Davonschiffenden nach, standen noch winkend und Tücher schwenkend, als die Darke mit von einem leichten Aord geschwellten Segeln nur mehr als leuch­tender Punkt auf den tiefblauen Wassern erschien.

Die Frau des jungen Kapitäns, deren Rainen die dem Süden entgegenschiffende Hoffnung der Inselleute führte, war nicht mit den andern Frauen am Strande gewesen, sondern war vor ihrem hohen Hause geblieben. Es lag auf dem steilsten Gipfel, der weit vorsprang ins Meer. Don hier aus hatte die Äachschauende einen unbegrenzten Blick, konnte die Barke am längsten sehen von ihr aus am längsten gesehen werden. Und ihres Mannes Blick sollte an der dunklen, einsamen Gestalt haften, so lange dies möglich war. Sie wußte: in ihres Mannes Blick lag sein Herz. Er sandte es über das Meer hinüber, sein Weib grüßend und das heilige Geben, welches sie unter dem Herzen trug. Wenn er zurück kehrte, wollte sie wiederum dort oben stehen und ihm zum Willkommen in hoch erhobenen Armen seinen Sohn ent­gegenhalten; denn:Ein Sohn mutzte es sein!"

Der Winter kam mit seinem Rebelgewölk, seinen Regengüssen und Stürmen. Sie umbeulten die Klippe gleich einer Geisterschar und erschütterten den Fels. Assunta Morgano satz mit ihres Mannes Mutter am Herdfeuer, lauschte auf das Tosen der Winde und dachte, was alle Frauen der Insel dachten:Denen da draußen tut der Sturm nichts. Sie sind sicher auf ihrem Schisse. DieAssunta" hält aus bei Wetter und Wind. Wenn sie wieder­kommen, sollen sie's gut bei uns haben, gut bei Frau und Kind, für die sie da draußen auf fremden Meeren schiffen und schaffen. Möge die Fahrt ihnen und uns gesegnet sein!"

Aber Assunta Morgano dachte, was die andern Frauen nicht denken konnten:Es war dein Mann, der sie dazu brachte, das gute Schiff zu bauen. Deinem Manne danken die Weiber, die Kinder, die Mutter die sichere Fahrt ihrer Männer, Väter und Söhne. Deinem Manne werden sie's danken müssen, wenn unser tägliches Brot uns müheloser und reichlicher zukvmmt. Hochhalten müssen sie den Mann, der deines Sohnes Vater ist!"

So sprachen ihre Gedanken zu dem Leben, das geheimnisvoll unter ihrem Herzen sich regte, damit ihr Kind schon unter ihrem Herzen von seinem Vater hören sollte. Wie stolz sie war auf diesen Mann, der für feine Heimat so Großes vollbracht hatte. Ihr Stolz war noch größer als ihre Liebe, und diese war eine so übermächtige Empfindung, daß sie ihr Herz zu sprengen drohte.

Wie schön er war, wie stark und gut! lind wie auch er sie liebte! War sie nicht eine glückliche, eine gesegnete Frau?

In der größten Kammer des Hauses war ein Webstuhl aufgestellt. Assunta warf mit geschickten Händen die Spule und webte, webte in die Leinwand alle ihre Gedanken ein, ihre Liebe zu ihrem Manne, ihren Stolz auf ihn. Ihr Glück webte sie als schimmernden Faden in das Linnen, das den Säugling umhüllen und für den Fernen ein neues Gewand geben sollte.

Was sie webte, hatte mit welken Händen die Mutter ge­sponnen. Seit vielen, vielen Jahren spann sie an der Spindel den Flachs, der jedes Jahr auf dem Festlande eingekauft ward, des Jahres größtes Ereignis. Bereits als Mädchen hatte sie an der Haustür oder an irgend einer Felswand gelehnt und an der Spindel gesponnen und gesponnen; und später als junge Frau hatte sie aus dem Gespinst das Gewebe gemacht. Ginnen für Gebende und für Tote, Ginnen für Kinderhemdlein und Linnen zu Brautgewändern Ginnen zu Leichentüchern . . .

War Assuntas Tagewerk getan, und hatte der greise Sin-