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Ich folge gern meinen Vorgefühlen, und schon morgen mache ich mich aus dem Staube. Murat wird mir gewiß meinen Abschied nicht verweigern, denn Dank den Diensten, die wir leisten, haben wir immer wirksame Fürsprecher."
„Da du dich sobald davon machst, erzähle uns doch dein Abenteuer," forderte ihn ein Obrist auf, ein alter Republikaner, der sich um die schöne Sprache und Höflichkeiten der Kaiserzeit wenig kümmerte. ( 1
Der Chirurg blickte sorgfältig um sich, als wolle er jeden prüfen, der in seiner Rähe stände, und erst, als er sicher war, kein Spanier sei in seiner Rachbarschaft, begann er: „‘Sern, Obrist Hulot, denn wir sind hier nur Franzosen. Es sind nun sechs Lage her, daß ich gegen elf Mr abends vom General Montcornet kam und mich nach meiner Wohnung zurückbegab, die nur wenige Schritte von der Wohnung des Generals entfernt ist. Da warfen sich plötzlich an der Ecke einer kleinen Straße zwei Unbekannte, oder vielmehr zwei Teufel über mich her und hüllten mir Kopf und Arme mit einem großen Mantel ein. Ihr könnt es mir glauben, daß ich schrie wie ein getretener Hund; aber das Luch erstickte meine Stimme und ich wurde mit einer außerordentlichen Gewandtheit in einen Wagen gehoben. Als mich meine Gefährten von dem Mantel wieder befreiten, richtete eine weibliche Stimme folgende Worte in schlechtem Französisch an mich:
„Wenn Ähr um Hilfe ruft ober Miene macht zu entfliehen, wenn Ihr Euch nut die geringste zweideutige Bewegung erlaubt, so ist der Herr, der Euch gegenüber sitzt, imstande, Euch ohne Bedenken niederzustoßen. Haltet Euch also ruhig. Die .Ursache Eurer Entführung sollt Ihr jetzt erfahren. Wollt Ihr Euch die Mühe geben, Eure Hände gegen mich auszustrecken, so werdet Ihr finden, daß Eure chirurgischen Instrumente zwischen uns beiden liegen, denn wir haben sie aus Eurer Wohnung holen lassen; sie werden Euch notwendig fein, denn wir führen Euch in ein Haus, wo Ihr die Ehre einer Dame retten sollt die eben im Begriff ist, ein Kind zu gebären, das sie, ohne daß ihr Gemahl es weiß, diesem Euch gegenübersitzenden Edelmanns schenkt. Obgleich mein Herr seine Frau selten verläßt, da er noch immer leidenschaftlich in sie verliebt ist und sie mit der Auefmerksamkeit spanischer Eifersucht bewacht, so hat sie ihm dennoch ihre Schwangerschaft zu verbergen gewußt, und er hält sie für krank. Die Gefahren des Unternehmens gehen Eich nichts an, nur habt Ihr uns zu gehorchen, sonst würde der Geliebte der, wie schon bemerkt. Euch gegenüber im Wagen sitzt und kein Wort Französisch versteht. Euch bei der geringsten Unbedachtsamkeit erdolchen." .
„Und teer seid Ihr?" fragte ich. und suchte die Hand der Sprecherin, deren Arm in den Äermel eines Mantels gehüllt war.
„Ich bin die Kammerfrau meiner Herrin, ihre Vertraute, und bereit. Euch durch mich selbst zu belohnen, wenn Ihr uns tn unserer mißlichen Lage unterstützen wollt."
Unsere Unterhaltung war bis zu diesem Punkte gediehen, als der Wagen an der Mauer eines Gartens hielt.
„Jetzt werde ich Euch die Augen verbinden," sagte die Kammerfrau zu mir, „und dann stützt Euch auf meinen Arm, damit ich selbst Euch führen kann." '
Sie schlang ein Taschentuch um meine Augen und band es fest an meinem Hinterhaupte zu. Gleich darauf führte mich die Kammerfrau mit gebeugtem Körper durch die sandigen Gänge eines großen Gartens, bis zu einem gewissen Platz, wo sie stehen 'blieb. An dem Widerhall unserer Schritte bemerkte ich, daß wir vor einem Hause standen.
„Jetzt still," sagte sie mir ins Ohr. „Meine Frau ist rin einem Zimmer im Erdgeschoß; um in dieses zu gelangen, müssen wir durch das Zimmer ihres Gatten und an seinem Bette vorüber; hustet nicht, geht leise und folgt genau meinen Schritten, damit Ihr nirgends anstvßt, noch mit dem Fuße von dem Teppich tretet, den ich auf den Boden gelegt habe."
Der Liebhaber murrte, wie ein Mann, der unwillig über zu langes Zögern ist. Die Kammerfrau schwieg, ich hörte eine Tür öffnen und fühlte die warme Luft eines Zimmers; wir schlichen mit Wolssschritten. wie Diebe bei einem Einbruch. Endlich nahm mir die sanfte Hand des Mädchens meine Binde ab. Ich befand mich in einem großen und hohen Zimmer, das von einer dampfenden Lampe schlecht erleuchtet wurde. Das Fenster war offen, aber durch den eifersüchtigen Ehemann mit starken Eisenstäben versehen. Ich stak in diesem Zimmer wie in einem Sacke. Auf der Erde, auf einer Decke, lag eine Frau, deren Haupt mit einem Schleier von Musselin bedeckt war; aber durch diesen Schleier leuchteten mit dem Glanze zweier Sterne ihre tränenvollen Armen, vor den Mund drückte sie mit Kraft ein Taschentuch und biß so fest daraus, daß ih'e Zähne hineindrangen; nie hatte ich einen so schönen Körper gesehen, aber dieser Körper krümmte sich unter den Schmerzen, tote eine ins Feuer geworfene tzarsensaite. Uebrigens ließ sie keinen Schrei hören. Wir drei standen stumm und unbeweglich. Das Schnarchen des Ehemannes verhallte in tröstender Regelmäßigknt. Ich wollte die Kammerfrau anblicken, aber sie hatte die Maske wieder vorgelegt, die sie ohne Zweifel auf dem Wege abgenommen gehabt Haie, rind sah weiter nichts, als zwei schivarze Augen und liebliche Umrisse. Der Liebhaber warf sogleich Tücher über die Deine seiner Geliebten und fegte den Schleier, der ihre Züge verhüllte, doppelt
zusammen. Als ich die Frau sorgfältig beobachtet hatte, erkannte ich an gemässen Zeichen, die ich erst unlängst bei einem der traurigsten Ereignisse meines Lebens bemerkt hatte, daß das Kind tot war. Ich neigte mich gegen die Kammerfrau, um ihr meine Bemerkung mitzuteilen. In diesem Augenblick zog der mißtrauische Unbekannte seinen Dolch, allein ich hatte noch Zeit, der Kammerfrau alles zu sagen, die ihm darauf zwei Worte mit leiser Stimme zuflüsterte. Als der Liebhaber die Ursache .meines Zauderns erkannt hatte, durchfuhr ihn ein leichter Schauder von den Füßen bis zum Kopse, und ich glaubte durch die Maske von^ schwarzem Samt hindurch zu erkennen, wie sein Antlitz bleich wurde. Die Kammerfrau benutzte einen Augenblick, wo der verzweifelte Mann die schon blauwerdende Sterbende betrachtete, um mich mit einem warnenden Zeichen auf mehrere Gläser Limonade aufmerksam zu machen, die fertig zubereitet auf einem Tische standen. Ich begriff, daß ich, ungeachtet der schrecklichen Hitze, die meine Kehle austrocknete, nutzt trinken dürfte. Der Liebhaber hatte Durst; er nahm ein leeres Glas, füllte es mit Limonade und trank. In brefem Augenblick bekam die Dams schreckliche Krämpfe, die mir den günstigen Augenblick zur ÖVeration andeuteten; ich ergriff meine Lanzette und ließ sie schnell und mit Glück am rechten Arm zur Ader. Die Kammerfrau fing das reichlich hervorspringende Blut mit Tüchern auf und die Unbekannte fiel dann in eine willkommene Ohnmacht. Ich toaffnete mich mit Mut und konnte, nachdem ich eine Stunde gearbeitet hatte, meine Mission erfüllen. Als der Spanier begriff, daß ich seine Geliebte gerettet hatte, dachte er nicht mehr daran, mich zu vergiften. Dicke Tränen fielen in Zwischenräumen auf seinen Mantel. Die Frau stieß nicht einen Laut aus, aber sie zitterte wie ein wildes Tier, das in einer Schlinge gefangen ist, und der Schweiß rann in starken Tropfen vor, ihr. In einem furchtbar kritischen Augenblicke machte sie ein Zeichen, um uns auf Has Zimmer ihres Gatten aufmerksam zu machen. Dieser hatte sich eben in seinem Bette gewälzt. Bon uns vieren hatte sie allein das Geräusch der Decke oder des Vorhangs gehört. Wir lauschten, und durch die Oeffnungen ihrer Masken hindurch warfen sich die Kammerfrau und der Liebhaber Flammenblicke zu, die zu fragen schienen: „Sollen wir ihn töten?" Dann streckte ich meine Hand aus, als wollte ich ein Glas der Limonade nehmen, die der Unbekannte vergiftet hatte. Der Spanier glaubte, daß ich eins der vollen Gläser trinken wollte; leicht wie eine Katze sprang er hinzu, legte seinen langen Dolch über die beiden vergifteten Gläser und ließ mir das fetnige, indem er mir andeutete, den Rest aus demselben zu trinken. In diesem Zeichen und in seiner lebhaften Bewegung lagen so viele Gedanken, so viel Gefühl, daß ich ihm verzieh, wenn er auf meinen Tod gesonnen hatte, um so jede Erinnerung an dieses Ereignis zu begraben, Als ich getrunken hatte, drückte er mir die Hand und hüllte selbst die Trümmer seines Kindes sorgfältig ein. Rach zwei Stunden voll Sorge und Furcht brachten wir, die Kammerfrau und ich, die Unbekannte wieder in ihr Bett. Der Liebhaber hatte bei einer so abenteuerlichen Unternehmung alle Hilfsmittel zu einer Flucht bedacht und seine Diamanten daher auf ein Papier gelegt; jetzt steckte er sie, ohne daß ich es wußte, in meine Tasche. Nebenbei muß ich bemerken, daß ich das wertvolle Geschenk des Spaniers gar nicht kannte und mein Bedienter am folgenden Tage den Schah raubte, um mit diesem großen Vermögen zu entfliehen. Ich sprach mit der Kammerfrau noch über die Vorsichtsmaßregeln, die sie zu treffen hätte, und wollte gehen. Die Kammerfrau blieb bei ihrer Herrin, allerdings ein Umstand, der mich nicht sehr ermutigte; ich beschloß indes, auf meiner Hut zu sein. Der Liebhaber packte das töte Kind und die Wäsche, mit der die Kammerfrau das Dlut ihrer Herrin auf gefangen hatte, in ein Bündel zusammen. Gr band es fest zusammen, nahm es unter seinen Mantel, fuhr mir mit 6er Hand über meine Augen, als wollte er mir sagen daß ich sie schließen sollte, und ging dann voraus, mich durch ein Zeichen auffordernd, den Zipfel seines Rockes zu ergreifen; ich gehorchte ihm, warf aber noch einen letzten Blick auf meine so zufällig erlangte Geliebte. Die Kammerfrau riß ihre Maske ab, als sie den Spanier draußen sah, und zeigte mir das lieblichste Gesicht von der Welt. Als ich wich wieder im Garten befand und die freie Lust einatmete, da, ich gestehe es, war mir, als fiele ein ungeheures Gewicht von meiner Brust. Ich ging in achtungsvoller Entfernung hinter meinem Führer her und beobachtete die geringste seiner Bewegungen mit der größten Aufmerksamkeit. Als wir an der Keinen Pforte wieder ange- kommen waren, faßte er meine Hand und drückte mir das Petschaft eines Ringes, den ich an einem Finger seiner linken Hand gesehen hatte, auf den Mund, ich aber gab ihm zu verstehen, daß ich dieses beredte Zeichen begriffe. Auf der Straße warteten unser zwei Pferde; jeder von uns bestieg eins; mein Spanier bemächtigte sich meines Zügels, und nahm den seinigen zwifcheit die Zähne, denn in seiner Rechten hatte er das blutige Paket. Mit der Schnelligkeit des Blitzes ritten wir davon. Es war mir unmöglich, auch nur den geringsten Gegenstand zu merken, an dem ich später den Weg wieder hätte erkennen können, den wir gekommen waren. Mit Tagesanbruch befand ich mich vor meiner Tür und der Spanier entfloh nach dem Tore von Atocha hin."
„Und dir konntest gar nichts entdecken, woran man später


