Samstag, 11. Februar
1922 — Nr. S
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Von Lsn Aufgaben der Tierpsychologie.
Von Dr. H. Erhard (Gießen).
Mit der Begründung der experimentellen Psychologie durch W. Mundt kam auch in der Tierpsychologie zu der bisherigen Fvrschungsrichtung auf Grund von Beobachtungen ein neuer Forschungszweig, der sich auf Versuche stützte. Schon als Knabe hatte sich Mundt ein Kästchen gebaut, das durch einen Schieber in zwei Räume geteilt war; in den einen setzte er eine Spinne, in den anderen Fliegen. Durch Oeffnen des Schiebers gelangt die Spinne zu ihre" Deute. Wurde der Versuch öfters wiederholt, so konnte man beobacht«?, daß die Spinne den geöffneten Schieber mit Spmnweb festmachte, um den Verschluß der Dchubtüre zu verhindern. W u n d t hat später in seinen Vorlesungen über die »Menschen- und Tierseele" gezeigt, daß zur ErKLrung dieser Handlung der Spinwe die Annahme einer intellektuellen pder gar erfinderischen Tätigkeit nicht nötig sei; es habe sich in der Spinne einfach eine Assoziation: offener Schieber — Lustempfindung, herabgelassener Schieber — LZnterlusterregung gebildet. Dersuchsanvidnung wie Auslegung sind bis zum heutigen Tag vorbildlich geblieben. ' i
Das gleiche kann, tote Bastian Schmid in seiner interessanten Schrift „Don den Aufgaben der Tierpsychologis" (In: Abhandlungen zur theoretischen Biologie, herausgegeben von I. Gchaxel, Heft 8, Berlin, Gebrüder Bornträger, 1921. I — 43 S., 14 Mk. 40 Pf.) mit Recht hervvrhebt, nicht von den bekannten Labyrinth- und Dexierkastenmethoden der Amerikaner Thvrndike, Jerkes u. a. behauptet werden. Säugetiere und Vögel verschiedener Art sollen sich dabei, getrieben durch Hunger und Furcht, aus einem Labyrinth herausfinden oder aus einem Dexierkasten befreien. Durch Irrtümer lernen sie, afsvzieren, und es sollen intelligente Prozesse entstehen. Schmid hat recht, wenn er sagt: Ratten hätten infolge ihrer Lebensweise (häufiger Aufenthalt in Kanälen) von vornherein größere Afso- -iativnsmvglichkeiten als Bogel; Affen eine größere Chance, «inen Käfig zu öffnen als Hunde; außerdem habe der Affe durch einen ausgeprägten Spieltrieb, durch seine Lust am Probieren vor dem Hunde die Zufallsmöglichkeit voraus. Tiere gleichwertiger geistiger Veranlagung, aber verschiedener Organisation und Lebensweise müßten bei solchen Wahlmethvden stark voneinander abweichen; für vergleichende Jntelligenzprüfung fei die Methode also ungeeignet. Schmid erwähnt leider nicht die ausgezeichneten Beobachtungen und Intelligenzprüfungen an Menschenassen durch Wolfgang Köhler, der geschickt die den früheren Lehrmethoden anhaftenden Fehler vermeidet.
Mit Recht bedauert Schmid, daß die Beobachtung in der modernen Tierpsychologie zu sehr vernachlässigt wurde. Wenn er aber sagt, Beobachtungen über die Entwicklung der Psyche der hingen, der Mutter entzogenen Haustiere lägen nicht vor, so muh dagegen auf die interessanten Studien des englischen Philosophen Ll. Morgan an zahlreichen künstlich bebrüteten Vogelrasfen verwiesen werden, worüber Morgan in seinem Werk „Instinkt und Gewohnheit" berichtet. Reben diesem Buch ist die gleichfalls von D. Schmid nicht erwähnte Schrift von K. G r v o s „Die Spiele der Tiere" grundlegend geworden. Gross sagt, das Spiel beruhe hauptsächlich auf vererbten Trieben und sei die Vorübung für spätere Lebensverrichtungen. Darwins berühmtes Werk über «Den Ausdruck der GemütsbÄvegungen" wird in glücklicher Weise durchs einen Abschnitt in Schmids Buch „von den Ausdrucks- fermen des tierischen Körpers" ergänzt. Zeichmingen von Künstler
hand erläutern das Gesagte. In feiner Ablehnung der Versuch« mit den f »genannten denkenden Pferden und Hunden geht Schmid nach Ansicht des Verfassers zu weit. Einige allzu enthusiastische Folgerungen einiger Laien sollten den ernsthaften Tierpsychologen nicht hindern, zu bekennen, daß hier tatsächlich noch manches Ungeklärte, der Forschung werte vorliege.
Schmid fordert auf, die Sprache als Ausdrucks- Mittel der Tiere in ähnlicher Weise, tote dies vorbildlich für Vögel geschehen ist, auch für die Säugetiere in den verschiedenen Le^nslagen, bei der Geburt, bei Eintritt der Pubertät, im Affekt usw. zu analysieren und empfiehlt die von ihm schon angewandt« phonvgraphische Aufnahme in Verbindung mit Kinematographie. Mit Recht lehnt Schmid in seinem Schlußwort, das ein Programm f ü r weitere tierpsychvlogische Forschung enthält, die Auflassung Bohns ab, der an Stelle des von H. G. Ziegler und Ll. Morgan entwickelten Jnstinktbegrifses nur die „Tropismenlehre" setzt. Diese nimmt ein rein maschinelles Reagieren der Tierwelt auf Eindrücke der Außenwelt an. Jedenfalls wird der Leser aus Schmids Buch, das sich mit dem Geistesleben der höheren Tiere beschäftigt, mancherlei Anregung empfangen. __
Der Arm.
Don Sonore de Balzac').
In einer Gesellschaft erzählte einer der Anwesenden folgende Gesuch te: '
Einige Zeit nach seinem Einzug in Madrid lud der Groß- Herzog von Berg die vornehmsten Familien dieser Stadt zu einem Valle ein, den die französische Armee der neuerworbenen Hauptstadt gab. .Ungeachtet des Galaglanzes waren die Spanier sehr ernst, ihre Frauen tanzten wenig, und der größte Teil der Geladenen setzte sich an die Spieltische. Die Gärten des Palastes waren glänzend genug erleuchtet, daß sich die Damen mit derselben Sicherheit in ihnen ergehen konnten, als toäre es Heller Tag gewesen. Das Fest war kaiserlich schön. Nichts wurde aber auch gespart, um ben Spaniern einen hohen Begriff von dem Kaiser zu geben, wenn es ihnen beliebte, von seinen Offizieren auf ihn zu urteilen. In einem Boskett nahe dem Palaste unterhielten sich zwischen ein und zwei Ahr morgens mehrere französische Krieger von den Wechselfällen des Krieges und von der Zukunft, die wenig erbaulich fein konnte, wenn man aus der Haltung der bei diesem Feste anwesenden Spanier einen Schluß ziehen durfte. <
„Meiner Treu," sagte der Ober-Ehirurg des Armeekorps, bei dem ich Generalzahlmeister war, „gestern habe ich den Fürsten Murat förmlich um meine Zurückberufung gebeten. Ohne gerade zu fürchten, daß ich meine Gebeine auf der Halbinsel zurücklassen müsse, ziehe ich es doch vor, die Wunden zu verbinden, die unsere guten deutschen Rachbarn geschlagen haben; ihre Säbel dringen nicht so tief in den Leib, wie die kastilianischen Dolche. .Und was meint Ihr wohll Schon in der kurzen Zeit unseres Hierseins bin ich, wenn nicht der Held, doch wenigstens der Mitschuldige einer gefährlichen Intrige geworden, die so schwarz und finster ist, wie nur ein Roman der Lady Redcliffe sein kann.
*) In G. Hirihs Verlag in München find ausgewählte, gut übersetzte Rovellen Balzacs in einem Bändchen „Große und kleine Welt" erschienen, das sehr hübsch mit Holzschnitten von Daumier und Gavarni versehen ist. Die abenteuerliche Geschichte „Der Arm" ist daraus entnommen.


