Ausgabe 
10.6.1922
 
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so

al» er fk umb des lieben GorteS willen um Srlkchung gebeten, La haben sie gesagt, sie sein umb Gottes willen nicht va. Henn Heiderichen einem gantz Blinden und Lauben, so fast Uber 80 Qar alt, Haben sie geldtgebens halben ein HanLt beinahe gar abgcHauen " Die entmenschte Soldateska trieb die Unbarm­herzigkeit und den gottlosen Mutwillen so weit, datz sie die armen Opfer am Skrotum lebendig aufhrngen und alte Priester kastrierten - Von Schotten rückte Herzog Thristtan am S Juni ab unb gelangte noch an diesem Tage bis Nidda. 3m Gebiet dieser Grafschaft tat er ebenfalls ungeheuren Schadm; fiter belief er sich auf 344 783 sl. 1 Batzen 1 Kreuzer. Auch die Bemter Durggemünben, Storn,felS Litzberg, Ober- Dvtzbach, Homberg vor der Höhe, Drünberg wurden schwer betroffen. Der gesamte Schaden tm »Oberfürstentum beitet sich auf 1 012 651 sl. 10 Batzen »/, KrMer. Man Hat mitunter angenommen, datz diese ^Men staick übertrieben seieir Es mag ja vorgekommen sein, datz die -Zahlen teilweise etwas hoch angesetzt wurden. Wir müssen tedoch bedmrken, datz diese Berichte eidlich beschworen wurden. Der Grd aber wurde früher sicherlich nicht weniger heilig gehalten, tote heutzutage. In der Hauptsache, das müssen wir wohl als sicher annehmen, werden die Berichte über die Schäden zutreffen. Dre Drangsale und Schädigungen der vberhessischen Bevölkerung sind jedenfalls geradezu ungeheuer gewesen. Bon Nidda aus zog Herzog Christian im Lale des Niddaflusses weiter vr die Wetterau hinein Am 4. Juni nahm er Ober-Llrsel bei Homburg em, und am folgenden Tag standen seine Vortruppen schon vor Höchst am Main, schon im Gebiet von Kurmatnz. Hier ereilte den räuberischen Bandenftihrer schon am 10. Juni (alter Kalender) Las wohlverdiente Geschick einer völligen Niederlage. Eine alte Vogelsberger Sage, die mir 1886 von Bürgermeister Weidner e«Wlt wurde (nach Mitteilung feiner Großmutter um 1850, hie sievon den Altvordern gehört hatte"), meldet: Sin schwe­disches Degiment lag in DermutShain. Dieses schickte eine Abteilung in den Obevwald. Hier fielen die Schweden einer überlegenen Anzahl von Schnapphähnen in die Hände. Nach einem kurzen, heftigen Kampfe lagen all« «Schweden totwund aus dem Rafen. Nur ein Trompeter war übrig geblieben. Dieter lletterte auf einen Daum und blies aus Leibeskräften LaS Lied:Wenn wir in höchsten Nöten sind!" Da traf ihn eine mörderische Kugel, und er stürzte durch die Zweige zur Erde nieder mit zerschmettertem Leibe. Die Lüfte aber trugen den Schall der Trompete zu den Kameraden. Sofort sah eine Kom­pagnie auf unb eilte in eben Oberwald, itn dte Gegend, wo ste den Trompetenschall vernommen halten. Als sie an die Stelle d«S Kampfes kamen, fanden ste nur ihre gemordeten und ausgeplün­derten Kameraden. 'Das Raubgesindel aber hatte sich geborgen. Aus Dache wurde nun das Standquartier eingeäschert. Dies« Sage wird in mancherlei Varianten und Lokalisierungen in den Orten deS Oberwaldes erzählt, so mit Bezug auch auf die Wüstung Schershatn im Oberwalb, auf Herbstein, Gre­benhain Crainfeld. Die Sage erinnert in einer geradezu überraschenden Weise an das Rvlandslied. Gemeinsame Züge sind: Äeberfall der Nachhut in räuberischer Weise Ermor­dung aller Krieger bis auf einen, den Trompeter Signal an dte fernen Kameraden, Wiederkehr des Heeres und Rache an den Mördern. Die Gebirgler treten an ole Stelle der Basken, dte Schweden an dte der Franken; Roland verwandelt sich in den übrig gebliebenen schwedischen Trompeter. Pampelonas Erobe­rung ist die Besetzung von Herbstein oder Bermuthshain. Dte Sage vom gemordeten Trompeter im Oberwald, dte noch heute in allen Orten des Hohen Vogelsbergs lebendig ist, möchte ich auf den Einfall Christians von Braunschweig im Sommer 1622 zurück« führen. Geschichtlich ist, datz damals das Dorf Erainfeld, der alte Sitz eines besonderen Gerichts, in Flammen aufging, und datz auch DermutSHa in und Grebenhain mit Feuer und Schwert verheert wurden. Ebenso ist geschichtlich, datz eine parke Spannung zwischen Behörden und Bewohnern der Land- araf schäft Hessen-Darmstadt und der Grafschaft Isenburg-Bü­dingen vorhanden war. Wolfgang Heinrich I. Graf von Isen­burg (15881635) befehligte unter dem Herzog Christian ein Regiment von 2400 Mann und zeichnete sich durch seine .Umsicht und Tapferkeit wiederholt aus. 3n der Schlacht bei Höchst deckte er den Rückzug, nahm persönlich am Kampf teil und geriet in die höchste Lebensgefahr. Mit dem Rest seiner Truppen blieb er bei dem unglücklichen Heerführer und begleitete ihn durch Lothringen bis in die Niederlande. Wegen des Rschtsstreites um das Amt Kelsterbach herrschte schwere Spannung noch damals zwischen Hessen-Darmstadt und Isenburg-Büdingen, ebenso wegen der Tatsache, datz dte beiderseitigen Behörden sich- be­mühten, die Kriegszüge in das nachbarliche Gebiet zu leiten. Geschichtlich ist auch datz daS Isenburgische Regiment, mit roten Hüten ausgestattet, damals das Dorf Erainfeld geplündert und in Asche gelegt hat. Graf Wolfgang Heinrich I. von Isenburg- Büdingen wurde später, im Jahre 1630 auf dem Reichstag zu Ragensburg der halben Pön des LandfriedenSdruchS für schuldig erklärt und zum Ersah alles Schadens verurteilt, den er dem Landgrafen zugefügt. Der Graf 'mürbe durch den Land­arafen aus Offenbach unb von Haus und Hof vertrieben. Er Wchtete nach Frankfurt. Da wurde Gustav Adolf sein Setter. Der Graf focht 8e< Leipzig tapfer unter dem Schwe­

denkönig, nahm auch an der Schlacht bei Nördlingen teil, starb jedoch Plötzlich qm 22, Februar 1635, Go erlebte er nicht mehr die Sequestration seines Landes durch das kaiserliche Dekret vom 7. Juli 1635, das er hauptsächlich veranlaßt hatte. Allen Umständen nach aber werden wir kaum fehlgehen, wenn wir den aeschichtlichen Hintergrund derB o g e l s b e r - gerRvlandssage" in ber Einäscherung von Crain­feld und Grebenhain erlernten (worüber die Pfarrchronik von Crainfeld genauere Einzelheiten gibt neben Archivallen von Grebenhain). Datz jedoch das friihere Dorf S ch e r s h a i n, dessen Lage zwischen Herchenhaitt und Grebenhain wir durch seine Spuren (Mühlgraben, Hausanlagen) noch heute fest- Selfen können, durch ein Kriegsereignis zerstört 'wurde, wie le Bevölkerung des Vogelsbergs allgemein noch, glaubt, ist ganz ungeschichtlich Diese Wüstung entstand allem Anschein nach aus friedlichem Weg infolge Wegzugs ber Bewohner auf einen günstigeren Boden; schon 1578 erscheint Schershain (ScherShagin 1399) urkundlich als Wüstung. Die Bezugnahme auf die Schweden durch die Volkssage aber wurde wohl dadurch gefördert, datz Graf Wolfgang Heinrich I. durch dessen Kriegsvolk das Dorf Crainfeld eingeäschert wurde, ein schwe­discher Parteigänger war.

FriedrlchGotthard Herrchen zu Hohensolms vormaliger Feldscherer.

(Lebenslauf und zeitgeschichtliche Bilder 17141786 nach seinen Aufzeichnungen.)

Von Dr. H. Berger-Dietzen.

Dte Pfarrei Hohensolms besitzt eine wertvolle Ur­kunde aus dem 18. Jahrhundert, das Tagebuch der Familie Herrchen, das ausführlich die Lebensschicksale seiner Mit­glieder beschreibt und interessante Bilder aus der Zeit und ber Kriegsdrangsale von Hohensolms im 7-jährigen Kriege bringt. Es beginnt mit 167 3 mit der Niederschrift des Lebenslaufes von Daniel Heinrich Herrchen, der 32 Jahre als praeceptvr und Organist in Hohensolms wirkt«. Mit 16 Jahren trat dieser schon in Haiger bei dem dortigen praeceptvr kn dwt Schuldienst^ umdas Orgelschlagen, Lesen, Schreiben unb Rechnen Und alles, was nötig war zur Verwaltung des Schuldienstes zu erlernen". Die Familie Herrchen flammte aus H a i g e r in der damaligen sürst- lich-Dillenburgischen Herrschaft, wo Friedrich Herrchen ein an- geseHener Bürger und Leutnant des Amtsausschusses gewesen. Sein Sohn^ fcet eben erwähnte Daniel Heinrich Herrchen. war nach wochfelnder Schultätigkeit in Selters und Runkel und nach einer entbehrungsreichen Wanderschaft um 17 00 nach HohenfolmS als praeceptvr und Organist gekommen, wo et nun dauernd blieb. Es 'war ein gottesfürchtiger und recht­schaffener Mann, der sich die Liebe der Einwohnerschaft und vie Gunst deS gräflichen folmsischen Hauses erwarb; denn er Wußte, neben seinem Schuldienstin bürgerlichen Sachen das Meiste wieder in Richtigkeit zu bringen, hat auch Ihrv Hoch- gräflichen Gnaden dem regierenden Grafen Friedrich Wilhelm zu Solms unb Lich seine Chatulrechmne und Korrespondenz geführt und bei den damaligen Troublen unb Schuldenwesen vieles ausgepanden, Tag und Nacht schreiben müssen". Nach 32jähriger Amtstätigkeit in Hohensolms segnete er 1732 das Zeitliche.

Daniel Heinrich Herrchens jüngster Sohlt, FriedrichGott- »ard Herrchen, ein viel gereister Mann zeitweise Feld- cherer, sammelte 1732 die losen Blätter der Aufzeichnungen eines Vaters. Dessen gewissenhaften Berichte gaben dem Dohne Änlatz, seinerseits auch seinen Lebenslauf zu beschreiben,damit die nach mir Lebende ober meine Nachkömmlinge meine autz - gestandene und gethanene Reiv.e, Herkunft und Geburt erfahren mögen". Dermühe seelige und jammervolle Lebenslauf' des Friedrich Gotthard Herrchen verdient, datz 'wir uns im Folgenden toegen der Kulturgeschicht­lichen und Kriegsgeschichtlichen Bilder, die er bringt, näher beschäftigen.

Am 9. Januar 1714 wurde Fried richGottharbHerr- chen als 2. Sohn des Praeceptors Daniel Herrchen zu Hohen­solms geboren, Nach seiner Konfirmation kam er 172 9 in die Lehre zu seinem Schwager Friedrich Brade, ber Barbier und Hofchirurg.zu Hohensolms war, um dessen Pro­fession zu lernen, Mit dem Barbievergeschäst war damals meist auch die Ausübung der Chirurgie verbunden. So war es auch Brauch in Gießen; denn Gotthard Herrchen wurde in Gießen in dasLehrjungenprvtokvll" auf drei Jahre Lehrzeit eingeschrieben, GS wurde ihm aber ein Vierteljahr geschenkt, so datz fein Vater das Vergnügen hatte, khn vor seinem Ende (1732) als ausgelanten Gesellen zu sehen, Weil aber zu Hause keine bleibende Stätte" war für den jungen Gesellen, wollte er fein Heil in ber Fremde suchen. Um in 'seiner Profession mehr zu lernen machte er sich mit einem Rekommandationsschreiben auf den Weg nach Dietzen. Hier fand er Beschäftigung bei dem Chirurgen Neuling gegen einen Lohn von 15 Kreuzern wöchentlich Gr hielt es aber Mur 4 Wochen bei Neuling au«, weil