Ausgabe 
10.6.1922
 
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1922 Nr. 23

Samstag, 10. Auni

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Der zweite EinfaA Herzog Christians von Braunschweig in Oberhsssen. Gin Gedenkblatt an die Drangsale unserer Vorfahren vor 300 Jahren.

Bon Dr. August Bo «Scheu.

Im November des Jahres 1621 war Herzog Christian von Braunschweig über Arolsen und Corbach in das Hessen-darmstädtische Gebiet eingefallen, um zur Anter- Pfalz zu gelangen, wo er sich mit Ernst von Mansfeld vereinigen wollte. Vereint wollten die beiden Heerführer sich sodann gegen L i! l h wenden und dem Kurfürsten F r i e d r t ch V. von der Pfalz entscheidende Hilfe bringen. Am 9.November zog der Herzog kn das Dusecker Tal und vereinigte seine Streitkräfte zwischen Großen- und Alten- Düse ck. Sn der Mitte des Dezember zog sich Christian jedoch veranlaßt durch umfassende Maßnahmen der bahrisch-ligistifchen Hee­resleitung, nach der Gleen zurück bis in die Gegend von Kirtorf, Dei diesem Marktflecken kam eS am 20. Dezember zu einem Zusammenstoß zwischen dem Herzog und dem General­wacht m e i st e r Freiherrn vvn Anhvlt. Herzog Christian erlitt eine empfindliche Schlappe und muhte am 23. Dezember seinen Rückzug nach Westfalen antreten. (Dgl. Gieß. Anz. vom 17. Dez. Nr. 296, 3. Dl., sowieMitteilg. d. Oberhess. Geschichtsv." Dd. XXIV).

Sm Winter 1621/22 evhülte sich Herzog Christian von Draan- fchweig von dem mißglückten Zug gegen die Pfalz. Durch rück­sichtslose Plünderung der reichen Bistümer Paderborn und Münster gewann er die Mittel zur Werbung für einen zweiten Zug. Sn L r p p st a d t verständigte er sich mit der Bürgerschaft, welche der spanischen Drsahung überdrüssig geworden tvar, be­mächtigte sich dieser starken Feste und eroberte 12 Geschütze. Ein reicher Raub ward ihm im Bistum Paderborn zu teil. Er fand hier eine goldene Bildsäule des S t. L i b o r i u s, die ein Gewicht von 80 Pfund hatte. Er schloß den Schatz in seine Arme, Hieß den Heiligen willkommen und dankte ihm, daß er so lange Zeit auf ihn gewartet. Die bahrisch-ligistische Heeresleitung schickte auf Betreiben des Kurfürchen von Köln einige Abteilungen gegen den Herzog, die verschiedene Orte in Westfalen zurückeroberten. Es gelang Ghristian jedoch, sich zu. behaupten und feinen Verlust zu rächen. Gr setzte die fchweren Brandschatzungen in Westfalen fort gab die Juden preis und erpreßte gewaltig« Summen von D#tn Klerus. Die Stadt Münster muhte ihm über 10000 Reichstaler liefern; in Soest erlangte er einen Schatz von 130 000 Reichstaler und verschiedene Platten von ungarischem Gold. Aus dem geraubten Metall ließ er besondere Reichstaler prägen! die auf der einen Seite eine Hand mit Schwert zeigten, das aus einer Wolke ragt«, auf der anderen die Inschrift .hatten:Gottes Freund und der Pfaffen Feind". Als sein Ziel bezeichnete er «Die Erhaltung Deutscher Frehheit". So hatte er sein Heer auf 12000 Mann Fußvolk und 82 Kompagnien Reiterei, insgesamt etwa 20 000 Mann, gebracht. Sm Frühjahr 1622 brach der Herzog aus Westfalen gegen die Weser auf überschritt diesen Fluß bei Höxter, zog durch thüringisch-sächsische» Gebiet, durch Sachsen-Coburg, die Werra aufwärts, über Kreuzburg, Vacha, die Hessen-kasseltsche Grenze entlang, nach dem Stift Fulda. Dieses muhte ihm 40000 Relchstaler Brandschatzung erlegen. Von dem Gebiet der Abtei

Fulda au» nahm er Richtung gegen Frankfurt. Vorerst aber wandte sich der räuberische Heerführer gegen Alsfeld, dessen Bürgerschaft für die Teilnahme am Kampfe vom vorigen Jahve schwer büßen mußte. Das sog. Hess. O b e r f ü r st e n t u m wurde als feindliches Gebiet behandelt, wie der Landgraf von Hessen-Darmstadt überhaupt, da er Anhänger von Kaiser und Reich war, als Kriegsfeind betrachtet wurde. Auf Himmel­fahrt (30 Mai alten Kalenders) rückte der Herzog in die Stadt Alsfeld ein. Die Stadt wurde der Plünderung preis- gegeben,' die Bewohner, die zurückgeblieben waren, wurdmi ge­radezu entsetzlich mißhandelt; kein Alter, kein Geschlecht wurde geschont. Dre Stadt muhte sofort, um sich gegen die gedrohte Einäscherung zu schützen, 6000 Reichstaler Brandschatzung zahlen. Das Hess. Staatsarchiv bewahrt noch Akten, worin die genauen Angaben über den damals erlittenen wchadrn ver­zeichnet sind. Diese Angaben muhten von den Untertanen be­schworen werden, können also als zuverlässig gelten. Die Stadt Alsfeld erlitt damals einen Schaden von 76 700 fl. 6 Batzen,' bas Amt Alsfeld einen solchen von 23453 fl. 10 Batzen, bas Amt Grebenau einen solchen von 30266 fl. 5 Batzen 3 Kreuzer. Sm landgräflichen Schlosse zu Romrod wurde alles »kurz und klein geschlagen". Am 31. Mai verweilte Christian noch in Alsfeld und rückte am 1. Juni in Schot­ten ein; von der Feldkrücker Höhe aus sah er die bren­nenden Dörfer des Vogelsberges und den schauerlichen Feuer­schein am fernen Horizont. Auch bas Amt II l r i ch st e i n mit den Gerichten Felda und Dodenhausen wurde hart betroffen; der Schaden der armen Gegend belief sich auf die Summe von 66,972 fl. 3 Batzen 31/» Kreuzer. Amtmann Kahßek zu ttlrichstein hat eine genaueDesignation der Marterund Pein, auch onzimlicher Worte, so da» Halberfl adisch« Kriegsvolk respictive an eh- lichen meinen Amts b evo l en en geubet und geredt (6t. v. 22. Juli 1622), uns hinterlassen. Wir lesen hierin u. a.; Hans Rodern den eiteren hat ein Obrister mit einem Auge, so sein Quartier ufm Schloß gehabt, erstlich in eine Cammer ge- senglich gesperret, dah er sage solle, wo ich, der Renihmeister Meines gnädigen Fürsten und Herrn und mein gellt hatte, dar­nach hat er Ihm mit einer Büchßenformen ein Stück aus der Rechten handt gerißen, unnd Shm mit einem bloßen Wehr in die linke .Hand etzliche Schaidt get'han, hernacher hat er Ihm ein Seil umb den Leib werfen und Ihnen hencken laßen wollen, darvon hat er sich mit Geldt laßen müssen. Caspar Steuer­nageln haben sie gefangen geführt. Ihm Schrauben angelegt, Shm die Füße ausgeschnitten unnd fünften jämmerlich gepeinigt, nuhrn geldtgebens halben. Sein, Caspars Weib, haben sie gebrennet unnd darnach bis auf den Todt geschlagen. Heintz Guben Hain einen alten Rathsgenoßen, haben sie geldtgeben» halben durch einen Arm geschoßen, darvon er in wenigen Tagen hernach gestorben. Conrad Ah muhen haben sie geldtgeben» halber erschoßen. Henrich Scheffern haben sie mit bloßen Wehren jämmerlich den Kopf und eine Handt zerhauen, alßo. der ers sein Lebenlang nicht verwindet. Henrich Decker» Wittibe 'haben sie geldtgebens halben bis uff den Todt ge­schlagen und gar jämmerlich gemartert, ist fast ein achtig- järrges Weib. Curt Keiln haben sie zwen Finger geldt­gebens halben zusammen gebunden, unnd Shm mit einem Stecken dazwischen bi» uss rohe Fleisch gegeiet, alßo daß es geblutet, darnach haben sie Shm mit Knütteln die Lenden blau und schwarz geschlagen, unnd zu ihm gesagt, dazu brächte sie Ihr Herr, unnd