Ausgabe 
9.12.1922
 
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Geschichten, die Xaver Scharwenka erzählt.

Der bekannte Pianist, Komponist und Klavier Pädagoge Xaver Scharwenka plaudert von seinem Levensgange in seinen soeben bei Ä. 5. Koehler in Leipzig erscheinenden .Erinnerungen eines Musikers" die erKlänge aus meinem Leben" nennt. Unter der großen Anzahl hervorragender Komponisten, zu denen er in Nähere Beziehung trat, steht Liszt am Ansong und in erster Linie. Der junge Komponist war dem Meister ausgesallen, und Sr lud ihn zu einem Besuch ein, Scharwenka führte sich aus

Zündhölzchen.

Don Ernst Edgar Reimsrdes.

Die kleinen, unscheinbaren Hölzchen, die früher so billig waren, sind heute derartig teuer, daß man sie zu den Luxusartikeln zählen kann. Dabei taugen sie nicht einmal elwaS und nicht selten muh man zehn anzünden, bis eins Feuer sängt. Bevor sie ihre heutige Vollkommenheit" erlangten, haben sie eine lange Entwicklung durchgemacht. Bereits im Jahre 1812, das man als das Geburts« jahr des Zündhölzchens bezeichnen kann, wurden sog. Tauch-, Tupf« oder Tunlhölzchen hergestellk. Sie bestanden aus einem an der

originelle Weife bei khm ein. Aks 'et in derHosgärtnerek* zu Weimar in der Liszt wohnte, angelangt war, wurde er zu» nächst von dem ungarischen Kammerdiener Spiridion empfangen. Er fragte in unverfälschtem Mikosz-Dialekt nach Damen und Art des Eindringlings und bat um eine Karte" erzählt Scharwenka.Leider hatte ich mein Visitenkartentäschchen nicht mit mir; aber halt da kam mfir (ein genialer CedaiÄe! Isti meinem Klappzylinder 'batte ich an S.elle des üblichen Mono» gramms die Anfangstakte meines polnischen Tanzes geklebt, um so einer Verwechslung mit anderen ähnlichenBehauptungen" vvrzubeugen. Schnell entschlossen klappte ich die Angströhre mit hörbarem Duck zusammen und überreiche den zum Präser ster» teller gewordenen Deckel dem etwas maliziös lächelnden Spirndion mit der Bitte, diese ungewöhnliche Visitenkarte seinem Herrn und Gebieter zu übermitteln. Er tat, wie ich verlangt, und bald daraus öffnete sich die Tür Liszt stand mßt ausgebreiteteck Armen, 'herzlich lachend, vor mir; glückstrahlend flog ich ihm entgegen. Meine eigentümliche Visitenkarte hatte es ihm angetan. Er, der älnvergestliche, hatte nicht vergessen; er erinnerte sich bei dem Anblick der kurzen paar Takte im ZylinLer ganz genau meines Damens. bat mich vollends in sein Allerheiligstes und erkundigte sich mit liebenswürdigstem Interesse nach allem, was mich betraf." Gr erfüllte auch die Ditte des Besuchers, seine L-Mcll-Polonaise vvrzuspielen:Wie tranmrerloren, improvi­sierend den Anfang, dann das süße Liebesduett des Mittelsahes mit bezauberndem, unnachahmlichen Ausdruck; darauf jäh und krachens 'hineinstürzend in die himne.,türmende Variante des ersten Themas. Staunen, fast Grauen erweckte dies elementare Toben der gewittergleich dahinjagenden Episode, die dann unter dumpfem, donnerälhnlichem Grollen allmählich in das blühe ide Gefilde der phantastischen, in den prächtigsten Farben schillernden Kadenz führte." Liszt blieb Scharwenka ein treuer Freund, wurde Pale bei seinem ersten Kinde und verfolgte seinen Aufstieg mit liebevollster Anteilnahme.

Ein anderer Grober, der in feinen Freundeskreis trat. r>ar Brahms. Als Scharwenka mit der Familie Goussefs, deren Tochter er im Klavierspiel un'.errichtete, in Rügen weilte, be­gegnete er eines Morgens einem seltsamen Wanderer:Aus geheimem Waldpfade, in dunklem Tannendickicht, auf schmalem Fußsteige traumerloren dahin wandelnd, bemerkte ich in einiger Entfernung ein menschliches Wesen mir entgegenfchreitend, mittel- grrb, untersetzt, bartlos, in einem Jackeüanzuz von unmöglichem Schnitt und unbestimmter Farbe; hervortretend war ein mattes Rötlichbraun, klein kariert. Beinkleider waren sehr ausgiebig, aber zu kurz, Kopfbedeckung in der Hand. Der einsame Wanderer ging lautlos vorüber. Dach einigen Schritten sah ich mich um, und auch der Braunkarrierte wendete sich im selben Augenblick, und! so sahen wir uns einen Moment in die Augen." Kurz danach wurde diese eheUüinllche Erscheinung Scharwenka als Johannes Brahms dorgestellt. Man freundete sich bald an, und Brahms erwies sich als Prophet. Bei einem gemeinsamen Mahl hielt ereine anzügliche, humorvolle Rede mit bedeutsamem Augen» und gelinden Sticheleien aus die Tochter des Hauses und ihren Lehrer. Wirklich und wahrhaftig es lag damals keine Ver­anlassung zu den allerdings ganz harmlosen Anzüglichkeiten vor. Aber dennoch Brahms war ein ProphetI" Als ihm Schar» wenka nicht lange danach zugleich mit der Widmung eines Werkes seine Verlobung mit Fräulein Gvusseff anzeigte, antwortet« er ihm:Sie haben gut lachen und andern eine Freude machen! Das bessere Teil haben Sie doch erwählt; ich kann nicht anders, als mich erst dessen freuen und Ihnen von Herzen Glück wünschen."

Eine bezeichnende Geschichte von Schumann erzählte dem Verfasser sein Verleger Härtel. Schumanns Dovelletten lagen jahrelang bei Dreitkopf und Härtel alsLadenhüter", und da das Werk gar keine AbneHmec fand, mubiten die Druckplatten schließlich eingeschmolzen werden. Schumann studierte dem Ge» wandhausorchester seine 8-Dur-Sinfouie ein, und wurde dabei von Robert Franz unterstützt. Er stand schüchtern und befangen am Dirigentenpult, und als am Anfang der Sinsonie eine- der Bläser Fis statt F spielte, dirigierte er doch unentwegt weiter. Als i'hn Franz anstieß., rief er nur ein schüchemesF" ins Orchester, bis Franz ihn veranlaßte, energisch abzuklopfen und die Stelle zu wiederholen. Derselbe Fehler kam noch einmal, und nun dirigierte Schumann, ohne auf Robert Franz' Drängen zu achten, den Satz zu Ende und sagte bann nur mit traurigqm Ausdruck:Er Hat doch Fis geblasen."

Aütte lag so, vatz sm Winter kein Sonnenstrahl hineinfiel, da ging Iie herum und zählte nur immer die Tage bis zum Frühling, wo >ie Sonne wieder zu ihr zurückkehrte. Die Sonne war doch die einzige, nach der sie sich sehnte, die einzige, die immer sanft und holt gegen sie war, und von der sie nicht genug haben konnte. Sie fühlte sich a!i, und sie war alt. Die Hände zitterten ihr, als ginge sie in beständigen Fieberschauern herum. Wenn sie in den Spiegel sah, da sand sie sich so weih und sarblos, als hätte sie auf der Bleiche gelegen. Dur wenn sie in starkem, warmem, reich strömendem ^Sonnenschein stand, hatte sie das Gefühl, dah sie eine Lebende war und nicht ein wandernder Leichnam.

Je mehr sie an die Sache dachte, desto sicherer wurde sie, daß es keinen Tag im ganzen Jahre gab, den sie lieber feiern wollte, als diesen, wo ihre "Freundin, die Sonne, mit dem Dunkel kämpfen und nach'herrlichem Sieg in neuer, strahlender Pracht ausgehen sollte.

Es war nicht mehr weit bis zum 1k. April, aber sie hatte doch noch Zeit zu einem Kafseefest zu rüsten. Lind als der Sonnen» finsternistag kam, da sahen alle, Stina und Lina und Kajsa und Maja und all die anderen, bei Beda im Finnenwinkel und tranken Kaffee. Sie tranken zweiten Dachguh und dritten Dachguß, und sie «sprachen über alles mögliche, unter anderem auch darüber, dah sie gar nicht wüssten, warum Beda dieses Fest gab. Und unterdessen ging die Sonnenfinsternis ihren regelrechten Gang, aber sie dachten weiter nicht viel daran. Dur einen Augenblick, als sie auf ihrem Höhepunkt war, als der Himmel schwarzgrau wurde und alles in der Datur einen bleifarbenen Ueberzug zu haben schien und ein heulender Wind herangesaust kam, der den Klang der Posaunen des Jüngsten Gerichts und des Weltunter­gangs .hatte, da wurde ihnen doch recht gruselig zumute, aber dann schenkten sie sich eine frische Tasse Kaffee ein, und es ging vorüber.

Als das Ganze vorbei war und die Sonne im Kampf gesiegt hatte und so blinkend froh am Himmel strahlte, da sahen sie, wie die alte Beda ans Fenster trat und mit gefalteten Händen stehen blieb. Sie blickte über den sonnenbeschienenen Derghang hin, und dann begann sie zu singen:

Die goldne Sonne zeiget sich Am blauen Himmelszelt.

Aus srohem Herzen preise ich

Dich, Gott und Herr der Welt."

Dünn junb durchsichtig stand sie am Fenster, aber während S! so sang, umspielten sie die Sonnenstrahlen so, als wollten sie r von ihrem Geben, ihrer Farbe und ihrer Kraft geben.

Als sie den Psalmvers beendigt hatte, sah sie die anderen an und sagte gleichsam entschuldigend:

Seht ihr, ich habe doch keine bessere Freundin als die Sonne, und darum wollte ich das Fest am Sonnensinsternistag geben. Ich wollte, ffxifl wir alle zusammenkommen, um sie willkommen zu heißen, wenn sie aus dem Dunkel tritt."

Dun begriffen alle die Absicht der Alten. Sie waren gerührt und fingen an, gut von der Sonne zu reden. Sie sagten von ihr, dah sie gleich gut gegen arm und reich sei. Wenn sie an einem Wintertag in eine Hütte komme, dann sei das ebenso schön wie ein Herdfeuer, und wenn sie nur scheine, sei es eine Lust zu leben, was für Sorgen man auch zu tragen habe.

Als sie von dem Fest heimgingen, da waren sie alle mitein­ander fröhlich und vergnügt. Sie fühlten sich reicher und gebor­gener, weil sie auf den Gedanken gekommen waren, welch gute und treue Freundin sie doch an der Sonne hatten.

Aber weil dies eine große Sonnenfinsternis war, bei der ganze neun Zehntel der Sonnenscheibe verdeckt waren, erregte sie überall, wo sie sichtbar wurde, großes Aufsehen. Gelehrte Forscher zogen mit ihren Instrumenten aus, um zu messen und zu rechnen. Ge­wöhnliche Leute schwärzten Gläser und Operngucker und standen lange da und guckten die Sonne an. Die Schulkinder dursten die Klassenzimmer verlassen, damit sie sich an der Sonnenfinsternis satt sehen konnten. Die Zeitungen brachten lange Berichte, wie der Himmel seine Farbe verändert hatte, wie der Vogelgesang ver­stummt war und wie dunkel es gewesen war, als sie ihren Höhe­punkt erreichte.

Aber wieviel Aufsehen es auch der Sonnenfinsternis wegen gab, so f>abe ich doch nicht gehört, baß irgend jemand ein Fest veranstaltet hätte, um die Sonne zu feiern, als sie siegreich aus der Verdunkelung trat außer der alten Beda im Finnenwinkel.