Ausgabe 
9.12.1922
 
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fein." So hat sis ein ganzes Archiv zusammengeschrieten: tsik Korrespondenzen ihrer Tante Sophie von Hannover umtoben allem 22 Folivbänte, darunter einzelne mit mehr als 1000 Blättern, Und solcher Briefwechsel hat sie viele geführt. Diese gewaltige Leistung ist nicht nur eine wichtige geschichtliche Quelle die das Zeitalter Ludwigs XIV. unter einein ganz andern Winkel betrach­tet, als etwa die gleichzeitigen Auszeichnungen des Herzcgs von Saint-Simon, sondern er ist auch der klare Spiegel ihres Wesens, ein schönes Denkmal kerndeutschen Wesens in einer Zelt grenzen­loser Fremdländerei, und dadurch ist Liselotte unsterblich. Sie hat die Begabung, die engverknüpft ist mit ihrer schonungslosen Wahr­heitsliebe, ein vollkommenes Abbild ihrer Natur und ihrer Stim­mung zu gebAl.Also ist man lustig, müssen die Briefe lustig sein schreibt sie ist man traurig, desgleichen, damit unsere Freunde teilnehmen'können an allem, was uns betrifft. 38^36 - solltet wie alles hier ist, sollt es (Luch gar kein Wunder nehmen, daß ich nicht mehr lustig bin... Sn eine Kultur bineingestellt, dm damals sich nicht nur die feinste dünkte, sondern ste auch wirklich war. in einer Epoche, in der allesfranzösierte , bleibt sie deutsch bis ins Mark.Die anders als deutsch sein wollen und ihre Nation verachten," erklärt sie,die so sein, taugen in der Regel nicht ein Haar." Ihr Deutschland hält sie hoch m Ehren:Sch HÄte es für ein groheS Lob, wenn man sagt teö ich ein

und mein Vaterland liebe: dies Lob werde ich so Gott wil^suchen. bis an mein Ende zu behalten." Wie hangt sie an ihrer Mutter- wracke: Sch kann es nicht vertragen, Deutsche zu fmten, die ihre Muttersprache so verachten, daß sie nie mit andern Deutschen reden oder schreiben wollen: das ärgert mich recht." prachtvolles

Deutsch hat sie geschrieben, volkstümlich bodenständig. Sie war eine echte Pfälzerin mit dem lebensfreudigem Blut, der frischen Gesundheit und dem derben Humor der Pfalzer. Sie pflegt die Erinnerungen ihrer Kindheit, freut s,cy an Volksliedern und Volks tümlichen Wandungen, bleibt ein Kind ihrer Heimat bis auf die Biersuppe und das Sauerkraut, die sie Schokvlate und Tee vor» zieht Der Grundzug ihres Wesens und ihrer Gr^e war ihre Ehrlichkeit: sie nimmtkein Blatt vor das Maul" Wassilon der ihr die Leichenrede hielt und in dem Pomp des Schönrednertums manch Hohles und Schiefes von ihr gesagt hat, trifft doch den Kern ihres Wesens mit den Worten:Hier ist ein Furstenleben, von dem man ohne Furcht den Schleier wegziehen darf. Em edler Freimut den die Höfe so selten kennen, machte sie dem König lieb und werft er sand bei ihr, was die Könige sonst so selten finden: die Wahrheit,"

Der Sonnenfinsternistag.

* Aon Selma Lagerlöf').

Da waren Stina vom oberen Eck und Lina vom Vogelhäusel und Kassa vom Movrhof und Maja von der Hochalp und lteda pom Finnenwinke! und Elin, die neue Hausmutter im alten Sol- datenquartier, und zwei oder drei andere alte Weiber.

Die wohnten alle miteinander am äußersten Ende des Kirch- spieles unter der Hochalp, in einer Gegend, die so steinig und unfruchtbar war, daß keiner der Großbauern daran gedacht hatte, die Hand darauf zu legen. Eine der Frauen hatte ihre Hütte auf einer kahlen Derghalde liegen, eine andere am äußersten Rande eines Moors, eine dritte hatte sie auf einem Hügel stehen, der so steil war, daß es schon eine rechte Arbeit war, hinaufzuflettern, And wenn schon eine von den anderen ihre Hütte auf besserem Grunde errichtet hatte, so konnte man sicher sein, daß sie dafür so dicht unter der Hochalp lag, daß sie ihnen ganz die Sonne ver­deckte, vom Herbstmarkt bis zu Mariä Verkündigung.

And alle, wie sie da waren, hatten sie sich dicht neben der Hütte ein kleines Kartoffelfeld angelegt. Es war mit großer Mühe und Beschwerde geschehen, denn wenn es wahr ist, daß es dort unter dem Berge viele verschiedene Arten von Erde gibt, so ist es auch wahr, daß sie alle schwer dazu zu bringen waren, Frucht zu tragen. Manche der Frauen hatten erst so viel Steine aus dem Acker jäten müssen, daß es für einen herrschaftlichen Stall gelangt hätte, andere hatten die Deiche so tief graben müssen, wie Gräber, andere mußten die Erde Sack um Sack herbeischleppen und sie aus dem nackten Fels ausbreiten. Die es am besten hatten, mußten früh und spät gegen Ankraut und Disteln ankämpfen, die mit einer Kraft und Aeppigkeit in die Höhe schossen, als glaubten sie, daß das ganze Kartoffelfeld eigens für sie angelegt fei.

Alle diese Frauen saßen allein in ihren Stuben, solange der Tag war. Denn wenn sie auch einen Wann hatten, so ging er doch jeden Morgen in die Arbeit, und die Kinder gingen zur

*) Aus einem Bändchen Erzählungen der berühmten Dich-- terin entnommen:Die Prinzessin von Babylonien, und andere Erzählungen", Aebersetzung aus dem Schwe- bischen von Marie Franzos. (Verlag von Albert Langen, Mün­chen.) Das sind seine, poesievolle Geschichten, um deren Ver­breitung der Langensche Verlag sich wahrhaft verdient macht. In Selma Lagerlüfs dliärdjen und Sagen wirkt eine erquickende, seherische Naivität, die in den vorliegenden einfachen Erzählungen oft einen herzbewegenden Siimnmngszauber Mmnrnt,

Schule Mntge vor, ihnen waren alt und hatten erwachsene aber die waren nach Amerika gezogen. Einige hatten kleine Kinder, und die blieben wohl den ganzen Tag daheim, aber die konnts man ja nicht als Gesellschaft rechnen. Sv einsam, wie sie in ihren Stuben saßen, war es beinahe notwendig für sie, sich ab und zu einmal bei ein paar Tassen Kaffee zu treffen. Richt, daß sie gerade Lmmer so eines Sinnes gewesen wären oder gar so große Liebe füreinander gehegt hätten. Aber manche von ihnen wollten doch gern wissen, was die anderen trieben, und manche, die ganz unter dem Berge hausten, wurden schwermütig, wenn sie nicht ab uns zu mit anderen Menschen sprechen konnten. Manche mußtM ihr Herz ausschütten und von dem letzten Brief aus Amerika! erzählen, und andere wiederum waren von Natur aus lustig und gesprächig, und sehnten sich nach einer Gelegenheit, so große und gute Gottesgaben zu betätigen.

Es hot ja auch keine Schwierigkeit, ein Kaffeekränzchen zu veranstalten. Kaffeemaschinen und Tassen hatten sie alle, und Sahne konnte man im Herrenhof kaufen, wenn man keine eigene Kuh -um Melken hatte. Backwerk konnte man mit dem Meiereiwägelchen aus der Stadt vom Bäcker holen lassen, und Landkrämer, die Kaffee und Zucker verkauften, gab es überall. Rein ein Kafseefest auszurichten, das war die leichteste Sache der Welt. Schwer war es nur, einen Anlaß zu f inten.

Denn alle, Stina vom oberen Eck und Kajsa vom Movrhof und Maja von ter Hochalp und Lina vorn Vogelhäusel und Beda vom Finnenwinkel und Elin, die neue Hausfrau im alten Sol-- datonquartier und die zwei oder drei anderen Alten waren einig darüber: Mitten am blanken Werktag geht es nicht an, ein Kafsee­fest zu geben. Wenn man die Zeit, die das Kostbare ist, das nicht wieterkehrt, so übel anwentet, kann man ja rein in schlechten Ruf kommen.

And ebenso waren sie ganz einig, daß es nicht angehe am Sonntag oder an einem hohen Feiertag eine Kaffeegesellschaft abzuhalten. Denn da hatten die Verheirateten Mann und Kinder daheim Id daß sie ohnehin Gesellschaft genug hatten. And andere wollten M die Kirche oder ins Bethaus gehen, einige wollten gern Besuch (bei Verwandten machen, und einige wieder wollten es ten ganzen Tag mäuschenstill in der Stube haben, damit sie so recht das «Gefühl hatten, daß es Feiertag war.

Desto mehr muhte man bestrebt sein, alle enteren Gelegen­heiten wahrzunehmen. Die meisten pflegten an ihren Namens­tagen einzuladen. Andere feierten das große Ereignis, daß das das Kleinste ten ersten Zahn bekam oder die ersten Schritte gehen lernte. Für die, die Geldbriefe aus Amerika zu bekommen Pflegten, war dies ja ein passender Anlaß, und ebenso ging es ja sehr wohl, die Nachbarinnen zusammen zu laden, um sich beim Stricken einer Decke oder beim Aufziehen eines Gewebes helfen zu lassen

2lber dessen ungeachtet gab es lange nicht so viele Anlässe, als nötig gewesen wären. And in einem Jahre begab es sich, daß eine ter Alten ganz und gar ratlos war und sich nicht zu helfen wußte. Sie wußte, j}aB nun an ihr die Reihe war, ihre Äachbarinnen zu sich zu bitten, sie wollte auch nur zu gern ihre Pflicht erfüllen, aber sie konnte sich rein gar nichts ausdenken, das sie Hütte feiern können. . ,

Ihren eigenen Namenstag konnte sie nicht feiern, denn sie hieß Beda, und das war aus dem Kalender gestrichen, und einen anderen konnte sie auch nicht feiern, denn sie hatte all die Shren auf dem Kirchhof. Sie war sehr alt. und die Decke, unter ter sie lag reichte sicherlich ihr Geben lang, und Briefe bekam sie keine. Sie hatte eine Katze bei sich in ter Stube, und die hatte sie freilich sehr (lieb, auch ist es wahr, daß sie ebenso gut Kaffee trafen konnte wie sie selbst, aber sie konnte sich doch nicht entfließen, ein Fest für die Katze zu veranstalten.

Während sie so grübelnd umherging, las sie einmal ums andere in ihrem Kalender, denn sie meinte, daß sie daraus in so schwieriger Sage vielleicht einen guten Rai holen könnte. Sie fing beim Anfang an mit dem Königshaus und der Erklärung ter Zeichen, und las bis zu ten Märkten des Jahres 1912 und ten Postsendungen. Einmal ums untere las sie das Buch durch, ohne etwas zu finden, aber dann begann sie wieder von vorn, so als wüßte sie, daß die Hilfe doch von dort kommen würde.

Als sie zum sechstenmal das Buch durchlas, blieben ihre Blicke an Sonnen- und Mondfinsternissen hasten. Das las sie, daß in dem Jahre des Heiles, das das neunzehnhuntertundzwölfte nach Ehristi Geburt war, am 17. April eine Sonnenfinsternis eintreten würde. Sie würde um ein Ahr zwanzig Minuten nachmittags beginnen und um zwei Ahr neunundvierzig Minuten nachmittags enden und neun Zehntel des Svnnenüurchmessers umfassen.

Dies hatte sie schon mehrmals gelesen, ohne daraus zu achten. Aber jetzt wurde es mit einemmal schimmernd klar in ihr.Nun weiß ich, wie ich es machen muh," dachte sie.

Aber nur einen Augenblick war sie ihrer Sache sicher. Gleich daraus wies sie ten Gedanken wieder von sich. Sie hatte Angst, daß alle die anderen sie auslachen konnten.

Aber in den folgenden Tagen erinnerte sie sich immer wieder daran, was ihr beim Lesen tes Kalenders eingefallen war, unö schließlich begann sie zu erwägen, ob sie sich nicht doch an die Sache wagen sollte.

Denn wenn sie es so recht bedachte: was für einen Freund hstttz sie auf ter tSeÜ, ten (le lieber mochte als die Sonne? ®ie