Samstag, S. Dezember
1922 — Nr. 49
n
Liselotte von der Pfalz.
Zu ihrem 200. Todestag«, 8. Dezember.
Bon Dr. Paul Landau.
Es gibt Figuren in der Geschichte, denen ein Volk seine besondere Anteilnahme zuwendet: sie sind bekannter und verehrter als viel bedeutendere Gestalten, die aber nichts Populäres an sich haben. Dies« historischen Lieblinge einer Nation brauchen in der Welt der Politik keine groß« Rolle gespielt zu haben, werden vielleicht von der offizielle Geschichtsschreibung nur flüchtig erwähnt; aber was sie über mächtige Staatsmänner und gewaltige Feldherren in dem Gedenien uec Nachwelt heraushebt, ist ein warmer Herzenston, der von ihnen ausgeht, eine eigene Mischung der Eigenschaften, in denen die Späteren einen Spiegel der guten Seiten des Bvlkscharakters erkennen. Zu einer solchen Lieblingsgestalt ist für uns die „Pfalzer Liselotte" geworden, die „Grande Mademoiselle" am Hofe Ludwigs XIV., die hier nicht mehr war als viele andere Damen an dem mit Prinzessinnen so reich gesegneten Hof des Sonnenkönigs. Aber nachdem sie im 18. Jahrhundert vergessen war, hat die Romantik sie mit dem Aufleben des deutschen Nationalbewusstseins nach den Befreiungskriegen entdeckt und als ein Sinnbild deutscher Treue und Ehrlichkeit gefeiert. Damals erschien im Jahre 1820 das Buch von Schütz. Sainte-Beuve, der unvergleichliche Kenner echter Persönlichkeiten, schuf in seinen „Montagsplaudereien" von ihr ein lebendiges Bild, und auch später tnoch hat die französische Forschung in den Werken von Gauthier-Villars und Arvede Bärin« sich mit feinem Derständnis in diese dem französischen Geist so fremdartige Natur vertieft. In Deutschland Letzten sich die Pfälzer W. ^. Riehl und Ludwig Häuher für di« Landsmännin ein, in der sich der Charakter ihres Bolksstammes so prächtig verkörperte, und nachdem die erste große Veröffentlichung ihrer Briese erfolgt war, nachdem Ranke ihr im Rahmen der französischen Geschichte den Platz angewiesen, konnte Häuher schon feststellen, „Elisabeth-Charlotte fängt fast an — was sie nie war und nie werden wollte — salonfähig zu werden." Seitdem ist immer mehr aus dem schier unerschöpflichen Briefschah der fchreiblustigen Frau ans Licht gekommen; ihre Gestalt wurde in Gedichten, in Dramen und Romanen gefeiert; ihre prächtigen Briefe sind in großen und kleinen Ausgaben verbreitet. Vortreffliche Lebensbilder, wie die von Jakob Wille und Gertrude Llretz, sind ins Volk gedrungen.
Bei der 200. Wiederkehr ihres Todestages richten wir unsere Gedanken voll Anteilnahme aus den bescheidenen Sarkophag in der Kirche von St. Denis, der uralten Begräbnisstätte der französischen Könige, wo dieses deutsche Herz nun ruht, einfach und prunklos, wie ihr Leben war, auch im Tode noch fern von der geliebten Heimat. Wieder wie zu ihren Lebzeiten hausen Franzosen am Rhein, bedrücken die Pfalz und saugen sie aus. Die alte deutsche Wunde, an der sie so schwer getragen, ist neu ausgebrvchen und blutet frisch. Es ist der alte Jammer deutschen Schicksals, der uns zu ergreifend aus ihren Briefen entgegentönt, aus den Klagen um das Los des Daterlandes, an dem sie mit allen Fasern hing, dem sie Treue und Hingabe inmitten alles welschen Prunkes stets bewahrt hat.
Tragisch wie wenige Lebenslose war das der Pfalzgräfin Elisabeth-Charlotte, der Tochter des Kurfürsten Karl Ludtrüg, des Wiederherstellers der Pfalz, der so schwer von den begehrlichen westlichen Nachbarn jenseits des Rheins bedroht wurde. Als Opfer der hohen Politik war das frisch« gesund« Mädchen mit dem klaren
Verstand und der ehrlichen deutschen Gesinnung an „Monsieur" verheiratet worden, an den Herzog von Orleans, den weibische« verderbten Bruder des grohen Herrschers. Man kann sich keinen grelleren Gegensatz denken als die Erscheinung dieses urwüchsig trotzigen Naturkrndes an dem Versailler Hvs. an dem höchste Verfeinerung und strengste Hofetikette, imponierender Glanz und hochentwickelte Kultur sich mit Sittenlosigkeit und Falschheit vereinigten. Sie, die vorher nie Parkett gesehen — in Heidelberg „gab eS nur Bretter" — muh nun die ersten unsicheren Schritte auf diesem glatten Boden tun. In eine Welt, deren tiefe Verlogenheit unter der Maske großartiger Haltung verborgen war, tritt sie mit ihrer derben Wahrhaftigkeit, die nichts so verabscheute wie die Lüge, Wit ihrem guten Naturell findet sie sich zunächst geduldig hinein, so gut es gehen will, freut sich an der prächtigen Umgebung mit der naiven Freude eines unverdorbenen Kindes und erringt die besondere Gunst Ludwigs, dessen bedeutende Persönlichkeit in ihr den originalen Charakter spürte. Aber allmählich steigen die furchtbaren Schatten auf und verdunkeln das helle Bild. Der Gatte, einer der unmännlichsten unter den Männern, der sie betrügt und dessen frivole weichliche Umwelt diese männlichste ihres Geschlechtes mit Abscheu empfindet, wird ihr mehr und mehr entfremdet, und es gibt häßliche Szenen. Sie flüchtet sich zu ihrerr Kindern und kämpft wie eine Löwin darum, um ihren Sohn vor dem unwürdigen Erzieher zu retten, den ihm der Vater geben will. Aber sie setzt nichts durch, und der lasterhafteste Sproß der tugendhaftesten Mutter wird zu dem begabten, aber sittenlosen „Regenten" der nach Ludwig Frankreichs Geschicke lenkt«. Und kxum kommt das Schlimmste: sie wird unschuldig schuldig an der Tragödie, der ihre Heimat zum Opfer fällt.
Gestützt auf di« Verwandtschaft mit dem Pfälzer Hause, die durch Liselotte bestand, erhebt Ludwig den ungerechten Anspruch aus einen Teil des Pfälzer Landes, um einen Anlaß zur Verwüstung und Vernichtung dieser blühenden Gebiete zu finden. Vergebens sind alle Klagen, alle Vorstellungen und Drohungen der Herzogin; mag sie auch entrüstet dem Hauptschuldigen, KriegS- minister Lvuvois, den Rücken kehren, sie ist machtlos. Die traurigste Zeit ihres Daseins bricht an; jetzt erst fühlt sie so ganz die Hohlheit und Gesinnungslosigkeit dieses Hofkebens, die grenzenlose Einsamkeit, in der sie 'lebt. „Ich habe einen solchen Abscheu vor alles," schreibt sie da, „daß alle Nacht, sobald ich ein wenig einschlafe, däucht mir, ich fei zu Heidelberg oder Mannheim und sehe all die Verwüstung, und dann fahre ich im Schlaf auf und kann in zwei Stunden nicht wieder schlafen. Dann kommt mir in den Sinn, wie alles zu meiner-Zeit war, in welchem Stand es nun ist, ja in welchem Stand ich selber bin, und da kann ich mich des Flennens nicht enthalten." Oder ein ander Mal: „Was mich am meisten daran schmerzt, ist, daß man meinen Namen gebraucht, um die armen Leute ins äußerste Unglück zu stürzen, und wenn ich darüber schreie, weih man mir's großen Undank, und man protzt mit mir darüber. Sollte man mir aber das Leben nehmen wollen, so kann ich doch nicht lassen, zu bedauern und zu beweinen, daß ich so meines Vaters Untergang bi \ und über daß alle des Kurfürsten meines Herrn Vaters seligen Sorge und Mühe auf einmal so über einen Haufen geworfen zu sehen."
In all diesem Elend bleibt ihr nur ein Trost: sie schreibt, 3n der fremden Umgebung, unter Leuten, die ihre Sprache und ihr Herz nicht verstehen, schreibt sie an die Lieben daheim, stundenlang, tagelang. Sie schließt sich ein, und wenn sie notgedrungen aufhört, möchte sie nr/ch immer weiter fortsahren. „22 Seiten sind es schon," meint sie einmal, „aber ebensogut könnten es no>ch 22


