will meine Frucht bezahlen, was tut’S?“ — Eine Meste Korn 2,10 Mark, eine Meste Gerste nur, euer Mann ist gestorben, L90 Mark. Macht zusammen 4 Mark."
Die Frau wischte die Augen. Geld klimperte aus einem <5ad in den andern. Das Volk sah zu.
„Da holt euch euern Schnaps!" '
Jedes Schauspiel hat seinen Höhepunkt. Am Eingang stand die Polizei von Wildendorn, eine große Schnapsflasche in Ler Rechten, in der Linken ein Glas. Feierliche Amtsmiene schloß den Mund, bis an die Ohren und die Aasenwurzel steckte das Haupt in der Dienstmütze. ■
Was wäre auch hier zu lachen gewesen, daß die Polizei Schnaps ausschänkte? Es geschah dienstlich! Denn der Pfainer von Wildendorn gab jedem, Mann wie Frau, als Quittung der gelieferten Frucht einen Schnaps. So war sRecht von altersher plnd wer wiese je eine Quittung zu ruck? Mann und Frau trank sein Gläslein, wischte den Mund und 3W ab
Die Fruchtlieferung war beendet, die Schnapsflasche leer, und um die Säcke stand Pfarrer und Kirchenvorstand.
Jetzt tat der Krischer den Mund auf. Länger konnte er s nicht bei sich behalten. Hnb heraus mußte es, denn dazu war er gewählt worden, damit im Kirchenvorstand dem Pfarrer gegenüber auch die Gemeinde zu Wort käme.
„Herr Parrer, Ähr seid der gescheitste Pärrner, der noch zu Wildendorn gewesen te.“
Staunend empfing der Kleine seinen Orden.
„Ähr laßt auf den Tag liefern, da müssen sie die Frucht bringen, wie sie die Garb' gibt, 's is noch nie nit schönere Frucht geliefert wor'n. Kein Dreck is drunter!"
Wenn die Frucht durch die Fegmühle läuft, kommt das beste Korn mitten Heraus, seitlich das minderwertige, And das ist ö-er Sh*c(f.
Sonst Hätten also die Wilöenöorner Dreck geliefert! Ader der Pfarrer lieh sich nicht „erwischen", sondern er erwischte sie, And wer die Wildendorner erwischt, vor denen selbst die Juden beim Handel Angst Haben, der ist gescheit, sehr gescheit!
Deutsche Bergbahnen.
Das Anglück auf der 1910—1912 erbauten elektrischen Wendelstein-Zahnradbahn hat wieder einmal den Mick auf jene Vielumkämpfte Art von Dahnen gelenkt, die von einem Teil des Publikums gepriesen werden, weil sie auch Alten und Kranken Gelegenheit geben, mühelos in Dergeshöh' zu gelangen und ein Stück herrliche Natur zu genießen, auf die sie sonst verzichten müßten, von einem anderen Teil der öffentlichen Meinung aber als Verschandelung der Gebirgslandschaft entschieden abgelehnt werden. Am 'heftigsten hat tiefer Kampf wohl in der Schweiz getobt, dem Lande der meisten Bergbahnen. Man wird sich noch erinnern, unter welchen Kämpfen dieser Art die Jung- fräubahn zustande gekommen ist, deren oberste Station „Jang- f-aujvch" in 3457 Meter Seehöhe liegt und damit Europas 'höchste Bergbahnstation ist. Dann die erhitzten Wortgefechte vor dem Zustandekommen der Bergbahn auf das Wetterhorn über die Schnhige Platte und mit dem schwindelerregenden Aufzug auf das Wetterhorn, die Borgeschichte der Rigibahn und der Pilatus- bähn. Aeberall hat schließlich der Bergbahngedanke gesiegt.
In Deutschland ist man in dieser Hinsicht noch nicht so weit und auch erklärlicherweise nicht „so 'hoch hinaus" gekommen wie in der Schweiz, denn der Wendelstein ist Dew Mauds 'höchste Bergbahn und der Wendelstein ist nur 1840 Meter hoch Immerhin also 236 Meter höher als die Schneekoppe an der schlesisch- böhmischen Grenze, die es noch zu keiner Bergbahn gebracht hat, weil im Riesengebirge jedes Bergbähnprojett von einer zähen und einflußreichen Opposition bekämpft wird. Dafür hat aber der Schneekoppe norddeutscher Konkurrent, der Brocken, seit längerem eine Bergbahn. Die Station Brocken liegt 1139 Meter über dem Meere. Die sonst noch vorhandenen deutschen Bergbahnen sind eigentlich mehr Hügelbahnen, denn sie führen fast ausnahmslos auf mehr oder weniger sanfte Waldhöhen in der nächsten Nachbarschaft vielbesuchter Fremdenorte. Da sind z.D. die beiden Dresdner Bergbahnen im Vorort Loschwih, eine Schwebebahn hinauf zur Loschwitzer Höhe und eine etwas längere Dra'htseilbahn zum Louisenhof. Beide haben eben jetzt .wieder einen großartigen Verkehr zu bewältigen und bieten dem, der mit ihnen auf die Elbhöhen fährt, einen geradezu pompösen Ausblick über Groß-Dresden.
Wer von den Rheinreisenden, die Heidelberg besucht haben, wäre nicht auch mit der Königstuhlbahn hinauf über das Schloß und die Mvlkenkur zu dem prächtigen Berggipfel gefahren, von dem aus man das Neckartal weithin übersieht und zu dessen Füßen Alt-Heidelberg, die Feine, ihre roten Dächer ausbreitet. And dann die Nervbergbahn in Wiesbaden mit ihrem unvergeßlichen Ausblick zum RhÄne hinüber nach dem „goldenen Mainz". Gar nidü weit von dieser Stätte die beiden Niederwaldzahnradbahnen, von Rüdesheim und von Aß» mannshausen, einst Deutschlands beliebteste Bergbahnen, jetzt der Ort schmerzlicher Betrachtungen über die Wandelbarkeit des Dölkerglücks. Andere bekannte Bergbahnen sind die Malberg-
vahn von Bad Ems, die Zahnradbahnen im Sieben- g e b i r g e (auf den Drachenfels und den Peterskopf), die Kräh- nenbergvahn von Andernach die Zahnradbahn von Boppard a Rhein, die „Barmer Bergbahn", die Drahtseilbahn von Bad Reichen hall, die Herkulesbahn Kassel-Habichtswald, die zierliche Dra'htseilbahn Grdmannsdorf—Augustenburg t.Erzgeb. die Bergbahnen von Baden-Baden, Durlach und Karlsbad. Weit im Nordosten des Reiches gibt es noch eine kleine „Bergbahn", die auf die Höhe der Samlandküste führt: es ist die elektrische Drahts, i.bh.i vom O st s e e b a d Rauschen, die alle ihre Fahrgäste zu einem erhadenen Fernblick über die blaue Ostsee 'hinaufbringt.
Anter den nichtdeutschen Bergbahnen ist bis zum Kriegsausbruch auch eine Norwegische Ba'hn diel von Deutschen benutzt worden: die Drahtseilbahn auf den Floien bei Bergen.
Abbau der Schutzpockenimpfung?
Von Amtsarzt Dr. Schupper t.
Man wird sich noch der Debatten erinnern, die sich im März l. I. im Reichstagsgebüude im Anschluß an einen Vortrag der Ämpfgegnerin Frau Dr. Andrae über Ämpsung und Ämpfgesetz abspielten: dieser richtete sich vor allem gegen den gesetzlichen Impfzwang. Wie schon so manche Vorstöße der Ämpfgegner, der prinzipiellen Bekämpfer des staatlichen Impfzwangs, wird auch dieser Versuch, eine Aufhebung oder Aenderung des Ämpfgesetzes vom Jähr 1874 herbeizuführen, im Sand verlaufen.
Die Nöte früherer Epidemien, unter welchen das deutsche Volk litt, und denen die Einführung der Pockenimpfung ein Ende bereiteten, find ja beNannt und jetzt gehören die Pocken (auch schwarze Blattern genannt) zu jenen Seuchen, die für uns ihre Schrecken verloren haben: aber wenn sie auch aus Deutschland so gut wie vollständig verschwunden sind, so droht doch immer die Gefahr der Einschleppung aus unmittelbar angrenzenden Ländern, die einen allgemeinen gesetzlichen Ämpfzwang nicht haben. (So wurden im vorigen Jähr in dec Isolierbaracke der hiesigen medizinischen Klinik zwei in Dad-Naäheim an Pocken erkrankte Ausländer behandelt.)
In und nach dem Kriege haben die Pocken in Deutschland eine nur unbedeutende Rolle gespielt, was erst recht deutlich bei einem Vergleich mit den Verhältnissen in Oesterreich-Angarn zum Ausdruck kommt, wo ein Ämpfzwang nicht besteht und daher die Bevölkerung nur zum Teil durchgeimpft ist. Hier gab der Krieg Anlaß zu einer Pockenepidemie, wie sie in einem solchen Amfang Deutschland seit 1874 nicht mehr gesehen hat: so weist das Jähr 1915 eine ErkranLungsziffer von über 23 000 Fällen auf. Es ist bemerkenswert, daß trotz der engen wirtschaftlichen und militärischen Verbindungen, wie sie mit Oesterreich--Angarn während des ganzen Krieges bestanden, die Pocken nicht oder nicht wesentlich von jenen Ländern auf das deutsche Gebiet übergegriffen Haben. Die einzige ©rflärung hierfür ist in der hohen Immunität der deutschen Bevölkerung gegenüber dem Pockengift zu suchen, eine Folge der allgemein durchgeführtest Schutzimpfung. Denn eine hier und dort auftretende Erkrankung fand nicht den nötigen Nährboden, um zu einer gefährlichen Volksfeuche sich entwickeln zu können.
Wie sich die Verhältnisse in anderen Deutschland unmittelbar angrenzenden Ländern, die den gesetzlichen Ämpfzwang nicht haben, gestalten, läßt der jetzt bekannt gewordene Bericht des schweizerischen Gesundheitsrats über die Pockenepidemie, die im Jahr 1921 in der Schweiz herrschte, in bemerkenswerter Weise erkennen. Än der Schweiz ist die Regelung der Schutzpockenimpfung den einzelnen Kantonen überlassen, und unter dem Einfluß impfgegnerischer Bestrebungen ist in verschiedenen Kantonen die zwangsweise Ämpsung und Wiederimpfung wieder abgeschafst. Nach diesem Bericht betrug die Zähl der an Pocken Erkrankte» 596, darunter 8 Todesfälle. Von den Erkrankten waren 23 geimpft, 16 wiedergeimpft und 359 ungeimpft. Anter den 8 Gestorbenen waren 7 nicht geimpft, 1 wiedergeimpft. Von 198 war der Ämpfzustand unbekannt. Mit Recht 'heißt es in dem Bericht: „Eine richtige Duvchimpfung der Bevölkerung würde die Pocken ohne weiteres zum Verschwinden bringen und den Gemeinden und Kantonen sowie dem Bunde die großen Ausgaben ersparen, die ihnen für Epidemien, wie sie das Jahr 1921 zu verzeichnen hatte, erwachsen." Nach Annahme des Eidgenössischen Gesundheitsamts haben die Gesamtkosten für diese Epidemie eine halbe Million Schweizer Franken überstiegen.
Angesichts solcher der neuesten Zeit entstammenden zahlenmäßigen Tatsachen wird sich niemand der ernstesten Bedenken verschließen können, welche die immer wieder auftauchenden, auf eine Aenderung des Reichsimpfgesetzes hinzielenden Bestrebungen der Ämpfgegner Hervorrufen.
Selöstverständlich sind außer der Pockeniinpfung die allgemein-hygienischen und gesundheitspolizeilichen Maßnahmen der Medizinalbehörden, deren Mithilfe bei den Feststellungen der Erkrankungen und deren Infektionsquelle. die sofortige Äsolierung der vereinzelt auftretenden Fälle u. dgl. eine unerläßliche Forde-» ntngjür rationellen Seuchenschuh: die Hauptforderung aber wirb die Beibehaltung der gesetzlich geregelten allgemeinen Dchuh- impsung sein und bleiben müssen. ,
Schristleitung: August Gostz. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Aniv.-Buch- und vteindruckerei, R. Lange, Dießen.


