Ausgabe 
9.9.1922
 
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*)Dauerngeschichten aus dem Westerwald", so lalltet der Untertitel des bereits bekannt gewordenen Buches PhilippisAuf der Hohen Heide" (Verlag des Biblivgr. Instituts, Leipzig). Mit kraftvoller Darstellung zeichnet der Verfasser Land­schaft und Menschen und gibt ein lebendiges Abbild ihrer Arbeit, Mer Sorgen und ihrer herben Kultur. '

Der gescheitste Pfarrer.

Von Fritz Philippi.')

Die Wildendorner 'Hatten einen neuen Pfarrer gekriegt. Ein kleines, schwächliches Männlein mit glattem Kindergesicht und zwei Brillengläsern. Sv klein war er, daß ihm auf der Kanzel ein Tritt gemacht wurde, damit man ihn überhaupt sah. .

Da grölte die vierschrötige Herde: Das wär nur eine Hani,-

'Aach vier Wochen jedoch verkündete der Kirchenvorstand: Der könnt' einen Advokaten lehren! Kein Wildendorner aber weih für den Schlaukopf seines Sohnes einen höheren Ausdruck als: mer funntn A'v'kat ausm mache. Und wiederum jeder Vater eines minderbegabten Kindes tröstet sich damit: wann se all gescheit wärn, gäb's laute Av'kate.

Aach abermals vier Wochen schwur das ganze Dorf: Der Kleine wär der gescheitste Pfarrer, den sie je in Wildendorn gehabt hätten. 1 . . . ,

Wie kam der zu dem Lob? Wie einer zu einem Orden kommt, weih er oft selbst nicht. Der Vogel kommt geflogen und ist da und siht im Knopfloch. Aber wenn die Wildendorner einen Pfarrer übermäßig loben, dann 'hat das einen sehr starken Grund.

Jedenfalls rührte das Lob nicht vom Predigen her. Das muhte einer verstehen, deraufs Geistliche" studiert und soviel Bücher Hatte. Aus dem Preöigerseminar in der nahen Kreis­stadt feinten sie zuletzt dasZisfeln mit den Händen". Hatten sie das Gebärdenmachen gelernt, dann waren sie fertig.

Aber bei der Fruchtlieferung erkannte jeder undder Krischer vorweg die Gescheitigkeit des Pfarrers. _.r. .

Zu Martini ist jeder rauchende Schornsteln in Wildendorn dem Pfarrer eine Meste Korn schuldig und jedes Ehepaar zwei Mesten Gerste oder aufs Wittum die Hälfte.

Ganz Wildendorn lag auf der Lauer. Kaum, dah darüber gesprochen wurde. Höchstens fiel hie und da bei der Feterabend- pfeise eine Bemerkung über den Pfaffensack, der so tief war wie die Höll' Und dah öfter mit den Kirchenvorstehern ein Wort gewechselt wurde, doch ohne Erwähnung der Fruchtlieferung. Aber hochgespannt war jeder, tote es der Aeue machen werde.

Der Aovember rückte an, sperrte die Aecker ab vom Dors und bestellte den Winter als Flurschüh.

Jetzt wurde der Polizeidiener, wenn er alles nut der Orts­schelle gerappelt hatte, angeguckt als müsse er noch etwas ver­gessen haben aber der schüttelte den Kopf. Sonst war doch ui der ersten AovemberWoche die Lieferung wenigstens ausgeschellt wor­ben, wenn's auch dann noch nicht eilte mit dem Dringen. Als aber die zweite Aovernbertooche kam, drei Tage vor Martini, läutete die Ortsschielle Sturm. Wer sonst nie ein Fenster aufnh, tat's jetzt.

Am Märtestag, pünktlich zehn Uhr morgens, wenn em Zeichen mit der Glocke geschieht, ist Fruchtablieferung. Schöne, gute Frucht! Schlechte wird zurückgewiesen."

Fahr einem mit der Faust unter die Aase, ob der nicht auf­springt und oho! schreit. Und hier war ganz Wildendorn unter Sie Aase gefahren. Aoch hatte auf keiner Tenne der Flegel ge­klappert Wie konnten die Wildendorner in der kurzen Zeit ge­droschen haben? Das ging doch reihum gemeinsam den langen Winter hindurch von Scheuer zu Scheuer?

Das Oho der ganzen Herde sollte der Kirchenvorstand dem Pfarrer zu Gehör bringen. ,

Am Abend dröhnten und kratzten ein Dutzend harter Stiefel aus der Haustreppe. Drinnen beim Licht schauten zwei Brillen­gläser aus. Der Pfarrer war sehr freundlich. Der Vorstand setzte sich und sah . . . und sah. Sine Stunde verging, und noch war von der Fruchtlieferung nichts geredet worden, aber zwischen den Worten wurde bereits die Streitmacht in Schlachtreihe aus­gestellt, die feindliche Stellung nach schwachen Angriffspunkten Beäugt, und ein unsichtbares Ringen, die ersten Kampfeswogen waren schon zu spüren.

Aber wer blies zum Angriff und gab den ersten Schuh ab? Ganz allmählich rückte Wildendorn vor. Man war noch nicht aneinander, aber die Brillengläser blitzten dann und wann auf tote Waffen im Licht, die Aägel in den Sohlen wurden unruhig. Und die Stuhlbeine ächzten vor Erwartung. Zum Greifen nahe war man sich, als von der guten, alten Welt geredet wurde, wo der Pfarrer noch dasRasselvieh", Eber, Bullen und Bock, für die Gemeinde Hielt und wo der Pfarrknecht noch lebte.

Es schlug zehn Uhr. Der Wächter stieh ins Horn, schaurig dumpf. Jetzt oder nie! Im Au war die Schlacht eröffnet!

Beileibe nicht hat sich der Wildendorner Kirchenvorstand an seinem Pfarrer vergriffen in dessen eigenem Hans. Ueberdies konnte jeder allein den Kleinen auf die Hand setzen. Aber bitter­ernst war der Kampf doch, und einer muhte unterliegen.

Herr Parier, das mit der Fruchtlieferung am Märtestag geht nit." Stoffels Hanjer, Bürgermeister und Kirchenvorsteher, drang mit aller Entschiedenheit vor.

Warum nicht?" parierten die Brillengläser.

s hat noch niemand gedroschen!" Zweiter Borstoh.

Das ist doch eine Kleinigkeit", versetzte der Kleine uner- schüttert.Eine Meste oder zwei."

Verstärkung tat not, so taten die übrigen den Mund auf, kaum, dah eins das andere ausreden lieh.

's ts noch nie nit Brauch gewest ..."Der Herr Parrer will doch ka neu Mode einführn" ...Aein! . .

Sogar der Geist verstorbener Wildendorner Pfarrer wurde angerufen, verklärt schwebte ihr Andenken durch, die altbekannte Studierstube. O, wenn die alten Herrn diese Anerkennung hätten vernehmen können, die ihnen Bei Lebzeiten nie zu Gehör kam!

Die Brillengläser senkten sich. Sicher konnten sie den Sturm nicht aushalten. Wiederum hörte man den Wächter blasen, das bedeutete: Steg!

Aber jetzt hob sich der Blick des Pfarrers, ernst und fest.

Wißt ihr, ihr Männer, an wen die größten Anforderungen gestellt werden? An den Pfarrer! Wißt ihr, wer sein Gehalt am mühseligsten sich selber holen muh aus hundert Händen? Wieder der Pfarrer? Jeder Knecht empfängt feinen Löhn zu feiner Zeit unverkürzt; jedes Tier im Stall fein regelmäßig Futter, sonst leistet es. nichts. Aber der Pfarrer? Don der dies­jährigen Pacht ist fast noch, nichts bezahlt, Bargeld ist rar, sagt ihr. Und Frucht? Euch, ist alles reichlich, zugewachsen auf den Feldern. Die Ernte füllt eure Scheunen, warum drängt ihr mich da, dah ich. jetzt mein Recht nicht fordern soll! Kann ich mit Frau und Kindern leben wie der Vogel unter dem Himmel?"

Die Häupter der Männer neigten sich. Keiner tat den Mund auf, es war, als hätten die leisen Worte des Pfarrers ein Aach- flingen tote Glockengeläute hinterlassen, dem alle lauschen müh­ten. Konnte denn ein Pfarrer auch Not Haben, tote sie in Miß­jahren? Er klagte doch nie! Sie schwiegen, toenns auch keiner begriff.

Denn es ist auf der Hohen Heide ein stehendes Wort: der Pfarrer ist ein schwerreicher Mann, und jede Gemeinde insonder- Heit hält ihren Pfründner für den reichsten. Demi der Dauer, der alle Lebensnotdurft zieht, braucht Bar Geld nur zur Krämer- Ware oder zur Kleidung.

Au, nu!" murrte Stoffels Hanjer zweifelnd. Aber es war ein Rückzugsgefecht.

Die Stille in der Stube Hatte griffige Hände, als die Brillen­gläser scharf um'ßeräugten.

Der Pfarrer wird alten tijalöen mihBraucht und wird ge­scholten, wenn er fein Recht verlangt."

Aufs Recht ist des Bauern Welt gegründet, drum waren alle wie auf den Mund geschlagen.

Dem abziehenden Vorstand gewährte der Pfarrer aus freien Stücken noch einen Tag Frist, damit die Wildendorner erst auf den Märtesmarkt gehen konnten, den kein Westerwälder ver­säumt, dem Dein und Deutel nicht krank sind.

Die folgenden Tage zwischen Licht und Dunkel klopften einige Weibtein und auch ein Mann an die Tür des Pfarrers. Es war die Armut, die wirkliche und auch etwas verstellte darunter.

Kein Wildendorner wäre Betteln gegangen, aber vom Pfarrer sich die Frucht schenken zu lassen, wäre bas halbe Dorf gekommen. Gerade so tote jfeiner den Aachbarn bestöhlen hätte, aber Holz aus dem Gemeindewald freveln? Je mehr, je lieber!

Diesmal Baten merkwürdig wenige um Aachlah. Die Festig­keit des Kleinen 'hatte Eindruck im Dorf gemacht. Sonst kam unfehlbar jeder, der irgendwie seit letztem Martini ein älnglück gehabt; war ihm eine Kuh gefallen, ein Kind gestorben, hatte er den Doktor oft im Haus gehabt oder den Jud, immer war die geschenkte Fruchtlieferung fein sicheres Schmerzensgeld, ilnb wer's sonst fertig brachte, sich zu drücken, fand achtungsvolles Verständnis. Man sagte dem Backesanton nach er habe sich im vorigen Jahr den dickenDotz", ein Dalggeschwulst, das ihm übers rechte Auge hing, erst nach Martini wegschneiden lassen, toeils einen unwiderstehlichen Eindruck machte, wenn er mit dem Finger den Dotz vom tränenden Auge hob, um zu Bitten: Herr Pfarrer, ich binn geschlagener Mann." Hn& er hatte sich nicht geirrt.

Aber dem Advokaten war nicht zu trauen!

So kam der wichtige Tag. Die Glocke rief, und die Tenne der Pfarrscheune wurde zur Bühne eines sehenswerten Schau­spiels. Es drängte das Volk, Mann und Frau. Der Hatte seinen Sack gebuckelt, die ihreZüg", einen Kopfkissenüberzug.

Mitten im Gemeindeleben, tote man gern den Pfarrer hat, saß der Wildendorner an einem Tisch, neben ihm der Bürger­meister mit der Liste der Lieferangspflichtigen. Der Kirchenrechner hatte einen mäßig großen Kübel, die Meste, und achtete darauf, daß siegestrichen voll" war, e!h' sie in den Sack kam, den ein Kirchenvorsteher aufhielt.

Hier GerstI" . . .Halt, in dem Sack is Korn drin!" . . . Rechner, jetzt mach emal, daß ich auf den Weg komm!" . Hast du deine zwei Westen geliefert? . . .Schwer Kränk, bet Sack hat e Loch!" . . .Bürgermeister, jetzt könnt 'r mich austun." (Den Aamen in der Liste.) ... »Herr Pfarrer, ich