Samstag, V. September
sflkhil WM
1922 — Nr. 36
Die erste Erdumseglung.
Zum Gedächtnis ihrer glücklichen Beendigung vor 400 Jahren am 6. September 1522.
Gs war eine ungeheure Erregung, die ganz Sevilla durch- strömte, als am 6. September 1522 das Schiff des Weltumseglers Magallan die „CBltlouia“, nach mehr als dreijähriger Abwesenheit mit den: Rest von 28 Leuten der ehemaligen Mannschaft im dortigen Hafen vor Anker ging. Der kühne Mann, der die Expedition damals unternommen, war zwar ein Jahr vorher von tückischen Eingeborenen niedergemetzelt, aber sein Nachfolger in der Führerschaft, del Cano, hatte sie beendigt.
Es war das erstemal, daß ein Schiff, gleich der Sonne, die ganze Welt umkreist 'hatte. Wir mit unserer technisch so glänzend durchgeführten Schiffahrt können es uns gar nicht vorstellen, welche Gefühle diese Tatsache der ersten gelungenen Erdumseglung in den Menschen der darnaligen Zeit Hervorrufen muhte, Lind es ist durchaus nicht Phrase, wenn der spanische Geschichtsschreiber Ferreira schreibt: „Seitdem Gott den ersten Menschen erschuf, war dies die größte Neuigkeit, die man auf Erden vernommen hatte." Wenn wir aber die Menge der Widerstände betrachten, die der Portugiese Ferdinand Magallan zu überwinden hatte, um seinen ehrgeizigen Plan, der erste Erdumsegler zu werden, durchführen zu können, so müssen wir der hohen Einschätzung durch die Zeitgenossen des Entdeckers beipflichten. Die Entdeckung des indischen Landes mit seinen Schätzen durch Albegnergue mit der Eroberung der Molukkeninseln hatte in Magallan ehrgeizige Pläne entstehen lassen. Bei seinem eigenen Landesherrn, dem König von Portugal, fand er kein Verständnis sür seine Pläne, er ging nach Lieberwindung verschiedener Hemmnisse nach Lissabon, und der spanische König Karl V. war bereit, dem Reisenden und Kriegsmann eine Flotte von fünf Schiffen auszurüsten: Zwei Schisse von je 130 Tonnen, zwei andere zu je 90 Tonnen und das fünfte zu 60 Tonnen. Die Flotte soll 34 Mann Bedienung haben, deren Sold zwei Jähre lang inklusive Beköstigung bezahlt wurde. Jetzt wurde der König von Portugal hellhörig und versuchte Magallan mit allen Mitteln zurückzugewinnen. Die „Trinidad", das Leutschifs, wurde von Magallan selbst geführt, das zweite, „St. Antonia", stand unter Inan de Cartagenas Befehl. Die „Vittoria", das einzige Schiff, welches zurückkehrte, führte de Mendoza, und die anderen beiden, „Eoncepciane" und „Dan Jago", wurde von de Queseda und de Acurw von Bermeo zerführt. Der Vollender der Expedition, Sebastian del Cano, war Leutnant auf der „Conoepciane".
Am 10. August 1519 verliest das Geschwader Sevilla. Wir besitzen von Antonia Pigafetta, einem Teilnehmer der Expedition eine genaue Beschreibung der ganzen Reise, ist er doch einer der wenigen, die bis zum Ende am Leben blieben. Gleich zu Anfang der Fährt begann auf Seiten der Kapitäne eine Llnzusriedenheit gegen Magallan zu wuchern, weil dieser zu Hochmütig und selbst, bewustt aufgetreten sei. Doch trat er mit großer Energie jeder Auflehnung gegen seine Führergewalt entgegen. Leider war eS dem klugen Führer nicht vergönnt, trotz aller aufgewandten Energie die Lorbeeren zu pflücken er wurde 1521 von einem König der Insulaner ermordet, und del Cano vollendete die Reife.
Schon an der Küste Patagoniens Hatte er eine Meuterei seiner Mannschaft zu unterdrücken, während er im Pierto San Julian vom 31. Mai bis 24. August 1520 überwinterte. Am 21. Oktober 1520 gelangte er bis an das Vorgebirge de laS Virgines am Eingang der von ihm entdeckten und nach ihm be
nannten Magallanstraste. Am 28. November erreichte er mit drei Schiffen die Südfee — eines von 'den fünf Fahrzeugen erlitt Schiffbruch, ein zweites kehrte auf eigene Faust nach Spanien zurück — die er ihrer Windfreiheit wegen „stillen Ozean" nannte. Am 6. März 1521 wurde er der Inselgruppen der La» dronen (Mariannes) ansichtig. Dann kam er zu dem Archipel von St. Lazarus (Philippinen) und fiel schließlich am 27. April 1522 gegen den Beherrscht der Insel Matan. Sein Geschwader ging unter der Führung del Eanos nach den Molukken. Gs ist charakteristisch daß die Zeitgenossen die Fährt Magallans mehr feierten, als die Fahrten eines Columbus oder eines Vascoda Gama. Dje Mühen des Odysseus waren nichts im Vergleich mit dem, was Fernando de Magallanes und seine Gefährten erduldet haben. Erst durch die Expedition erlangte man die Sicher- Hert von der Kugelgestalt der Erde oder richtiger: den Beweis, dast die Erdoberfläche in sich selbst zurückläuft.
Für den Gang der Weltgeschichte und der menschlichen Kulturentwicklung waren die Expeditionen von unermeßlicher Wiickung. Der Schiffahrtsverkehr, der lange Jahrhunderte auf Küstenfahrten beschränkt gewesen, hätte sich mit einem Schlage zum Weltverkehr, der den ganzen Erdball umspannte, aufgeschwungen. Die früher im Handel die erste Rolle spielenden Völker des Mittelmeeres waren infolge der neuen Seewege in den Hintergrund getreten. An ihrer Stelle sehen wir die im Westen am offenen Mittelmeer liegenden Nationen, zunächst die Spanier und Portugiesen, später dann aber auch die Niederländer, Franzosen, Engländer und Deutschen. Naturprodukte, die vorher kaum dem Namen nach bekannt gewesen, wurden zu unentbehrlichsten Bedürfnisse!:, 'wie Zucker, Kasfee, Tee, Reis, Baumwolle usw. Nicht weniger trugen einige in Amerika aufgefundLne NaHrungs- und Genußmittel: die Kartoffeln, der Mais, der Tabak und der Kakao zu einer gänzlichen Veränderung der Lebensweise Europas bei, während die neue Welt die Haustiere: Rind, Pferd, Schaf und Schwein von der älteren erhielt. Die großen Schätze an Edelmetall verändern die Handelswerte in asten Ländern. Mit den Entdeckungen beginnt die politische und geistige Weltherrschaft Europas. An asten Meeren, in allen Erdteilen erhoben sich Besitzungen eurv- päischer Mächte, ein unermeßliches Feld für Auswanderung und Kolcniegründungen. Sv beginnt mit der Rückkehr der „Vittoria", mit der Vollendung der ersten Reise um die Erde, eine neue Qlera in der Geschichte der Menschheit.
^ulenspiege!.
Br« Otto Anthe s*).
Lieber Nacht war der frühe Sommer eingefallen, und die bunte Schönheit der alten Stadt Lübeck blühte mit Baum und Dusch um die Wette weit ins Land hinein. Schier lustig anzusehen war es auch, wenn die Sonne auf dem verfchabten baufälligen Gewand des Mannes herumsprang, der mit krummen Knien, nach Art der Landfahrer, dem Holstentvr zustapfte. Er war nicht mehr ganz jung und frisch, der wackere Till Eulenspiegel, als er zum erstenmal seinen Einzug in die vielgetürmte Hansestadt hielt. DaS linke Dein zog er ein wenig hinter sich her, der Kopf hing ihm seitwärts schief auf die Schulter, und waS die Ohrenkappe
') AuS dem Büchlein „Lübifche Geschichten" (Alex. Fischer, Verlag, Tübingen), in der der Verfasser die Chronik der Stadt Lübeck und die Berühmtheiten, die darin gelebt haben, mit Blüte» einer frischen Grzählungskunst verziert.


