Ausgabe 
8.7.1922
 
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Platzregen und Wolkenbrüche.

Wir haben in letzter Zeit manchen guten Regen gehabt, und diese Erscheinung darf ja nicht nur vom Standpunkt des Aus­flüglers gewertet werden, der stets Sonne verlangt, sondern sie ist von viel größerer Wichtigkeit für unsere Wirtschaft, die die Niederschläge zu einer guten Ernte braucht. Aus diesen prak­tischen und landwirtschaftlichen Gründen hat sich in neuester Zeit die Meteorologie eingehender mit den Regenfällen beschäftigt, und die ungewöhnlich starken langen Niederschläge^ die man int Gegensatz zu dem kurzenPlatzregen" Wolkenbruche nennt, be­handelt Dr. G. Wussow im neuesten Heft derDeutschen Revue" Zur Bestimmung des Platzregens hat man als Mindest­grenze bereits 1,7 mm in 5 Minuten bis 20 mm Rogenhohe oder Liter auf das Quadratmeter in einer Stunde angegeben. Das nordamerikanisch- Wetterbureau beKÄchnet als untere Grenze der excessiv rains" Mengen von 6,4 mm in 5 Minuten bis 19 mm in einer Stunde. Neuerdings definierte man Platzregen alssolche Niederschläge, welche bei gleicher Stärke in einer Stunde 10, mm ergeben. Diese Zahlen, die Anhaltspunkte für die Beurteilung kurzer starker Dxgenfälle geben, gelten jedoch nur für die ge­mäßigte Zone, während für die gewaltigen Regenmengeii, die in hm Tropen in kurzer Zeit niedergehen, viel höhere Werte zugimnde gelegt werden müssen. Ilm einige Beispiele für die ungcheuren Wassermassen zu geben, die dort in kurzer Zeit nieder­gehen, seien folgende Tagesmengen mitgeteilt: South Head, Port I Jackson in Neu-Südwales am 15. Oktober 1844 518 mm in 22 Stunden, Tanaba in Japan am 20. August 1889 902 mm, CHerrapunji in Assam am 14. Juni 1876 1036 mm. Um einen riesigen Begriff von der Gewalt dieser kurzen Tropenregen zu haben, sei zum Dergleich angeführt, daß die durchschnittliche Niederschlagsmenge eines ganzen Jahres im norddeutschen Flach­land 500600 mm beträgt, während diese Mengen in den Tropen schon in einem Tage überschritten werden. Die Platzregen in Deutschland sind zumeist Begleiterscheinungen von Gewittern und treten am häufigsten nachmittags auf. Die ungewöhnlich starken Regenfälle, die manchmal mit Hagel und Sturm verbunden sind und gewaltigen Schaden anrichten, sind in unserem Klima nicht sehr häufig. Die meisten Gewitterregen Deulschlands sind nicht allzu ergiebig, und kaum 10 .Prozent überschreiten 10 mm Regen- Höhe. Die neuesten Untersuchungen haben ergeben, daß an einer Station im Flachlande durchschnittlich alle zehn Jahre, in Höhen­lagen über 800 m etwa jedes Jahr mit einer einzigen Tagesmenge über 50 mm Regenhöhe zu rechnen ist.

Ans einer Tabelle über einige der größten in Deutschland beobachteten Regengüsse, die Wussow mitteilt, seien folgende Platzregen und Wolkenbrüche angeführt: In Torfhaus bei Han­nover wurde 1908 in 2 Minuten eine Niederschlagshöhe von 13,4 mm festgestellt, zu Seisershau in Schlesien 1896 in 10 Minuten eine Regenhöhe von 47,8 mm, zu Großmaraunen in Ostpreußen 1893 in einer halben Stunde eine Niederschlagshöhe von 81,2 mm. Bet einem Wolkenbruch von % Stunden Dauer registrierte man zu Niedermarsberg in Westfalen 103 mm Regenhöhe, bei einem einstündigen Regen zu Neustadt in Bayern 93 mm und bei einem Regen von l1/« Stunde zu Falleck in den Bayerischen Alpen eine Regenhöhe von 170 mm. Bei einem dreistündigen Regen fand man zu Gereut in Bayern 165 mm Regenhöhe und bei einem S/sfiürt&igen Regen in Berlin 143 mm. Derartige gewaltige Regenmengen kommen in allen Gegenden Deutschlands vor; die Intensität des Niederschlages nimmt aber mit seiner Dauer ab. Mit wachsender Seehöhe nimmt sowohl die Häufigkeit wie auch die Stärke der Niederschläge zu. Die Maximalzone der starken Sommerregen liegt zwischen 8001400 m. In größeren Höhen nehmen die starken Regen wieder ab. Im Flachlande sind Mengen über 100 mm viel seltener als man bisher angenommen. Es ergibt sich aus den vorliegenden Beobachtungen, daß hier tm Durchschnitt nur rund alle 300 Jahre mit einer so hohen Nieder­schlagsmenge gerechnet werden kann. Was die örtliche Verteilung der Wolkenbrüche betrifft, so ist festgestellt, daß die meisten starken Regen an den Luvseiten der Gebirge, die den vorherrschenden Winden zugewendet find, fallen, während die Leeseiten arm an solchen Niederschlägen sind. Neben der Dvdengestalt ist auch die Bodenbeschafsestheit auf das Auftreten starker Regenfälle von Einfluß. Seenreiche Gebiete, feuchte Flußniederungen be­günstigen die Bildung großer Niederschläge: ebenso aber finden sich intensive Regengüsse auch auf sandigen Heideflächen, die an heißen Sommertagen große Wärmemengen an die Luft abgeben und dadurch den Wasserdampf einer weiteren Umgebung konden­sieren Die größten bisher in Deutschland gemessenen Tages­mengen von Regen kommen an hochgelegenen Stationen vor, so z. D. an der Schneekoppe mit 239 mm, auf dem Büchenberg bei Wernigerode mit 248 mm. Doch gibt es auch im Flachland ungewöhnlich große Menge,so ist z. D. die größte Menge mit 260 mm bei Zeithain-Gohrisch in 100 m Höhe gemessen worden. Die heftigen Niederschläge im Gebirge sind hauptsächlich starke Landregen und daher die Ursache umfangreicher Ueberschwem- mungen. Welche gewaltigen Wasfermassen bei solchen Wolken­brüchen fallen können, zeigen die Berechnungen Wussvws. So i lieferten die Wolkenbrüche, die am 7. Juli 1905 in verschiedenen j

Gegenden Deutschlands niedergingen, auf einer Gesamtfläche von 36 800 qkm 2358 Millionen Kubikmeter Wasser. Der starke Land­regen vom 14. Juli 1907 brachte einer Fläche von 44 500 qkm sogar eine Wassermenge von 2751 Millionen Kubikmeter. Dir Gdertalsperre, eine der größten der Welt, kann 202 Millionen Kubikmeter Wasser aufspeichern: bei jeden der angeführten Regen­fälle ist also innerhalb von 24 Stunden mehr als das Zehnfache dieser gewiß schon riesigen Wassermenge niedergegangen.

Um den höchsten Werg der Erde.

Wie in den Kordilleren Südamerikas die Deutschen, so kämp­fen im Himalaya die Engländer um den letzten Preis die Ersteigung des Höchsten Berges der Erde, des Mount-Everest in der Gruppe der Gaurifankar. Wie oft schon wurde gegen den Riesen Sturm gelaufen? Mummery, der berühmte englische Berg­steiger, Dr. Longstafs, der Herzog der Abruzzen, Monrad-Aas und Rubenson, Dr. Wvickman, Meade und andere haben sich durch seine Eiswüsten und Schneemassen emporgewühlt, wurden von rasenden Schneestürmen und brüllenden Lawinen zurück- gewvrfen. Und doch sind neuerdings die Engländer mit der zähen Energie ihrer Rasse daran, den Gipfel der Welt unter sich zu bringen. Die König!. Geogr. Gesellschaft in London and der englische Alpenklub sind so schreibt W. Flaig in derDeutschen Alpenzeitung", die Triebfeder dieser Unteritehmmngen, ihr Führer der Oberst Bury, mit 7 Begleitern. Trefflich ausgerüstet und von der indischen Regierung gut unterstützt, hat die Expedition im Laufe des Jahres 1921 ihr erstes Vorhaben, die Erkundung deS besten Anmarschweges mit vollem Erfolg durchgeführt. Es waren aber große Mühen damit verbunden. Zunächst war die Ein­willigung der tibetanischen Behörden einzuholen, weil man dem Berg von Norden zu Leibe rücken wollte. Ausgangspunkt war Darjiling, die 2801 Meter hoch gelegene Endstation einer Bahn, die weit in die Vorgebirge hineinführt. Das Tistatal, das zwischen den Gebirgsländern Nepal westlich und Buthan östlich in die Himalayakette einschneidet, diente als Anmarschweg. Nach­dem man das tibetanische Hochland erreicht hatte und weit genug nördlich vorgedrungen war, wurde bei Kampa-Dzong in west­licher Richtung abgebogen und die Gaurisankar-Gruppe auf diese Weise im Norden umschlichen, weil der gewaltige Riese gen Süden, gen Indien seine eisgepanzerte Bruch 'hoch stolz und unbezwing­lich zur Schau trägt. Bei Trngri-Tzvng schlugen die Forscher ein Hauptlager auf und begannen, gegen den König der Berge vorzufühlen. Am 23. Juni setzten die Erkundungen gegen die Nordwestseite ein. Wit großen Mühen erkämpften sich die Berg­steiger einen 23 000 Fuß hohen Berg (1 engt. Fuß: 0,30 Meter), der ihnen zwar volle Uebersicht getvährte, sie aber davon über­zeugte, daß an einen Angriff von dieser Seite nicht zu denken sei. Ein abgrundtiefes Gletschertal war zwischen dem Ziel und den Kundschaftern eingerissen in die Eismassen, 10 000 Fuß tiefer lag sein Grund, and jenseits sprangen pralle Eiswände zum Himmel auf. Kehrt!

Unentwegt pirschten sich die Männer jetzt an die Nordseite heran und standen vor übermächtigen, unübersteialichen Fels­abstürzen, deren Betrachtung zwar große Eindrücke hinterließ, aber auch schon den Gedanken der Besteigung in die gletscher- gefüllte Tiefe gleiten ließ. Man gab sich aber nicht geschlagen. Das Hauptquartier wurde abgebrochen und auf weiteren Um­wegen an den Ost fuß des Gebirgsstockes verlegt, wo in einem Hochtale der Gletscherstrom des Kharta-Tsangpo eingebettet flieht und tief in den Eis- und Felsenleib des Riesenberges hineinwächst. Heber die zerklüftete Oberfläche, über die Moränen Wälle und Schuttslröme dieses Gletscherbettes drangen die Engländer von dem Ort Kharta aus vor, nachdem einige vergebliche Versuche vorausgegangen und die Bergsteiger nun doch beinahe entmutigt waren. 3 Wochen währte der Vormarsch im Gletschertale des Kharta-Tsangpo. Erst am 22. September erreichten sie den Tal- schluh unterhalb des Passes, der sich über dem oberen Gletscher­ende, der Firnmulde, aufbaut und zwischen dem Mount-Everest und dem nordöstlich gelagerten Vorgipfel eingesenkt ist. Zwei Mitglieder der Expedition, Mallborg un Bulloch griffen andern Tags diesen Patz an und erstiegen ihn am 24. September. Seine Höhe wurde auf 23 000 Fuß bestimmt und feftgeftellt, daß der Nordostgrat des Mount-Everest aller Voraussicht nach eine Be­steigung erlaubt. Dann setzte ein rasender, eisiger Sturm ein und verhinderte, 4 Tage anhaltend, jede weitere Erforschung des Aufstieges. Der Zweck der Erkundungsreise war aber erfüllt und reiche Erfahrungen über die klimatischen Verhältnisse und den Aufbau des Gebirges gesammelt, so daß die Forscher be­friedigt wieder talaus ziehen konnten, um in Kharta ihr Winter­quartier aufzuschlagen. Dort und in Darjiling wollen sie den Winter mit seinen unheimlichen Schneefällen überdauern und den festen Firnschnee des Frühjahrs abwarten. Dann wird ein neuer Ansturm die endgültige Bezwingung des Berges erstreben. Leicht wird er sich nicht geben. Ein Teilnehmer der Expedition, Dr. Kellas, starb an schwerer Darmkrankheit im Angesicht des gerade von ihm so heitz ersehnten Zieles einen tragischen Tod.

Schriftleitung: August Goetz. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch« und Steindruckerei, R. Lange, Dießen.