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yeimgesucht, ohne das) wir wissen, von wannen sie kommen. Die bekanntesten derselben sind der braune Springkünstler, der Floh und die verabscheute Wanze. Jede Hausfrau, und sei sie auch das Muster von Reinlichkeit und peinlichster Sauberkeit, har gewiß schon einmal mit ihnen unliebsame Bekanntschaft gemacht, weil wir sie ohne unser Wissen und natürlich gegen unseren Willen einschleppen. 2lm wirksamsten kämpft man gegen die Wanzenplage in den Monaten März, Mai, Juni und September, in welche die Brutzeit fällt, d. h. in diesen Monaten werden dre Eier abgelegt. Durch Bernichten eines Eierhäufchens, einer Brut, haben wir mehr getan, als durch das Aufsuchen und die Vertilgung eines ausgewachsenen Schnabelkerfes. Am schärfsten unterstützt uns bei dem Feldzuge gegen diese Blutsauger das schwarze Karbol, welches leider die unangenehme Beigabe des intensiven, tagelang nicht lvszubringenden Geruches hat.
Auch Rächt schwärm er sind in der Reihe unserer Mitbewohner vertreten. ’ Da haben wir vor allen: die von den Deutschen „Russen" von den Russen aber ..Preußen" genannten Schwaben, welche sich tron allen möglichen Abfällen nähren und gewöhnlich in der Aähe des Herdes, dessen behagliche Wärme ihnen hübsch zusagt, ihr Hein: aufschlagen, von dem aus sie dann nächtliche Streifzüge unternehmen, bei denen dann die eine oder andere Küchenschwabe mitunter verunglückt und von der Hausfrau zu ihrem lebhaften Entsetzen am Morgen in der Waschschüssel oder einem glasierten Topfe, aus dem sie sich nicht hat retten können, gefunden wird. Gleich ihr tommt auch die Hausgrille mehr unter dem ihr verliehenen poetischen Ramen „Heimchen" bekannt, nur des Rachts zum Vorschein, und diese kann man nicht nur sehen, sondern auch hören. Einser Heimchen zirpt, sagt lächelnd dieselbe Hausfrau, welche vor der doch so ähnlich aussehenden Küchenschwabe heillosen Respekt hat. Es mag dies wohl auch daher kommen, daß viele nicht wissen, wie ihr Heimchen eigentlich aussieht und es entrüstet tottreten möchten, wenn sie es zu Gesicht bekommen. Aufsuchen der Verstecke von Schwaben und Hausgrillen und Eingießen von siedendem Wasser in dieselben, Äufstellen flacher Teller mit Vier, Zuckerwasser oder verdünntem Honig und Liegenlassen feuchter Lappen, in denen sie sich ansammeln, um dann am Morgen vernichtet werden zu können werden zwecks Vertilgung dieses Ungeziefers empfohlen. Ein silberglänzendes, kleines Dingelchen läuft flink vor uns auf der Diele oder gar über den Küchentisch. Seine Farbe gab ihm den Ramen Silberfischchen, in manchen Gegenden heißt es auch Zuckergast. Gr- nährt sich von diversen Speisevorräten, nimmt aber auch mit Wolle vorlieb und wenn wir etwa am Hausboden ein altes gehäkeltes Elmhängetuch das achtlos in einem Winkel lag, ausschütteln, können wir Hunderte der flinken Silberfischchen nach allen Richtungen auseinander laufen sehen. Insektenpulver erweist sich- gegen dieses zierliche Wesen meist als wirksam.
3n feuchten Wohnungen treffen wir hie und da diesen oder jenen Vertreter des A s s e l g e s ch l e ch t e s, wie Tausendsutz oder Kellerasieln und dergleichen, aber auch- sonst gibt es noch allerhand kleine Bewohner der Winkel und Ritzen, der dunklen Ecken und Möbelfugen, welche sich aber nicht so sshr bemerkbar machen, wollten wir hingegen eine Statistik aller dieser Tiere und Tierchen aufstellen, so würde das eine umfangreiche Arbeit werden, aber auch diese lleine Probe mag schon genügen, um zu zeigen, welch reiches Tierleben wir im Hause haben, mehr als wir oft ahnen und insbesondere mehr, als uns lieb ist.
Grotesken von KlnbnnÄ.
Im Rolandverlag (München) ist ein sehr amüsantes Büchelchen „Kunterbuntergang des Abendlandes" von Kl ab und erschienen, in dem nicht weniger als 148 solcher drastischen Zeitbildchen, wie wir sie hier als Kostproben heraus- greifen enthalten sind. Mitunter ist der Zusammenhang mit der Zeitgeschichte etwas lockerer, aber immer bieten die oft sehr drastischen Einfälle nach Form und Inhalt eine genußvolle Lektüre.
Gestellung.
Obgleich ich schon längst tot bin, bekam ich, eine Aufforderung, mich beim Militär zu stellen. Das verwunderte mich nicht wenig, und ich- begab mich trotz dem Aufsehen, das ich in den Straßen erregte auf das Vezirkskommandv.
„Entschuldigen Sie," llapperte ich mit meinen Zähnen und schüttelte den Knochenflaub von meinen Füßen, „hier muß ein Irrtum vvrliegen. Ich bin bereits 1797 in der großen Revolution — sonderbarerweise auf dem natürlichen Wege des Erstickens an einem Putenknochen — gestorben. Elnd jetzt soll ich noch Militärdienste leisten? Das ist eine cvntradictio in adjecto."
Der Dezirksfeldwebel musterte mich kritisch. „Große Revolution? Sie sind Sozialdemokrat." „Verzeihen Sie, ich bin überhaupt nicht. Dies zuvor. Ich bin gewesen..." „Keine Wortspaltereien Sie sind Anarchist. Regieren den Staat den Sie zu verteidigen 'hätten." — „Herr Feldwebel, wenn man selber negiert ist, bleibt zum Röteren anderer wenig Lust und Zeit." Der Feldwebel runzelte die Stirne. „Genug. Ich philosophiere schon zu viel. Vergesse die Achtung, die ich der Realität meiner Tressen und Interessen entgegenzubringen habe. Disputiere mit Elntergebenen. Sie sind geboren wann?" „1747."'
Staub aus meinen Sie können gehen, siel beinahe über
„Knochenfraß I" schrie ich und ließ gelben Rippen rinnen.
„Bißchen unterernährt sehen Sie ja aus.
Warten Sie neue Order ab."
„Jahrgang 1747? Wer Menschenskind, dann gehören Dis ja zum Landsturm letzten Aufgebots. Der Jahrgang wird schwerlich einberufen werden. Eleberhaupt haben Sie einen verdammt schmalen Brustkasten. Haben Sie irgend einen bemerkenswerten körperlichen Fehler?"
Ich stolperte die Treppe hinunter und , .
einen blutjungen Leutnant, den ich militärisch grüßte, weil das Vorschrift im Br irkskommandv ist. Ich sah seine junge Wange, sein blitzendes Äuge, seinen strahlenden Gang, und ehe tch's mir versah, stürzte ich an seine Brust und weinte tränenlos. ..Bruder," rief ich, „auch du wirst sterben müssen wie ich Erbarme dich meiner und gib mir wieder Blut. Da drinnen, dein Feldwebel, -donnerte Paragraphen. Setze mir Fleisch zwischen die Rippen, und ich will gerne tausendfältiges Ziel der Maschinengewehre sein. Rur eine Sekunde atmen! Sieh, ich habe keine
Lungen mehr, lebe längst nicht mehr!"
Brüsk stieß der Leutnant mich von sich und klemmte das Einglas ins rechte Auge. „Sind Sie besoffen, einen kgl. Preußischen Leutnant zu duzen? Drei Tage in den Kasten."
Er winkte einer Ordonnanz. Schnell entsprang ich die Treppe hinab und eilte im Laufschritt auf den Friedhof, wo ich mich müde von den Ereignissen des Tages und wenig gewillt, in Haft zu treten, in meinem Sarg ausstreckte und den Deckel über mir zullappte. Mochten sie mich nun suchen. Sie werden mich schwerlich finden. Der Driefbote, der meine Sargnummer weiß, wird mich! nicht verraten, denn er bekommt bei jedem eingeschriebenen Dries mit tödlicher Sicherheit ein beträchtliches Trinkgeld von mir.
Der Volkskommissar.
Eines Morgens lag auf meinem Kaffeersatztis-ch ein« unfrankierte Postkarte folgenden Inhalts:
Genosie!
Wie wir hören, sind Sie kürzlich umgezogen. Wären Sie bereit Ihre Fachkenntnisse in den Dienst der guten, der besten Sache zu stellen und das Volkskommissariat für Transportkrisen zu übernehmen?
Mit internationalem Handschlag
Blaukraut, Vorsitzender im Rat der Volkskommissare.
Aha! dachte ich. Da haben wir nun also die Revolution. Sie, die langersehnte, ist plötzlich über Rächt, unverhofft wie eine Eierkiste aus Holland, eingetrvffen. Und ich gestern abend noch kaisertreu bis in die Knochen, die andere Leute für mich $u Markte trugen, war heute zu einem der führend en neuen Männer auserkoren.
3ch schrie: Emmchen! (Womit ich-nicht meine Hunderttausend sondern die Eine, Einzige, meine Haushälterin Emmi meinte) und 'befahl ihr, aus dem roten Rande meines Kriegervereins- tafchentuches, auf dem die Schlacht bei Sedan abgebilöet ist, eine rote Revolutionsrosette unverzüglich zu verfertigen.
Mit dieser geschmückt, eine alte Radfährpelerine, die ich vom Boden 'holte, lässig umgeschlungen, begab ich mich also proletarisiert, in das Staatsgebäude.
Blaukraut, ein früherer Hausbursche von mir, empfing mich jovial Er schlug mir auf die Schulter und schrie: „Ra, was sagen Sie dam? Wie haben wir das Ding gedreht? Der Ain» mut der Mehr-als-Mut. der Aleber-mut des Volkes hat die Tore der Freiheit gesprengt. Freiheit, die ich meine! Freiheit, die ich meine । Gesinnung, das ist jetzt die Hauptsache. Wer die nicht hat, wir» um die erste Silbe kürzer gemacht. Gin fokales Gewissen! Ra, das Haben Sie ja an mir bewiesen! Menschlichkeit! Es ailt die Sozialisierung der Seelen."
Mir wurde das Hotel Monopol als Dureaugebaude zugewiesen 120 Zimmer standen mir zur Verfügung.
3dj! saß in einem tiefen Klubsessel des Zimmers Rr. 1 und drückte auf einen Knopf. Mein Obersekretär erschien, ein ehemaliger Seiltänzer. „ ± _ ,,,
Ich befahl ihm, sofort sämtliche Zuge im gesamten Deutschen Reich aähalten und stille stehn zu lassen. Die armen Ookomotrv- führer sollen auch einmal ihre Ruhe haben. Seit meiner Kindheit gehörte nebst den Ammen meine größte Sympathie den Lokomotivführern. ,,, . , ,
Ich, mußte mit meinem sozialen Gewissen doch Ehre einlegen —- dauernd, wie Kalkeier.
Ich drückte wieder auf den Knopf.
Es erschien mein zweiter Sekretär, ein ehemaliger Bräukellner.
Ich befahl ihm, den Lebensmittelzug D 777 I. A. f. aus Ostpreußen vom Bahnhof Friedrichstraße nach dem Anhalter BchNhof in die Rähe meiner Wohnung, überführen zu lasten.
Leider muh ich feststellen, stieß ich mit meinen Maßnahmen nicht überall auf das erhoffte Verständnis.
Die Deschwerdebesuche häuften sich Man machte mich ganz nervös. Ich ernannte einen taubstummen Vetter von mir zum Deschwerdekommissar zwecks Entgegennähme von Deschwerden.
Rach und nach bringe ich so alles in den rechten Schwung. Was der Krieg nicht ruiniert hat, das werde ich ruinieren. Todsicher.
Da können Sie stch auf mich verlassen.


