Dp brauste und lärmte mit ermunterten Lauten der immer erneute Lebensstrom. Rings stehen die Häuser mit ihren Farben, mit Schauläden, Firmenschildbuchstaben und vielen, vielen in der Sonne gleißenden Fenstern, alles hi einer überhellen Flut von Licht, von Licht. Und oben lacht tiefblau ein wolkenloser Himmel. In schönen Flugspiralen wendend, bewegt sich in ihm das blitzende Gefieder eines Taubenschwarmes. An den Dürgersteigrandern hin flehen in ihrem großen Viereck festlich wie riesige Strauße in ihrem munter krausen Junggrün, das unter der üppigen Pracht der Roidvrnblüie verschwindet, die Bäume. Aneinander öorwi bewegen sich- mit schallend belebtem Geratter und Gedröhn gemächliche die Lastwagen. Das Rauschen und gelegentliche Poltern der dicht besetzten elektrischen Straßenbahnwagen und ihr Geläut, Me melodisch- laute Tvnfigur eines in der Sonne blitzenden Auiomobit- hornes. ' Auf den Bürgersteigen, zwischen den Stammen der Rotdornbäume, drüben, zur Rechten, zur Linken unten vorm Hause über den Platz hinüber und herüber, aus den Seitenstraßen Hervor, und in sie hinein, das munter geschafttge Gewimmel der Vorübergehenden. s _ . x „
Die Glocke des Milch wagens, die tauten, singenden Rufe des Gemüsehändlers, sein Wägelchen mit der üppigen Fülle uno lachend grellen Buntheit der aufgeschichteten Gemüse und dem schmucken weißgrauen Eselchen davor. Der gelbe Poslparetwagen. Ein Stückchen vom Hause unten entfernt, dicht am Ranv oes Bürgersteiges, mitten in der Sonne, der fliegende Scherenschleifer, der seinen'Schleifstein dreht, das grelle Zischen der Messerklinge, die er schärft Die Spatzen in den Baumwipseln, zwischen ihnen hin und her, hinab zum Fahrdamm und wieder hmauf
Aber da trifft der Blick des alten Herrn auf solch einen kleinen Hungen, Kleineleutsjungen, einen fechchäh-rigen Knirps.
Eine lange, bis auf die Schuhe herabreichende, viel zu wette, drollig schlottrige, grüne Hose hat er an, in die ein tiefherab- hängendes Hinterteil aus schön hellblauem Tuch und vorn, an den sich sackenden Knien, je ein viereckiger, blauer Flick eingesetzt sind Ein geflicktes Jäckchen hat er an, hat ein rot-pausbackiges Gesichtchen'mit zwei treuherzig krillen Augen und einen blonden
Strubbelkopf. ' ,
In per Hand aber Hält er einen dünnen Stab, an dem oben ein Stück Bindfaden angeknüpft ist. Än den Bindfaden ist unten — der alte Herr lacht, spricht etwas vor sich hin und iiickt bestätigend mehrere Male mit dem Kopf — ein Knötchen geknüpft. Drollig geschickt und sachverständig wickelt das -Kerlchen, langsam, während er umherschaut, hier und da den Blick auf etwas verweilen läßt wobei er dann seine Beschäftigung ein Weilchen unterbricht — wickelt er den Bindfaden um einen kleinen, bunten Holzkreisel herum, bis der Kreisel dicht an den Stab heran ist. Dann aber bückt er sich, drollig seine beiden, schlottrig weit langhvsigen Beinchen zu einem O breitend, Stab und Kreisel sorgfältig haltend, nieder, setzt den Kreisel auf den Boden auf, zieht die Schnur hurtig los, der Kreisel tanzt, und er haut mit der Schnur auf ihn ein und hält ihn im Gang.
Ein schöner, neuer, grellbunt, rot, blau, gelb, grün und weih bemalter Kreisel. Bald saust er in prächtigen, weiten Dogen hier-, bald dorthin, bald geradeaus, hin und her, dicht am Erdboden hin, bald macht er schnell hinter einanderweg kurze, stuckende Hopser chen, und dabei leuchtet er mit seinen Farben in all der vielen Sonne lustig wie ein Stückchen Regenbogen,
Anverwandt verfolgt der alte Herr dies muntere Hin und Her, lacht, spricht vor sich hin, nickt mit dem Kops, gerät in eine ernst gerührte Rachdenklichkeit und bleibt -doch in Spannung, wenn der Kreisel mit feinen Sprüngen mal dicht an die Bordsteine des Bürgersteiges herangerät, und wenn der kleine Kerl dann, selber genau aufpassend, mit feiner Schnur schnell, unablässig drauflos haut. And der alte Herr lacht und freut sich und seine Augen blitzen,, wenn die Spannung sich- löst und der Kreisel plötzlich- mit einem mächtigen Satz von dem Bordstein ab und auf das freie glatte Gebiet des Platzes hinausgerät.
Dann kam aber mit einem Male was Sonderbares.
Er selbst jawohl, ganz und gar er selbst! — ist der kleine Junge da unten. So'n drolliger, lichthaarig flrubbelköpfiger Knirps, in einem Anzug, kaum viel besser als der, den der kleine sonderbare Junge da unten anhat.
And der Platz ist ja der Kirchplatz daheim, in seinem Ge° burtsflädtchen. And »um ihn herum ist -so viel herrliche, strahlende Sonne, und 'hoch über ihm so viel weiter, weiter, blauer Himmel. And rings stehen im Kreis mit ihrem jung und licht hervor- brechenden Grün die alten Linden, in -deren breiten Kronen wie nicht gescheit die Spatzen ihr Wesen haben. And es ist so still und freundlich und warm. Munter flüstert ein frischer Wind darein und raunt in den Lindenkrvnen. And er selber Hat den dünnen Stab in der Hand mit dem Bindfaden dran und haut auf den bunten Holzkreisel los, daß es nur so 'ne Lust ist, wie der hin- und hertanzt.
So'n Kreisel! So'n kleiner, bunter Kreisel!
Ja, wie das nur ist mit dem Kreisel? Manchmal, wenn er endlich doch- mal umgetorkelt ist, hält er ihn in der Hand, bevor er ihn wieder aufwickelt, und betrachtet ihn mit einem' nachdenklich verlorenen Gesicht.
Die Farben! — Rot, gelb, grün, blau, weiß um seine eingedrechselten Kurven ringsum,' und oben, auf dem breiten Kopf, ftchöne, ineinandergefügte Farbenkreise.
Ja, die wunderschönen, hellen, frischen '<y ' . ,
llnh rings um ihn her, während er den Kreiset unverwandt so betrachtet ist solch' ein Gefühl von stillen, bunten, kleinen Häusern von leuchtenden Taubenfittichm, von hellen Dogeitrillern und Gezwitscher, und ein so unermeßlich blauer, lichter, gewaltiger, tiefer Abgrund ist 6<i; und fern ist so ein wunderliches, stilles Rattern von einem Wagen, und aus der Rachbarschaft, vom Faßbinder her, schallt frisch, und munter der Schall der Hämmer, die die Reifen über die Dauben schlagen; und dann sind immer weiter, immer weiter, ringsum Gärten da, und 'hinter den Gärten Felder und Hügel und Berge und Wald und Wälder; und ein Fluß, der geht weit, weit, immer weiter in die Welt hinein; und dann immer weiter, immer weiter, immer mehr weite, weite Welt, mit Flächen und Farben, mit was alles für erstaunlichen Dingen. So was Merkwürdiges, Schönes, Großes, Gewaltiges, Purpurdunkles, in all der vielen, hellen Sonne und all dem schönen Frühling. So etwas zum Staunen. Wie die Märchen, die Märchen, die er kennt.
Hier aber, in seiner Hand, hält er den bunten Kreisel und betratet, betrachtet ihn. Dis er mit einemmal aufguckt, hin- und herguckt, und lacht, und sich vor Freude eins singt, und sich, selber um sich selber dreht, und hin und her lustige Hoppser macht, und dann hurtig, eifrig den Kreisel wieder aufwickelt, und — hui! — ihn von neuem. , .
„Ja, aber — was — ist — das . . .?"
Der alte Herr lächelt und seine Augen werden mit einemmal so sonderbar weit und starr, und er schwankt ein wenig gegen den Stuhl der beim Fenster steht, sinkt hinein. . .
. . . Als sie, weil er heute doch gar zu lange verzog, zu seinem Morgenkaffee zu kommen, sich endlich hinaufbegaben, um nach khin zu sehen, da lag er im Stuhl, die Augen starr auf irgend 'etwas vor sich Hin emporgerichtet, ein Lächeln um den geöffneten Mund, und war tot. . .
Tierreben im Hause.
Don Eduard Stein").
Weirn der Baumeister das Haus vollendet hat und der Mensch mit seinem Hab und Gut «inzisht, bann halten mit ihm auch zahlreiche Haustiere ihren Einzug, womit ich aber nicht Hund und Katze oder Kanarienvogel gemeint Haben will, sondern kleinere unwillkommene Aftermieter, die ihn brandschatzen und plündern, bis er einen energischen Feldzug gegen das Gesindel eröffnet.
So ein lästiger Mitbewöyner, der überall zu Hause ist, Ware z. D. unsere Stubenfliege, welche aber noch ziemlich, harmlos ist wenn sie auch den Hausherrn wütend machen kann, wenn trotz aller Vorsicht so ein Zweiflügler in der Suppe schwimmt oder sich seine Rase als Ruheplätzchen ausgesucht hat. Auch die natürliche Feindin der Stubenfliege, die Spinne, kann Höchstens durch ihre Rehe der reinlichen Hausfrau zum Gräuel werden, doch schafft ein Desenstrich in Winkel und Ecken rasch Abhilfe, bis die Baumeisterin das Zerstörte wieder hergestellt hat, wenn sie nicht etwa bei der Entfernung ihres Gespinnlles durch einen unzarten Druck ein schmerzliches Ende gründen Hat.
Gefährlicher kann uns schon ein kleiner Schmetterling werden, die von allen Hausfrauen mit Reicht gefürchtete Kleidermotte. 'Diese selbst wäre freilich auch noch unschädlich, aber ihre Rachkommenschaft, die Larven, vermögen uns einen empsindlichen pekuniären Schaden Mzufügen. Wer 'hätte nicht schon in Kleidern und Pelzwerk die Spuren ihrer verdei'blichen Tätigkeit gefunden? Anbedingten Schutz gegen sie gibt es kaum, häufiges Rachseben, Klopfen Dürsten und Einstreuen scharfriechender Stoffe, wie das bekannte Raphtalin oder anderer Insektenpulver, Tabak- flaub und dergleichen sind AbweHrmittel, welche aber leider nur zu oft versagen. Sehr bewährt hingegen hat sich das Aul bewahren wertvoller Pelzsachen, bei denen eine immerhin nicht zu kleine Ausgabe löhnt, in Räumen, deren Temperatur künstlich auf einer tiefen Stufe gehalten wird, bei welcher sich die Mottenlarven nicht entwickeln können. In den meisten großen Städten' gibt es schon Firmen, welche solche Eold-Stores. wie diese Räume genannt werden, zur Aufbewahrung wertvoller Pelzsachen besitzen.
Anterstüht werden die Larven der Kleidermotte in ihrem Zerflörungswerke auch noch durch das Jugendstadium eines anderen ungebetenen Mitbewohners unseres Heims den Larven des Speckkäfers. Hie und da vergreift sich Wohl auch, dieser selbst an Stoffen und Polflermübeln, hauptsächlich aber sind es seine Larven, er zieht mehr animalische Rahrung vor und die Spuren seines Appetites finden wir mitunter an den Vorräten in der Speisekammer.
Wenn wir unsere Wohnung mit Blumen schmücken stellen sich- bald diverse Würmchen und Blattläuse ein, Die aber nicht uns direkt, sondern nur den Pflanzen schädlich werden, ebenso siedeln sich bei Außerachtlasiung der nötigen Vorsicht in den Käfigen und Sihstangen unserer Stubenvögel Dvgelmilben und Vogelläuse an, wir selbst aber werden auch- von Parasiten
') Wir entnehmen Liesen Aufsatz der interessanten Zeitschrist „Ansere Welt", die im naturwissenschaftlichen Verlag in Detmold erscheint.


