„Bessere Herkunft, altes Spinett," fallt der Bierselige, „du kannst uns eine Serenade komponieren. Hoppla. Wenig Geld, aber gute Musik. — Hoppla."
Bach kommt der Wein hoch. Der andere nimmt das für eine zusagende Antwort und buchstabiert:
„Ab — ab — gemacht."
„Abgemacht," wiederholt auch der Kantor, dem es im Kopf wie in einem Hummelnest brummt.
Mit mühseliger Anstrengung versuchen die Betrunkenen ihre Laternen zu finden und anzustecken. Endlich zieht, der eine Eisen und Stein aus der Tasche, der andere Schwamm, es glückt ihnen, die Dochte zum Brennen zu bringen — ein Händedruck, noch einmal ein gegenseitiges Stützen, dann torkeln sie schwerer als vorher mit vertauschten Lampen nach Hause.
Der sonderbaren Aufforderung folgt am anderen Morgen eme schriftliche, der Dach gerne Folge leistet, mutz er doch mit ledern, auch noch'so geringen Verdienste rechnen.
Der genießende Tag ist ihm stärker als der schaffende. Er Weitz datz er von elf Söhnen des berühmten Bach der begabteste ist Weitz datz er vielleicht so grotz werden kann wie der Vater — aber Leidenschaft, Liebe und Leben — da kommt Arbeit erst an letzter Stelle, da verbraucht sich Kraft in falschem Fluch.
Die Komposition der Serenade verschiebt er von Woche zu Woche der Lieserungstermm rückt in gefährliche Nähe. Als er sich endlich dahinter macht, ist er schlechter Laune und lätzt bald vom Notenschreiben. Schon will er die Arbeit völlig aufgeben, als ihm Gedanken wie Nettung erscheinen. Anter seinen Orjn Vater Ererbten befindet sich ein größeres, kaum aufgeführtes und wenig bekanntes Werk. Teile daraus dem gegebenen Texte unterlegen? , _
Erst weist er den Einfall zurück. Als aber der vorausgehende Abend des Abgabetages in die Stube dringt,, und feine Aufgabe noch nicht bis zu zwanzig Takten gediehen ist, kramt er seines Vaters Werk hervor und zeichnet Note für Note aus den Blättern ab.
And so zermürbt ist schon fein Charakter, datz er nach dem Schlußzeichen das Vollendete als eigene Schöpfung erachtet und mit Stolz der Aufführung entgegensieht.
Als man bei derselben der Serenade großen Beifall zollt und nachher in Halle vollen Lobes für den Kornponisten !ist, bläht sich der Kantor auf wie ein Auerhahn bei der Balz und heimst großmütig lächelnd Ehre und Anerkennung ein. Als Beleidigung erachtet er es gegenüber seiner Tat, datz die Honorierung auf sich warten lätzt, und so eilt er eines Morgens zur Aniversität, um den Auftraggeber an die Bezahlung der versprochenen hundert Taler zu erinnern.
Selbstbewußt betritt er das Gebäude, fragt nach dem Stu- deilten, trifft ihn und bringt sein Anliegen vor.
Der sieht ihn verachtend an und führt ihn, ohne ein Wort zu sagen, zum schwarzen Brett, an dem der Anschlag eines Dorfkantors aus der Nähe Leipzigs auf den gemeinen Betrug Friedemann Vachs aufmerksam macht. Dieser habe der Serenade Stücke aus der Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs untergeschoben und das ewige Werk seines Vaters schmählich geschändet.
Die Entdeckung erschreckt den Kantor und treibt ihn ein paar Wochen von der Straße, dann aber geht er, bis er Halle verläßt, seinen gewohnten Gang weiter. Stärke fehlt ihm zur Besserung und zum Anderswerden.
Das Honorar für die gestohlene Serenadenmsik hat er nie erhalten.
Drrs Schmerzenskind.
Von AlfredBock.
(Fortsetzung.)
Wochenlang tag das Bübchen still zu Bett und war rührend geduldig. An der Bruchstelle hatte sich ein Knötchen gebildet. Das wurde dicker und dicker, bis es so groß war wie eine Faust. Als nun der Heini sich einmal aufstellen wollte, versagten die Beinchen den Dienst und knickten jämmerlich' zusammen. Gerad kam der Doktor dazu und sprach: „Ach muh euch reinen Wein einschenken. Wenn alles gut geht, behaltet ihr den Jung', aber die Beinchen bleiben gelähmt." Da schrie die Traud auf, daß es durchs ganze Haus gellte und die Krönleins drunten erschrocken zusammenliesen. An Teilnahme fehlte es nicht. Einer gab dem anderen die Tür in die Hand. And war immer dieselbe Rede: „Datz Gott erbarm! So ein schönes Kind. And nun ein elender Krüppel!" ’ Die Traud stand dabei, weih wie Linnen, und hatte keine Träne. Ihr Gebaren ängstigte ihn, dah er sich gegen die Mimel aussprach: „Wann sie sich nur nix in Kopf setzen tut!"
Es ging auf Weihnachten zu. Er mußte im Geschäft Aeberstunden machen, dah er die viele Arbeit zwang. Am Montag nach dem vierten Advent kam er abends heim. Der Heini sah in seinem Stübchen und spielte. „Wo ist die Mutter?" fragte er. -Fortgegangen," sagte der Kleine. Auf dem Tisch stand das Essen parat. Er hatte eine Anruhe in sich, datz er nur ein paar Dissen herunterwürgte. Es schlug acht, schlug neun. Er lauschte gespannt, ob sich vor der Tür nichts regte. Es regte sich nichts. Von den Hausleuten hatte niemand die Traud fortgehen sehen Seine Airruhe wuchs. Gr brachte den Heini zu Bett und lief zur
Mfmel. Die lag schon in den Federn und rief, die Traud habe sich nicht bei ihr blicken lassen. Er rannte wieder nach Hrus. Vielleicht, daß sie unterdessen gekommen war. Sie war nicht, gekommen. Er wartete die ganze Nacht. Draußen tobte ein Anwetter, als sollte die Welt untergehen. Der Frost schüttelte ihn, daß ihm die Zähne zusammenschlugen. Frühmorgens ging er auf die Polizei. Er nahm's für gewiß, die Traud hatte sich ein Leid angetan. And sie suchten selbdritt im Heidenteich, im Heiligen- grund und'im Eulenwäldchen. Sie fanden sie nicht.
Ohne der Mimel Beistand hätte er das Kreuz nicht tragen formen, das ihm der Herrgott auferlegte. Sie versorgte den Kleinen und führte den Haushalt. Paten und Patinnen gab's so viele wie Sterne am Himmel, aber nur wenige mochten ihre Patenschaft so gewissenhaft erfüllen wie die Mimel. Was die an dem Heini tat, das konnte er ihr niemals vergelten. Sie hatte ein zweiräderiges Wägelchen angeschafft. Auf dem fuhr er sein Bübchen Sonntags spazieren. Auf der Straße sprachen ihn die Leute an und streichelten dem Heini die Bäckchen. Einmal hatte die Mimel gefragt: „Debus, wo ist deiner Schwiegermutter selig ihr Verdrußkorb hingekommen?" Nun fiel ihm erst auf, daß die Kiepe aus der Küche verschwunden war. And die Mimel, die sonst die Gutheit selber war, räsonierte: „Ich will dir sagen, wo sie hingekommen ist. Deine Frau hat sie mitgenommen! Glaubst du dann wirklich, daß sie sich den Tod angetan hat? Ich glaub's nicht. Ich. weitz es von der Schneebergern hinter der Kirch'. And die hat's von deiner Schwiegermutter selig: die Traud ist auch schon Hausieren gegangen. And was ein rechtes Hausiererblut ist, das kann das Walzen nicht lassen." Ihm lief's heiß und kalt über den Rücken. Himmelherrgottsakrament! Sollt's denn wahr sein? Die Traud war am Leben, hatte Mann und Kind im Stich gelassen und flog draußen in der Welt herum? Bei dem Gedanb>n konnte er vor Wut zerbersten. Ruhig Blut, ruhig Blut! An der Kiepe hatte ihr Herz gehängt, weil's halt ein Andenken an ihre Mutter war. Wer wollt's bezeugen, daß sie sie mitgenommen hatte? Nein, nein, nein! Was die Mimel sich da zusammenlegte, war Anvernunft, war Aberwitz. Er kannte die Traud besser. Die trug keine Kiepe. Die war hin. And er ranzte die Mimel an: „Tu mir den einzigen Gefallen und laß das dumm Geschwätz!"
In der schweren Zeit hatte er sich so elend gefühlt, datz er den Doktor deshalb befragte. Der verschrieb ihm eine Medizin. Die nützte nichts. Da half er sich selber. Seine Arznei hietz Arbeit. Arbeit, nichts als Arbeit. Je schwerer, desto besser. Er war sein Lebtag kein Kirchenläufer gewesen, aber so viel Religion hatte er doch in sich, dah er jetzt alles daranfetzte, xür sein!Kind etwas zurückzulegen. Er war zum Prinzipal ins Kontor gegangen und hatte gesprochen: „Herr Hammer, ich hab' das unglückliche Kind. Wann mir was zustötzt, hat's nichts zu nagen und zu beißen. Ich möcht' Sie bitten, setzen Sie mir eine Kleinigkeit zu." „Soll ein Wort sein," sagte der Prinzipal. Nun trug er jede Woche Geld auf die Sparkasse. Das summte sich an und war ihm ein Trost. —
Aus seinem Grübeln störte ihn die Mimel auf, die in die Kammer trat und riet:
„Ai, was ein Qualm! Da kann man ja versticken."
Sie öffnete das Fenster, pustete ein paar Mal und stellte sich darm vor den Packer hin.
„Ich hätt' was mit dir zu reden."
Er schaute verwundert auf und machte:
„No?"
Sie lockerte ihr Kopftuch, band einen neuen „Schlupp" und sprach:
„'s sind jetzt fünfviertel Jahr', datz die Traud fort ist. Dem- wegen hat mein Patchen doch' seine Ordnung gehabt. Wann man etwas gern tun, denkt man nicht an sich. Aber vorgestern ist mir auf einmal so artlich im Kopf gewesen, daß ich gemeint hab', 's ist aus. Ich kann das Bücken schlecht vertragen und mutz langsam machen. Wer erst die Sechzig auf dem Buckel hat, der hat nicht mehr viel zu hoffen. Nu frag ich dich, tote soll's «gehen, wann ich heut oder morgen abgerufen werd? Du bist im Geschäft, und der Jung' verlangt eins ständig um sich. Ich weitz-wohl, du willst nicht dran und kommst doch nicht drüber weg: hier herein gehört eine Frau. Ich hab' diese Woch' mit dem Kanzlist Sandmann gesprochen. Der hat Verstand für sieben. And sagt, du brauchst bloß ans Gericht zu gehen. Du stünd'st unter,n Armenrecht und tat’ dich keinen Pfennig kosten. And bekämst: auch einen Advokat gestellt. Der tat alles in die Reih' schaffen. Hernach könnt'st du wieder heiraten."
Der Packer klopfte bedächtig seine Pfeife aus, steckte sie in die Rocktasche und sagte:
„Wodrauf läuft dann das wieder hinaus? Gelt, auf der Frau Duri ihr Nettchen? Ei, Mimel, ich glaub wahrhaftig, du willst dir einen Kuppelpelz verdienen."
„No und toa.ai ?“ warf die Alte hin.
Debus schüttelte den Kopf.
„Ich heirat' nicht mehr. Erst kommt mein Jung', und dann kommt noch einmal mein Jung'. An dem hab' ich viel gutzumachen. Von mir aus soll er keine Stiefmutter kriegen. Die braucht noch lang nicht dem Teufel sein Anterfutter zu fein, eine Stiefmutter war's halt doch."


