Ausgabe 
7.1.1922
 
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Wohl hüteten jieinerne Sch-ranken den Chor und das Schau­spiel der Messe: aber einmal kamen eiserne Schritte, in den Him­mel wuchsen die Hallen mit den fünfhundertvierzig Türen Wal­hals: vorbei war die Knechtschaft der Kühnen, vorbei das Genäsel lateinischer Priester.

Wie draußen der Rhein floß durch Tage und Rächte, als ob es Pulsschläge der Ewigkeit wären, wie die Wolken wan­derten über die höchste Erhebung, wie die Stürme brausten in den schwärzesten Rächten, wie die Träume der alten Zeit gingen von Wodan und Thor, den hallenden Machfahren Zins, tote Segifried, Dietrich von Bern, Hildebrand und der grimmige Hagen: so hielt die wehrhafte Haltung romanischer Dome Wacht Über das Land für Heliands Wiederkunft.

Dis deutsche Bibel.

Sie taten deut Mönch ein Junkerkleid an mit Sporen, Gürtel und Schwert, indessen sein Rollwagen leer aus dem bangen Ge­heimnis des Thüringertoaldes nach Wittenberg kam.

Auf der Wartburg sah Luther in gütiger Haft, Feinden wie Freunden verborgen und die Raben flogen vergebens, den Deutschen die Bibel zu schenken.

Da wurde dein Baunt der römischen Kirchenverderbnis die Axt an die Wurzel gelegt: wohl blühte die Heilige Schrift von Demut und Güte und von der barmherzigen Liebe, aber kein Schaumgold der dreifachen Krone lag auf den Zweigen, nicht Klöster und Mönche gab es darin, nicht Äblah und Fegefeuer, nicht Seelenmessen und Dann, Kreuzzüge und Ketzerverbrennung.

Auch hatten scholastische Mönche noch nicht den Irrgarten verklügelter Deutung um den Daum des Lebens gezirkelt mit künst­lich verschorenen Hecken und listig verriegelten Türen.

Roch war das Reich Gottes inwendig und nicht im Ornat gottesstaatlicher ©roßen: Gott kam ins Kämmerlein gläubiger Einfalt, statt in den Schatzkammern prunkender Dome als ewiges Irrlicht zu wohnen,' und im Gewissen allein quoll der Drunn- quell göttlicher Gnade.

Da war der Heiland der Sohn einer Magd, im Stall und in Armut geboren; er suchte auf Märkten und Straßen des Landes das Volk, statt in den Raumen der Reichen zu wohnen.

Da war das Wort noch die Saat, in gläubige Seelen gesät, und die Lehre kein Priestergeheimnis, im Weihrauch rauschender Messen zum geistlichen Schauspiel gemacht.

Da war Gott noch ein Geist, wohnend im reinen Gewissen, und wer ihn anrief in Wahrheit, den machte er selig und stark in der Seele, aus der leibhaftigen Notdurft den Weg der All­macht zu finden.

Da kam die Seele zu Gott wie ein Kind, dem Vater ver­trauend in lächelnder Liebe, und sprach in einfachen Worten mit ihm wie die Jünger zu Jesus, und glaubte das Gleichnis der Gnade und bewegte den Sinn gleich Maria im feinen, gläu­bigen Herzen.

So staub buä *2Bout in bet Schrift lind war in den Sara der lateinischen Sprache gelegt; der Junker Jörg auf der Wartburg zerbrach den gläsernen Deckel, er weckte den Scheintoten auf und hieß ihn wandeln im Tag der deutschen Beseelung.

So wurde der Heiland geboren, wo der Heliand starb; kein Königssohn mehr mit Recken und Degen: der Mühseligen Freund und der Beladenen Tröster, lächelnd von Liebe und Weisheit, urvertraut im.Klang und Sinn der eigenen Sprache.

So kam im deutschen Gewissen die christliche Freiheit zur Welt, gottselig eins im Trachten und Tun, im Denken und Dichten des ewigen Daseins, und tapfer im irdischen Tagwerk.

Die dreifache Krone prahlte im Glanz des Augustus; die Humanisten holten den Hades herauf; der Zimmermannssohn ging ein in die Häuser und Hütten, die Heimat der Seelen zu künden: Jesus von Nazareth wurde im deutschen Gewissen der Heiland der Welt.

2lus einem ZchisfsLsgebMch.

Ohne Schreibwerk gehl's nun mal nicht in Deutschland, auch bei derchristlichen Seefahrt" nicht, und so legt Las Gesetz dem Kapitän eines deutschen Seeschiffes die Verpflichtung auf, den Verlauf seiner Seereise in einem besonderen Buch, dem Schiffstagebuch oder Journal", niederzuschreiben. Diel Worte pflegen die Seebären nicht dabei zu machen, oft beschränken sie sich auf den Tele­grammstil aber eindringlicher als mancher Seerornan führt uns ein Schiffstagebuch im lapidaren Stil die Rauheit der See und das harte Tagewerk des Seemanns vor Augen. Ein Auszug aus dem Tagebuch eines Geestemünder Fischdampfers mag eine Vorstellung davon geben:

Donnerstag, den 11. Oft. 1 92 0. Es wurden um 10 Ähr angemustert: 1. Steuermann R 2. Steuermann ©., 1. Maschinist ©., 2. Maschinist G., Koch H., Netzmacher ©., Matrosen K., D., S., Heizer O., H., W Kapitän.

Freitag, den 12. Oktober 1 920; Nehmen Proviant und Abrüstung an Bord. Rahmen Netze und Roller an Bord und schlugen auf beiden Seiten ein Netz an. 360 Zentner Eis

an Bord genommen. (Anm. d. Redaktion: Die Fischdampf« nehmen größere Mengen Eis zur Konservierung der gefangenen Fische mit.)

Sonnabend den 13. Oktober 1920. Nahmen 10 tons Förderkohle und 36'/.. tons Stückkohle über. Reservenetz an Bord genommen. 4 Ähr nachmittags verholten nach Halle I.

Sonntag, den 14. Oktober 1920. 3 Uhr nachmittags warfen los zum Kompaßregulieren, machten um 5 Ähr wieder an Halle I fest. Chronometerstand nach Zeitball 12 Ähr und 1 Ähr 37. (Der Zeitball ist ein auf der Spitze eines weithin sichtbaren Turms hängender Ball, der nach mitteleuropäifcher und Greenwicher Zeit mittags gesenkt wird.)

Montag, den 15. Oktober 1 920. Zurrten die Netze fest und verrichteten sonstige Schiffsarbeiten. Heizer O. wegen Erkrankung abgemustert, Heizer H. angemustert. Chronometer­stand nach Zeitball -36,6.

Dienstag, den 16. Oktober 19 2 0. Werfen 8 Ähr morgens los und dampfen nach See zu. 12 Ähr 55 Außen-Jade- Feuer-Schiff in Backbord zwei Seemeilen dwars ab. Setzten die Logge aus, Stand 0. (Die - Logge ist ein Instrument, das die Gefchwindigkeit des Schiffes und die zurückgelegte Strecke nach- toeist.) Chronometerstand36,0. Äm 3 Ähr 10 Helgoland am Steuerbord drei Seemeilen dwars ab. Logge 19 (d. h. es sind 19 Seemeilen seit dem Aussetzen der Logge zurückgelegt worden). Wind westlich, Stärke 8, Seegang hoch. Äm 4 Ähr meldet der 1. Steuermann, daß er im Mannschaftslogis einen Jungen ge­funden .hat, der sich eingeschlossen hatte. Der Junge gab auf mein Fragen an, daß er aus Angst vor seinem Stiefvater von Hause gelaufen sei. Ich beschließe, den Jungen diese Reise gegen freie Kost als Schiffsjunge zu -beschäftigen.

M i 11 w o ch, d e n 1 7. O k t o b e r 1 9 2 0. 2 Ähr 20 morgens Hornsriff- Feuerschiff an Steuerbord zwei Seemeilen dwars ab. Logge auf 0 gestellt. Wind westlich, Stärke 68, einzelne Blitze, zeitweise Regen. Barometer 6 Ähr morgens 774. Gesteuerter Kurs NRW, Mißweisung 1 Strich W, Abtrift V» O, örtliche Ablenkung 1/4 W, wahrer Kurs N z W. Logge 22. Pumpen­stand lenz. (Es ist also fein Wasser im Schiff.) Nehmen mittags die Breite auf. 56 Grad 32 Minuten Nord, loteten gleichzeitig 40 Meter Wassertiese, änderten Kurs auf NO z O am Dompaß, Logge 72 Seemeilen, loteten 2 Ähr 30 nachm. 52 Meter Wasser- tiefe, keinen Sand. (Unten am Lot ist eine Vertiefung, in die Talg geschmiert wird. An dem Talg fetzen sieh Teile des Meeres­bodens fest, aus deren Beschaffenheit der kundige Kapitän mit Hilfe der Seekarte Schlüsse auf den Standort deS Schiffes zieht.) Setzen das Netz aus und fischten wie gewöhnlich. Hiewten (Zogen das Netz ein, da das Netz hakte, dampften etwa 10 Seernrilen auf NO Kurs, loteten 68 Meter seinen braunen Sand, und dampften bann NW 1/4 W per Dempatz.

Donnerstag, den 18. Oktober 1 9 2 0. Loteten 6Ähr morgens 96 Meter, feinen Sand. Loteten 7 Ähr morgens 86 JllßtCV UÜAHerittJC, feinen SciirL», xxnt> CBSintS

südlich, Stärke 34, See mäßig bewegt, Chronometerstand35.

Freitag, den 19. Oktober 1 92 0. Hiewten 6 Ähr Dornt, das Netz ein. Fang 13 Zentner, dampften darauf mit NW-Kurs. Wind südlich, Stärke 8, hoher Seegang. Eine von achtern überfommenbe See schlägt einen Teil der Heckgräting und die -Hecklampe weg. Passieren um 9 Ähr den Fischkutter H. F.' 275, der unter Sturmsegeln beigedreht trieb und das Signal V R (Ich habe Wasser nötig) zeigte. Da wegen der hohen See keine Möglichkeit bestand, ein Doot auszusetzen, konnten ihm keine Hilfe leisten.

Sonnabend, den 2 0. Oktober 192 0. Loteten 6Ähr50 morgens 78 Meter, feinen Sand. Setzten das Retz aus und fischten wie gewöhnlich. Wind SW, Stärke 4 bis 5, bewegte See, Mittagsbreite 58 Grad 9 Minuten Nord, Chronometerstand 34. Hiewten um 12 Ähr und setzten das Netz wieder aus. Äm 2 Ähr hakte das Netz und kam nicht wieder frei. Stoppten und warfen die vordere Kurvleine los; hiewten mit der hinteren Kurvleine das Netz ein. Da Unterbeut) und ©teert verloren waren, setzten das Backbordnetz aus."

In der folgenden Woche ereignete sich nichts von Bedeutung, so daß wir die Eintragungen der nächsten Tage Übergehen können.

Sonntag, den 28. Oktober 192 0. Wind SO. Stäre 56. Hiewten um 6 Ähr morgens, Fang 13 Zentner, Gesamt­fang bis jetzt 322 Zentner, nämlich 62 Zentner Schellfisch l und II, 40 Zentner Schellfisch HI, 58 Zentner Schellfisch IV, 40 Zentner Kabel-au I, 35 Zentner Kabeljau II, 20 Zentner Kabeljau III, 7 Zentner Knurrhahn, 10 Zentner Heilbutt, 1 Zentner Rotzungen, 15 Zentner Haifisch, 10 Zentner Rochen I, 4 Zentner Rochen II, 5 Zentner Seehecht, 15 Zentner Seehecht III. Wegen zunehmen­den Windes und fallenden Barometers beschließe Reise zu beenden und nach Hause zu dampfen. Wind frischt vormittags weiter auf, mittags Stärke 8, hohe See. Beim Stampfen schlägt um 1 Ähr der Backbord-Feuerturm ein. 3 Ähr 35 nachm. stieß das Schiss plötzlich zweimal leicht auf, die Maschine wurde sofort gestoppt und Ruder hart backbord gelegt. Von dem Stoß kam der Kapitän auf die Drücke und peilte Helgoland Feuerturm W z S am