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Mühe hatte, ihr zu folgen.
In zitternder Erregung trat sie an des Meisters Bett,
Er streckte ihr die Hand entgegen.
„Ich Lin sehr froh, dah du gekommen bist," sagte er kaum hörbar.
Die ganze Nacht wich sie nicht von seinem Lager. Seme Stirn war mit kaltem Schweiß bedeckt. Er klagte, seine Brust werde wie von eisernen Klammern zusammengepreht. Sie flöhte ihm Wein ein und starken Kaffee.
^"^Der^Meister hielt in seiner Arbeit inne, schritt mit strahlen- *" sTä W<«fc 3« MM ich °E
hier zu suchen? Nichts. Mach alles in Ordnung. Ich geh mit!
„Alach alles in Ordnung," wiederholte Herma, „das ist leicht S^g^älnd.Aer E>mis?^eide dabei spinnen. Wend dich an den Friedrich Buttron in der Augustinergasse. Der vermittelt sowas. Bei dem sind wir in guten Händen!'
Herma kannte den Makler. Sie wollte mit ihm Rücksprache
Den Vater nicht aufzuregen, hatte sie ihrer Mutter bis dahin mit keiner Silbe Erwähnung getan. Nun lenkte der Meister selbst das Gespräch auf seine Frau. Eh sie das Haus ver! e ), erzählte er, hatte sie seine Sachen zurechtgelegt daß er nur danach zu greifen brauchte Sie hatte Frau Fliedner m allem unterwiesen, was sich auf die Führung des kleinen Haue-yalts bezog. Wie man auch über sie urteilen mochte, diese Fuiloige!
Am andern Morgen fuhr der Medizinalrat vor. Gr nahm des Meisters wist nicht mehr. Man muh damit iv-dnen daß es zum Schlimmsten kommt!"
e bereute den Vater mit all der Liebe, von der ihr Herz überwallte. Atemnot peinigte den Meister. Henna bettete Mi"höher, machte ihm kühle Umschläge auf den schmerzenden
Firma Leuchs wurde er später in einem Nachruf ausdrücklich als Erfinder bezeichnet und ebenso in der ^rauembe des Pfarrers. Kammerer flüchtete nach Zurich, gründete dort eine neue Fabrik, uxir aber gegen politische Flüchtlinge aus Deutschland so gastfrei, dah er in finanzielle Schwierigkeiten geriet und 1833 in eine württembergische Nervenheilanstalt
wurde. Nach jahrelangen Qualen ist er in e'ner Privatanstalt seiner Vaterstadt Ludwigsburg am 4. Dezember 1837 an einer Lungenlähmung gestorben.
^°^'Du muht ganz ruhig liegen, Väterchen« ermahnte sie ihn.
„Hab nur Geduld, 's wird alles gut!"
Er ergriff ihre Hand und lächelte leise.
Nachts, wenn die Schwester Philippiane sie abloste, gönnte sich Herma ein paar Stunden Schlaf. Dämmerte der Morgen, nxtv ste schon wieder auf den Steinen.
Nachbarn kamen, sich zu erkundigen, wie es dem Leidenden flC$C;,@r ist sehr krank," gab Herma Bescheid, „aber ich hab das Gefühl, er erholt sich wieder!" . „ „
Dach acht Lagen trat ein Umschwung un befinden des Meisters ein. Die beunruhigenden Erscheinungen blieben aus. Die Herztätigkeit war minder gestört. Der Kopf wurde frei.
Der "Meister selbst Sicherte:
„Ich glaub, ich Pack's!"
@r verlangte nach seinem Lieblingsgencht. ürau ü-iedner bereitete es ihm mit Erlaubnis des Arztes, wohlschmeckend und fein. Er verzehrte es unter allerlei Späßchm. n
„Von jetzt ab," scherzte Herma, „mach ich den Küchenzettel. Du sollst nicht nur dem Leckerzahnchen hofieren, du sollst auch essen, was dir Kraft gibt!" f .. Q ..
Sie setzte sich zu ihm, zeigte ihm zum erstenmal die Zeit schrist, worin ihre Arbeiten veröffentlicht waren.
Er war starr. Was sein Kmd da geicho.ffen hatte, dünkte ihn geradezu' märchenhaft. Die zarten duftigen Gebilde waren vom Handwerksmähigen sternwert entfernt. Dichterkunste, Wunoe. des Orients wurden in diesen Stickereien wach
Kind, Kind," stammelte er, „woher hast du das/ „Das fragst du, Väterchen?" lachte'sie. „Von wem hab ich s
(ja Herma," sagte er feierlich, „man muh an die Macht
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Mange. Es war ihm Bedürfnis, von seinen eigenen Arbeiten zu sprechen. Der gute Heribert Sanien in Jamburg toarb Monaten auf den „Kindertanz" und „Die Heimkehr des ^arers Noch harrten beide Stücke der Vollendung Sobald ^r wieder hergestellt war, nahm sich Fabn vor, wurde er die letzte Hand
I Paar Tage vergingen. Der Meister fühlte sich so ivol>,
I bah er das Bett verlassen konnte. Auch das Augenflimmern, das das ihn verwirrt hatte, war verschwunden. Zuerst sah er ein
I Stündchen in seinem Sessel, dann langer, immer langer Zuletzt aesckah's, dah er mit kleinen schlurrenden Schritten in die Werk-
I fjzrtt nhxQ nUiTi StidycE griff unt> AU f<£ Tuffen begunn.
I Stet der relieffigürlichen Darstellung „Kindertanz traten die 1 Gestalten zweier Mägdlein aus der Fläche, Sie hatten'Einander I bei den Händen gefaßt und tanzten Die Sllrmut der Bewegung I war auss glücklichste festgehalten. Die Röckchen flogen, >n den I Gesichtern der Kleinen malte sich Hugendlust. Die Senregruppe I Heimkehr des Vaters" führte einen sehnigen Mann vor, den I man als Landbewohner ansprechen konnte. Er hatte einen ^Skubeii I Qirni ein Atocitcr biett bbö Cßiuteriö Aniö iiinfd)iLingen.
I Die.Mruppe atmete gesunde Natürlichkeit, stellte die bildhaue- I rische Begabung des Schnitzers eigenartig heraus
I Mü Rastlosigkeit betrieb der Meister sem Werk Die un- I fruchtbare Zeitspanne, die ihn niedergedrückt hatte, ,chien überwunden. Etwas jugendlich Lebhaftes befeuerte 'hwHerniaschaute ihm zu. Energiesiröme sprangen von ihr auf aen Schassenden
I über Er fühlte das, aber es entflog ihm kem Wort.
I Indes sich seine schlanken Hände regten, hielt Herma die I Stunde für gekommen, ihm zu sagen, was Frau Sieuenroder ihr ans Herz gelegt hatte. Der Meister solle seine Tochter begleiten, | solle in Frankfurt seine Werkstatt aufschlagen, solle in andrer j Umgebung eine Wandlung, wenn nicht gar eme neue Entwick-
„Der Elfenbeiner".
Nachdem über den neuesten Aoman Al- j f r c b Bocks in der letzten Mittwoch-Nummer des I Lietzener Anzeigers" eine Besprechung veröffentlich i wurde, mag hier das Kapitel vom o d de I Nssenbeiners Abdruck finden, als Beleg dafür, da ■ I SS* in der Geschlossenheit seines Stiles der Früsche und Natürlichkeit .seiner Darste- lungsweise, wirklich eine packende Wirkung erreicht. I nr,. ser Werkstätte des Frankfurter Stickereigeschäfts hatte I Herma voi ihren Kolleginnen einen großen Vorsprung gewonnen überraschten durch poetische Erfindung durch Klarbeit und Schönheit der Formengebung. Ihren schöpferischen I Geist entsprangen unaufhörlich neue SKottoe Einige chrer ' r- I beiten von bewundernswerter Feinheit h«t-e eine sachzeitiing wtederaegeben Daraufhin waren Herma aus dem LZerkreis I Briese zugegangen, die von Lob widerhallten ia em namhastes Sllckereiachchcht in Köln bot ihr die gut bezahlte Stelle als erste Zeichnerin an. Herma dachte nicht daran, sich zu verändern. Ihr I Brotherr trug Leid um seine Frau. Die war m der Mute der '■'Vtßre nachdem sie ihm ein Töchterchen geboren, hingeschieden. Er batte in Eintracht mit ihr gelebt. Om Geschäft war sie ihm I Helferin und Beraterin gewesen, so dah er sie stüudlich vermißte | Dim er vollgültige Beweise von Hermas Kunstfertigkeit ihier | Aufsassungskrast und ihrem Scharfsinn hatte, sprach, er alle Ge- ! schäftsvorgänge mit ihr durch. Sie wuhte, daß nn Bet b Verdruß und Schaden nicht zu umgehen waren. Sw drängte ihre Meinung nicht auf, aber sie redete zur rechten Zmt em kluges Wort. Neid, der ihren Ausstieg benagte, brachw sie mch, aus I dem Gleickgewicht. Sie wollte niemand Drucken abbauen. Ihr Ehrgeiz war: das Zutrauen, das der Geschaftsherr ihr schenkte, I mit Redlichstem Wollen und hingebendem Fleiß zu vergelten.
In dieser beglückenden Tätigkeit traf sie wie ein Butz aus i heitrem Himmel die Nachricht von der Erkrankung ihres Aattrs^ Frau Sabri, schrieb Georg Fliedner, der treue Freund, habe, da der Fortbestand ihres Geschäfts unmöglich geworden war, m Homburg eine Stelle angenommen und bereits angetreten Der Meister liege schwer darnieder. Der Medizmalrat Moser, de, den Patienten zweimal am Lag besuche, schüttle den Kops
Herma erbat sich sofort -Urlaub. Der wurde ihr ohne weiteres &CiÜ Srau Neuenröder, ihre Beschützerin, gab ihr die Worte mit OUf ^PstE^Sie Ohren Vater gesund. Dann bringen Sie ihn । hierher Er ist Künstler, das sagt mir sein Herkules. Wir richten ihm eine Werkstatt ein. Soviel Trauriges er auch erlebt haben mag, vielleicht, daß doch noch ein Glanz auf fein Leben fallt.
Sorge machte Herma das Herz schwer. Sie wehrte sich gegen den Gedanken, immer wieder stieg er quälend m ihr auf. ste würde den Vater nicht mehr am Leben treffen. Aus ihren Augen quollen Tränen, gleichwohl zieh sie sich keiner Schuld. Noch einmal vor die Frage gestellt, was sie zu tun und zu lassen habe, sie würde ben gleichen Weg beschreiten.
3n dunkler Nacht langte sie in der Heimatstadt «n Sturm brauste, trieb Negenschauer herab. Die Gassen und Gäßchen lagen verengt in ungewissem Licht. Vor dem „Wetterauer Ho, standen ungeachtet des gräßlichen Wetters Professor ©eulberger unb Herr von Porvenius mit hochgeklappten Nockkragen in offenbar wichtigem Gespräch. Durch die Schnurgasse taumelten zwei Bezechte. Die grölten:
Wann Fastnacht is, wann Fastnacht is. Dann schlacht der Hannes ein Schwein, Und seine QHümmet hopst rundherum Mit ihre dicke Dein!"
In der Kaiferstrabe kam Georg Fliedner auf Herma zu. „Was macht der Vater?" brachte sie angstvoll hervor, „'s ist immer das selbe," antwortete er. „Eben ist die Schwester Philippiane bei ihm."
„Gott sei Dank!" rief Herma aufatmend, „er lebt!
Sie hastete vorwärts, daß Fliedner mit seinem Hinkebein


