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Schon bah du Morphium sagst, zeigt allerdings, daß du Laie und kein Fachmann bist. Denn der Fachmann sagt Morphinurn oder Morphin. And dies Morphin, welches meistens als salz- saures (hhdrochloricain) Morphin in der Medizin verwandt wird ist einer der wirksamsten Bestandteile des Opiums, Opium ist der eingetrocknete Saft des Mohns. Aber in unserer kühlen Zone fabriziert der Mohn nur Spuren von Opium, im Orient dagegen reichlich. And Morphium ist in gutem Opium zu etwa 10 Prozent enthalten. Chemisch ist es ein Alkaloid.
And was ist Alkaloid?
Ein Wunder? t ,
Wie? Was? Möchtest du dich nicht ein wenig deutlicher ausdrücken. Wunder gibt es bekanntlich nicht.
Hm, für mich fängt das Wunder dort an, wo meine Dorstellungskraft aufhört, z. B. schon bei der Transparenz des Glases.
And was ist das Wunderbare an den Alkaloiden?
Das will ich dir am Morphin erklären. Wie groß ist etwa die Menge Nahrung, die du zu deiner Mittagsmahlzeit verzehrst? Du bist ja wohl ein ziemlich starker Esser.
Aun, sagen wir etwa ein Pfund.
Schön. In jeder deiner Mahlzeiten sind genau dieselben Stoffe enthalten, aus denen das Morphin zusammengesetzt ist, und sogar noch viele andere.
Da mühte ich mich ja vergiften.
Statt dessen schlägt dein Essen dir, wie ich aus dem kleinen Bauchanfatz ersehe, sehr gut an. Aber mit einem Pfund Morphin könntest du mehrere hundert Menschen vergiften und 50 000 in einen allerliebsten Rausch versetzen, der etwa dem gleichkäme, als wenn jeder zwei bis drei Glas Südwein getrunken hätte.
Wie ist denn das möglich? Das ist ja wunderbarer als die Speisung der 5000 Mann.
Siehst du. Ein Hundertstel Gramm genügt für einen Menschen dazu: das ist der 7 000 000. Teil seines Gewichts. Hier hört für mich die Vorstellung der Wirkungsmöglic^eit auf;, das Wunder ist vollkommen. Wenn es fich noch um ein metallisches Gift handelte, also um eine Arsen- oder Blei- oder Kupferverbindung, dann wäre noch allenfalls folgende Erklärung möglich. Kupfer, Blei und Arsen behalten in allen ihren Verbindungen ihre giftige Eigenschaft, es wäre also, und sei die dem Körper zugeführte Menge noch so gering, immer ein fremder Stoff im Blute, den das Blut loswerden will. Aber beim Morphin oder anderen derartigen Alkaloiden beruht ihre ganze Eigenart doch nur auf dem Verhältnis, in welchem sich lauter an sich ganz ungiftige Stoffe miteinander verbunden haben, und da ist es nicht zu verstehen, dah nicht schon Speichel und Magensäure diese sehr empfindlichen Verbindungen so zersetzten, dah sie unwirksam werden. Das tödliche Gift Zyankali z. B. verliert schon dadurch, dah man es längere Zeit an freier Luft liegens läßt, jede Wirkung. Aber die Alkaloide bleiben wirksam.
Ja, ist der Mvrphiumrausch denn eine Dergiftungserschei- nung?
Der des Alkohols auch. Das Blut, Lieser „ganz besondere, Saft", dieser Baumeister des animalischen Leibes, versucht sofort, den Giftstoff unschädlich zu machen, indem er ihn aus dem Körper herauszubringen sucht. Das geschieht hauptsächlich durch die Nieren. Zu diesem Zweck muh also dem Blut Gelegenheih gegeben werden, die Nieren möglichst oft zu passieren. Das kann aber nur durch einen beschleunigten Kreislauf des Blutes erreicht werden. And dazu ist wiederum eine verstärkte Herztätigkeit nötig, die denn auch nach dem Genuh solch eines Stimulans oder Anregungsmittels automatisch eintritt. Nun besteht aber andererseits das Wohlempfinden des Gehirns, in welchem ja überhaupt jedes Lust- oder Schmerzempfinden des Leibes uns erst zum Bewuhtsein kommt, und das der Nerven in einer möglichst reichen Blutnahrung, die ihnen durch jeden Pulsschlag neu zugeführt wird. And während da zum Beispiel bei starkem Denken durch den Verbrauch der Gehirnnerven, welche der nor« male Pulsschlag nicht schnell genug ersehen kann, der Mensch geistig (und auch körperlich) ermüdet, ist bei dem Genuh eines Stimulans das Amgekehrte der Fall. Gehirn und Nerven erhalten infolge der verstärkten Herztätigkeit mehr Nahrung als sie brauchen, und gerate^ aus einem — allerdings sehr vorübergehenden — Kraftgefilhl von selbst in Tätigkeit, so dah, wie du es täglich beobachten kannst, Menschen, die sonst recht schwerfällig sind, plötzlich sehr lebhaft werden. Sie sind „animiert". Natürlich entsteht nachher, in der sogenannten Reaktion, die sehr unangenehm ist, die Sehnsucht nach dem köstlichen Kraftzustand, und sie wiederholen das Experiment, nicht ahnend, dah sie dabei körperlich vom Kapital leben.
Weshalb ist denn die Reaktion eigentlich so unangenehm, lieber Franz?
Alles Werden ist mit Schmerzen verbunden, das weiht du wohl von dir selbst, denn alles Werden ist Arbeit. Die Reaktion ist diejenige Zeit, in der der Leib die leichtsinnig verpufftes Kräfte wieder neu fabriziert. Jede heilende Wunde schmerzt.
Wie kommt es.aber, dah die vom leiblichen Kapital Lebenden oft so alt werden und auch sehr gesund find?
Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brr
Das liegt daran, dah bei gewohnheitsmähigem und nicht ' übertriebenem Genuh solche Stimulantien das Blut die Fähigkeit ' entwickelt, Stoffe in fich zu fabrizieren, welche das Gift zersetzen, i also in gewissem Sinne unschädlich machen. Bei den Morphinisten ' geht das so weit, dah sie, um die verstärkte Herztätigkeit zu er- : reichen, sich täglich mehrmals eine so große Menge Morphium- ; lösung einspritzen, dah ein nvrmalgesunder Mensch schon an einer • einzigen solchen Injektion sterben würde.
Das ist dann ja so ähnlich wie beim Impfen.
Ganz recht, auch die Impfung ist eine künstliche Blutvergif- ; tung, die aber in einem Zustande körperlicher Kraft und Ge- sundheit vorgenommen wird, in dem sich ein Mensch, wenn er sich diejenige Krankheit holt, gegen die er immun gemacht werden! - soll, gewöhnlich nicht befindet. Vielmehr ist er dann meistens erkältet und anfällig, und infolgedessen wird die Krankheit seiner Herr. Der Geimpfte hat aber das Gegengift im Leibe.
Das Morphium ist also ein ganz besonders wirksames Sti- nmlans? And ist seine Wirkung durch seine chemische Formel gar nicht zu erklären?
Nein. Strindberg, der ja nicht nur ein großer Dichter, sondern ; auch Forscher war, hat einmal auf die Aehnlichkeit der Morphium- . forme! mit der des Hämatins, des roten Farbstoffes im Blute, hingewiefen, aber Anhaltspunkte gab das nicht. Auch die Erklärung, die ich' dir gegeben habe, ist nur eine Theorie, keiq positives Wissen. Man weih von den meisten Alkaloiden nicht einmal die Formel ihrer Zusammensetzung, die allerdings auch außerordentlich schwierig zu beurteilen ist.
And wie sieht das Morphium aus?
Wie die meisten Salze. Farblos als Kristall, weih als Pulver. Es sieht aus wie Puderzucker, nur ist es bitter.
And macht sein Genuh denn gleich so einen Späh?
Keineswegs. Einem gesunden Menschen ergeht es wie dem Schuljungen, der die erste Zigarre raucht. And man kommt zum Morphinismus wohl meistens dadurch, dah man während einer Krankheit zur Schmerzenslinderung vom Arzt Morphium verordnet erhielt und es nachher nicht mehr missen konnte. Die Apotheker dürfen es wegen seiner Gefährlichkeit nur gegen ärztliche Rezepte verkaufen. Im übrigen läht sich wohl noch viel darüber sagen, mein Lieber, aber meine Zeit drängt. Lebewohl!
Riesenkrane.
Die Krane dienen zum Heben groher Lasten und zu deren bequemen Transport auf einen gewünschten Platz. Zur Konstruktion eines Krans, zur Bestimmung des Fundamentgewichts, der Spannungen der Fachwerkstäbe usw. ist eine genaue statische Berechnung nötig. Eine solche statische Berechnung stellt ein Musterbeispiel für die Anwendbarkeit der sonst als trocken verschrienen Mathematik dar, und gar mancher, der auf der Schule dieses Fach nicht liebte, würde Gefallen an ihm finden, wenn er sieht, welche Wunderwerke der Technik sich durch sie schaffen lassen. Aus der Physik sind für den Kranbau im wesentlichen nur die Sätze über die Standfestigkeit eines Körpers nötig; der Kran mutz so gebaut ; werden, dah sämtliche Drehmomente einschliehlich desjenigen der Last in bezug auf eine bestimmte Kippachse sich gegenseitig auf- heben, bzw. dah selbst ein mehrfaches der durchschnittlich durch ihn gehobenen Gewichte den Kran nicht zum Amfallen bringen würde. Sind alle an dem Kran angreifenden Kräfte in Rechnung gesetzt, dann schreitet man zur Ermittlung der Spannkräfte in den Fachwerkstäben, und bestimmt deren Dimensionen.
In den Häfen groher Fluh- und Seestädte kann man die größten Exemplare der Krane sehen; von weitem nehmen sie sich aus wie langhalsige Vögel, deren Deine und Rumpf das Fundament und das turmartige Krangerüst bilden, während der Hals der Ausladung entspricht, die wie jener nach ver- : schieden en Richtungen drehbar ist, oder wie man sagt, ihr „Arbeitsfeld" bestreichen kann. Wahrscheinlich kommt auch die Bezeichnung „Kran" vom Kranichvogel. Deutschland leistet von allen Ländern wohl das beste im Kranbau; es baut Krane von der Höhe des Stadtkirchturms Giehen, und noch höher (50 bis 100 Meter hohe), mit Ausladungen, die Arbeitsfelder in der Ausdehnung von Oswaldsgarten besitzen. Es gibt sogarSchwimm- frane, also Krane, deren Fundament nicht am Afer sieht, sondern schwimmend und fahrbar eingerichtet ist; Schwimmkrane sind fast ebenso riesenhaft wie die Turmdrehkrane und Auslegekrane, und stehen diesen an Tragfähigkeit, — 5000 Zentner —, nichts nach. Das Triebwerk der grotzen Krane wird durch elektrische Kraft in Gang gebracht und erfordert zur Bedienung der Steuerung meist nur einen Mann. Ganze Dampfkessel, fertige Dampfmaschinen und Dampfturbinen können mit Hilfe der Aiesenkrane in die Handelsschiffe eingesetzt werden; man braucht nicht, wie früher, diese. Maschinen M zerlegen, um die Einzelteile erst nach dem Einbau wieder zusammenzusehen und zu montieren, Ch. __ l'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen.


