Ausgabe 
3.6.1922
 
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genannt wird Eine Tränenflut wurde durch die rührende Ge­schichte heraufbeschworen.Ich war 17 Jahre alt." erzählt z. -B. RehbergalsWeither" erschien. Mer Wochen lang habe ich mich in Tränen gebadet, die ich Uber nicht über die Liebe und das Schicksal des armen Werther vergoß, sondern in der Zer- knirschung des Herzens, in demütigem Bewußtsein, daß ich nicht so dächte, nicht so sein könne, als dieser da." Wenn Blumauer in seiner'Aeneis" die Beschäftigung derDame von Stand schildert so schreibt er:Da sitzt sie schon, die arme .Frau und lies! in Werthers Leiden," und Chodvwiecki sticht ein reizendes Bildchen dazu 3u Werther-Bomanen werden uns richtigeWer- ther-Rarren" geschildert, die ihr ganzes Leben nach dem hohen Dorbild einrichten, und man veranstaltet gefühlvolle Prozessionen nach dem Grabe des jungen Jerusalem, dessen Selbstmord das Urbild für Werthers Ende lieferte. Es fehlt sogar nicht an Monst re-Feuerwerken, bei denen Werkher-Szenen in bengalischer Beleuchtung erscheinen, wie ein solches in Wien 1781 abgebrannt wurde. '

Die tragische Seite dieses Weither-Fiebers zeigt sich in der Selbstmord-Epidemie, die durch das Buch hervorgerufen wurde. Man kennt das Werther-Fieber!" heißt es in einer damals erschienenen Abhandlung über den Selbstmord.Wie solches in deutschen Landen grassierte, wie Jünglinge ihre Äerven abstumpf- ten und empfindsame Toren wurden, wie Mädchen Werthsrinnen sein wollten und das Leben gering schätzten. Das Lesen der empfindsamen schwärmerischen Schriften stiftete viel Unheil und verbreitete sich selbst auf die niederen Stände: zu Halle erhing sich ein Schustergeselle, man fand Werthers Leiden in feiner Tasche: bei Breslau stürzte sich ein Mädchen vom Giebel des Hauses herunter, weil des Pachters Sohn ihre romantische Liebe nicht erhören wollte. Ein Kieler Student namens Karstens er­schoß sich auf seinem Zimmer: Werthers Geschichte lag aufge-, schlagen vor ihm. Kurz danach erschoß sich der Hauptmann von Arenswald, der den Mut zur Tat ebenfalls aus demWerther" gewonnen haben soll. Das meiste Aufsehen erregte der Freitod der Christel von Lahberg in den Wassern der Ilm, also in Goethes nächster Umgebung, und der Selbstmord des Fräulein von Jckstadt, die sich vom Turm der Frauenkirche in München Herabstürzte und deren Schicksal in einem schon im Titel an den Werther" erinnernden RomanDie Leiden der jungen Fanni" erzählt wurde. Ratürlich waren auch bald die Gegner des Buches auf dem Plan und wandten sich gegen die im Werther dar­gestellte Berechtigung des Freitodes. Besonders der aus dem Kampf gegen Lessing bekannte Pastor Gveze eiferte gegenden Druck solcher Lockspeisen des Satans" und rief:Welcher Jüngling kann eine solche verfluchungswiirdige Schrift lesen, ohne ein Pest­geschwür davon in seiner Seele zurückbebehalten, welches gewiß zu seiner Zeit aufbrechen wird!" Daraufhin verbot die Kommission sämtlicher in Leipzig anwesender Buchhändler und Buchdrucker 1775, durch den Dekan der theologischen Fakultät der Leipziger Universität dazu aufgefordert, den Verkauf deS Romans bei 10 Talern Strafe. Mchtsdesto weniger erschienen aber noch im selben Jahr drei neue Auflagen, zahllose Rachdrucke und Rach­ahmungen: selbst der Dänkelgesang bemächtigte sich dieserrühren­den Mvrität", in Volksliedern lebte Werthers und Lottes Liebe fort; überall im Ausland wütete dasWeicher-Fieber", bis es schließlich verschwand und derWerther" als das reine und große Kunstwerk übrig blieb, dessen Jubiläum wir jetzt feiern.

Wiedererwachte Antike.

Im Theater von Syraknr.

Don Curt Dauer.

DaS größte Theatereveignis der Welt bildeten wohl auch dies Jahr die kürzlich veranstalteten Aufführungen griechischer Tragödien am antiken Theater von ShrakuS in Sizilien. Als dort zum ersten Male im Jahre 1914 der erste Teil der Aeceuylos- Trilogie Agamemnon vorgeführt wurde, glaubte die verzaubert lauschenden Zuhörer die Manen der versunkenen Welt des alten Griechentums wieder aufleben zu sehen. Ort und Darstellung wirkten zu einem gewaltigen Erfolg zusammen, der sieben Jahre später durch die Aufführung des zweiten Teiles der Trilogie noch erhöht wurde. Fremde aus allen Ländern wohnten diesem großartigen Schauspiel bei. dessen unvergleichlich schöne Mlder sich allen unvergeßlich einprägten. Riemals zuvor hatten sich Darstellung und Milieu zu einer so engen Einheit verbunden, um den Geist jener großen Jahrtausende ferner Zett von neuem erflehen zu lassen. Rur wer selbst unter den Ruinen von Syrakus weckte, vermag ganz zu ermessen, wie allein ihr Anblick unter dem t^-fblauen sizilianischen Himmel, in den Traum der Ver­gangenheit reißt und wie unwiderstehlich dort jeder Anklang trr wieder ins Leben zu rufen scheint. Darum

'E auch die Aufführung griechischer Tragödien im antiken Theater alliahrluh wiederholt werden, um von hier aus eine Reform von vielen großen deutschen Bühnen heute experimen- tierten Kunstgattung in die Wege zu leiten. Die« Jahr waren es Euripides, der mit denBacchanten", und So-

phvkleS, der mitOedtpus" im griechischen Theater vor, Syrakus zu Worte gelangten.

ShrakuS war im Altertum eine der mächtigsten Städte de» Griechentums und zur Zeit der Tyrannen Dionys die größt« griechische Stadt überhaupt. Richt nur an kriegerischer MoM stellte sie alles andere in den Schatten, sondern auch ihr geistig^ Ansehen war nicht gering. Weilte doch selbst Plato als Fürsten» erzieher in ihren Mauern. Die Erbauung des großartigen Thea­ters geht aus Zervnos I. (47867), der Protektor des AeschyloL zurück. Der Durchmesser des Baues beträgt 134 Meter. Er ist ganz an den Felsen herausgehauen und hat 46 kreisförmig«, übereinanderliegende Sitzreihen. Die Gegend, in der er errichtet wurde, war das antike Reapolis, eine der fünf Vorstädte von Syrakus. Der Blick beherrscht von hier nach Süden das dunkel­blaue Meer und nach Rorden daS Gebirge. Richt umsonst führt die Landstraße den RamenParadies". Schönheit und Frucht­barkeit strömt die Ratur mit ihrem Palmenreichtum auS. Schnee» weP erhebt sich das Theater zwischen Meer und Himmel. Dies- mal war der Platz von Theben in die Bühne gebaut. Seine flUl­st ischen Vorbilder hatte das Antiken-Museum von Syrakus ge­liefert. Mächtige Mauern öffnen sich gegenüber der Königsburg Rach drei Posaunentönen erscheint Dionysos, dargestellt von Annibale Rinchi, um seinen Prolog, die Vorgeschichte der Tra­gödie, herzusagen. Dann ruft er die Mänaden herbei, deren Tan» beginnt. Dieser Tanz zieht alles sogleich in den Zauber bei antiken Milieus. Er wird von den Schwestern Lilly, Jeanmi und Leonie Braun ausgeführt, die nicht etwa gewöhnliche Ballets tänzerinnen sind, sondern ihre Bewegungen lange vorher ht den römischen Museen, nach altgriechischen Vasenbildern et®« studiert haben. Sie verstanden es,',die verstaubten Ueberlieferung« zu neuem Leben umzugestalten. Mit ihrem Auftreten beginn« Poesie, Musik und Tanz einander aufs engste zu durchdring«. Darauf fängt die eigentliche Handlung an. Dionysos will sein« Vaterstadt Theben mit den Bacchanten erobern. Theresias und der alte König Cadmvs schließen sich dem Triumphzuge der Silenen, Bacchanten, Monaden, Satyrn usw. an. Als der jung« König aber feine Ankunft erfährt, befiehlt er, den Dionysos ein» zukerkern die Bacchanten zu Sklaven zu machen. UeberwälttÄ jedoch von der wunderbaren Befreiung deS Gottes, tritt w.ich er verkleidet in sein Gefolge, wobei ihn die Rache ereilt, indem er von den Bacchanten zerrissen wird, die ihn für einen Wwe« halten. Die Mutter des unglücklichen Königs erkennt ihren und gibt sich ihrem Schmerze hin. Da erscheint Dionysos all Gott und schleudert den Trauernden den grausamen Sinn der Tat entgegen. Unendlich reich an malerischer Bewegung ist dies Spiel ausgelassener und trauernder Gruppen. Motive und Leiden­schaften, die uns heute unverständlich erscheinen, gewinnen durch den ergreifenden Rhythmus des Ganzen Realität. Inzwischen ist der Abend angebrochen. Die Lichterpracht der sich dem Hori­zonte nähernden sizilianischen Sonne taucht Bühne und Zuschauer in phantastische Farbenglut. Jeder fühlt sich über Zeit und Gegen­wart hinweggehoben in die Welt^ der Einbildung und Poesie.

Mehr als 20 000 Zuschauer hatten sich im antiken Theater von Syrakus zusammengefunden. Tagelang twrher waren si« herbeigeeilt. Aus allen Städten 3taliens, Einheimische und Fremde aller Rationen. Alle Stände und Lebensalter sah mau burcheinandergemischt: Offizielle Persönlichkeiten aus dem poli­tischen Leben, Literaten und Künstler, Gelehrte, Journalisten, Lebewelt und Volk. Eine wogende Menschenflut hatte sich über das stille Syrakus ergossen. Die Hotels und Pensionen reicht« nicht annähernd hin. Mau logierte zu dreien und vieren tfl einem .Zimmer. Korridore wurden durch spanische Wände in Stuben geteilt. Gleich einem lebendigen Strom ergoß sich bt« Menge längs der zum Theater führenden Straße. Automobil«, Equipagen und Gefährte aller Art eilten vorüber. Daneben auf begrünten Wegen das Heer der Fußgänger. Zahlreiche Fremde umstanden die Quelle der Aretusa urä> viele Maler hatten ihr« Leinewand aufgespannt. Alles atmete Fröhlichkeit und Erwartung. Roch einmal schien Syrakus in seinem alten Glanze aufzuerstehen, noch einmal die Blicke der Welt auf sich zu lenken. Wieder er­füllte die Straßen der Stadt ein dichtes, buntes Treiben und auf der Meerespasseggiata trieb sich ein internationales Olten- fchengewoge einher.

Freilich ist es die schönste Jahreszeit in Sizilien. Unter bet hohen Palmen verbreiten blühende Orangenwälder betäubend« Duft. Die weiten Ebenen bilden ein vielfarbiges Blütenmeer. Selbst die Dillen der Stadt verschwinden unter üppigen Blüten» geranfe. 3m bläulichen Silberschimmer, nicht selten bis zu tiefem Kobaltblau sich steigernd, türmen sich die Berge empor Und hell leuchtend hebt sich die Erde mit ihrem zaubervollen FarbenfpÄ vom dunllen Himmel und vom dunllen Meere ab dessen grün- gestreifte, weißgescheckte Wogen schäumend von unterhöhlte Felsen- User schlagen oder gierig den glühenden Dünensand lecken Drohend jedoch erhebt sich hinter diesem berauschenden Anblick, hinter bleiern bluten duftenden Gaukelspiel der Erde ein hoher ernster Berg: der Aetna, den Sizilianer daran erinnert, daß oft schön ein einziger Augenblick bte Wogen aller Lebensfreude au ver­nichten vermochte.

Schriftleitung: 3.D.: Karl Walther. - Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.^Luch- und Steindruckerei, «.Lange, Gießen.