Ausgabe 
3.6.1922
 
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Vom bauenden Geiste.

Eine deutsche Pfing st betrach tun g.

Don Dr. QI. Schröder, Pfarrer an St. Thomä in Leipzig.

Dom fröhlichen, seligen Pfingsten singt man in der Christenheit, und in feiner Harmonie klingts dazu mit taufend Stimmen einer wunderhold aufblühenben Natur. Dasliebliche" Fest kann nicht gedacht werden ohne einen seelischen Freudenton, in dem es fort und fort von leuchtendem und kraftvollem Leben redet. Aber ist. das nicht eine schimmernde Romantik, die längst nicht mehr in unsere grau verhängten Tage hineinpatzt? Sind der fatalen Anzeichen nicht viele, daß wir in bitterbösen Ver­fallszeiten leben? Gegen den.Untergang des Abendlandes" hat man mit einer gewissen und nicht bloß toijfenschäftsich-phtlo- sophifchen Leidenschaft Verwahrung eingelegt. Aber wie steht es mit Deutschland? Kommt nun allgemach doch vielleicht der grauenhaft letzte Akt einer Tragödie, auf deren Ernst und Schwere' ja gerade viele unserer Vesten und Treuesten immer wieder hingewiesen haben?

Man wird solches Fragen begreifen. Und es wäre nicht angebracht, würde jemand mit ein paar flotten Redewendungen über die reichlich vielen schatten und Schäden des neuen Deutsch­land dahingleiten wollen. Und dennoch! Jawohl hier mutz sich ein stärkstes, pfingstliches Dennoch dagegenstellen! Gin Dennoch, das alle müde, verzweifelnde Geste beiseite schiebt, und das dafür von einem lebendigen Schauen und 'Bauen verheißungsvoll Zeugnis ablegt, ein Zeugnis in wirklich sieghafter Geisteskraft!

Wiederaufbau! Gewiß, es türmen sich diesem Hochziele äutzeve und innere Schwierigkeiten in einem Ausmatz« entgegen, datz eben bisweilen auch di« Willigsten und Tüchtigsten schier ganz verzagen möchten. Aber die deutsche Volksseele mit ihren tausendmal bewährten Edelkräften ist auch kein leerer Wahn. Wir müssen nur jenem Ungeiste wehren, der als brutal egoistische materialistische Lebensauffassung Unserem deutschen Wesen und Wollen garnicht entspricht. Wir brauchen Heute mehr denn je die lebens- und auch opferst arte Vollkraft eines deutsch-idealisti-- schen Geistes. Mögen die Toren und die Träger das bekannte Lächeln aufsetzen. Deutscher Idealismus hat schon oft gezeigt, datz er nicht bloß reizvoll zu träumen, sondern auch wacker zu bäum Weitz, und letztlich nicht etwa nur für einen liebten, aus­erwählten Kreis von Höhmmenschm, sondern zum wahrhaftm Wohle alter. Der Pfingstgeist predigt von einer innersten Ge­meinsamkeit, ohne darum alles nur in Schablone und Masse auf- gehen zu lassen. Wollen wir ernstlich für Volk und Vaterland bauen, dann müssen wir uns über alles Parteitreiben hinweg immer von neuem auf die hohe Pflicht zur deutschen Gemein­samkeit besinnen.

Der Geist der Zeit starrt uns oft genug wie ein hämisches Rätselgebilde an,' Mut- und Kraftlosigkeit in ben glanzlosen Augen und ohne ein klares, führendes Wort auf den Lippen. Wir wollen ihm neues Leben durch einen Pfingst glauben wecken, der einen Geist freubigen, tapferenBauens kennt, und wir brauchen uns nicht zu schämen, solchen Glauben im tiefst christ­lichen Sinn zu erfaßen und zu bekennen:O komm, du Geist der Wahrheit!" So heißt es in einem schlichten, frommen Pflngstliede. Und in gleichem Atem nennt der christliche Pfingst» glaube den Geist der Liebe. Man denkt dabei an den Groben, Treuen und Schlichtm von Nazareth, und ein heiliges Empfinden sagt es hoffend und tröstend, daß er wohl auch heute noch der Führer und Meister der Menschheit ist. Es ist ein gutes

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1922 Nr. 22

Samstag, 8. 3uni

Zeichen für deutsches Zukunftsstreben, daß ftch unser Volk in seiner Mehrheft doch immer noch zu Religion und Kirche haft. Bewußt ober unbewußt sieht es hier bauend« Kräfte, die man weder zu Tode spotten, noch durch willkürliche Ersatz stücke über­flüssig machen kann. Man mag dazwischmredrn, wie man will, es kommt doch schlietzlich auf ben rechten bauendep G e i st an, wenn ein deutsches 'Vorwärts und Aufwärts werden soll. Wir bekennen uns mit Goethe gern zch dem Geschlechte, das ans dem Dunklen ins Helle strebt, und wir wollen es auch im frmndlichen Lichtkreise be8 Pfingstfestes tun, ja dennoch, dennoch mft denr Rhythmus des Fröhlichen, Seligen, als bauende'' GegenwartK- und Zuftrnftsmenschrn! . . .

Dsutschsr GolKsaberglauben in den Pfrngstdränchen.

Don Waldemar Gröhn.

Bon allen unseren Festen trägt kaum eines ein fo deutsches Gepräge, wie das Pfingstfest. Eine wundervoll« Lebensfreude durchflutet alle Kreatur, es will kein Keim unentwickelt, keine Knospe unerschlossen bleiben. Zugleich ist es eine heilige Zeit, eine Zeit voll banger Sorgen und fröhlicher Hoffnung, wenn sich die Felder mft verheißungsvollem Segen täglich immer rercher verleiden. Wen wollt« eS in Erstaunen setzen, wenn die Land­leute, alt und jung aufs Eifrigste bemüht sind, nicht nur durch fleißige Arbeit sondern auch durch, allerlei übernatürliche Kräfte das Gedeihen der Saat nach Möglichkeit zu fördern.

Der alte deutsche Dolksglauben läßt Feld und Wald von guten und bös«t Dämonen belebt sein. Eine Reihe von uralten Äeberlteferungen, die noch zu stark waren, um von der christlichen Lehre verdrängt zu werden, erhielten sich noch bis in unsere Tag«, und es liegt eine fo starke Volkspvesie in diesem mystischen Verweben natürlicher Vorgänge, die sie wohl wert machen, den Menschen unserer Zett immer wieder vor Augen gestellt zu werden.

Zwei Faktoren machten von jeher ben Reichtum unserer Vorfahren aus: der Segen des bebauten Ackers und das Vieh Sv war es selbstverständlich, die Kräfte der Maitage in irgend einer Verkörperung, dem Dorf« und seinen Bewohnern zuzu­führen. Vielfach ist.ja davon nichts weiter übrig geblieben, als das bloß« .Ginheimsen von Geschenken, aber die mannigfachsten Bräuche zeigen schlietzlich doch noch ben ursprünglichen Sinn der Handlung. In fast allen Gegenden Deutschlands wurde auf dem Lande der Dämon der Vegetation verehrt oder bekämpft, je nach- dem, ob er sich böse, ober gut zeigte. Mn origineller Brauch für ben nötigen Regen zu einem guten Wachstum zu sorgen, zeigt sich in bem symbolischen Spiel vom Pfingstlümmel. Dabei wurde nämlich ein Bursch« ganz in Laub und Blumen eingekleidet, der als Führer unter dem NamenMaWnig'l,Laubmännchen", Fischermeister",Wasservogel", Pfingstqua?" usw., möglichst zu Pferde, bet ben gagenheischenden Bittgängen funktionierte. ®r wurde mft einem lustigen Spruch den Leuten vorgestellt, und seine Rede wurde mit Peitschenknallen und Schellengetön begleitet. Hatte man genug an Giern, Würsten und anderen schönen Sachen von ben Dorfbewohnern erhalten, fo führt« man ihn an einen Mutz ober an ein anderes Wasser und zwang ihn. dort unter» zu tauchen. Das bedeutet« die Vollziehung jenes uralten Regen» und.Fruchtbarkeitszaubers, der bereits bei ben alten Germanen gut bekannt axxr. Er versöhnte damit symbolisch die göttliche