erschlossen verlangt ihre Schönheit diese Huldigungen, wie ein« Blume Wärme und Acht verlangt. Sie entfaltet sich unter diesen Micken, unter der Liebe, die sie erweckt, unter dem Neid, der Begehrlichkeit, die sie erregt. Sie dankt dafür mit jedem dunklen Mick unter den scheuen Wimpern hervor, mit jedem Neigen ihres kleinen runden Kopses, des braunen Hälschens, mit dem ungeduldigen Trippeln ihrer schmalen Füße in den roten Schuhen. Sn den Armen des jungen Leutnants liegt sie hingegossen, das Haupt leicht hintenübergeneigt mit halb geschlossenen Augen, halb geöffneten Lippen, die lächeln, als ob sie weinen mühten. Ist er der einzige hier, der sie liebt, so muh er wohl der einzige sein, dem sie es vergilt. Sie tanzen wie aneinander gebunden, und wenn Leonie auch oft genug, zu oft, immer wieder von anderen weggeführt wird, immer sucht sie der blonde junge Dietrich immer findet sie zu ihm zurück, und wenn die beiden wieder zum Tanze antreten, ist es tote ein endloser Jubel zweier lange getrennter Wiedergefundener. Hermine, in ihrer ruhigen, erfahreneren, würdigen Anmut nicht weniger, nur freilich weniger leidenschaftlich umworben, beobachtet neidlos den Erfolg der Jüngeren. Der Oberst gönnt beiden Kindern die Freude,
Andere Mille, Festlichkeiten, gemeinsame Schlittenfahrten, Eisläufen vereinigen den kurzen Winter lang dieselbe wohlbekannte Gesellschaft, immer sind die beiden jungen Mädchen,dabei, Hermine mehr notgedrungen als geduldete ^Begleiterin der jungen Schwester Leonie mit dem unstillbaren Durst ihrer achtzehn Jahre. Leutnant Dietrich ist ihr ständiger Kavalier, er, sucht und findet und führt sie überall. Andere weichen ihm willig oder unwillig, er weist alle zu verdrängen und, obschon mit allen freundlich, unbefangen und stets gleichmäßig heiter, scheint Leonie ihn zu bevorzugen. Der gewandteste Tänzer, ist er auch ein überaus kunstfertiger Eisläufer, und von ihm geführt, schwebt Leonie in kühnen Schwingungen über den schimmernden Fluh. Stolz weht ihre weiße Reiherfeder an ihrem schwarzen Samtmühchen und von weitem schon leuchtet ihr schwarzer Mick, ihre funkelnde Beweglichkeit, ihr traumhaftes Lachen, ihre lautlose, ungeduldige, eilige Freude.
Der Fasching ist aus, das Eis ist geschmolzen, der Flust rinnt braun und schmutzig und langsam durch die fruchtbare i gleichgültige Ebene, Die Feste sind nach Vorschrift verlaufen und haben nach Vorschrift aufgehört. Die beiden Schwestern arbeiten wieder still tote Mägde in ihrer Wohnung und gehen am Nachmittag bescheiden, aber sorgfältig angekleidet mit dem Obersten spazieren. Es schickt sich nicht, dah sie dabei Degleitung an- nähmen. Auch der Leutnant Dietrich darf nur von weitem grüsten und nur ein paar Worte diensthöflich antworten, wenn ihn der Oberst anredet. Leonie hat einen unruhigen Ausdruck in ihrem ganzen Wesen, einen unsicheren Mick, ein gezwungenes Lächeln, sie eilt unwillkürlich beim Gehen. Daheim aber ist sie oft träge und müd, Hermine überrascht sie zuweilen mitten in der Arbeit über dem Eimer oder auf einen Küchensessel zu- sammengekauert. Dann blickt die Ruhige die Unruhige besorgt an, ohne zu fragen; es ist im Hause nicht üblich sich, viel um I die selbstverständliche Gesundheit zu kümmern. Auch weicht Leonie I diesen Micken aus. Hermine spürt eine wachsende Angst über I diese unheimliche Veränderung, Leonie ist stiller als je, doch I bebt ülnruhe um sie, aus ihr, sie arbeitet mit verbissenem in- I grimmigen Hebereifer. Sie lacht und lächelt nicht mehr und spricht ungefragt kein Wort mehr. Der Frühling macht sie wohl noch mehr müde als die Hausarbeit, wahrscheinlich ist sie auch- I ein bißchen bleichsüchtig. Der Vater bemerkt nichts, er ist wie j immer von seinen dienstlichen Angelegenheiten ganz in An- | sprach genommen und an den sonstigen Gewohnheiten hat sich I ja gar nichts geändert.
Eines Tages hatte Leonie einen hohen Stob Wäsche zum Bügeln aufgeschichtet und füllt den -heißen Stahl in das Plätt- eif»n Die Ofenglut läßt ihr Blaff eg bräunliches Gesicht wild ausleuchten Hermine muh eine Besorgung auf dem Markt machen. Sie will gleich auch. Alix von der Schule abholen, die Kleine I streift sonst gar zu gerne auf Abenteuer aus und könnte zum | Essen zu spät kommen.
Nach einer Stunde kehren die Beiden, die älteste und die jüngste, einträchtig zurück. Schon im Hausflur hören sie laute Stimmen aus des Leutnants Wohnung. „Du, wer schreck denn I Pa?" wcht Alix neugierig. Entsetzt erkennt Hermine die Stimmen, I hört Leonie aus der Wohnung des jungen Mannes.
Du gehst jetzt hinauf zu uns und rührst dich nicht fort bis ich komme," gebietet Hermine dem Kind und stobt es mit einem rohen Stotz die Treppe hinauf. Alix stolpert meiter. Ser» mine wartet bis sie die Kleine in der Wohnung toetB, bis de« Schlüssel im Schlosse umgedreht und herausgezogen, die Tur knarrend geöffnet, zögernd zugeschlagen ist. Mix tmrd oben I bleiben und sich nicht wegrühren, vielleicht wird sie nicht.einmal an der Tür lauern, denn sie gehorcht unbedingt. Dann steht Hermine Linen Augenblick zögernd vor der Türe des Leutnants. I Der Wortwechsel drinnen wird lauter, er setzt sich aus tagenden, 1 gesprochenen Schreien zusammen. Jetzt brüllt die Stimme des
hie alten liebgewordenen unentbehrlichen Beziehungen zu wenigen 1 , Freunden an der Abendtafel des Gasthofes bei, ohne private I ' Familienbesuche und Gegenbesuche. Dah derart die Mädchen, I i seine Töchter, etwa an Geselligkeit und Vergnügen zu kurz kämen, | fiel weder ihm, noch ihnen ein.
Sn dem Miethause, wo der Oberst lebte, hatte sich einen I Stock tiefer in einer winzigen Gargonwohmmg einer seiner längsten | Offiziere, ein Leutnant Dietrich, einquartiert, der wegen seines Minieren, anmutigen Leichtsinns Beim ganzen Regiment, auch ! beim Oberst selbst, beliebt war, obschon oder gerade, weil eine j mannigfaltige Sage von allerhand bunten Grotzstadtabentruern I um seinen blonden, kühnen, mutwilligen Knabenkopf schvebte als | ein weltlicher Glorien- und älnheiligenschein. Er betrachtete wohl | 8inen Aufenthalt in diesem Provinzneste als eine Art von j träfe und Verbannung in ein langweiliges Fegefeuer, von j Wo er tunlich bald zu neuem itebermut geläutert und durch heil- j farne Ungeduld getröstet, hervor- und davongehen zu dürfen I hoffte. Hier wenigstens fand er keine, auch nur halbwegs würdigS i Gelegenheit und Verlockung zu annehmlichen Sünden und Hof- | färttgen Streichen.
Trotzdem er mit seinem Obersten im gleichen Hause wohnte, I kannte er dessen Töchter bloß ganz flüchtig vom Sehen. Schon | der schuldige Respekt oder die kluge Hebung, allem was mit den Vorgesetzten zusammenhing, in weitem Dogen auszuweichen, hätte ihn dieser Familie ferngehalten. Da nur die älteste Tochter Hermine, hvchqetoachsen und auffallend schön war, hätte er wohl I auch nur sie beobachtet, wenn er ihr im Hause oder außerhalb | begegnet wäre, denn sie konnte mit ifjirer stolzen Haliung, mit I ihren strengen regelmäßigen Zügen, mit ihrer ausgeprägten aln- I Nutzbarkeit nicht leicht übersehen werden, hingegen hätte er die jüngere, kleinere, zierliche, bescheidene Leonie unter gewöhnlichem I Ülmständen und in ihren Alltagskleidern nicht einmal bemerkt I oder erkannt. Sm Hause, auf der Stiege, auf dem Gange begegnete er ihnen nicht, da er morgens in den Dienst ging und | erst nach Hause kam, wenn oben längst alles daheim war. Nutzer- ! halb des Hauses aber schlug er andere Wege ein, vermied die des Obersten und jede Gelegenheit, die Schwestern beim täglichen Nachmittagsspaziergange in ihrer bescheidenen Anzugs- I Herrlichkeit zu würdigen. I
Nur im Winter und Fasching gab es für die jungen Mädchen I etliche kurze Wochen des Vergnügens und der Geselligkeit, wo I sie wie Schmetterlinge im Frühjahr ohne Arg schwärmen dursten. I Da gaben das Regiment, die Stadt und einzelne reiche Burger ihre Bälle, denen der Oberst als Standesperson und Vater erwachsener Töchter anwohnen mutzte. Die ältere, Hermine, hatte diese Feste bereits seit mehreren Jahren besuchen dürfen, bisher I freilich unter der Leitung der Mutter. Die Jüngere Leonie aber sollte Heuer mit achtzehn Jahren eingeführt werden Es läßt sich leicht denken, wie sehr sich das feurig ungeduldige, I bisher so streng zurückgehaltene Geschöpf darauf freute, zu tanzen und den, sei es kürzten Flug durch einen bescheidenen Saal M tun der für sie immerhin die Welt war. Hermme übernahm die mütterliche Pflicht, die jüngere Schwester zu betreuen, für deren schönen Anzug und siegreiches Auftreten wie für das eigene zu sorgen. Schon lange vor Weihnachten sah sie über allerhand alten und wenigen neuen Stoffen, Flickern, Bändern, ! Seiden und Pelzstücken, um für sich und Leonie die Gewänder für diese festlichen Gelegenheiten zurecht zu machen. Sie fertigte zwei neue Ballkleider, ein weitzes für sich, hochgeschossen und mit grauem Pelz verbrämt, denn sie gefiel sich Sarin, alter zu erscheinen als sie war, aber ein rotes Tarlatankleid mit goldenen Süttern und oben bis zu den Schultern zierlich ausgeschnitten für Leonie.
Kurz nach Weihnachten lud man zu einem RegimMtsball ein Der Vater führte Hermine, der junge Leutnant Dietrich hat sich von der unerwarteten, Überraschenden Schönheit Leonies ganz und gar geblendet, des Armes der Jüngeren bemächtigt Er kann den Blick gar nicht von ihr wenden, auch wenn sie mit I anderen plaudert, durch den Saal wandelt oder tanzt, wenn sie so kindlich freudig lacht, so reizend verlegen antwortet ofrer errötenb schweigt • Er will kein Wort versäumen, das sie spricht, keines, das sie nicht spricht. Er -hängt an ihren Bewegungen, an jeder Wendung dieser kindlichen Gestalt, dieses bräunlicheii Halses und Nackens, dieser mageren Holden Arme, an dem schüchternen Lächeln dieses Wundes, der, wenn er geschlossen ist, - einen eigentümlich traurigen rührenden Zug von begründeter früher Traurigkeit hat. Leonie weiß darum freilich nichts, sie fühlt sich nur tote erst jetzt eigentlich- zur-Welt gekommen und beseelt Sie hat für jeden aus der Fülle ihrer Freude ein sreunö» lichss Lächeln einen aufmunternden Blick und Kraft, Ausdauer, ^fer Geduld und Tlngeduld genug, um den ganzen Abend hindurch ckhne Rast mit all den vielen Tänzern zu tanzen. Sie schwebt unablässig wie ein Irrlicht von einem Ende des Saales zum andern, und unter dem weißen, rosa oder gelben Damenslor sticht sie in ihrem-feuerroten Tarlatankleid wie eine wunderhübsche kleine Tulpenteufelin hervor. Sie gefällt allen Mannern, aber von keinem wird sie angebetet tote von dem jungen Leutnant Dietrich. Sie spürt das, sie weiß öS in der unfehlbaren Wissenschaft ihres unschuldigen Herzen«. Unvorbereitet und jäh


