Ausgabe 
2.9.1922
 
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frrr, Hem schmutzigen Chinesen, auS. Diese Reinlichkeit hat eine «wisse Begründung in der Schintv-Religion, welche die Geburt vvs Menschen als eine Verunreinigung der Seele betrachtet, aus Ker sie durch penible Reinhaltung des Körpers allmählich befreit wird. Mit diesem ausgesprochenen RaturgefühL sür Reinlichkeit hängt auch das ÄaturgesüHl überhaupt und die Vorliebe für Blumen zusammen.

Ein Japanreisender der neuesten Zeit spricht sich folgen der­ma tzen aus:In Europa bedarf das Gefühl des Schönen der Entwickelung durch Unterweisung, Änsere europäischen Dauern reden von der Fruchtbarkeit der Felder, von dem Äeberschuß der Mühlen treibenden Wasser, vom Ruhen der Wälder, aber nicht von den malerischen Reizen der Gegend. Sie sind nicht gefühllos gegen dieselben, aber sie empfinden angesichts ihrer doch nur eine unbestimmte Befriedigung, von der sie sich keine Rechenschaft geben. Wie anders der japanesische Dauer. 2hm ist das Gefühl für das Schöne angeboren. Kann er es, so Baut er seine Hütte am Rande eines Baches. Mittels einiger geschickt verteilter großer Steine schafft er sich einen ' kleinen Wasserfall, dessen Geplätscher sein Ohr anheimelt. Am Ufer erhebt sich eine junge Kiefer; er verbindet einige ihrer Zweige, trennt andere und beugt sie über sein Wässerlein. Daneben pflanzt er einen Kirschbaum, steht dieser in voller Blüte,, so schwimmen der gute Mann und die ©einigen in Entzücken. Diese Liebe zur Ratur spiegelt sich im gesamten Leben des Japaners wieder. Ihr verdankt er, daß die Freude und der Geschmack an den Künsten kein Vorrecht der Wohlhabenden, sondern ein Ge­meingut aller ist. Wer zu arm ist, seine Hütte mit Kunst werken zu schmücken, weiß sich doch zu entschädigen, indem er mit dem Auge und Herzen eines Künstlers seinen blühenden Kirschbaum, seine kleine Kiefer und seinen Wasserfall betrachtet, oder, wenn ihm diese versagt sind, sich am Anblick des Straußes von Feld­blumen oder des blühenden Zweiges erquickt, die er in seinem Wassereimer neben sich gestellt oder in einem geflochtenen Korbe an die Wand gehängt hat. Frische Blumen gehören in Japan zur Lebensnotdurft auch des Aermsten." (Brinkmann, Kunst und Handwerk in Japan.)

Die japanische Wohnung in ihrer nationalen Reinheit kennt feinen dauernden Schmuck durch große Ziervafen, sie erhält dafür aber .einen eigenartigen und wechselvollen Reiz durch die zeit­weilige Äufstellung gefüllter Dlumenvasen, Hana-ike, sei es aus Anlaß eines der großen fünf Feste des Jahres, deren jedes durch ihm zugeeignete Pflanzen ausgezeichnet wird, sei es zur Ber- herrllchung eines der Kami, welche die Familie als Schutzgötter des Hauses verehrt, sei es aus Anlaß der Feste, welche zu Ehren der Ahnen, oder bei wichtigen. Lebensabschnitten des Heran­wachsenden Geschlechtes gefeiert werden, sei es zu gefälligem Empfange eines Gastes.'

Für diese Dlumenvasen hat die Phantasie der Erzgießer, der Tonbildner, der Holzschnitzer und der Korbflechter eine Welt von Formen geschaffen, in denen sich der ganze Motivenreichtum des japanischen Kunsthandwerks widerspiegelt. Für die Aus­stattung der Wohnung ist hier noch bemerkenswert, daß die kunst­gerecht gefüllten Dlumenvasen ihren Platz je nach dem Anlaß auf dem erhöhten Dvden des Tokonoma, vor dem in keinem Hause fehlenden kleinen Götterschrein, auf einem den Göttern geweihten Speisetischchen, oder frei inmitten des Zimmers auf den Matten finden.

Eigenartig, und für uns Europäer nachahmenswert, sind die vielen Arten ampelartig frei an einem Dalken, und die an einem bei Zimmerpfosten, zumeist dem Pfosten zwischen Toko­noma und Ehigai-dada aufgehängten Basen 'und Körbe. Sn Gestalt des Hashira-kokushi, einer länglichen, mit Lackmalerei oder flachem Schnitzwerk schön verzierten Tafel, an welcher die Haken zum Aushängen des Dlumenbehälters sitzen, wird der Hängevase bisweilen ein besonderer Hintergrund gegeben. Auch Blumentöpfe aus blaubemaltem weißen Porzellan mit lebenden Pflanzen sowie flache Becken mit Liliput-Gärtchen und Land­schaften dienen als Schmuck der Wvhnräume und Deranden.

Mit dieser Abschweifung in den äußersten Osten wollen wir unser Thema beschließen. Wir sahen, daß überall, wo eine Kultur einen vernunftgemäßen harmonischen Abschluß sand, auch die Blumenpflege 'hoch entwickelt war. Wo eine Kultur in falsche Dahnen einlief, nimmt die Freude cm den natürlichen Kindern der Flora ab, man greift zu unnatürlichem Sport oder versenkt sich in sentimentale unwürdige Träumerei. Auf dem Lande, wo man rvsder für das eine noch das andere Zeit hatte, blieb der Verlauf dieser Kultur in regelmäßigen Zeiten auch ein regel­mäßiger, und wie in vielen anderen Äugen in Schmuck, Tracht und Einrichtung bietet uns unsere ländliche Bevölkerung auch in der Dlumenpflege nutzbare Traditionen.

Wenn wir unsere Heutige Vlumenliebhaberei im Lichte der Geschichte betrachten, so haben wir Grund, darauf stolz zu sein; auch sie zeigt uns, daß Unsere Kulturentwickelung auf dem rechten Wege sich befindet und Cicero wird auch bei uns recht behalten: Die Freude am Schönen und an edler Umgebung veredelt das Herz und bringt edle Gedanken zur Reife, 1

Dis Brennende.

Rovelle von Otto Stoefsel*).

Sn einer kleinen österreichischen Provinzstadt lebte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der kürzlich verwitwete Oberst von H. mit seinen drei Töchtern. Die geringen Zinsen der ehedem von seiner Frau gestellten Heiratskaution und sein eigenes Gelhalt reichten nur äußerst knapp hin, die Bedürfnisse der Familie und die Auslagen zu beftreiten, welche mit Rücksicht auf die öffentliche Stellung des Regimentskommandanten in einer kleinen Stadt unerläßlich waren. Einem anständigen Manne wie dem Obersten war das sparsame Genügen und Rachderdeckestrecken, die Einschränkung in allem, wo gespart werden konnte, selbst­verständlich trug man doch die Würde und Ehre eines kaiser­lichen Soldaten wie ein ängstliches Kerzenlicht durch den Sturm der Welt. Die Gattin des Obersten hatte es selbst gewissermaßen mit ihrem eigenen Leibe gedeckt und geschützt, damit es nie ver­löschte. Sie war selbstvergessen tüchtig und genau gewesen, hatte sie doch den Haushalt von den noch! viel kümmerlicheren Leut­nantstagen ihres Mannes bis zum jetzigen hohen Stande in Ordnung gehalten und ihre Kinder, drei Töchter, mit gleicher Strenge zu gleichem Pslichtbewußtsein als Trägerinnen eines guten Ramens, als bescheidene und willige Helferinnen erzogen.

Mit vierzehn Jahren mußten die Mädchen nach Vollendung der Pflichtschulzeit bei ihr selbst die Hauswirtschaft lernen und üben.

Die zwei älteren waren längst soweit ausgebildet, als sie starb, die dritte, zehnjährige, wuchs noch halbwegs frei und unbekümmert auf. Rach! einjähriger Lehrzeit mußten die Mädchen selbständig alle Hausarbeit verrichten und untereinander nach genauem Plane teilen: Kochen, Räumen, Waschen. Rur für die Hilfe im Gröbsten kam der Bursche des Obersten in Betracht, alles andere hatten die Mädchen allein und aufs genaueste zu besorgen, denn es gab keine Magd im Hause. Hingegen über­nahm die Mutter, sobald die Töchter derart ausgebildet und eingearbeitet waren, die Sorge um alle Kleidung und Wäsche. Sie setzte sich nach dem gemeinsamen Frühstück um 8 Ähr morgens, sauber und zierlich und in ihrer netten, freundlich strengen, Haltung an den Rähtisch. Sie fertigte alle Kleider und Hüte für sich und die Kinder, nähte die neue Wäsche für die ganze Familie, flickte die alte, Hielt alles instand und faß Tag für Tag über ihrem> Arbeitshaufen, bis sie sich um fünf Ähr nachmittags mit dem Glockenschlag erhob. Da mußten sich, auch die Töchter hübsch ankleiden, um mit ihr, die selbst stattlich angetan war, auszugehen. Sie trafen den Vater vor der Kaserne, der um diese Stunde seinen Dienst verließ und nun mit feiner Familie auf dem Hauptplatze oder ein Stück Weges über Land spazierte oder einen Pflichtbesuch! abstattete. So lief dieses Leben einer Provinzoffiziersfamilie täglich! mit wenigen, um so.nachhaltigeren festlichen Ausnahmen wie der Gang einer Ähr ab. Als die Frau nach kurzem stillen Leiden rasch! und ohne Aufhebens starb, blieb darum diese Ähr nicht stehen. Die beiden Töchter führten das Hauswesen unverändert weiter, und wäre nicht das An« denken an die gütige, aber strenge unnachsichtige Frau gewesen, so hätte weder der Oberst, noch seine Kinder, geschweige ein Fremder die geringste Aenderung wahrgenommen, es sei denn, baß sich, jetzt Hermine, die älteste, ein schönes hochgewachsenes vierundzwanzigjähriges Mädchen, Schlag 8 Ähr morgens an den Rähtisch setzte und für alle Kleidung und Wäsche sorgte, während Leonie, die jüngere, kleiner, zierlicher, aber unscheinbarer und etwas durch Ansehen und Würde von Mutter wnd älterer Schwester, in Schatten gestellt, ganz allein Räumen, Kochen und Waschen wie eine Magd auf sich nahm. Rur die jüngste, Alix, durste noch wie sh' unter den gleichaltrigen Gespielinnen vor­läufig von Pflichten unbehelligt sich umhertreiben. Rachmittags stellten sich die drei Töchter zum Spaziergang mit dem Vater, und keiner war in der Stadt, der den wackeren Mann mit seiner guten Haltung nicht um das musterhafte Leben seiner Familie hätte beneiden oder wenigstens anerkennen und hochachten müssen, galten ihm doch selbst die wohlgeratenen Kinder, das gute häusliche Leben als bescheidener Trost für den Verlust der vor­trefflichen unvergeßlichen Frau. Ihr Tod bewirkte, baß er sich den sogenannten gesellschaftlichen Verpslichu iaen seiner Stellung mehr als bisher und mehr als dem Regimentskommandanten sonst gestattet war, entzog. Er schränkte seinen Verkehr, soweit wie irgendmöglich. ein und pflog mit seinen Offizieren nur den nötigen dienstlichen ilmgäng. Auch in der Bürgerschaft behielt er nur

*) Von Otto Stoessel ist im Verlag von Georg Müller, Mün­chen, ein RovellenbuchIrrweg e" erschienen, dessen sieben Geschichten irgendwie das Motiv der Verirrung künstlerisch be­handeln. Stoessels Stil kehrt von der überhitzten Moderne weit zurück in die klassischen Traditionen deutscher Kunst, ©eine Er­zählungen sind unterhaltsam, aber es durchweht sie keine Kino- linft, sondern ein ernstes, abgeklärtes Denken.Die Brennende" wollen wir als eine Probe gediegenen Schaffens aus dem Buche wiedergeben.