Ausgabe 
31.12.1913
 
Einzelbild herunterladen

ms - Hr, 204

MiLtwoch, -en 3|. Dezember

s i« lilTij

F/^4igZiHaj

Wehe dem, der nicht lügt! Silvestermärchen von Helene Stökl.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Wenn ich nur wüßte," unterbrach sie ihn mitten in seiner feurigsten Beredsamkeit,ob ich wirklich deine erste Liebe bin, wie du mir so oft versichert hast. Sage die Wahrheit! Hast du vor mir noch nie einem Mädchen von Liebe gesprochen?"

Er fühlte, wie es ihn heiß überlief, und verbuchte durch erneute Zärtlichkeit von der versänglicben Stage ab­zulenken, aber sie wehrte ihn von sich.

Erst die Antwort auf meine Frage! Wer war die Erste, der du von Liebe sprachst?"

Er rückte hin und her, ward rot und blaß, aber ceü nutzte nichts.

Die Erste, ja, toetttt ich mich recht besinne wie ich ruich recht gut besinne," fühlte er sich gezwungen zu ver-, bessern, denn nicht einmal eine so winzige, unbedeutende Abweichung von der Wahrheit war ihm heute gestattet,das war Amtmanns kleine Bertha. Sie ging in die erste Klasse der höheren Töchterschule, und ich wartete immer auf dem Schulwege auf sie, um ein paar Worte mit ihr zu reden oder ihr ein Briefchen zuzustecken."

Das war also die Erste?" klang es gedehnt von den Lippen seiner Braut.Und wer kam dann?"

Dann, dann," er wand sich wie ein Delinquent auf der Folterbank,dann kam eine Tanzstundeubekanutschaft, sie hieß Auguste und war blond und"

Genug, genug! Nach der blonden Auguste kam?"

Ja, wahrhaftig, ich glaube, ha kam die kleine Louison aus dem Zirkus R. Ich warf ihr Blumen zu, sie sandba mir Kußhändchen dafür und erlaubte"

Weiter, mein Herr, weiter!" ,

Weiter!" Er sprach schon längst mit der Ruhe, der Verzweiflung.Da war die hübsche Kellnerin, die mir das Bier so schelmisch zu kredenzen wußte"

Weiter!"

Dann das Töchterchen von meiner Quartiergeberin."

Und dann?"

Dann kam die niedliche Soubrette aus dem C.'scheu Theater."

Dann?"

Ja, dann kamst du, teures Mädchen." Er ivollte, tief aufatmend, ihre Hand an seine Lippen führen.

Sie stand vor ihm mit flammenden Augen.

Und das ist kein Scherz? Sie haben wirklich allen diesen Mädchen von Liebe gesprochen?"

Allen diesen Mädchen habe ich von Liebe gesprochen," wiederholte er mechanisch.

Und Sie wagen es, meine Hand auch nur mit einem Singer zu berühren! Hinwig von hier, und unterstehen Sre sich nicht, mir je wieder unter die Augen zu kommen!'?

Er zögerte, aber der Wink ihrer Hand war so gebiet^ risch, daß ihm nichts übrig blieb, als zu gehorchen.

Ganz vernichtet finden wir ihn eine halbe Stunde' später in einem Kaffoehause vor einer Zeitung sitzen, die zu lesen er sich nicht einmal den Anschein gab.

Erbschaft, Kredit, Verlobung, alles verscherzt! Was sollte ihm das Leben noch?

Prosit Neujahr, mein werter, junger Freund," hörte er sich da plötzlich angerufen. Er fuhr auf, vor ihm staudi mit göunerhafter Miene Dr. L., der allmächtige Theatern rezensent, der über die beim Hoftheater eingereichten Werke fein Urteil abzugeben hatte.

Habe Ihnen angenehme Nachrichten mitzuteilen," fichr derselbe herablassend fort,habe Ihr Stück, das Sie vor ein paar Monaten einreichten, gelesen, verrät Talent. Ge­schickter Aufbau, spannende Handlung, lebhafter Dialog, effektreiche Aktschlüsse, denke, es wird möglich sein, es zur Aufführung zu empfehlen."

Hähnel blickte zu dem vor ihm Stehenden auf, wie etwa ein auf dem Schafott stehender Missetäter zu denk Boten, der ihm unverhofft die Begnadigung bringt. Wenn jemand ihn retten konnte, so war dieser es. Wenn fein Stück angenommen wurde und gefiel, dann konnte noch alles gut werden.

Dem ruhmgekrönten Dichter widerstand seine Braut sicher nicht, seine Kasse würde sich füllen, er konnte sein« Verhältnisse ordnen und seinem Onkel beweisen, daß er! nicht auf seinen Tod zu warten brauchte.

Vielleicht ließen sich die Leseproben schon für die nächsten Wochen arrangieren, die Aufführung könnte dann noch in dieser Saison stattfinden. Doch apropos, ich war so frei, Ihnen, werter Herr Assessor, neulich ein Bändchen mit Gedichten von mir zuzuschicken, mit der Bitte, um gelegentliche freundliche Beurteilung derselben. Darf ich wohl fragen, ob es Ihnen schon möglich war, einen Blick hineinzuwerfen?"

Gewiß habe ich das!" stotterte Hähnel, der sein Ver­hängnis von neuem nahen fühlte,aber verzeihen Sie, wenn ich jetzt nicht länger bleiben kann. Eine Einladung"

Ein paar Augenblicke werden Sie doch noch für mich haben!" Der Doktor hielt den Fortstrebenden am Arme zurück.Lassen Sie mich Ihr Urteil hören, aber ganz aufrichtig, wenn ich bitten darf, ich bin für gerechten Tadel dankbar. Also, wie denken Sie über meine Gedichte?"

Hähnel widerstrebte seinem Schicksal nicht länger.

Ich denke," begann er,daß diese Gedichte das Fadeste und Erbärmlichste sind, das ich seit langer Zeit gelesen. Es ist mir völlig unbegreiflich, nicht allein, wie ein Manu von Ihrer Bildung seine Zeit mit solch läppischen Sachen vergeuden kann, sondern mehr noch, daß seine Eitelkeit ihn so verblenden kann, daß er sich nicht selbst sagt,, wie