Ausgabe 
31.7.1913
 
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Im Stabe Blüchers beifand sich auch der Breslauer Professor Steffens als Leutnant. Er bekam mehrfach die Mission, geistige Eroberungen an die materiellen anzuschließen. So sollte er auch in Gießen durch eine öffentliche Vorlesung vor Studenten und Bürgern Stimnmng für die deutsche Sache machen. Wenn er damit feinen reinen Erfolg gehabt zu haben scheint (er selbst äußert sich über Giesten etwas enttäuscht), so ist das nach obigen Angaben wohl entschuldbar. Professor Nebel notiert in seinem Tagebuche auch sehr kühl;Ter Professor Steffens aus Breslau hielt in dem juristischen Auditorium eine Vorlesung über den rnfsischen Feldzug mit der Tendenz, auch die hiesigen Einwohner zu freiwilligem Landsturm usw. zu begeistern. Aber dieses paßt schlecht zu dem eisernen Drucke der ungeheueren Einquartiernngs- last." Der preußische Feldgeistliche Dr. Rhesa zieht in gleichem Sinne einen wenig schmeichelhaften Vergleich Gießens mit Mar­burg, wo er Wächters patriotischen Aufruf zitiert. In Marburg tmirde auch Steffens begeistert empfangen, als Blücher ihn von Gießen aus dorthin und nach Westfalen schickte, um die Landwehr zu organisieren. Doch hätten sich für Gießen gleichfalls patrio­tische Stimmen sehr wohl nennen lassen. Gewiß wirkte etwas Cromes Geist bei den Gebildeten nach. Man hatte im Rhein­bund Napoleon eben nicht nur als Unterdrücker kennen gelernt, wie in Preußen. Den Franzosenfreunden hatte Steffens zu.gerufen: Für ein Volk gibt es kein größeres Elend, kein zerstörendersts Unglück, als sich von Fremden beglücken zu lassen." Ein tief­sinniger Gedanke, der aber doch unzweifelhaft agitatorisch weniger wirksam sein mußte, als die Äesreiungspredigt in Ländern, wo man Gut und Blut gegen die Franzosen zu verteidigen gehabt hatte. Crome selbst war bei Annäherung der Verbündeten in die Schweiz verreist. Dem akademischen Senat hatte Steffens in Blüchers Auftrage erklärt, daß dies gar nicht nötig gewesen sei. Was ein solcher Lump denkt, kann uns sehr gleichgültig fein." hatte Blücher geäußert. Steffens fügt in seinen Aufzeichnungen die Bemerkung hinzu:Eben diese Großmut war mir ein Beweis des tiefen Verdrusses, der mich doch, ich gestehe es, nach so be­deutenden Siegen fast in Erstaunen setzte."

Man fühlt aus dem allen heraus, wie in den Rheinbund­staaten eine wesentlich andere Luft wehte, als in Preußen. Man mußte sich über die Unterschiede hinweg erst finden lernen. Aber freilich, man fand sich dann auch. Schon gleich am ersten Tage bei Blüchers Einmarsch hörten wir ja das Vivatrufen seiner Ver­ehrer, der preußenfreundlichen Partei. Ihr geistiges Haupt war der junge Professor und Philologe Welcher. Um ihn scharten sich zahlreiche Studenten und Bürger. Unter ersteren die Brüder Fallen, deren einer ein begeistertes Lied auf Blüchers Sieg an der Katzba ch. verfaßte (äbgedruckt inFretze Stimmen irischer Jugend" 1819). Der Rektor der Universität, der gleich nach Blüchers Einmarsch ihm mit Professor Hauch zusammen seine Aufwartung machte, wurde freundlich ausgenommen. An die Truppe ergingen strenge Befehle, auch die Rheinbundbevölkerung als deutsch zu respektieren. Im Hauptquartier herrschte außer- dem Neigung, nach der furchtbaren Anspannung der letzten Zeit ** sich's für ein paar Tage auch einmal wieder wohl sein zu lassen. Zumal Blücher, als Feldherr unerschütterlich tapfer und wage­mutig, war als Mensch, wie ihn Unger .in seinem großen Werk schildert, von naivster Genußfrendigkeit. So wurde denn in der Meßener Fejerwoche fleißig der Becher geschwungen. Es war ja auch die erste Rast, bei der man sich einmal in Ruhe des Er­reichten freuen konnte. Das eine Mal waren die Offiziere im Rathaus Gäste der Stadt, das andere Mal gab es im Gasthaus einen Kommers, bei welchen Gelegenheiten der greife Feldmarschall dann gern von seiner besonderen Gabe kerniger und wirkungsvoller Ansprachen Gebrauch machte.Gut deutsch, ober an den Galgen!" das toiar die Parole, die er in Gießen ausgab. Und als am 5. November bekannt wurde, was das Regierungsblatt am 6. bestätigte, daß Hessen der deutschen Sache beigetreten sei, da fielen die letzten ernsthaften Schranken und Zweifel, die den hessischen Patriotismus noch von dem preußischen getrennt hatten. Blücher konnte den Einwohnern Gießens zu diesem Wechsel der politischen Stellung ihres Fürsten gratulieren und seine Pläne jenseits des Rheins die deutsche Einheit und Freiheit völlig zu gewinnen, konnten nun auch in Hessen ungetrübten Jubel aus­lösen. In dem BuchAus einer kleinen Universitätsstadt", das. auch eine Arbeit über Blüchers Aufenthalt in Gießen enthält, gibt Alfred Bock ein Trinklied von Adolf Bube wieder, das die Stimmung treffend spiegelt. Von Blüchers Aufforderung, über den Rhein nach Paris zu ziehen, heißt es:

Das schlug so tief wie Wetterblitz In's Herz der Generale,

Sie sprangen auf von ihrem Sitz, Tie Hand am Schlachtenstahle.

Sie tranken vollen Zugs den Wein Und stimmten alle jubelnd ein: Wir ziehen nach Paris hinein.

Freilich stand hinter dieser fröhlichen Stimmung auch sehr ernste Arbeit; den heiteren Abenden gingen saure Tage voraus. Wir sprachen schon von der Sorge für die Truppen, lieber das Vergangene mußte jetzt Rechenschaft abgelegt werden. Zahllose

Verachte laufen ein oder gehen von Gießen aus ins HauptquartiAS nach .Frankfurt. Mr die Zukunft waren neue Entschlüsse Ul fassen. Napoleon wär entkommen. Umfo verantwortungsvoller war nun die Frage nach dem, was jetzt zu geschehen habe. Und wieder war Blücher auch in Gießen die treibende Kraft, wie er'H vor Leipzig gewesen war. Metternich wollte sich die Lorbeeren des Friedensstifters verdienen. König Friedrich Wilhelm III. bezeich­nete den Rhein als einenWschnitt", an dem man Halt machen müsse. Nur der Zar drängte vorwärts. Aber selbst wema's über den Rhein ging, war das Wo und Wie noch zweifelhaft. Es) tauchte bet Plan _ auf, die HaUptarmee durch die Schweiz nach Südfrankreich zu dirigieren, damit sie Wellington, der von Spanien kam, die Hand reichen könne. Die schlesische Armee sollte ihr dann als Nachhut folgen. Man begreift, wie unsympathisch gerade diese Ausgabe für Blücher sein mußte. In seinem Sinn stellt Gneisenan den Gegenplan auf: Direkter Vormarsch der böhmischen wie der schlesischen Armee nach Paris. Bis in alle Einzelheiten: hinein mit Rücksicht auf Holland, Schweiz, Italien, Spanien und England wird dieser Plan in Gießen ausgearbeitet. Gneisenan geht nach Frankfurt ab, um ihn dort in zähem Widerstreit gegen die Friedensfreunde zu verteidigen. Blüchers Generalquartier- meister Müffling schreibt treffend an einen Freund, wenn man nicht gleich über den Rhein gehe, fei für 1814 noch eine blutige Campagne zu prophezeien. Sacken rückt einstweilen schon nach Wetzlar weiter und von dort aus streifen seine Kosaken bis an den Rhein. Ehrenbreitstein wird von Rittmeister Apraxin besetzt und bereits Fahrzeuge für das etwaige Uebersetzen der Truppen requiriert. _ Und schließlich reißt dem Marschall Vorwärts ganz nnb gar die Geduld. Am Sonntag, den .7. November, morgens nach Gebet und Gottesdienst, bricht er aus eigene Faust auf. Das Biarschziel ist der Rhein. Nebel schreibt von demersehnten Tage", an dem man die schwere Last los geworden sei. Aber noch,sollte die Sehnsucht auf allen Seiten harte Proben belieben müssen. Blücher wurde von seinem Vormarsch wieder zurück­befohlen, und mußte sich noch wochenlang gedulden lernen, ehe ihn die Neujahrsnacht wirklich über den Rhein führte. Uno die Stadt Gießen erlebte nach dem Durchmarsch Blüchers noch viele andere. Die Belegzahl ihrer Lazarette schwoll täglich an, und damit zugleich das Nervenfieber, das auch aus der Bürgerschaft Hunderte von Opfern forderte. Gießener als Soldaten fielen noch einmal bei Lyon. _ Tie freiwilligen Jäger, zu denen Gießen gleichfalls fein Teil stellte, kamen zwar nicht mehr zum Schlagen, aber ihr Ausmarsch hat doch auch manch bittere Abschiedsträne gekostet. So können wir's nachfühlen, wenn am Ostermontag bei der Feier der Einnahme von Paris unter den Sinnbildern an den geschmückten Häusern auch eines die Inschrift trug:

Komm hernieder, goldner Friede, Wir sind dieser Zeit balo müde.

Vermisste».

ff. Eine Kirche, die im Jahre 2063 fertig m i r b. In La Paz (in Bolivia) ist soeben mit dem Bau einer Kirche begonnen worden, die voraussichtlich im Jahre 2063 wenn nicht noch später fertig sein wird. Täglich, so berichtet das Technical World Magazine" über diesen eigentümlichen Rekord­bau, wächst die Kirche um genau einen Stein. Die Kirchenbauer von La Paz holen diesen einen Stein, einen gewaltigen Block, aus einem Steinbruche in der Nähe der Stadt; dann fahren sie ihn eigenhändig auf einem karrenartigen Wagen zum Bauplatze, bringen ihn dort ebenso eigenhändig an [einen Ort und befestigen ihn mit Zement. Da die ganze Kirche ans ungefähr 45 000 bis 48 000 solchen Steinen bestehen wird und an etwa 300 Tagen im Jahregebaut" wird, nimmt der Kirchenbau tatsächlich 150 Jahre in Anspruch, falls nicht etwa die Nachkommen der heutigen Baumeister ein schnelleres Tempo einschlagcn sollten.

Skai-Ausgabe.

Hinterhand spielt mit:

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Pique-Solo. Kann das Spiel verloren gehen, wen» die übrigen Trümpfe verteilt sind? Wie saßen die Karten und wie mußte gespielt iverden?

Auslösung in nächster Nummer.

Auslösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Einen Mohren kann man nicht weiß waschen.

Redaktion: K. N e u r a t h. Notationsdrmck und Verlag der Bruhl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen»