Ausgabe 
31.7.1913
 
Einzelbild herunterladen

471

Blücher in Gietzen.

'Tie in Darmstadt erscheinende MonatsschriftHessische Chronik" brachte in den ersten Nummern dieses Jahres ein Gießener Tagebuch aus der Zeit vor hundert Jakftcu. Es stammt aus der Jeder des damaligen Professors Nebel, der Medizin dozierte, gleichzeitig aber auch starkes historisches Interesse bewies. Die interessanten Blätter versetzen uns sehr lebhaft,und anschaulich in jene schweren Tage, welche die hessische Universitätsstadt 1813 und 1814 durchzumachen hatte. Mit Spannung wird zunächst Napoleons russischer Feldzug verfolgt. Zu Neujahr 1813 wünscht mon sich bereits, daß die Russen und Kosaken nicht isommen mochten; die nächsten Monate bringen die .Heimkehr der traurigen Trümmer von Hessens Hilfskorps. Die Gießener Lazarette füllen sich er­schreckend. Das neugcbaute Entbiuduugsinstrtut, bas Rathaus, die Stadtschule, ein Saal int Riesen, das Arresthaus nue| wirb uach und nach mit Kranken belegt, beim aus den preußischem Lazaretten zieht Napoleon nach Möglichkeit seine L-oldaten zuruck', über den Rhein hinüber aber dürfen sie nicht gebracht werden. Der Rheinbund soll die ganze Last tragen. Auf ihn verlaßt sich Napoleon noch immer, und der Gießener Professor der «taats- wisseuschasten Cromc, muß in des Kaisers Auftrage eine eigene Schrift verfassen, die dessen letzte Siege feiert und den Rhetubuud- Tcutschcu vor Preußen und Russen Angst macht. Zu den neuen französische» Rüstungen muß Hessen wieder kräftig bcistcucrn. Hefsi- chc Bauernsöhne desertieren oder verstümmeln sich selbst, um nicht auch nach Rußland verschleppt zu werden. Mas an Pfcrdeit aufzutreiben ist, geht nach Frankreich.

Die ersten Schlachten nach dem Waffenstillstand liefern wieder Hunderte von neuen Kranken nach Gießen. Noch aber macht man sich kein klares Bild von der militärischen Lage. Am 26. Oktober notiert Professor Nebel, daß das französische Militär aus Gießen uach Wetzlar zu abgerückt und abends, die sichere Kunde von dem großen Schlag, der bei Leipzig gefallen war,, emgetroffcn sei. Danach wäre man im Volk schon besser orientiert gewesen, als in den Zeitungen. Denn die im damals noch existierenden Großherzogtum ' Frankfurt erscheinendeGazelle^ berichtet noch am 28. Oktober in ihrer Nr. 301 von Napoleons Sieg bet Leipzig Tic Franzosen hätten das Schlachtfeld vollständig behauptet uiw seien siegreich gewesen wie bei Wachau. Nur sei die Munition ausgegangen, Bayern abgefallcu und von seiten der Sachfen schimpflicher Verrat geübt worden. Deshalb müsse Napoleon eine weiter zurückliegende Operationsbasis wählen. Auch die groß- herzoglich hessische Zeitung ist nm 30. Oktober noch sehr vorsichtig. Sic zitiert nur andere Blätter, die vongroßen Vorteilen * be­richten,welche die Alliierten nm 16., 17. und 18. in der Gegend von Leipzig erfochten haben sollen. Die offiziellen Berichte über diese Begebenheiten hat mau noch nicht". Am 27. Oktober wird Kanonendonner aus der Gegend von Fulda gehört. Hier hatte Tschernitschesf von der schlesischen Armee mit der jungen Garde ein Gefecht, das viele Gefangene cinbrachte und zur Zerstörung eines französischen Getrcidcmagazins sührte. Der genannte Offi­zier zog dann vor Napoleons Heer verwüstend die Straße nach Hanati' zu. Am 28. treffen in Gießen die ersten versprengten Franzosen und auch einzelne hessische Offiziere ein, die der Ge- fangeiinahme in Leipzig bezw. der Einschließung in der Festung Torgau entgangen sind. Noch aber ahitt man in Gießen nichts von dem schweren Schicksal, das sich heranwälzt. Der damalige Rektor der Universität, Major und Professor der Mathematik, der bald danach verstorbene Kämmerer, kündigt noch für den 8. No­vember den Beginn der Vorlesungen an.

Am 30. und 31. Oktober wird wieder Kanonendonner gehört. Diesmal kommt er aus der Gegend von Hanau. Es ist die Schlacht, durch die Napoleon Wredes Absperrung durchbrach. Mau konnte in Gießen glauben, wieder abseits der Hauptereignisse zu bleiben, umsomehr, als die heutige Landstraße nach Fulda noch nicht existierte, ihr Bau bis Grünberg sogar eben aus Furcht vor über­mäßigen Militärdurchmärschen liegen blieb. Da aber erschien als erster Vorbote Sonntag, den 1. Oktober eine Kosakenpatrouille von 3 Mann, der am i. November bereits ein Offizier mit 10 Mann folgte. Und am 2. November rückt die schlesische Haupt­armee in Gießen ein,zunr Teil mit schöner Musik", Blücher wird , mit Vivatrufen von Studenten und Einwohnern" emp- saugen,' alle Häuser, Stuben und Dielen liegen bald voll Ein­quartierung, auf den Straßen selbst wird biwakiert. Es waren vorwiegend Russen, von Sackens Korps, beiten am nächsten Lage Langerons Korps folgte. Das preußische Korps Yorcks blieb in der Umgegend, Yorck selbst in Großen-Linden. Für eine ganze Woche richtete sich diese Masse von annähernd 50 000 Manu nun häuslich ein. Keine kleine Last für Gießen und die umliegenden Dörfer! Wie war es zu dieser Marschrichtung der Blücherschen Armee gekommen? In dem Werke von FriedrichDer Herbst- Bug 1813" finden wir das einschlägige Material. Blücher hatte oleou eigentlich auch auf der großen Straße nach Hanau im Rücken packen 'wollen. Da war ihm von Schwarzenberg dre Weisung zugegangen, über den Vogelsberg nach Gießen hin ab- Mschwenken. Man glaubte nämlich, daß. Napoleon den Zusammen­stoß' mit Wrcde vermeiden und über Wetzlar zu entkommen suchen würde. Auch sollte die Hauptstraße im Interesse der böhmischen Armee entlastet werden. Das Generalstabsarchiv enthält die Be­

fehle Blüchers an Sacken und Yorck vom 31. Oktober aus Fulda datiert, worin Napoleons Abschwenken über Wetzlar vorausgesetzt und Ulrichstein als nächstes Hauptquartier angegeben wird. Aber noch am gleichen Tage erhält man auch schon die Meldung von der Schlacht bei Hanau. Sehr ärgerlich schreibt dann Blücher am 4. November aus Gießen überdas große Versehe«", das stattgefunden habe. Hätte man ihn hinter Napoleon gelassen, so würde dieser bei Hanau vernichtet worden sein.

Tie schlesische Armee befand sich bei ihrer Ankunft in Gießen in einem äußerst erschöpften und abgerissenen Zustand. Nebel rühmt die.schönen Leute" Langerons, fügt aber auch hinzu, daß sicziemlich geschmolzen waren". Ntan mag beim sieges- frohen Einzüge noch nicht den vollen Begriff von der lieber» anstrengung dieser wackeren Armee, der bei weitem das Haupt­verdienst an Napoleons Zusammenbruch gebührt, bekommen haben. Tic Berichte int Generalstabsarchiv geben ein umso deutlicheres Bild. Vor allem Yorck forderte von seinen Generalen Zusammen­stellungen über den Zustand ihrer Regimenter ein. Sein Korps war auch immer am schwersten mitgenommen worden, zuletzt bei Möckern. Dabei war gerade Yorck für das Wohl seiner Leute be­sonders eifrig, ja manchmal pedantisch besorgt. Es gab das häufig zu Mißstimmungen zwischen ihm und Blüchers Hauptquartier Anlaß. Blücher nahm das mit gutem Humor hin. Yorck brummt zwar, meinte er, aber wenu's gilt, beißt er auch. Bei Eisenach freilich hatte er nicht gebissen. Er hätte dort Bertrands Armee­korps abschneiden können, unterließ es aber, um seine Leute ab- kochcu zu lassen, wozu sie seit Möckern nicht wieder gekommen waren. Alle Gewaltmärsche der nächsten Tage konnten das nicht wieder gut machen. Sie brachten nur die Truppe umsomehr herunter. Die genannten Berichte melden alle dieselben Tat­sachen. Kein Transport hat der Truppe bei ihrem schnellen Vor­marsch folgen können. Es fehlt an Kleidern, Schuhen, Hemden, Pferdegeschirr, Decken, vor allem auch au Geld. Die bünnert leinenen Hosen und Röcke, an sich schon für die Jahreszeit nnp genügend, sind zerrissen. Ein großer Teil der Soldaten geht barfuß. Man ist fast täglich 12 Stunden im Marsch gewesen^ abends todmüde in den Kot gesunken, von Regen unaufhörlich 'durchnäßt. Tie Kraft laugte oft kaum, um noch ein paar Kar­toffeln zu braten. Yorck selbst hat schon früher an Blücher be­richtet, daß viele seiner Leute vor Ermattung tot umfielen, Vogelsberg sind zahlreiche Geschütze und Wagen stecken geblieben, ober zerbrochen, die Pferde verloren gegangen. Nach Frtevirtchs Angabe war Yorcks Korps von 37000 Mann auf 9993 zurückgegan- geu Yorck mag daher in jenen Tagen in Großen-Linden auch wieder gehöriggebrummt" haben über die schweren Zumutungen, dre inan an ihn stellte, an denen er selbst aber auch, wie wir sahen, nicht ganz unschuldig war. Gern wäre er selbst für die Ruhetage auch nocb nach Gießen gekommen. Daß Blücher tm Interesse der überlasteten Stadt das abwehrie, mag den Sieger von Warkai- burg und Möckern noch mehr verstimmt haben. Nur Prinz Wil- heliit von Preußen, der jüngste Bruder Friedrich Wilhelms dos Tritten, der Urgroßvater des jetzigen Großherzogs von Hessen, fand noch Aufnahme, nachdem er anfänglich in Bellersheim jtn Quartier gelegen hatte.

Der Zustand der Truppen machte nicht nur ein paar Ruhetage, Umbern auch umfangreiche Requisitionen, zur Wiederherstellung ihrer Ausrüstung nötig. Nebel gibt bie Forderung- von 40 000 Ellen Tuch ttnb 10 000 Ellen Leinwand und Leder für bte Preußen, 10 000 Ellen Tuch und 2000 Ellen Leinwand und Leder für bte Russen au. Was es an Alkohol in der Stabt gab, wurde ziemlich restlos weggetrunken. Die Russen benahmen sich vielfach roh und rücksichtslos wie in Feindesland. Auf dem Laude wurde Heu und Frucht ruiniert, Vieh weggesührt. und manche Gewalttat verübt. Zum Schluß wanderten auch 20 000 Taler mit her Armeeals Darlehen" davon. Gneisenau verhändelti-wegen der englischen Waffen und llmsormcn für 40 000 bis »0 000 Mann. Tie Sachen lagen aber in Stralsund und konnten nicht in wenigen Tagen herangehölt werden. Er dachte deshalb auch daran, teil- seils des Rheins erst die Ausrüstung zu ergänzen, zumal diesseits des Rheins für die neu auszuhebenden Landwehrendas .vorhandene Material noch kaum ausreichte. Wie wenig selbst die Gleßeiter Ruhetage zur Ausfüllung aller Lucken im Material aus­reichten, das beweist bie Ende November zwilchen _ Blücher und dem Freih.'rrn von Stein noch geführte Korrespondenz Jener als Leiter der provisorischen. Verwaltung in beit eroberten, Ländern bringt bie Klagen der Einwohner über zu weitgeh.nde Reguisitioncn und Repressalien vor. Blücher antwortet u. a. - , Wenn Euer Exzellenz sehen wollten, in welchem bejammernd würdigen Bcl'leidungsz ustand sich die braven .Gruppen bi finden bie nut so ungeheuerer Anstrengung jene Provinzen vom fremdes Joch befreit haben; wenn Sie zu bemerken Grlegenheitchatten, da,. Tausende derselben in dieser rauhen Jahreszeit ihre schuhe, ihre Mäntel und beinah.' von allen Kleidungsstücken entblößt, bea Dienst vor dem -Feinde versehen, so würde Ihnen das Herz bln.en. In so dringender Not könne man nicht jeden einzelnen Fan immer erst an das oberste Verwaltungsdepartemcnt berichten. Es waren die Folgen der überstürzten Rüstung des armen ausgesaugdew Preußen, die hier noch immer empfindlich zu Tage traten. Das sind Anhaltspunkte, die wohl erkennen lassen, wie schwer die Ein- guartierung auf der Bevölkerung lastete.