Ausgabe 
31.7.1913
 
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Schweigend gingen sie auch diesmal; keiner spürte kt Lust zur Unterhaltung, am wenigsten Bessow, denn ihn hatte Gottliebes Botschaft eben ans den: tiefsten, todes- ähnlichen Schlaf der Ermattung aufgestört. Mißmutig stol­perte er, von Stadler an der Hand geführt, denelenden, halsbrecherischen" Weg von der Hütte am wild zerrissenen Steilhang bis zur Tabarettascharte entlang. Gott sei Dank, hier kam man endlich wenigstens wieder auf einen ver­nünftigen, ungefährlichen Weg.

Schnell ging es nun bergab, und gegen Mittag, noch nicht ein Uhr, war man drunten im Tal von Trafoi wieder angelangt, am Bach, über den ein schmaler Holzsteg hin­über zur Straße und dem Ort führte.

Hier blieb der Toni stehen. Wenn es dem Fräulein nichts verschlüge, so möchte er ihre Sachen jetzt dein Stadler in den Rucksack geben und hier umkehren. Er müsse noch inal zurück. Er habe, wie er vorhin bemerkt, seinen Kom­paß verloren. Es war ein Erbstück von seinem Vater, ein wertvolles, schönes Instrument, das diesem einst ein Tourist verehrt hatte; der Stadler wußte es wohl, und richtig: es fehlte dem Spängler vorn an der Uhrlette, wo er es immer zu tragen Pflegte.

Da spring nur schnell wieder z'ruck und such!" riet er selbst.I nehm' derweil die Sachen scho, das Fräula wirb jo nix dargeg'n hab'». Mirsan ja ohn'dies gleich da im Ort."

Aber selbstverständlich nicht!" versicherte Gottliebe. Gehen Sie in Gottes Namen, Toni. Es wär' ja jammer­schade drum!" Auch ihr war schon das schöne Instrument von ihm aufgefallen.

Ter Toni war unterdessen schon schnell niedergekniet und reichte aus seinem aufgeschnallten Rucksack dem Stadler Gottliebes Sachen zu, die er bisher getragen hatte. Als er das Jäckchen herausnahm und ihn ivieder der feine Tust umschmeichelte, überflog ein jähes Erbleichen seine Züge: Ta fing es an! Als er das heute nacht droben auf dem Gletscher wie ein Toller an seine Lippen preßte! Und schnell gab er mit zitternder Hand dem Stadler das Klei- dungsstück hin. ,

Der Regierungsrat war schon eine Strecke vorans- gegangen, über den Bach hinüber; Stadler schickte sich jetzt eben an, ihm nachzufolgen, so stand im Augenblick Gottliebe allein vor ihm.

Grüß Gott, Fräula." Mit leisem Zittern in der (stimme entbot ihr Toni schen seinen Gruß. In seinem Innern wogte es. Todestraurigkeit rang mit einem letzten leidenschaftlichen Aufzittern seiner Seele. Zum letztenmal schaute er ja' ihr liebes Gesicht, ihre süße Erscheinung, die seine Seligkeit, sein Verderben geworden waren. Er hätte sich niederwerfen, schluchzend flehen mögen: Verzeih mir, was ich tot! Bewahr mir ein stilles Gedenken! Noch einmal hätte er ihr nur den Saum ihres Kleides küssen mögen wie einer Heiligen aber nichts davon durfte er ja tun. Er durfte sich ja nicht verraten. Also fort denn! Mit einem Ruck richtete er sich auf, und sich zum Gehen wendend, zog er den Hut.Ade, Fräula!"

Gottliebe hatte unschlüssig einen Augenblick vor ihm gestanden, zu Boden sehend. Nun plötzlich drang ihr sein leises, wehmutdurchhauchtes Ade! ans Ohr. Ta schaute sie schnell auf und begegnete seinem stillen, todtraurigen Blick.

Unwillkürlich reichte sie ihm da die Hand hin.

Ade, Toni!" Sie fühlte plötzlich, wie seine Hand in der ihren zitterte und feuchtkalt war wie die eines Schwer­kranken. Ein tiefes Mitleid flog sie da an. Wie sich der Aernlste quälte nm sie! Mit leisem Truck ihrer Rechten sagte sie ihm halblaut, bittend:Vergessen Sie doch, Toni, was geschehen ich will auch nicht mehr daran denken. Wir wollen wieder gute Freunde sein wie vorher ja?

Dsa fühlte sie ihre Hand wild gepreßt, zum Zerdrücken, aber er sagte nichts. Wie seiner nicht mehr Herr, riß er sich im nächsten Augenblick losh wandte sich hastig ab und begann eilends bergab zu steigen, bald ihrem Blick im Wald entschwindend.

Langsam ging Gottliebe den anderen nach. Eine Weh­mut senkte sich über sie. Wie lieb sie der arme Mensch hatte! Das war einer, bereit, für sie in den Tod zu gehen in jeder Sekunde; das fühlte sie nur allzu deutlich. Und doch mußte sie au diesem treuen Herzen, wie sie es gewiß nie wieder finden würde, vorübergehen aus rein äußeren Gründen. Lächerliche Welt! Lächerlich, und doch so bitter traurig. (Fortsetzung folgt).

Die Begrüßung fiel allerseits ziemlich frostig aus. Gott- liehe und Toni fühlten nur zu deutlich, wie die beiden anderen mit Vorwürfen gegen sie geladen waren; aber die Rücksichtnahme auf die Zeugen verhinderte eine Aussprache.

Nun, da hat es gar keinen Zweck mehr, weiter hinauf- zulaufeu," wandte sich der Regierungsrat an Stadler. Er hatte gerade schon genug von dein bisher Erlebten.Mich persönlich hat es ja nie auf den Ortler gezogen, und da das gnädige Fräulein schon oben gewesen ist, bin ich durch­aus für Umkehren." ,

Wie der Herr wünschen," fügte fich Stadler; auch ihm lvar nicht sonderlich daran gelegen, sich mit dem ängstlichen, beständig räsonierenden Manne im Schlepptau werter hinaufquälen zu muffen.

Also, dann zurück !" entschied Bessow, und miteinander, aber in eisigem Schweigen schritten die vier zu Tal.

So kamen sie endlich wieder bei der Hütte an. Auch Gottliebe fühlte nun, wo die frohe Spannung gründlich jn ihr zerstört war, eine ziemliche Ermüdung; man be­schloß daher, erst ein paar Stunden in der Hütte der Ruhe zu Pflegen, ehe der iveitere Abstieg nach Trafoi zurück erfolgen sollte. Mit kurzem Gruß zog sich Gottliebe in den Tamenschlafraum zurück, und Bessow verfügte sich in den Herrensaal, lvo jetzt alles leer war, so daß Hoffnung auf ein Stündchen Schlaf nach den Strapazen dieser Nächt war.

Die Führer gingen in die Küche, und hier hielt der Städler allerdings nicht mehr zurück. Vor der Schaffnerin unid ihren Mägden polterte er gegen Toni los, ihm scho­nungslos Schande machend. Wenu's nicht um seinen Vater selig mär, seinen alten Freund drunten im Grab, dem er oie Schmach nicht antun wollte, er brächte die Sach' sonst wahr und wahrhaftig vor die Sektion!

Der Stadler hatte wohl, nach Tonis ganzer Art, auf einen heftigen Widerspruch gerechnet. Um so verwunderter war er, als jener ganz still all seine heftigen Ausfälle hinnahm und zum Schluß sogar noch sagte:Jo, jo hast scho ganz recht, Stadler!" ~

Konnte er seinen Ohren trauen? Hatte das der Späng- ler, der hitzige Bursch, da wirklich eben gesagt? Im Pfeisenstopsen innehaltend, blickte der Stadler ungläubig zu ihm hinüber. Aber der saß wirklich ganz regungslos und gleichgültig da, mit finster zusammengezogenen Brauen vor sich hinstarrend. Auch den Wein, den er doch sonst beim Disput so hitzig hinunterzuschütten Pflegte, hatte er noch nicht mal angerührt. Verwundert schüttelte der Alte den Kops: Was war denn nur in den Burschen gefahren? Nahm er sich die Sache wirklich so zu Herzen?

Wenn noch etwas gefehlt hatte, den Toni zum letzten zu treiben, so wär es eben die Erinnerung an seinen seligen Vater gewesen. Wie Dolchstiche waren des Stadlers Worte in seine Seele gedrungen, von der Schande, die er Am Toten bereitet habe! Aber innerlich zerstört, wie er schon war, hatte diese neue Qual keinen heftigen Ausbruch des Schmerzes mehr bei ihm wachgerufen; stumm hatte er es Angenommen, nur im Innersten das erneute Auf- brennen der wunden Seele zitternd spürend. Ja, ja, sein armer Vater! Wie wenig Ehre hatte er seinem Namen gemacht, der als der einer der geachtetsten, zuverlässigsten Führer Tirols noch in aller Leute Munde war.

Nein, er war nicht mehr wert, zu leben. Mit uuabweis- licher Gewalt drängte sich ihm die Erkenntnis auf, und er wollte nicht zögern, zur Tat zu schreiten. Nur das Wie war ihm noch unklar. Es durfte ja nachher niemand merken, daß er freiwillig aus dem Leben geschieden war, daß nicht etwa ein aufsteigender Verdacht dem wahren Grund nachi- spürte und alles ans Tageslicht brachte sein ganzes Opfer nutzlos machte.

Der Spängler erhob sich plötzlich und schritt hinaus. Draußen, allein mit sich, wollte er die Ausführung seines Entschlusses überdenken.

Eln»c zwei Stunden später erschien Gottliebe wieder unten in der Hütte. Sie hatte keine Ruhe gefunden; von den körperlichen und seelischen Anstrengungen wären ihre Nerven überreizt. Ihre quälend sich jagenden Gedanken hatten sie schließlich unerquickt vom Lager ivieder auf- getrieben. Sehr nervös und abgespannt erschien sie unten. Sie wär ärgerlich auf sich, den Toni, Bessow und alle Welt. Kurz ließ sie dem Regierungsrat hinaufsagen, sie »volle jetzt gehen. Wenige Minuten später ivar auch er zur Stelle, und lAr Abstiea bLQ