Ausgabe 
31.7.1913
 
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Roman von Paul G r a b e i n.

'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

So wenig sympathisch Gottliebe auch die Gesellschaft war, beschloß sie doch, gemeinschaftlich mit den beiden Sach­sen den Abstieg zn machen, um einem Alleinsein mit Toni zu entgehen. Sie /brachen denn also gleichzeitig auf.

Schnell ging es bergab, im Hellen Schein der Frühsonne, aber leie anders als beim Aufstieg. Schweigend ging der Spängler hinter Gottlieve her, die auch tau in sprach, nur, wenn sie den voraufgehenden Herren Antwort geben mußte.

Ein- oder zweimal sie wollte ihm eben zeigen, daß sie ihm nichts nachtrage richtete sie das Wort zwar auch an den Toni; aber man merkte ihr doch die Befangenheit an und eine Reserve, die ihr vorher fremd gewesen war. Er empfand es nur zu wohl, und eine namenlose Traurig­keit nahm immer mehr von ihm Besitz.

Es war eben alles aus! Immer klarer ward es ihm. Wenn er dachte, wie sie damals von der Geisterspitze bergab igesprnngen waren wie ein paar tolle, lachende Kinder! Und jetzt? Heiß schoß es ihm in seine brennenden Augen. Vorbei das alles für immer durch seine Schuld! Und es konnte ja nicht anders sein. Ehr- und pflichtvergessen war er geworden; an einer wehrlosen Frau, die unter seinem Schutze stand, hatte er sich vergessen! Ha, wie ihm diese ihre Worte im Herzen brannten wie glühende Schand­male! Kein Wunder, wenn sie ihn nun verachtete.

Daß sie das tat, war ihm nicht zweifelhaft. Wenn sie ihm anch mit Worten vergeben hatte, innerlich war es nicht geschehen. Daß sie jedes Alleinsein mit ihm vermied, zeigte es ihm ja nur allzudeutlich. Sie scheute, sie verabscheute ihn sicherlich insgeheim, wie ein schlecht gezähmtes Tier, das schon einmal seinen Herrn hinterrücks überfallen hat.

Und konnte es anders sein? Verabscheute er sich nicht selbst? Hatzte, verachtete er" sich, nicht, daß er den Makel auf seine Ehre geladen hatte, er, der immer so stolz auf seinen Führerruf gewesen war, dem sich jeder bisher furcht­los hatte anvertrauen können? Haha! Wenn das der alte Stadler auch noch wüßte, dies Allerschlimmste er, der so schon ihm die Führerwürde abgesprochen hattel Was würde er dann tun? Keinen Augenblick würde er zögern, ihn anzuzeigeu, wie cs seine Pflicht war, auf daß man den ganz Unwürdigen seines ehrenvollen Amtes entkleidete! Also nur wie ein heimlicher Verbrecher durfte er fortab herumschleichen, von der Gnade des Mädchens da sein elendes Leben fristend; keinem Menschen durfte er mehr frei und offen ins Auge sehen. Immer würde er denken müssen: Wenn ihr wüßtet wenn ihr wüßtet!

In tödlicher Qual schrie es in Tonis Innern auf. Nein, nein! Das ertrug er nicht das nicht! Ohne Ehre, ohne Achtung vor sich selbst konnte er nicht leben. Lieber tot sein!

Tot! Dumpf brütete er vor sich hin, während er mecha­nisch weiterschritt. Ruhe haben vor den Gewissensbisse» fe* in der Brust! Ruhe auch vor all dem qualvollen SehnÄr, das sie so wundgerissen, das ihn zu einem Ehrlosen $6» macht hatte!

Immer tiefer, mit einer geheimen Wollust, wühlte sich Toni in den Gedanken hinein. Ja, mit dem Tode, mit einem freiwilligen Ende alle Schuld sühnen und sich so wieder die verscherzte Achtung und Ehre erwerben. Ihre Ach? tung! Denn wenn er da still und leblos vor ihr liegen würde, um sie gestorben, dann würde sie ihm gelvitz im innersten Herzen verzeihen. Ja, vielleicht gab sie sogar dem Toten, ivas sie dem Lebenden niemals geben würde eine kleine, stille Stätte in ihrem Herzen!

Diese Hoffnung, die ihm immer mehr einer schwär­merischen Gewißheit wurde, verlieh dem Gedanken, mit dem er spielte, eine dämonisch lockende Gewalt. Immer fester schlug er die Krallen in seine tödlich wunde Seele. Was war ihm auch noch das Leben? Selbst wenn das alles heute gar nicht gewesen wäre! Er hatte, seitdem Gottliebe in seinen Lebenskreis getreten, einen Blick getan in eine fremde Zauberwelt, in die er nie hineinkommen konnte. Aber sein Herz war davon vergiftet mit hoffnungslosem Sehnen für immerdar. Ruhelos und friedlos würde er sich hingeschleppt haben was war solch Leben wert? Nein, nein! Lieber ein rasches Ende mit all der Qual! Mes in ihm drängte ja dazu.

Mein Ahnen von deni, was in ihm vorging, war in Gottliebe. Wohl glaubte sie, daß ihn Selbstvorwürfe be­wegten, aber von dieser Todestraurigkeit und SehnsmM wehte kein Hauch zu ihr herüber. Auch sie beschäftigte sich in Gedanken immer noch mit dem Vorgefallenen; doch von ihrem Standpunkt aus.

Gewiß tat ihr der arme Mensch aufrichtig leid, mit seiner unglücklichen Leidenschaft für sie. Aber sie konnte ihm doch nun mal nicht helfen; jeder Gedanke daran wäre ja 'schon lächerlich gewesen. So war es schon das beste, der ganzen Sache schnell ein Ende zu machen. Sie wollte die Tante bewegen, gleich morgen ans Trafoi mit ihr ab­zureisen. Dann war ja alles ganz von selbst aus! Und aus den Augen, aus dem Sinn! Mit der Zeit würde er sie schon vergessen, und nach Jahr und Tag mit einem Mäd­chen seines Standes glücklich werden. Er war ja noch so jung; da verwindet man so etwas schon.

Diese Gedanken beruhigten Gottlieüe allmählich und gaben ihr die alte Sicherheit zurück. Dennoch aber hütete sie sich, den alten vertraulichen Ton gegen den Toni an- zmchlagen: Sie wollte jetzt nicht mehr wie sie vorher ahnungslos getan hatte znit dem Feuer spielen.

Inzwischen waren ihnen zahlreiche aus dem Ausstiege befindliche Partien begegnet, wohl die meisten schon, und am Ausgang des unteren Plateaus trafen sie endlich auch Bessow und Stadler