Ausgabe 
31.5.1913
 
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Angelegenheiten zu erzählen und seine geschäftlichen und mensch­lichen Verdienste in ein möglichst Helles Licht zu setzen wußte.

Nun, er ging auch jetzt noch, nachdem er sich vom Geschäfte zurückgezogen hatte, allabendlich^ an seinen Tisch, aber es war doch nicht mehr das Rechte. Er ärgerte sich über die Fliege an der Wand und besonders darüber, daß er selbst jetzt nichts mehr zn erzählen hatte, während die anderen fortwährend von «llerhand Geschäften und Erlebnissen berichten konnten. Er aber erlebte nichts mehr. Morgens stand tr spät auf und kleidete sich mit einer Gemächlichkeit an, die ihm früher unbekannt gewesen war. Dann ging er in irgendein Museum, schlenderte die Linden entlang und in irgendeinem beliebigen Restaurant. So trieb er es Monat für Monat.

Aber einmal, als er abends wieder stumpf und in sich gekehrt an seinem Stammtische saß, da kam es über ihn, und er flitzte, mit einem Male, daß es so nicht weitergehen könne. Die Er- innerungen, die seit vielen, vielen Jahren von den Pflichten und Geschäften des Tages gleichsam verschüttet dagelegen hatten, wachten plötzlich wieder auf. Er sah die kleine Stadt vor sich, in der er pnfgewachsen war. Seines Vaters entsann er sich nicht mehr: der war gestorben, als er noch in der Wiege gelegen hatte; aber die Mutter! Auch sie war gestorben, als er noch ein junger Meusch war. Gerade hatte er seine Lehrzeit bei dem alten Ascher, einem gutmütigen, stillen verhuzzeltcn Israeliten, beendigt, da war sie eines Morgens eingeschlafen, und nun hatte es ihn auch nicht mehr in cher kleinen, norddeutschen Stadt geduldet. Er war in die Welt hinausgegangen, intb bald ton er ein gemachter Mann geworden. Seine Frau war vermögend, und so konnte er sich in der damals schnell emporblühenden Reichshauptstadt mit Glück an größere Geschäfte wagen.

Mer das alles lag zu weit hinter ihm, und bent alten Manne war zumute, als sei seine Knabcnzeit die einzig wirkliche und alles andere nur geträumt gewesen. Die Mutter hatte draußen vor dein Tore ein kleines Häuschen gehabt: es war klein, sehr- klein gewesen, aber dem Knaben war es doch immer wie eine Welt erschienen. Im Garten rauschte ein großblättriger Kastanien­baum, unter dem saß sie an einem hölzernen Tischchen die langen Sommerabende, die fleißigen Hände unermüdlich mit einer Hand­arbeit beschäftigt. Der alte Manu fühlte mit einem Male ihre klaren, fingen, braunen Augen aus sich gerichtet, und es war, als fragten sie ihn erstaunt, wo er denn mir so lange gewesen wäre. Sein Nachbar stieß ihn witzelnd an, und der.ganze Tisch lachte mit. Es war auch wirklich zu drollig, daß sich Herr August Kloppe, in Firma Kloppe & Co., mit solchen Träumereien abgab. Oder was er denn nur hatte? Magenbeschwerden? Kopfschmerzen? Dagegen half eine gute Importe, die ihm sein Geschäftsfreund Basecke und Wasservogel mit dröhnendem Basse bereitwillig anbot.

Am nächsten Morgen reiste Herr Kloppe zum maßlosen Er­staunen seiner Haushälterin in die Provinz, der er seit unzähligen Jähren keinen Besuch mehr gegönnt hatte. Zn wenigen Stunden war er in der kleinen Stadt, der Stadt seiner Jugend. Er stieg laus, gab feinen Koffer einem Hoteldiener und schlenderte, da es ein warmer Sommerabend war, langsam durch die schmalen, titelt Gassen dahin.

Wahrhaftig, da war es noch, das Rathaus ein prächtiger titer, etwas fester Bau von jahrhundcrtjähriger Solidität. Dicke graue Mauern mit gotischen Wölbungen und Pfeilern: und dort er mußte lächeln waren im ersten Stockwerke noch jene araulackierten Blechkästen, die ein wohlweiser Rat vor den Fenstern des städtischen Gefängnisses angebracht hatte, damit die Uebel- tater nicht herausgucken und so die öffentliche Ruhe stören könnten. Er wanderte weiter. Der Kirchturm ragte in die klare Mondnacht empor, und daneben ja, was war denn das nur? Wohin war das alte Schnlhaus mit seinen grauen Mauern und seinem' niedrigen, langgestreckten Dache gekommen? Ein großer Kasten mit Höhen Fenstern, die dicht nebeneinandergedrängt waren, erhob sich an seiner Stelle, verschwunden war der breite Hof mit seinen schattigen Bäumen, und ein nüchterner Sandplatz dehnte sich dafür in melancholischer Korrektheit aus. Der alte Mann nahm den Hut ab und strich sich sinnend über die Stirn; wo war das tiles hin, die fröhliche Kinderzeit, die beherzte Jugend? Und es fiel ihm ein, daß er ja eigentlich niemals so recht jung ge­wesen war, daß, noch bevor er zum Genüsse seines Lebens und zum Gebrauche seiner Kräfte heranwnchs, der Ernst und die Sorge des Berufes sich wie eine dichte Wolke auf ihm gelagert und alle wirkliche.Fröhlichkeit in ihm erstickt hatte. Und ein banges Gefühl kam' über ihn. Was nützte es ihm, daß er in gesicherten Verhält­nissen lebte, was nützte ihm sein gutes Geld auf der Bank Und seine behaglich Angerichtete Wohnung? Es war ja alles nur ein Traum, der in einem Augenblick vorübergegangen sein würde, und im Grunde war es eben alles so grenzenlos' gleichgültig.

Er war mzwischen auf den Wall gelangt, der die kleine Stadt auf beiden Seiten umgab, und hier sand er alles unverändert. Die braunen Stämme der Linden schienen fast nnij mächtiger, die Blätterkronen noch dichter und voller geworden zu sein. Uno panz wie damals saßen auf den Bänken schwätzende und zärtliche Liebespaare. Er lächelte ein wenig und entsann sich. Hier hatte eine erste schüchterne Jugendliebe gespielt, hier unter diesen Bäumen oh, er wußte es noch ganz genau, sie war ein dummes kleines Ding von Aa.dmmädchAi gewesen, und er, der damals schon

ein angehender junger Mairn war, wie der Fachausdruck für einen Wnmung^eMfen hieß, hatte sich immer sehr viel klüger ge- dünn als die kreme blonde Lucie, die in einemfort fang und lachte unb oft entsetzlich törichtes Beug zusaminenschwatzte. Wo mochte fte wohl jetzt sein? Wein Gott, das alles war ja länger als vierzig .^ahre her, er war ein alter Mann, und sie würde wohl irgenbernen armen Schlucker geheiratet haben, der ebenso nnver- standig war tote sie.

Ohne es zu bemerken, stand er mit einem Male vor der Tür » . A!,rn Friedhofes. Es war keine Tür, wie er sie von bat Friedhchen der .Großstadt her gewöhnt war, sondern ein altes ungefüges Tor aus schwerem ^Eichenholz, das sich knarrend in den ringeln bewegte. Er stieß es auf denn es war nach der zutraulichen Gewohnheit kleiner Städte unverschlossen und trat ein.

. , Der Mond gab eine gute Beleuchtung für hie Totenschau des alten Mannes, der mit langsamen Schritten an den Reihen der Gräber entlang ging. Er war sehr müde und am liebsten hätte er sich auf eine Bank gesetzt, um zu schlafen. Wer hier fesselte der eine vertraute Name sein Ange und dort ein anderer, und so schritt er weiter. ®r kannte sie alle: da war der alte Bürger­meister, der ihm damals als die gebietendste Persönlichkeit der ganzen weiten Welt erschienen.war, da waren seine Lehrer, einer nach dem anderen, die guten wie die bösen, und jetzt kamen gar schon feine Schulgenoffen daran, sie hatten sich zum Teil stattliche Titel erworben vom Stadtsekretär bis hinab zum Sparkassen- ässistenten: auch die Gewerbe waren unter ihnen vertreten aber tot waren sie alle, unb es schien dem alten Mann, als sei er allein zurückgeblieben in einer fremden Welt.

Es dauerte nicht lange, bis er das Grab feiner Mutter fand. Zwar hatte er alljährlich dem Totengräber pünktlich eine be­stimmte Summe geschickt für die Instandhaltung des Platzes, aber der Mann schien sich um das ihm anvertraute Grab nicht tm mindesten gekümmert zu haben, denn es lag alles toüft und ver­fallen da. Der Efcn war in der Sonnenhitze verdorrt, aber der Wind hatte den Samen allerhand wilder Pflanzen auf die Stelle getragen, unb bie grünten und blühten nun regellos durcheinander. Mer der Sandstein war längst verwittert, und nur mit Mühe konnte der alte Mann bie Inschrift entziffern. Mer zu Häupien bes Grabes stand eilte Kastanie, die war vor vierzig Jahren ein schlankes zartes Bäumchen gewesen, und jetzt breitete sie ihre starken Aaste mächtig über diesen Ort des Friedens ans, als wollte sie sagen:Du stiller Schläfer da drunten, du bist nicht verlassen, ich bin da, ich rage über dir."

Der alte Mann stand da, in tiefen Gedanken versunken. Ein leiser Wind rauschte dahin durch die Baumkronen: vom Rathaus­turme schlug die Uhr zehn: sonst war alles still rings umher. Wie einsam war es hier, wie still! Ml bie langen Jahre hi.nsi durch hatte ihm der Lärm der Leipziger und Potsdamer Straße in die Ohren gegellt; das lag nun hinter ihm' wie ein Jahrmarkts­lärm, bunt und sinnlos, und es war ihm, als hätte er das alles nur geträumt und hätte in Wirklichkeit diesen Ort der Rühe niemals verlassen.

Wer was war das? Am Fuße der Kastanie lag ein dunkles Etwas. War es ein großer Alst, ein Hund ober ehr Mansch? Der nächtliche Besucher trat unruhig heran. Er war nicht schreck­haft, aber bie seltsame nächtliche Stimmung um ihn her hatte doch erregend auf ihn gewirkt. Wahrhaftig, es schien eilt menschliches Wesen zn fein. Herr Kloppe leuchtete mit dem kleinen elektrischen Tafchenapparat, auf den er so stolz War, und der so oft versagte. In diesem Falle aber funktionierte er nach einiger Mühe und was da lag, war durchaus nichts Gespenfterhastes ober sonst­wie Ausfälliges, sondern einfach ein in tiefem1 unb gesundem! Schlafe daliegender Junge von etwa zehn Jahren.

Herr Kloppe war ein ordnungsliebender Mann, und es war ihm außer allein Spaß, daß so ein Bursche zur Nachtzeit auf dem Friedhöfe herumvagabondierte. So kam ein Ton seiner alten Strenge in seine Stimme, als er den Jungen, der sich verwundert und etwas geängstigt aufridjtete, nach bem Woher und dem Wohin befragte. Der Kleine sah den fremden Mann mit einem Paar großer Augen erstaunt an, und als Herr Kloppe seine Frage barsch und scharf wiederholte, suchte er mit einem Male an dem lästigen Frager vvrbeizuschlüpsen und den Ausgang ins Freie zu gewinnen. Wer Herr Kloppe, dessen Energie stets zu erwachen Pflegte, sobald sich ihm irgendein tatsächliches Hindernis in den Weg stellte oder über» Haupt ein praktisches Eingreifen vvu ihm gefordert Würbe, hielt ihn kurzerhand fest und versuchte es' nun, da ihn bie Sache zu interessieren begann, mit gütlichem Zureden.

Es torr eine recht simple Geschichte, die da zutage kam. Der 'Junge war aus dem Waisenhaufe einer benachbarten Stadt fort­gelaufen und irrte planlos umher. Um nicht abgegriffen zu werden, hatte er sich auf den Friedhof geflüchtet, der ihm als der sicherste Bustuchtsort erschien. Seine Kleider waren zerrissen, feine Taschen leer: und nur der tiefe Kinderschlaf hatte ihn den Hunger vergessen lassen, der sich jetzt, da er wachte, mit jedem Augenblicke mehr zu melden begann. Herr Kloppe betrachtete ihn mit steigender Aufmerksamkeit. Er War offenbar guter Leute Kind, seine dunkelblauen Augen blickten lebhaft und klug, und seine Gesichtszuge Waren fein und edel. Ob er nie Eltern gekannt habe? Nein, nie,. Meshalh er de.mi fort wolle ans dem Waisqp-