Ausgabe 
31.5.1913
 
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Die Heimkehr.

Skizze von Herbert Stege m a n n (Berlin).

Er langweilte sich. Er langweilte sich einfach entsetzlich. Und dabei hatte er doch eigentlich alles, was sich ein Mensch wünschen tonnte. Sein Geschäft Baumwolle en gras war glänzend gegangen. Sein auf diese Weise erworbenes Siermügen war in den sichersten Papieren angelegt. Er hatte eine vor­trefflich und solide eingerichtete WohNimg: eine tüchtige, nicht über Gebühr brummende Haushälterin. S.eine Fran war vor langen, langen IJahren gestorben, und er 'hatte im Eifer und Drange der Geschäfte gar nicht die Zeit gehabt, ihr allzusehr nach- äutrauern. Kinder hatte er nicht gehabt. Niemand hatte ihm in seine Angelegenheit etwas hineinznredeii, und mit seinen Stamm­tischgenossen stand er sich vorzüglich. Er ging an jedem Abend nach Geschäftsschluß in das kleine gemütliche Lokal, wo die edle Runde es waren lauter ältere, würdige, gesetzte Herren um den Breiten Tisch gruppiert war und jeder unter heftigem Rauchen und etwas weniger heftigem, Trinken von sich und seinen

aus, als hätten Sie etwas erlebt, Herr Wintzer, etwas Großes, das Ihnen die Seele erfüllt!" Da reckte er beide Arme in junger, stählerner Kraft von sich und wiederholte: Als hätte ich etwas erlebt, etwas Großes. Ja, Baroneß!, etwas Großes, etwas Herrliches, das Auferstehen eines Voltes, das Erwachen eines gebundenen Riesen, der in Fesseln geschlafen und geträumt, und nun mit praller Kraft die Bande sprengt und den Traum verscheucht. Ja, ja, ich rede nicht irre, Baroneß. Der König hat einen Aufruf erlassen: Alle wehrhaften Männer sollen sich um die Fahne scharen, den Korsen zu vertreiben." Mit heißer Röte im Gesicht hatte Gisela die Worte, die überschweng­lichen, des begeisterten Mannes gehört, und sie war eine, die mit fortgerissen wurde, sobald man ihr Begeisterung in die Seele goß. Sie sah den Schullehrer an, und eine Er­kenntnis stieg auf in ihrem jungen Herzen, eine Erkenntnis, die schon lange wohl in ihr geschlummert hatte, die ihr aber nicht bewußt wurde, und jetzt mit einem Male rang sie sich frei, und nun wußte sie, die Herrentochter: Dieser Mann da vor mir ist schön, ist schön, wie nur irgendein Mann sein kann, und er zeigte sich ihr in dem Strahlenglanz eines werdenden Helden. Und diese Erkenntnis schlug ihr die Augen nieder und übergoH sie mit heißer, jungfräulicher Scham. Und still und nüchtern fragte sie:Herr Wintzer, wer wird nun dem König helfen?"

Alle, alle helfen ihm. Baroneß, alle, alle ziehen mit, morgen schon!"

),Nnd Sie, Herr Wintzer?"

,jJch bin der erste, der dem Rnfe folgt, Baroneß^ und bin gekommen, Abschied zu nehmen von Ihnen und vom gnädigen Herrn, und will Werner mitnehmen!"

Bei dem Worte Abschied schlug Gisela ein großes Weh ins Herz, ein Weh, wie sie es nur einmal gekannt hatte, vor langen, langen Jahren, als man die Mutter hinaus- trng in'die Herrengruft. Und mit dem Worte Abschied wuchs aus der Erkenntnis, daß der Marin, der vor ihr stand, schön und edel sei, aus der Erkenntnis, die nur ein, Sams war, eilte schlichte Blute auf, schlicht, aber brennend heiß und schön, eine Blüte, die in stiller Knospe wohl noch länger geschlummert hätte, wenn nicht Abschieds weh sie emporgetrieben. Und Mn Stund an wußte Gisela: Du hast den Mann lieb.

Und sie sah zu Boden und reichte dem Schullehrer den eben gepflückten Strauß und sagte:So leben Sie wohl, Herr Wintzer. Ich möchte nicht vor allen andern von Ihnen Abschied nehmen, gerade von Ihnen nicht. Wählen Sie sich ans dem .Strauße die schönsten Blumen und tragen Sie sie zum Andenken an mich. Ich will oft Ihrer gedenken!"

Sie ließ den Strauß in Wintzers Hand und wandte sich ab nud schritt einen Nebenweg entlang, mit müden, verhaltenen Schritten. Und Wintzer sah ihr nach, bis ihr helles Kleid im grünen Holz, verschwand. Dann ent­nahm er dem Stranß einige Veilchen und legte sie in seine Brieftasche. Er war berwirrt. Ein großes Glück schim­merte aus seinen Augen und machte ihn still, und in seinen frohen Kampsesmut, der ihn noch vor Minuten be­seelt hatte, war ein leiser Mißklang gefallen.Sie ist das Herrenkiiid und ich bin der Dorfschulmeister. Die ersten des Landes werden kommen und um sie werben. Und ich bin arm, so arm!"

(Fortsetzung folgt.)

Etwas abseits vom Dorfe, in einem riesig großen Park, fast lauter Kiefern, lag.der alte Herrschaftssitz Schloß Heide­horst. Früher im Besitz eines reichen Hanseaten, war es iyt letzten Jahrhundert durch Tausch und Kauf wohl durch fünf oder sechs Hände gekommen. Vor dreißig Jahren aber war es in oen Besitz des Herrn von Altenlohe übergegangen. Der alte Herr, stark in den Sechzigern, litt schwer an der Wicht. Einst ein armer Junker, der nichts weiter besaß hls seinen alten Namen und. ein paar Dutzend Ahnen- stand er in preußischen Regierungsdiensten. Infolge seiner hohen Begabung war er von dern preußischen König als .Gehilfe des Gesandten in Frankreich beordert worden. Dort lernte er die Tochter eines französischen Edelmannes, Herrn von Bourgee, kennen, mit der er sich vermählte. Der alte Franzose kaufte seiner Tochter, da der von Altenlohe darauf bestand, in seinem Vaterland ansässig zu werden, das Schloß und Gut Heidehorst, und später, als die Revolutionswirren Hcstanden, floh der französische Edelmann und verlebte den Rest seines Daseins bei seiner Tochter und dem Eidam in Heideborst. Nach seinem Tode fiel der weitaus größte Teil oes Vermögens an die v. Altenlohe, während die übrigen Verwandten in Frankreich nur eine knappe Ab­findungssumme erhielten. Die Mutter, Pvonne von Alten­lohe, starb bald nach dem Tode des Vaters und hinterließ drei Kinder: Linthardt, den Erbjunker, der als Student in der alten Moldaustadt Prag lebte, Werner, den kaum Zwanzigjährigen, der noch im Vaterhanse weilte und Offizier werden wollte, und Gisela, die jüngste, kaum acht-

Als Paul Wintzer, der als Gesellschafter im Schloß S gesehen war und mit Werner ein inniges Freund-

tsbündnis hatte, die Lindenallee entlang' schritt, kam ihm aus dem Parke die Baroneß Gisela entgegen. Sie hatte einen Strauß der ersten Waldblümchen gepflückt nnd war nun, vom Bücken und wohl auch von den marinen Lenzessonnenstrahlen, sanft gerötet. Mit freier, fast noch kindlicher Unbefangenheit trat sie zu dem Lehrer und zeigte ihm den Strauß:Die ersten, Herr Wintzer!" So sah ie sein erschöpftes Wesen und seine erhitzte Stirn und den tiefen Ernst in seinen sonst fröhlichen Angen, und ie erschrack.

War ein lieblich Bild, dies junge Menschenkind mitten im lachenden Frühling, das jetzt mit großen, scheuen Augen zu dem einstigen Lehrer aufsah.Mögen Sie den Frühling nicht, Herr Wintzer?" fragte sie nun.Macht'Sie der Frühling n«^t fröhlich, ober ist etwas geschehen ? Sie sehen

Fridolin Ebing er und Paul Wintzer sahen sich an und nickten, sich zu/daun sagte der junge Schreiner:Wird, heiß hergehen, Paul!" und er dehnte seine Muskeln und streckte sich und sagte noch:Die können ein Eisen schwin­gen, gelt?" Der Lehrer wollte dazu etwas sagen, aber der Stelzfitß fiel ihm ins Wort:Wäret Ihr schon droben im Schloß, Schulmeister?"

Noch nicht. Ich kam aus der Stadt, als Ihr mich vorhin träfet, ging zum Schulzen, dem ich den einen Zettel gab und erklärte, und mit dem zweiten kam ich hierher. Der Schultheiß will den Aufruf anschlagen lassen. Das ist -ein Kerl, was? Fürchtet nicht um seinen Kops!"

Ihr tatet ja auch nicht anders, Wintzer. Werdet Ihr mttziehen?"

Euere Frage sollte mir tveh tun, Schreiner! Ich bin der ersten einer. Morgen früh rücken wir ab. Alle wehr­haften Männer des Kreises stellen sich morgen mittag auf dem Bezirksamt in Wessel. Ich denke, wir sind 60 bis 70 im .Orte, wenn alles mitzieht!"

Und dar junge Herr vom Schloß.?"

Werner von Altenlohe? Der wird sich nicht weigern. Wenn auch seine Mutter eine Französin war, sein Sinnen und Denken ist deutsch bis ins Kern und Mark, und er haßt den Korsen nicht minder wie wir. Ich kenne meinen Werner!"

Schon recht, Schulmeister. Aber das Testament der Frau Mutter und die Heiratsklausel vom seligen Herrn Schwiegervater aus Frankreich, Herrn von Bourgee, wenn das nicht wäre?!"

Wintzer stand auf und durchmaß sinnend die Schenk- stübe Und blieb dann vor den Etzingers stehen und sagte: Ich muß aufs Schloß, um mit Werner zu sprechen!" Und er xr griff Hut und Stock und ging querfeldein nach der .Lindenallee zu, die nach dem Schloß führte.