samstag, den 3J. Mar
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Die jflammrnzeichen rauchen.
9tü man Ms dem Jahre 1813 von M'üjx Klarl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
1. Dell.
War kein Feiertag, und doch strömten Bauern undl Häusler und Handwerker der Schenke zu. War bittere Urmut tm Lande, und doch, hatte der alte Schenkwirt alle Hände voll zu tun, um hier ein Maß Wein und dort einest Krug Dünnbier vor die Gäste zu setzen, und alles stieß an und alles trank.
lind am kleinen Ecktisch, an dem der Schreiner Etzinger saß, weitab vom Tisch, weil er Platz brauchte für seinen Stelzfuß, den er weit aus gestreckt hatte, am kleinen Ecktisch stießen zwei ihr Glas zusammen, und halblaut riefen sie: „Unser König : Hurra!" Und dann nickten sie sich zu und tranken einen tiefen, tiefen Zug. Und das Wort:. Unser König: Hurra! war am Nachbartisch gehört worden, und auch hier wurden die Krügel zusammengestoßen, und derselbe Muf ertönte, und so ging es fort von Tische zu Tisch, und bald war ein Lärmen und Zechen tm Heidekrug, tote man es im letzten Jahrzehnt nicht gehört hatte. Und der Schreiner Etzinger stand auf und stampfte mit seinem Stelzfuß dreimal auf den Estrich, und die Nachbarn riefen: „Ruhe, der Schreiner toill reden!"
Nun wurde es allgemach still und der Invalide Hub an: „Ihr wißt, liebe Nachbarn, ich bin kein Schwatzhans und Wortemacher, stüd Reden ist die Sache anderer, aber heute früh, da hat's gar arg in meinem Stumpfen (er zeigte auf sein hölzernes Bein) gezogen und gezwickt, und ich hab' mir gedacht: Halt, jetzt meldet sich die Schlacht bei Auerstedt, in der mir das verdammte Haubitzenstück mein Bein vom Leder riß, da wird's wohl eine Neuigkeit geben vom großen Krieg. Und die gtbt's! Ihr ivißt, der Schulmeister ist in die Stadt, und nun warten wir, was er mitbringen wird. Und vorhin kam er zurück, einen weißen Zettel hat er mitgebracht, da steht's geschrieben: Haut ihn! — Haut ihn, den frechen Korsen!! — Der König hat's geschrieben, in Breslau, drüben im Schlesischen, und wenn unser König das schreibt, dann wird das so, und unfern König, den verlassen mir nicht, und ein Schuft, der nicht ztir Flinte greift. Und mein Fridolin, der wird für zwet schießen, für sich und für feinen Krüppel von Vater. Und das sage ich: wenn ich, der Schreiner und Altermann Fürchtegott Etzinger, übermorgen noch einen im Dorfe sehe, der gesunde Knochen hat und nicht mit ausgezogen ist gegen den französischen Räuber, so erschlage ich ihn mit meinem Stelzknüppel wie einen Hund !"
„Bravo, (Schreiner! — Bravo!" brüllte es durch den Raum, und der Altermann setzte sich nieder und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Aus seinen alten, guten
Augen blitzte Kampfesfeuer und ehrlicher, großer Zorn, und er drückte seinem Sohne, dem Fridolin, die Hand. Sie sprachen kein Wort, aber dieser Händedruck war ein Schwur, den der Junge dem Alten gab, ein Schwur, fester wie Stein und Eisen.
Die Kampfesbegeisterung der Männer und Jünglings, im Heidekrug wuchs ttnd wilchs und zeigte den langunterdrückten Haß gegen den ersten Napoleon. Hier waren sie ja unter sich, hier brauchten sie keinen Verräter zu fürchten.
Und mitten in das Schreieit und Rufen und Schimpfen trat Paul Wintzer, der Schullehrer des Dorfes. Er io ar ein schlanker Mensch von sanftem, gewinnendem Aeußern. Ganz erschöpft fetzte er sich auf einen Schemel, atmete ein paarmal tief und schwer und schob sich dann mit beiden Händen die Fülle seines tiefschwarzen Haares ans der Stirn. Dann stand er aus, zog einen großen weißen Zettel aus der Tasche, und, während er ihn entfaltete, sprach er mit schlichter, fast weicher Stimme: „Ihr lieben Leute!" Sofort verstummte das wüste Geschrei, und alle wandten sich still dem Sprecher zu. „Ich. war heute früh- in der Kreisstadt und erschlich mir diesen Zettel. Die französischen Schergen waren ja hinterher, wie der Teufel, und der Kommissar ließ ansrusen, daß jeder als Majestätsverräter mit schwer rem Kerker, wenn nicht mit dem Tode bestraft würde, der dieses Schriftstück hier verteilt, vertreibt oder anderp irgendwie zur Kenntnis bringt. Ihr Leute, ich tu es lachenden Mundes, denn ich weiß, Ihr denkt wie ich und ich wie Ihr. Hört, was auf diesem Zettel steht! Der König spricht zu Euch!"
Uiid als sich niemand rührte, schrie Etzinger: „Der König spricht zu Euch! Hört Jhr's nicht?! So, dann steht gefälligst auf!"
Und schweigend in Gehorsam erhob sich die Versammlung, und nun verlas Paul Wintzer jenen denkwürdigen Aufruf des preußischen Königs: „An mein Volk!", der von Breslau wie ein Fanfarenruf durch die deutschen Gaue klang und aufrüttelte, was noch zagte, und tote ein Funke in die Seele deutscher Mannen sprang und zündete und zu lodernder Flamme werden sollte, den gallischen Cäsar zu verzehren unb Deutschlands Schandfleck reinzubrennen.
Wie sie alle standen und lauschten den königlichen Worten, wie hier einer mit dem Kopfe nickte und dort zwei andere sich anblickten, als wollten sie sagen: So meinen wir auch, er spricht uns aus dem Herzen, der König! Und als der Schullehrer zu Ende war, da herrschte noch Augenblicke lang tiefes Schweigen, bis der junge Etzinger rief: „Hoch lebe der König!" Dann löste sich die Starrheit, und der Rins ward begeistert aufgenommen. Man schrie und tobte vor Kampfeslust, und erst als die Tnrrnglocke Mittag kündete, leerte sich das Gaststübcheii. Die beiden Etzingers und der Lehrer ioareu die einzigen, die zurück- büeben, und der Lehrer trank nun ans dem ihm dargebotenen Kruge. «


